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Narratives Bilderkarussell

Text: James Merik | 02.06.2004
Thomas Draschan erfindet mit found footage skurrile Bildgeschichten

Seit den Anfängen des experimentellen Films werden der die Handlung umgebende Raum, und die darin platzierten Objekte, die im klassischen Spielfilm üblicherweise als Kulisse dienen, häufig als Grundlage für die filmische Auseinandersetzung gewählt. So auch bei den Found-Footage-Arbeiten des in Wien lebenden Thomas Draschan. Als Hauptressource dient dabei ein sorgsam angehäuftes »Bergwerk« von Super-8- und 16mm-Filmen, das sich von den frühen 1930ern bis hin zu den späten 1980ern erstreckt. Spartanische Grafik physikalischer Unterrichtsfilme aus der ehemaligen DDR treffen da auf farbintensive Super-8-Sequenzen aus 70er-Jahre-Pornos und liefern dabei das Rohmaterial für neu gesetzte filmische Aussagen. Der gebürtige Linzer absolvierte an der Hochschule für bildende Künste in Frankfurt/Main u.a. bei Peter Kubelka die Meisterklasse. Seine letzen Filme »Yes? Oui? Ja?«, »To the Happy Few« und »Begegnung im All« (produziert von der Wiener Amour Fou ) zählen zu den mit Abstand international erfolgreichsten Experimentalfilmen aus Österreich, und sind teilweise schon seit Jahren bei den wichtigsten Festivals, in New York, London und Rotterdam vertreten. Mit »Slaves to Sin« findet nun »Begegnung im All« in Kürze auch seine Fortsetzung.

Um die 500 verschiedene 16mm-Filme mussten für frühere Arbeiten wie das elfminütige Opus »Metropolen des Leichtsinns« (2000) herangezogen werden. Meist sind sie nach rein formalen Anschlüssen (Bewegungen, Farben und Formen) montiert. Die »Handlung« wird dabei, Stück für Stück, vom Material an sich geleitet. So wird man beispielsweise auch in »Begegnung im Weltall« durch Zwischen- und Untertitel in fast schon narrativer Weise in bestimmte handlungsweisende Richtungen gedrängt. Draschan arbeitet dabei allerdings nicht mit einer »overall-idea«, von der aus exerziert wird, sondern geht von der Analyse jedes einzelnen Kaders aus. Was darauf zu sehen ist, wie schnell es sich bewegt, das Korn, die Farbe und Kratzer sind dabei Anhaltspunkte, von denen aus der unmittelbare Ablauf deduziert wird. Die Filme dabei so zu verdichten, dass sie sich erst nach mehrmaligem Anschauen erschließen, bekanntlich ein Grundsatz der Kubelka-Schule.

Film ohne Handlung

»Es gibt den schönen Ausspruch von Fernand Léger, der das berühmte »ballet mécanique« gemacht hat, »der größte Fehler am Film ist das Szenario«, von dem Drehbuch, mit eben dieser Handlung drinnen, muss man sich emanzipieren.« Für Draschan bietet die Gattung Film andere Möglichkeiten. Sie bietet ihm die Möglichkeit schnelle visuelle Assoziationen aneinander zureihen. Dass dabei, neben einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Material selbst, auch ein großer theoretischer Background von Nöten ist, wird oft erst nach mehrmaligem Besichtigen klar. Draschan spielt dabei nicht zuletzt auch immer wieder auf Filme der vorhergegangenen Found Footage-Generationen an, und entdeckt zwar unterschiedliche Arbeitsweisen, aber auch Gemeinsamkeiten. »Brehm ist zwar wie ich ein Voyeur, aber ich versuche dabei etwas ganz anderes. Es geht eher darum, etwas mehr Abwechslung innerhalb eines Films zu bekommen. Ich versuche nicht aus einem Film etwas rausholen, ich benutzte dazu 500 ...«
Geht es doch in erster Linie um das Schaffen kontrapunktischer Assoziationen, die Handlungen erst durch den Beobachter entstehen lassen. »Man kann zwei eigentlich völlig »schwachsinnige« Objekte kombinieren, wenn sie farblich, von der Form und von der Bewegung übereinstimmen, das Gehirn macht dann etwas daraus. Man reflektiert dadurch über das eigene Denken, das ist für mich auch eine wichtige Aufgabe der Kunst.«
Aufgesetzte Handlungen hingegen sind für Draschan noch Rudimente aus der Literatur und dem Theater. »Ich sehe den Film vielmehr als Collage, bei dem man das Material wie in der Bildenden Kunst verwendet, und viel weniger der darstellen Kunst verwandt.«

Obwohl seine Filme anderorts, mit internationaler Resonanz bereits als eine Erneuerung des Found-Footage-Films gefeiert werden, sind seine Filme in Österreich teilweise »dermaßen gefloppt«, dass selbst die Diagonale sie einst nicht zeigen wollte, und sogar sein ehemaliger Vertrieb Sixpack seine Filme ablehnte, »die dann allerdings auf 70 anderen Festivals gespielt wurden.«

»Das ist hier ein eigenartiges kleines Land und da gibt es ganz eigenartige Meinungsbildungsprozesse, besonders wenn etwas nicht dafür geeignet ist, dass man mit dem aktuellen Modevokabular darüber reflektieren kann, mit so ausgelutschten Worten wie verortet, und diesem ganzen Sprühnebel an Nullinformationen und Pseudoterminologien«.
Der regelrechte Hype von strukturellen, abstrakten Filmen, wie er derzeit in Österreich stattfindet, erinnert Draschan sogar manchmal ein bisschen an die Situation der (abstrakten) Nachkriegskunst: »Man macht eben ein bisschen abstrakte Sachen, die inhaltlich unverbindlich sind, es schaut aus wie Kunst, es blinkt, ist bunt, ist aber letztlich informell unverbindlich. Da wird niemand gepudert, da wird niemand der Schädel eingehauen, da passiert nix, das tut inhaltlich niemanden weh. Aber das ist Modekunst die nach zwei Jahren wieder verschwunden ist«.


Text: James Merik | 02.06.2004

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