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Niederfrequenter Mikrokosmos

Text: Chris Hessle | 16.04.2017
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Das BLVZE-Kollektiv holt seit rund einem Jahr internationale Acts aus den Bereichen Grime, Dubstep und Footwork nach Wien. Das Besondere daran ist weniger der Versuch, gebrochene UK-Styles in einer Stadt zu etablieren, welche diesen seit jeher reserviert gegenübersteht, sondern vielmehr, dass sich mit P.tah (Peter Jeidler), K:sun (Kasun Jayatilaka) und  B.Ranks (Peter Lindorfer) drei Generationen an Veranstaltern zusammenfinden, um gemeinsam jene Musik einem breiten Publikum näherzubringen, der man in dieser Stadt sonst nur in homöopathischen Dosen begegnet.

»Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir das erste Mal zu dritt auf einem Stormzy-Konzert beisammen gestanden sind. Das Flex war voll und die Stimmung war ziemlich gut. Der Peter und ich kennen uns ja schon länger und wir haben öfter darüber gesprochen, wie cool es wäre, wieder mehr Dubstep zu veranstalten« erinnert sich B.Ranks vom Klub-Sir3ne-Kollektiv, dem er seit 2010 angehört. K:sun, der erst seit einigen Jahren als Veranstalter aktiv ist und gemeinsam mit Stefan Eder (Odd), einem anderen Klub-Sir3ne-Mitglied, die Reihe Tiefentanz organisiert, gesteht: »Ich habe ja erst 2014 gecheckt, dass es euch gibt; und früher so viel gegeben hat.« Der musikalische Fußabdruck von P.tah reicht hingegen bis ins Jahr 2000 zurück. Als Rapper der Hip Hop-Band Hörspielcrew und später des mehr in Richtung Dub orientierten B-Seiten-Sound erreichte er eine gewisse Bekanntheit, tourte auf Festivals und wurde regelmäßig auf FM4 gespielt: »Ab 2004 habe ich, von HipHop ausgehend, mich immer mehr für UK-Sachen interessiert, bin Platten kaufen gegangen. Für mich waren immer jene Sounds am spannendsten, die ich als best of both worlds bezeichnen würde: die Einflüsse von HipHop im Grime, gleichzeitig aber auch die Tiefe von Subbass – zum Tanzen fand ich das immer interessanter als 4/4.«

Family life

Seine Begeisterung für die Verbindung von HipHop und UK-Sounds hat sich P.tah bis heute erhalten. Obwohl der Bezug auf Dubstep und Grime bei vielen eigenen Tracks offensichtlich ist, bezeichnet er das HipHop-Label Duzz Down San als seine »Familie«: »Das Label wurde 2008 von Mosch gegründet, einem Innsbrucker, der früher Teil der Beatniks-Crew war. Er hat damals nach  Möglichkeiten gesucht, eigene Sachen zu veröffentlichen und daraus wurde schnell ein größeres Kollektiv von Leuten, die independent Rap machen, bei dem das Ego nicht im Vordergrund steht.« Abgesehen von den zahlreichen Free-Releases und Mixtapes hält Duzz Down San mittlerweile bei rund sechzig Veröffentlichungen, die von den Soul-Variationen von The Unused Word über Karma Art’s Jazz-Elektronik bis hin zu klassischen Boom Bap-Alben wie von Mono:massive reichen. »Irgendjemand hat einmal gemeint, wir wären Österreichs größtes HipHop-Label. Trotzdem schreibt kaum jemand darüber,« meint P.tah. »Für den Aufwand, den wir in Werbung stecken – nämlich keinen – läuft es aber super. Wir machen ja alle selbst Musik und bräuchten eigentlich jemanden, der sich um die Promo-Arbeit kümmert, auf die wir keine Lust haben. Doch dafür haben wir kein Geld. Was bei Duzz Down San passiert ist also alles home-grown, DIY und independent

Mit seinem eigenen Sound will sich P.tah nicht auf eine Schublade festlegen. Wichtig ist ihm die Zusammenarbeit mit anderen MusikerInnen, etwa mit den Produzenten Mirac und Testa, dem Rapper Con, mit dem er seit den Anfängen der Hörspielcrew zusammenarbeitet, oder auch mit Johnny C'manche, der früher als Johnny Rocket gemeinsam mit Atomique und dem Wiener Dub:ious-Label für die Rave-orientierte Variante von Dubstep stand. »Den Rainer hat es mittlerweile auf die deepe Seite von Dubstep verschlagen. Ich hoffe, dass von ihm bald wieder mal etwas rauskommt. Wenn es sich ausgeht, dann produzieren wir auch im Schnitt ein Mal pro Woche gemeinsam.« Auf Stücken wie »Rastlos« vom 2016 auf Duzz Down San erschienenen gleichnamigen Album verbinden sie Wiener Rap-Kultur auf sehr schlüssige, eigenständige Art und Weise mit aktuellem UK-Sound.



Die Zukunft des Clubs

Veranstalten hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert: »man ist sehr abhängig von Facebook,« meint Kasun und B.Ranks erinnert sich an früher: »Wir sind mit den Plakaten gegangen, haben fest geklebt und uns jedes Wochenende die Partys rausgesucht, wo wir unbedingt Flyer verteilen wollten. Mittlerweile hat sich das in Luft aufgelöst.« Im Unterschied zu damals sei es auch schwierig geworden, Leute an eine Party zu binden. »Es gibt extrem viel Angebot. Ich sehe das auch an meinem eigenen Fortgehverhalten,« meint K:sun; und B.Ranks fügt hinzu: »Da Jugendliche so viel online kommunizieren, ist es heute vielleicht weniger bedeutend, sich in solchen Räumen zu treffen.«

K:sun erzählt von einem Text von Jonas Vogt über die Veränderung der Clublandschaft: »Er argumentiert, dass sich Clubs immer mehr zu einem Entertainment-Ding entwickeln, etwa so wie die Pratersauna: dort kann man trainieren, es gibt einen Pool und so weiter. Das mag alles stimmen, doch zugleich entsteht auch sowas wie Basstrace – eine Clubveranstaltung, die wie früher funktioniert, wo Nerds wegen der Musik hingehen.« BLVZE geht es allerdings nicht darum, regelmäßig jeden Monat zu veranstalten, sondern man möchte sich auf zwei, drei Acts im Jahr konzentrieren. Für die Zukunft können sich die drei Veranstalter auch andere Formate vorstellen, etwa ein klassisches Konzert mit Aftershowparty oder eine gemeinsame Veranstaltung mit einem Soundsystem wie Basstrace. »Wenn du ein Publikum hast und dein Soundsystem, dann fährst du halt irgendwo hin und stellst es auf. Dann brauchst du eigentlich keinen Club mehr,« meint B.Ranks, doch P.tah wirft ein: »Den Raum muss es aber trotzdem geben, denn Shalamanda HiFi wird mit seinen Türmen nicht irgendwo im Wald spielen.« Wenn es allerdings immer schwieriger werde, legal in Clubs zu veranstalten, meint B.Ranks, dann könnte sich eine Tendenz weg von den traditionellen Settings entwickeln, hin zu einer Bewegung, die schon seit 20 oder 30 Jahren im Untergrund existiert. Doch auch dafür braucht es eine Infrastruktur.

Die Rolle der Medien

Im vergangenen Dezember veröffentlichten P.tah und B.Ranks ein Mixtape für Redbull.com, was ihnen auch Kritik eintrug. P.tah erklärt, wie es dazu gekommen ist: »Mir persönlich ist klar, dass es nicht unbedingt sympathisch ist, wenn Red Bull auf einem Mixtape, Release oder Festl draufsteht. Ich teile deine politische Einstellung da grundsätzlich. Es gibt aber in diesem Fall auch noch eine andere Ebene. Wenn es dort jemanden gibt, der schon seit Jahren viel über deine Videos und Songs schreibt, und man sich dadurch besser kennen gelernt hat, dann ist es schwer zu sagen: ›Nein, für dich mache ich kein Mixtape, weil du jetzt bei Red Bull arbeitest.‹ Wenn man in Österreich Musik macht, die derzeit nicht angesagt ist und die auch nicht aus Deutschland herüberschwappt, dann fühlt man sich als Musikschaffender manchmal ziemlich alleine gelassen. Es gibt leider nur wenige Medien, die sich für Bass Music interessieren: FM4, ›Noisey‹ und ›The Gap‹ sowie ›Message‹ im Bereich von HipHop – das war es dann eigentlich. In Wien wird ein Sound wesentlich leichter angenommen, wenn er international schon gefeiert wird als wenn er noch im Untergrund brodelt. In anderen Ländern sind die Medien mutiger und beschäftigen sich eher mit Sachen, die noch nicht so angesagt sind.« K:sun, der selbst als freier Redakteur für »The Gap« und »Noisey« arbeitet, hat den Eindruck, dass die LeserInnen heute eher unterhalten als informiert werden wollen: »Jedes Medium ist daher bemüht, ein wenig Unterhaltung einfließen zu lassen: die einen machen ›lustige‹ Videos, die anderen verpacken dafür ein Thema in eine ›lustige‹ Listical-Scheiße. Aber manche Musik ist einfach weniger ›unterhaltsam‹, sondern ein bestimmtes Gefühl, dass man nur am Dancefloor bekommt. Über Dubstep kann man nicht ›lustig‹ schreiben.«

Forward

Auf die Zukunft von BLVZE angesprochen, wollen die drei auch weiterhin ein paar »coole Bookings« realisieren und hoffen dabei auf gute Partys und positives Feedback des Publikums. Doch BLVZE ist derzeit mehr als eine x-beliebige Veranstaltung: mit der Öffnung für neue, auf die jeweiligen Artists zugeschnittenen Formate, dem Ausprobieren verschiedener Orte und Settings sowie der Kooperation mit anderen lokalen Veranstalterkollektiven stellt BLVZE nicht nur Experimentierfreudigkeit und den Szene-internen Austausch wieder in den Mittelpunkt, sondern verschafft der lokalen Szene rund um Grime, Dubstep und Footwork endlich wieder einen gemeinsamen Treffpunkt.


Das nächste BLVZE mit Commodo vom britischen Deep Medi-Label, Nobody b2b Damask vom Basstrace-Kollektiv, D.E.Y. und B.Ranks b2b Pocketful Of Gold findet am Samstag, dem 22. April 2017 im Werk (Spittelauer Lände 12, 1090 Wien) statt. Der zweite Floor wird von Duzz Down San bespielt.


Text: Chris Hessle | 16.04.2017

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