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Zusammenprall der Interpretationen

Text: Michael Fleischhacker | 15.09.2001
Die US-Propaganda spricht von »Krieg« gegen die »Feinde« der »Zivilisation« und meint damit die islamische Welt. Ein epochaler Kurzschluss, den wir Samuel P. Huntington und seinem Buch »The Clash of Civilizations« (»Kampf der Kulturen«) verdanken.

Seit der Harvard-Politikwissenschafter Samuel P. Huntington 1983 in der von
ihm mitbegründeten Zeitschrift Foreign Affairs seinen Aufsatz »Clash of
Civilizations?« veröffentlichte, gehört er zu den bestimmenden Akteuren der
Debatte über die strategisch- politisch-militärischen Szenarien des 21.
Jahrhunderts.

In malariaartigen Schüben, die immer auftreten, wenn militärische oder
terroristische Aktionen von besonderer Grausamkeit geprägt sind - man nennt
das dann »Angriffe auf die Zivilisation« -, bemüht man seine Thesen.
Huntington hat sie 1996 in Buchform vorgelegt, mit einer entscheidenden
Weglassung - das Fragezeichen kommt in »Clash of Civilizations« nicht mehr
vor - und unter Hinzufügung von statistischem Material, das seine nunmehr
von einer Hypothese zu einer Theorie verfestigten Überlegungen untermauern
soll.

Huntington suchte nach einer Erklärung dafür, dass das »Ende der
Geschichte«, das Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des
Sowjetkommunismus ausgerufen hatte, nicht nur nicht zur Totalhegemonie des
westlich- demokratisch-marktwirtschaftlichen Systems führte, sondern im
Gegenteil zum Ausbruch von Konflikten, die seiner Ansicht nach weder durch
das alte Erklärungsmodell der Stellvertreterkriege innerhalb der bipolaren
Weltordnung noch durch ein Wiederaufleben des klassischen
nationalstaatlichen Denkens erklärbar waren.

Im Kern besagt also die Rede vom »Clash of Civilizations«, dass die
Konfliktherde des 21. Jahrhunderts nicht ideologischer oder ökonomischer
Kultur seien, sondern als Auseinandersetzungen von Staaten und Gruppen zu
verstehen seien, die verschiedenen »Kulturen« angehören. Huntington
definiert dabei sieben solcher Kulturen: die chinesische, die japanische,
die hinduistische, die islamische, die westliche, die lateinamerikanische
und die afrikanische.

Fundamentalkritik

An diesem Punkt setzte mit einigem Recht die Fundamentalkritik seiner
Gegner an: Erstens sei ein »Kultur«-Begriff fraglich, ja, nicht tragfähig,
der sich fast ausschließlich auf Religion und Sprache stütze. Zweitens ließe
sich keine der genannten Kulturen ausreichend scharf eingrenzen - die
Unterscheidung zwischen »islamisch« und »afrikanisch« etwa stößt bald an
ihre Grenzen. Und drittens sei es unsinnig, derart generalisierend von einer
»westlichen« Kultur zu sprechen.

Vor allem die Vereinnahmung des »Westlichen« veranlasste Kritiker wie den
Politologen Panajotis Kondylis (»Das Politische im 20. Jahrhundert«) zu der
Vermutung, hier ginge es eher um die Beschreibung des amerikanischen
Selbstverständnisses nach dem Ende des Kalten Krieges als um ein tragfähiges
Erklärungsmuster für die Konflikte des 21. Jahrhunderts.

Kondylis meint, dass Huntingtons Thesen »partielle Wahrheit« zugestanden
werden müsste, äußert aber die Befürchtung, dass sie zur »ideologischen
Polarisation« missbraucht werden könnten. Genau dies scheint nun der Fall zu
sein, wenn die US- Administration nach den Terrorattacken von New York und
Washington den Begriff der »westlichen Kultur« überhaupt mit dem der
»Zivilisation« in eins setzt. Zunächst scheint das auch zu gelingen: Die
»chinesische Kultur« stimmt dieser Vereinnahmung zu, indem sich China bereit
erklärt, am »Krieg« gegen die Feinde der »Zivilisation« teilzunehmen.

Von den sieben Kulturen bleibt angesichts der Fokussierung des Interesses
auf Osama Bin Laden nur die islamische als jene übrig, die sich außerhalb
der neuen Größe »Zivilisation« befindet. Huntington würde sich wohl dagegen
verwahren, als Pate der antiislamischen Kampagne gehandelt zu werden, die
sich dieser Tage anbahnt.

Gleichwohl hat er es sich selbst zuzuschreiben, weil er in seinem Buch jede
Differenzierung gegenüber dem Phänomen Islam vermissen lässt, indem er
beispielsweise den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in gleicher
Weise als Auseinandersetzung zwischen einer islamischen und einer
nichtislamischen Kultur beschreibt wie den Krieg in Bosnien.

Auch die Diktion, in der er fragt, woher denn die »muslimische Neigung zum
gewaltträchtigen Konflikt« komme, macht ihn für solche Vereinnahmungen
anfällig. Gültig bleibt aber Huntingtons Hinweis darauf, dass die Rolle der
Religion während der »Vakuum«-Phase das Kalten Krieges sträflich
unterschätzt wurde.

Neuer Ansatz

Der »Clash of Civilizations« wird also von einem »Clash of Interpretations«
begleitet, und auch Huntington ist in diesem Kampf um tragfähige
Interpretationen des weltweiten Konfliktgeschehens nicht stehen geblieben.
Gemeinsam mit dem aus Wien stammenden Soziologen Peter L. Berger arbeitet
Huntington am Forschungsprojekt Many Globalizations: Cultural Dynamics in
the Contemporary World.

Hier finden die technologisch und ökonomisch getriebenen
Modernisierungstendenzen stärkere Beachtung, die unter dem Begriff
»Globalisierung« zusammengefasst werden. Der Islam wird nun, neben den
evangelikal-protestantischen Freikirchen, als »dynamischste« unter den
»parallelen Globalisierungen« interpretiert, die den klassischen Prozess der
Globalisierung als »Vehikel« nutzen.

Ob dieser Versuch, durch die Beschreibung eines dynamischen Prozesses die
alte Frontstellung zwischen »bösem« Islam und »guter«,
westlich-demokratisch-marktwirtschaftlicher Globalisierung aufzuweichen,
gelingt, muss sich erst zeigen.


Dieser Artikel erschien erstmals am 14.09.2001 in der Tageszeitung »Der Standard«. Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.

www.derstandard.at

Text: Michael Fleischhacker | 15.09.2001

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