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Freeze, nigger!

Text: Jakob Weingartner | 03.02.2000
Ein Interview mit der in New York lebenden Jouranlistin Katharina Weingartner zur Lage in der Stadt des »Ratshausteufels« (Amiri Baraka) Rudolph Giuliani . Polizeiübergriffe und rassistisch motivierte Gewalt als Mittel der Politik.

Take the word »overseer« like a sample
Repeat it very quickly in a crew for example
Overseer
Overseer
Overseer
Overseer
Officer, Officer, Officer, Officer!
Yeah, officer from overseer
You need a little clarity?
Check the similarity!
The overseer rode around the plantation
The officer is off patroling all the nation
The overseer could stop you what you're doing
The officer will pull you over just when he's pursuing
The overseer had the right to get ill
And if you fought back, the overseer had the right to kill
The officer has the right to arrest
And if you fight back they put a hole in your chest!
They both ride horses
After 400 years, I've got no choices!
(KRS-One: »Sound of Da Police«)


They wanna lock us all up, and throw away the key
Don't wanna see us come up, don't wanna see us makin G's
Long as we know this is the key to our destruction
Let's make moves no discussion
(GangStarr: »JFK to LAX«)


Word is born, your kids miss you when your gone
But life still goes on, you think they give a fuck?
Yo it's hot, what they got, 41 shots
(Public Enemy: »41:19«)


Zero Tolerance, Racial Profiling, Street Crime Unit: So lautet das Kampfprogramm des NYPD-blue gegen das Böse in New York. Es verwandelt die New Yorker Ghettos bei Nacht in ein gefährliches Pflaster für AfroamerikanerInnen und Latinos/as, denn die Street Crime Unit des New York Police Department hat sich den Slogan »we control the night« auf die Fahne geschrieben.

Auftrag: to protect law and order.
Einsatzgebiet: die »low-income neighborhoods« der Grosstadt.
Taktik: racial profiling.
Opferzahl: rapide ansteigend.

9mm Glock vs. Latinos + Blacks

Die New Yorker Stadtzeitung »Village Voice« befragte kürzlich 50 PolizistInnen über die Kriterien, nach denen sie ihre menschlichen Ziele aussuchen: Baggy Pants erhöhen demnach das Risiko, festgenommen zu werden, um 30%. Natürlich nur an Beinen von AfroamerikanerInnen und Latinos/as. Die Polizeitruppen sind bekannt für ihr brutales Vorgehen. Die Speerspitze im Kampf gegen das Verbrechen bildet die Street Crime Unit.
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die fast nur aus Weißen bestehende Elitetruppe 1997 und '98 45.000 Menschen, hauptsächlich AfroamerikanerInnen und Latinos/as, gegen Mauern oder Autos presste und perlustrierte, während nur 9000 festgenommen wurden. Außerdem sorgen immer wieder die nervösen Zeigefinger der Cops für weinende Mütter und Väter.

Zum Beispiel im Frühling '99:
Der 22jährige guanesische Einwanderer Amadou Diallo wird aufgrund einer angeblichen Verwechslung mit einem Vergewaltiger in seinem Hauseingang von vier Polizisten angehalten. Der unbewaffnete Afrikaner will seine Geldtasche rausziehen, das folgende letale Feuerwerk kostet Diallo das Leben. Er wird von 19 Polizeiprojektilen durchsiebt. Abgefeuert haben die Cops 41. Der sofort aufflammende Protest richtete sich unter anderem gegen Rudolph, oder wie ihn die Protestierenden nennen, »Adolph« Giuliani, den Bürgermeister von New York.
Für ihn führt nur ein Weg zu einem sauberen New York: zero tolerance und eine militärisch aufgerüstete Polizeiarmee, die diese Maxime durchsetzt. Außerdem deckt er regelmäßig schiesswütige Cops, wenn diese ihre Magazine wieder mal in den Körper eines Afroamerikaners oder Latinos entleeren.

Towards Gulags - western style?

Hinter der polizeistaatlich anmutenden Praxis steht ein Gefängniskomplex mit über zwei Millionen Häftlingen. Die Häftlingsquote ist die höchste weltweit, grösser als die von Frankreich, Deutschland, England, Japan, Singapur und Holland zusammen. Sie hat sich in den letzten 15 Jahren verdreifacht. Das Brookings Institut in Washington errechnete für das Jahr 2053 bei gleichbleibenden Statistiken eine Häftlingsquote von 50%. Fünf Mio. Menschen stehen unter Aufsicht des Justizsystems, davon sind 70% black oder latino.

Die vier Polizisten, die Diallo erschossen hatten, wurden Ende Februar von jeglicher Schuld freigesprochen. Ein paar Tage danach wurde schon der nächste unbewaffnete Afroamerikaner durch einen Kopfschuss hingerichtet. Malcolm Ferguson wollte weglaufen. Der nächste war Patrick Dorismond, Sohn eines bekannten haitianischen Sängers, unbewaffnet erschossen in einer Bar in Manhattan.

Katharina Weingartner arbeitet seit neun Jahren in New York als freie Journalistin. Sie ist unter anderem die Erfinderin der ersten HipHop-Sendung Österreichs: »Tribe Vibes«. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit dem »Prison-Industrial Complex«, ein Film darüber ist in Arbeit.

The Diallo-Murder

Wie war die Stimmung in New York nach dem Freispruch der 4 Polizisten, die Amadou Diallo erschossen haben?

Es war eine unglaublich gespannte Stimmung. Am ersten Freitag nach dem Freispruch wurde dann Malcolm Ferguson, der in der Nähe von Amadou Diallo gewohnt hatte, bei einer Demonstration festgenommen und nach ein paar Stunden wieder freigelassen. Derselbe Malcolm Ferguson wurde ein paar Tage später drei Blocks von Diallos ehemaligem Wohnhaus entfernt aus nächster Nähe von der Polizei in den Kopf geschossen, also eigentlich exekutiert.
Er wurde von der Street Crime Unit, die auch Diallo am Gewissen hat, in einem Crackhouse kontrolliert und ist davongerannt. Giuliani hat am selben Abend eine Pressekonferenz gegeben und gemeint, dass es einen riesigen Unterschied zwischen Diallo und Ferguson gäbe, bei zweiterem wurden nämlich fünf Heftchen Heroin gefunden. Drogendealer werden in New York ja seit einiger Zeit offensichtlich ohne Gerichtsverfahren hingerichtet.


Sind solche »tragischen Unfälle« wirklich so selten wie das vom NYPD behauptet wird?

Nein, das ist ja nicht erst der zweite Fall. Allein seit Giuliani Bürgermeister ist, ist das sicher schon das 50. Mal, dass Leute von der Polizei angeschossen oder gleich erschossen werden. Ich selbst habe mir schon zehn solche Fälle genauer angeschaut und Interviews mit den Eltern der Erschossenen, meistens jungen Schwarzen und Latinos, gemacht, aber vor Diallo selten in den Medien etwas darüber gesehen.
Im September '97 zum Beispiel gab es einen krassen Fall bei mir ums Eck: ein 15Jähriger, mit bunter Wasserspritzpistole bewaffneter dominikanischer Drogendealer wurde damals mit über 20 Schüssen vom Fahrrad geholt. Damals gab es unter den Latinos in der Gegend große Aufgebrachtheit.
Es gab eine Schiesserei mit der Polizei. Das NYPD schickte Hubschrauber, die die Bevölkerung eine Nacht lang terrorisierten. Dann war wieder Ruhe. In der »NY-Times« war darüber am nächsten Tag kein Wort zu lesen.


Man sollte sich vielleicht überlegen, warum gerade der Diallo-Fall in die Medien geraten ist. Das ist nur passiert, weil sich Al Sharpton (schwarzer Bürgerrechtler) darum gekümmert hat. Und weil es relativ viele Einschüsse waren. 41 sind beeindruckender als fünf, egal wie tot man da ist. Außerdem war Diallo kein Amerikaner. Erschossene Amerikaner und Latinos sind Alltag, aber ein Afrikaner, der erst seit kurzem hier lebt, ist doch etwas anderes.

Represent?!

Was erhofft sich Al Sharpton von seinem Engagement?

Er macht Karriere, etabliert sich als politische Kraft und als schwarze Führungspersönlichkeit, was er von Anfang an über solche Fälle aufgebaut hat. Kann man ihm nicht übel nehmen, auf die Weise kommt die Polizeigewalt wenigstens in die Medien. Andererseits ist es natürlich tragisch, dass ein schwarzer Politiker nicht auf andere Art seine Community organisieren und politisches Mitbestimmungsrecht erarbeiten kann.

Wie funktioniert die Repräsentanz von AfroamerikanerInnen im politischen System Amerikas?

Schwarze gehen kaum wählen, weil sie sich nicht im politischen Spektrum repräsentiert fühlen. Wenn dann wählen sie demokratisch. Genauso wie die zahlreichen liberalen Juden. Die Bürgerrechtsbewegung ist ja nicht zuletzt aus einer Allianz zwischen Juden und Schwarzen entstanden. Ich war erst gestern mit einem Teilnehmer der Bürgerrechtsbwegung unterwegs. Er meinte auch, dass die jüdisch-schwarze Allianz vom FBI durch die Ermordung von Martin Luther King, Malcolm X und dann den Panthers zerschlagen wurde. U. a. durch die ökonomischen Differenzen wurde dann eine unüberbrückbare Distanz geschaffen, sodass es nie wieder zu einer politischen Allianz zwischen Juden und Schwarzen gekommen ist.
Prison-Industrial Complex

Wo ist die Verbindung zwischen dem Diallo-Mord und dem Prison-Industrial Complex?

Seit Nixon gibt es eine Neuorientierung im amerikanischen Gefängnissystem. Es ist gezielt auf Minderheiten ausgerichtet. Drogen werden benutzt, um Schwarze und Latinos zu kontrollieren. Es wurden Drogengesetze erlassen, wie die Rockefeller-Laws '73 in New York, die so streng sind wie fast nirgends sonst auf der Welt.

Weil Schwarze und Latinos in dieser Untergrundökonomie aus Mangel an anderen Arbeitsmöglichkeiten seit Anfang der 70er sehr stark involviert sind, können sie nun direkt in den Gefängniskomplex eingegliedert werden. Gesetze wie »Three Strikes and Out« bedeuten, dass man bereits beim dritten Vergehen lebenslänglich ins Gefängnis kommt, selbst wenn man beim letzten Mal nur Kaugummi gestohlen hat.
Dieses Gesetz ist inzwischen von über der Hälfte der nordamerikanischen Staaten übernommen worden, mit Texas und Kalifornien als Vorreitern.
Außerdem wurden Richtlinien für Mindeststrafmasse geschaffen, auf die die Richter keinen Einfluss haben und die primär auf Drogenvergehen konzentriert sind. Dadurch ist es gelungen, mittels der Drogenpolitik die Leute entweder im Ghetto oder im Gefängnis unter Kontrolle zu halten. Seit 15. Februar gibt es hier zwei Millionen Häftlinge - der höchste per capita Stand aller sogenannten westlichen Demokratien - 70 % davon sind Minderheiten, in der Regel Afroamerikaner und Latinos. Aber davon wird im Zusammenhang mit dem vermeintlichen US-Wirtschaftsaufschwung nie gesprochen.


Der Diallo-Fall passt genau in dieses System. In einer schlechten Wohngegend fährt eine Zivilstreife Kontrolle und hat das sogenannte »racial profiling« zu Aufgabe. Das heißt, es werden gezielt Menschen kontrolliert, die in ein gewisses Profil passen. Also: Alter zwischen 18 und 28, Hautfarbe schwarz, Sneakers, gewisse Kleidungsmerkmale. Diese Menschen werden zur Ausweiskontrolle angehalten, durchsucht und ihre Daten in den Computer eingegeben. Sobald irgendwas aufscheint werden sie verhaftet. Weiße sind diesen Kontrollen nicht unterworfen, die Konzentration liegt auf low-income neighbourhoods.

»There???s no justice, it???s just us«

Wie stehen die New YorkerInnen zum NYPD?

Sehr viele sind gegen dieses Urteil, auch Konservative. Unter den DemonstrantInnen gibt es aber sehr viele, die das ganze als Teil eines Systems sehen. Obdachlose werde vom Gehsteig verjagt, Leute die in der U-Bahn über das Drehkreuz springen werden sofort verhaftet. Wenn du im Auto angehalten wirst und der Computer ausspuckt, dass du vor fünf Jahren einen Strafzettel nicht bezahlt hast, musst du ins Gefängnis. Die New Yorker erleben, was mit der Stadt los ist.
Die meisten sehen, dass Diallo die Spitze eines Eisberges ist, dass so was seit Giuliani gang und gäbe ist. Die Demonstrationen sind auch sehr konkret gegen die Polizei gerichtet. Man sieht zum Beispiel in den Fenstern Schilder gegen das NYPD oder Sprüche wie »this is a wallet, not a gun«.


Du wohnst in der Lower Eastside, die hauptsächlich von Schwarzen und Latinos bewohnt wird. Wie ist dort die Stimmung auf der Strasse?

Von der Lower Eastside ist inzwischen nur eine kleine Ecke übrig, der Grossteil ist gentrifiziert und wird inzwischen von dynamischen Webdesignern aus dem »Silicon Alley« bevölkert. Unter Latinos wird die Polizei mehr und mehr zum Feindbild. Dadurch, dass ich einen fünfjährigen Sohn habe, kenne ich viele Leute mit Kindern in dem Alter. Die erzählen mir, welche Angst sie davor haben, wenn ihre Söhne mal 16 sind und von der Polizei rausgeholt werden. Ein letztes Maß an Vertrauen in die Regierung ist verloren gegangen.

Racial Profiling for Law and Order

Bill Clinton hat kürzlich im Zusammenhang vom Diallo-Mord von »racial profiling« gesprochen.

Sehr interessant, auch der Polizeichef von New Jersey hat deswegen gehen müssen. In L. A. ist das gesamte Policedepartment am Zusammenbrechen wegen racial profiling im Zusammenhang mit Gangs. Ich hoffe schon seit zehn Jahren, dass das ganze nicht so weitergeht. Wenn es andererseits im Fall Diallo keine weitere Verhandlung gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass das Thema wieder einschläft.

Warum wird Giuliani eigentlich noch gewählt?

Es gibt in New York viele Leute, die sich sicherer fühlen und das Giuliani zuschreiben. Es gibt aber auch viele Zweifler, die das einem allgemeinen Trend zuschreiben, der sich in allen amerikanischen Grosstädten durchsetzt. Nach außen hin hat Law and Order aber funktioniert, deswegen hat das NYPD auch eine Woche nach der österreichischen Regierungsbildung im Wiener Rathaus einen Workshop mit dem Titel »sichere Stadt« angeboten.

aUStriA

Siehst du Parallelen zwischen dem Fall Omufuma und dem Fall Diallo?

Die verstärkte Etablierung des neoliberalen Wirtschaftssystems in Österreich passiert ja nach dem Vorbild der USA und der hiesigen Corporate-Kultur. Dabei muss eine Unterschicht kreiert werden, die diese Verschiebungen austrägt. Hier sind das in erster Linie Schwarze und Latinos, aber vermehrt auch AsiatInnen, in Österreich MigrantInnen. Die Abschiebungen, die Terrorisierung auf der Strasse, das Zumachen und Segregieren, das alles ist eine direkte Konsequenz des Wirtschaftssystems. Verschiedene Klassen von Menschen werden geschaffen. Diese Tendenz gibt es nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Wie man polizeimäßig mit so etwas umgeht können sich die Europäer ganz gut in Amerika abschauen.


Rudy Death
Alcalde Diabolo
Der Rathaus Teufel
Mayor Muerte
Serial Assassin

A peoples Organization is offering a
huge reward
The happiness of millions,
to any person or persons
to capture Giuliani, make a Citizen's
arrest, and bring him in,
Near Dead or barely alive...

Additional Reward well follow
For infomation leading to the collar
of Rudy's negro pet canary,
Stanley Crouch, a dangerous
Homo Locus Subsidere.

(Amiri Baraka)

Text: Jakob Weingartner | 03.02.2000

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