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»Rock’n’Roll ist, wenn’s sich dreht«

Interview mit Uwe Bressnik

Text: Frank Jödicke | 17.03.2017
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Bilder: Uwe Bressnik/Keith Rowe
In der Galerie MAG3 ist gerade die gemeinsame Ausstellung von Uwe Bressnik und Keith Rowe zu sehen. skug sprach mit Bressnik über Bilder von Schallplatten, Töne im Kopf und darüber, wie Zeichnen, Hören und Reflektieren zusammenhängen. 

Die immer sorgfältig kuratierte (verantwortlich diesmal Jozef Cseres und Georg Weckwerth) und auch sehr aufwendige Installationen nicht scheuende Galerie MAG3 bietet noch bis zum 29. März 2017 unter dem Namen »The Music Before And Behind The Object« dem in Kärnten geborenen und in Wien lebenden Künstler Uwe Bressnik gemeinsam mit Keith Rowe, Gründungsmitglied des Impro-Essembles AMM, eine Bühne für deren Grafiken, Malereien und Assemblagen.

skug: In der Ausstellung sehen wir präzise Zeichnungen, geschickte grafische Interventionen und Collagen, die in einem Spannungsverhältnis zu stehen scheinen zu der eigentlich gewagten Gestaltungsidee, mit Schallplatten Bilder zu machen – wir alle kennen ja aus dem Plattenladen die Schaufensterpuppe mit der Irokesenfrisur aus CDs oder Singles. Wie kam es zu diesem Bildprogramm?

Bressnik:
Da muss ich ein bisschen weiter ausholen, zu den ersten Platten, die ich gemacht habe. Ich hatte als Musikinteressierter schon immer das Gefühl, jeder vernünftige Mensch sollte einmal in seinem Leben eine Platte gemacht haben und hinterlassen. 1994, während eines Stipendiums in Paris, hat es dann bei mir geklingelt: Ich habe ja alles, um eine Schallplatte zu machen! Es muss ja keine »wirkliche« sein, die im Studio aufgenommen wird. Ich nehme einen Karton, schneide ihn aus, mache ihn rund und schleife ihn ab. Der wird schwarz lackiert und ich hatte das Label »Soul Source Records« im Kopf. Nachdem ich den Titel eines »Songs«, also quasi eine Song-Idee, hatte, habe ich die Aufnahme davon, also das »Recording«, einfach sprichwörtlich auf die Platte aufgezeichnet, draufgezeichnet. Vor mir liegt also die Platte, die hat einen Titel und einen Song. Also einen Inhalt und eine Aufzeichnung davon. Damit hatte ich als Bildender eine Platte gemacht, die – als bildliche Darstellung, aber auch als ideelles Ganzes – ganz nah an einer wirklichen Schallaufzeichnung, einer Platte eben, ist. Sie beinhalten auch ein Recording, das aber natürlich lautlos bleibt. Mit diesem Konzept im Kopf habe ich dann eine der ersten »Bearbeitungen« gemacht, als ich auf dem Flohmarkt [das Bild von diesem] Hund gefunden habe, der Männchen macht.

His_Master_s_Voice_1_.jpgskug: »His Master’s Voice« …

Bressnik:
Genau, wie dieser Hund vor dem Gramophon-Trichter beim ersten »His Master’s Voice«-Label. Ich nehme also den Hund und zeichne neben ihm die Platte ins Bild. Und siehe da, das hat funktioniert. Auch hier erscheint der Sound, der Ton nicht nur als Plattenrille im Bild, sondern letztlich auch als Sound im Kopf.

skug: Eine Art Synästhesie?

Bressnik:
Genau. Letztlich ist es so, dass ich die Platte zwar »nur« darstelle, aber durch die Art der Darstellung auch die akustische Rezeption mit ankurbele. Wenn die visuelle Darstellung lebendig genug gelingt, dann erzeugt sie auch das Akustische einer Platte und geht damit über die reine Abbildung hinaus.
 
skug: Im Bild »Songs for the Exhausted« scheint eine schwarze Sonne aufzugehen. Wiederum ein Tonträger, eine Schallplatte, die in der biederen Szenerie eines altmeisterlichen Gemäldes erscheint. Hat das etwas mit dem Gedanken zu tun, Rock’n’Roll/Pop bricht in die spießbürgerliche Welt ein?

Bressnik:
Ja … In dem Fall ist es eine Anspielung auf Freunde und Bekannte von mir: Naked Lunch. Die hatten in dem Atelier, das ich mir netterweise mit Richard Klammer in Kärnten teile, ihr Studio. Vor ungefähr zehn oder zwölf Jahren wurde ich auf sie aufmerksam, als sie mit der Platte »Songs for the Exhausted« so eine Art Comeback hatten. Ich dachte mir: Was für ein Titel! Und die Platte hat mir auch musikalisch gut gefallen. Der Titel fiel mir dann bei diesem Image wieder ein. Beim Bilder und Rahmen Suchen ist es wie beim Plattensammeln, es gehen Hunderte und Tausende durch meine Hände, bis dann irgendwann einmal was Passendes dabei ist. Da ist diese reisende Gesellschaft, die so erschöpft hingesunken ist, und da lässt sich die Platte gut einbauen. Ein wenig so, als sei sie immer schon dagewesen.

skug: Die Sonne der LP geht auf und in ihrem Label ist die Horizontlinie des Gebirges auf den Kopf gestellt. The world turned upside down.

Bressnik:
Genau, die Platte rollt. Und das ist tatsächlich der Rock’n’Roll, der Fels, der sich dreht. Das habe ich bereits bei der Arbeit gemacht, die auch den Titel »Rock’n’Roll« trägt. Da habe ich auf dem Flohmarkt ein Original-Aquarell gefunden, das sehr schön gemalt war, bei dem aber der Fuß des Berges verdorben war. Den verdorbenen Teil konnte ich ja mit der Platte abdecken, aber der Gipfel war sehr schön gemalt. Als ich ihn innerhalb des Labels einfach frei ließ, sah es aus, als sei in der Platte das Label rausgeschnitten worden und man guckt einfach durch. Erst als ich die zündende Idee hatte, den Berggipfel zu drehen, so als ob sich die Platte gedreht hätte, wirkte es plötzlich. Das ist der Rock’n’Roll und nachdem »Songs for the Exhausted« auch eine Rock’n’Roll-Scheibe ist, habe ich das bei diesem Bild wiederholt.
Was mich bei Interviews ja freut, sind die Interpretationen. Wenn du jetzt sagst »diese schwarze aufgehende Sonne«, dann kriege ich ein bisschen Gänsehaut, weil für mich war die Platte ein Schattenspender für die Erschöpften. Aber das mit der schwarzen Sonne gefällt mir sehr gut.
Zurück noch zum Spießbürgerlichen. Ja das stimmt. Die Bilder und insbesondere die Rahmen, die ästhetisch aus so einem Wandschmuckzusammenhang stammen und dick mit Staub belegt sind, sollen durch das Vinyl aus ihrem Kontext genommen werden.

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Uwe Bressnik »Songs for the Exhausted 2014«

skug: Die Bleistiftlinie, die in den Bildern der Schallplatten die Rille nachzieht, ist viel lebendiger als das Original, das nur winzig nach links und rechts abschwenkt. »High Fidelity«, die Nadel macht sklavisch, was der Schall von ihr will. Welche inneren Prozesse durchläuft man als Zeichner während dieser Arbeit des Rillennachziehens?

Bressnik:
Oh, eine sehr schöne und wesentliche Frage. Das Zeichnen ist meine Hörzeit. Ich muss dabei sehr genau und präzise sein, damit ich die Linie immer wieder treffe. Währenddessen bin ich versunken, aber kognitiv nur zu höchstens 60 Prozent beschäftigt, der Rest und gerade das Hören ist offen. Beim Zeichnen geht es nur um das Sehen und das Manuelle und ich kann dann ganz konzentriert zuhören. Deswegen habe ich jede Menge Musik beim Arbeiten. Es geht über Stunden und Tage, aber solange ich etwas Interessantes zu hören habe, kann ich in völliger Ruhe die Linien, also die Spiralen ziehen. Meine Hand ist ganz ruhig und ich habe einen Langmut. Beim Zeichnen der Labels hingegen, wenn ich die Titel reinschreiben muss, dann werde ich unrund und muss mich überwinden.
Das Linienziehen ist meine Hörzeit, ich nehme Jazz, Folk oder Neue Musik sehr intensiv war und ich reflektiere auch darüber, was ich da gerade tue. Etwas, das mir abstrakt ganz selten gelingt. Tatsächlich, es ist eine Aufzeichnung, es ist ein visueller, künstlerischer Prozess, der mir die Zeit und Hingabe gibt, darüber gleichzeitig zu reflektieren. Bei Vernissagen, im Gespräch, bin ich den Arbeiten, während ich über sie nachdenke, nie so nah wie während dem Tun – auch wenn ich über eine ganz andere Arbeit nachdenke oder über das Künstlersein an sich, meinen Ort in der Arbeit. Ich reflektiere über die unterschiedlichsten Dinge in meiner Arbeit, die aber tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes, um diese Spirale auf der Scheibe vor meinen Augen kreisen.

skug: Irgendeiner dieser literarischen Giganten des 19. Jahrhundert, war es Balzac oder Tolstoi, hat einmal gesagt, er glaube, die Maler seien die Klügsten unter den Künstlern, weil sie beim Malen die ganze Zeit Gelegenheit hätten, nachzudenken.

Bressnik
(lacht): Ja, das könnte genau den Punkt treffen.

skug: Die Schriftsteller kommen beim Schreiben nicht zum Nachdenken, sie müssen ja schreiben ...

UweBressnik(1)_1.jpg Bressnik: Genau, auch beim Lesen. Man hält vielleicht mal inne und reflektiert über das eben Gelesene, aber beim Malen oder Zeichnen ist das ein Eins-zu-eins-Prozess. Wenn das Zeichnen nahezu selbstständig geht, dann kriegt man einen Groove wie ein Musiker. Plötzlich ist man in dem Ding drinnen und der Kopf ist hellwach. Die Synapsen sind völlig offen. Ich genieße diese Zeit. Manche fragen mich ja, wie lang brauchst du dafür, aber das ist überhaupt nicht dramatisch, weil es eine erfüllte Zeit ist.

skug: Der Walter Obholzer sagte einmal, er schätze es so, wenn er beim Malen in den Zustand der »Über-Wachheit« komme.

Bressnik:
Ich arbeite deswegen auch gerne nächtens, weil alles still ist und ich komme dann erst in diesen Groove. Dann arbeite ich stundenlang dahin und komm dann in diesen Zustand der »Über-Wachheit«, jenseits des Wachen, in eine konzentrierte Gelassenheit.

skug: Karl Kowanz, Ecke Bonk, Hans Weigand, Eva Schlegel und so weiter. Irgendwann – so scheint es – haben alle an der Angewandten, insbesondere in der Klasse von Oswald Oberhuber, angefangen, Musik zu machen. (Das Magazin skug vergisst so etwas nicht.) Warum eigentlich? Was war damals los in eurer Klasse?

Bressnik:
Dazu muss ich sagen, dass ich damals noch gar nicht Musik gemacht habe. Ich habe vor der Angewandten sehr intensiv Gitarre geübt und auch auf der Hochschule vorgespielt. Wäre ich beim Peter Weibel [auf der Universität für Angewandte Kunst] nicht aufgenommen worden, dann wäre es vielleicht in die Musikrichtung gegangen. Nach der Aufnahme ging es unversehens und recht flott in die bildende Kunst. Ich habe dann mit der Gitarre am Konservatorium gemerkt, das geht sich nicht beides aus, die Energien reichen da nicht. Ich habe ja den Peter Weibel live gesehen und als Musiker schätzen gelernt.

skug: Der hat ja auch zu dieser Zeit Platten gemacht. »Sex in der Stadt« und so …

Bressnik:
Ja, das war genau die Zeit. Ich habe mich damals nicht als Musiker empfunden und gestaunt, dass ein Professor von der Angewandten so etwas macht und auf einer Bühne beim Westbahnhof den Rock’n‘Roller gibt. Deswegen wollte ich dann auch bei ihm studieren. Ich war damals aber ganz im Bildenden verhaftet und hab erst retrospektiv gemerkt, dass Weigand und Karl Kowanz Musik gemacht haben. Der Karl Kowanz hatte es mir mal erzählt, aber als die aktiv waren und ich ein Student, da war das gar kein Thema für mich. Es kam für mich erst – wie gesagt – in Paris, dass ich sah, mein Interesse für Musik kann ich ins Bildnerische einbringen in der Form, dass ich ganz nah am Tonträger bin. Erst später habe ich dann wieder begonnen, Musik zu machen. Allerdings autodidaktisch erlernte Trompete. Mit der Gitarre damals war mir das Üben lieber als das Auftreten vor Publikum, dazu war ich viel zu schüchtern.
Die eigentliche Antwort zu der Frage ist vielleicht: Das bildnerische Arbeiten ist ja sehr einsam. Du machst das mit dir allein und der Arbeit im Atelier. Und wenn es dann ausgestellt wird – sofern dies überhaupt passiert – dann ist dies Jahre später zu einem bestimmten Thema und somit zeitlich sehr verzögert. Aber Musik ist da völlig unmittelbar. Das ist vielleicht der Schlüssel dazu, weshalb viele bildende Künstler Musik machen, weil sie damit das Unmittelbare durch Publikum erfahren, das sie sich über Betrachter und über das Bildnerische einfach nicht holen können.

skug: Zum Abschuss ein Plattentipp bitte. Aber einer, wo es auch wirklich was zu hören gibt.

Bressnik (lacht): Okay, von unserem Gespräch ausgehend würde ich sagen, dass ich eben diese Platte vom Peter Weibel vom Hotel Morphila Orchestra nehme würde. Da gibt es ja nur eine, mit den Plattenrücken auf dem Cover. Ich war dieser Platte lange auf der Spur und wollte mir die nie schnöde im Internet kaufen, sondern wollte sie aus einer Kiste ziehen. Es ist eine der wenigen, die ich nie gefunden habe. Bis ich kürzlich zum Teuchtler kam, wo ich eine Arbeit getauscht habe gegen einen Plattengutschein. Als sie mich fragten, was suchst du eigentlich, da fiel mit Peter Weibel ein. Ein Griff ins Regal und dann hatte ich sie.
Off the record: Wirklich gut auf der Platte sind ohnehin nur »Sex in der Stadt« und »Liebe ist ein Hospital«. Aber vom Karl Kowanz habe ich jetzt kürzlich Pas Paravent gefunden und die ist wirklich interessant. Wusste nicht, dass die so spannende Musik in den Achtzigern gemacht haben. Es gab zwei Pas-Paravant-Platten und auf einer ist auch der Hans Weigand dabei. Das ist vom Musikalischen her vielleicht eher mein Plattentipp.

skug: Vielen Dank für das Gespräch.




Noch bis 29. März 2017 im
MAG3, Schiffamtsgasse 17, 1020 Wien
Dienstag bis Freitag, 17:00 bis 20:00 Uhr

Link zur Ausstellungsansicht:

http://www.cupix.at/mag3/mag3.html

Video: Keith Rowe spielt auf den in der Ausstellung zu sehenden Assemblagen
https://www.youtube.com/watch?v=TQ2LRPzKpbY

Zum vertiefenden Reinhören:
Peter Weibel
https://www.youtube.com/watch?v=mNE8wrYOH1Q
https://www.youtube.com/watch?v=t1-dbb75EL4
Naked Lunch
https://www.youtube.com/watch?v=1-yd7jzTHQQ

Und eins noch:
Teuchtler unter http://www.schallplatten-ankauf-wien.com

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»Rock'n Roll« Foto © Ferdinand Neumueller


Text: Frank Jödicke | 17.03.2017

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