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Foascheine in Oasch eine

Text: Stefan Koroschetz | 23.02.2017
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Fotos: Matthias Graf (Opener), Rotzpipn
»Ihr kennts in Oasch geh Schritt für Schritt ... und wir gengan mit« singt die Simmeringer Rabiatkapelle Rotzpipn am Ende des Songs »In Oasch geh« und bringt damit in knappen Worten das Credo der Kombo auf den Punkt. Ein aus dem Gedächtnis dokumentiertes Treffen plus Anmerkungen zur Bandgeschichte in ihrem ureigenen Soziotop im Zentrum der Simmeringer Hasenleiten-Siedlung mit Bier und Rauchzwang.

Proberaum oder Zizi’s Café sind die von Rotzpipn vorgeschlagenen Orte für unser Meeting. Um der – vermutlich total unbegründeten – Gefahr, Zeuge endloser Jamsessions im Proberaum zu werden, entscheide ich mich für Zizi’s Café, in dem bei meiner Ankunft die Herren Fetz N. Schädl, Zacharias Umpferl, Lumpazi Fuckabundus und Friedjoff Hotzenplotz bereits genüsslich am ersten Hopfentee nippen. Außerdem, so mein Hintergedanke, sollte die halböffentliche Bühne die berüchtigte und vielfach dokumentierte Verhaltensoriginalität der sich in den Dreißigern befindenden Herren ein wenig zügeln. Nach Begrüßungsrunde und Smalltalk erweisen sich diese Befürchtungen jedoch als überflüssig. Ganz im Gegenteil präsentieren sich die Musiker abseits der Bühne als sympathisch, zuvorkommend und des mitteleuropäischen Verhaltenskodexes durchaus mächtig. Aber es ist erst das erste Hopfen-Malz-Gemisch, das die Rotzpipn zu sich nehmen. Wer weiß, was da noch kommen mag? Gerade wenn man sich so manchen ihrer Songtexte oder gar ihre grenzwertigen No-Budget-Videos vergegenwärtigt. Die enthemmende Wirkung von Alkohol sollte bei einem so brisanten Treffen nicht unterschätzt werden.

Der schwere Weg zur Resozialisierung
sk1.jpgAnderseits handelt es sich bei Rotzpipn & das Simmeringer Faustwatschenorchester um ein Simmeringer Milieuvarietee, dessen grobschlächtiges Auftreten bei ihren Shows nur von allzu Naiven nicht als künstlerisches Rollenspiel verstanden werden könnte. Spätestens beim Lesen der Pseudoidentitäten sollte klar sein, was hier gespielt wird. Dazu kommt die in den CD-Booklets verbreitete Legende, dass sich die Herren Umpferl und Schädl im Steiner Häfn kennengelernt hätten und seit ihrer Entlassung vom Bewährungshelfer Ferdinand Ösinger auf dem Pfad ihrer Resozialisierung begleitet würden, was leider nicht immer reibungslos abginge. Seit der Schließung des Café Herta seien die vier Delinquenten mehr oder minder obdachlos, was ihrer kleinkriminellen Energie und der Neigung zu deviantem Verhalten wieder verstärkt zum Durchbruch verhelfen würde. Exhibitionismus in den Öffis sowie gewerblicher Betrug und Eheschwindel seien nur ein Teil der letzten Rückfallaktivitäten des Vierers ohne Steuermann. Also bei wem es da nicht schon zehnmal Klick gemacht hat, der oder die ist als Rozpipn-Publikum einfach ungeeignet. Das alles erinnert – in übersteigerter Form – ein wenig an die Legende von Günter Brödls Ostbahn-Kurti, der die Simmeringer Ostbahn schon im Namen trägt. Allerdings kennen nicht alle die CD-Begleittexte, und sollte man sich eher zufällig in ein Konzert des fidelen Quartetts verirren, ist diese Eindeutigkeit nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Den Simmeringer Soziolekt unter besonderer Berücksichtigung des Fäkal- und Genital- und Schimpfvokabulars beherrschen Herr Schädl und seine Mitstreiter virtuos, und ihre Satire ist dann besonders gut, wenn sie nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist. Als richtiges Musikkabarett darf man sich Rotzpipn aber auch nicht vorstellen, dafür sind sie wieder zu viel Rock-/Metal-/Wienerliedband, jedoch mit nicht geringem Klamaukanteil. Die ins Absurde überhöhte Bezugnahme auf Simmering sei, so Herr Schädl, eine Kritik an jeder Form von Patriotismus, die versuche, anhand der Groteske durch die Hintertür die Relativität jeder Art von Heimat- oder Regionalstolz aufzuzeigen. Als dezenter Wink findet sich schon auf der Innenseite ihrer ersten CD »... is a wos wert« der Satz »Simmering ist überall ... «.

Protestsongcontest-Veteranen
sk2.jpgEine Plattform zur Artikulation ihres Unmutes findet die Band zunächst in den Jahren 2010–2012 im FM4-Protestsongcontest (PSC). Das sei eben eine gute Gelegenheit gewesen (und ist es noch immer), Öffentlichkeit außerhalb der bereits vorhandenen Anhängerschaft zu bekommen, und Protestsongs würden sie ohnehin gerne schreiben, auch wenn ihr Sound nicht ins FM4-Formatradio passe, was aber beim PSC eh nicht notwendig sei. Beim dritten Einzug ins Finale in Folge konnte das Milieuvarietee das Protestwettsingen 2012 mit der »Hymne 2.0« für sich entscheiden. Der Song wirft einen wenig erfreulichen Blick auf Österreich, der sowohl Innen- wie Außensicht umfasst. Neben den Touristenattraktionen und -klischees werden u. a. Kellerkinderzimmer, Ablehnung von Migranten, Chauvinismus, die Seitenblicke-Gesellschaft, österreichische Lieblingshobbys wie Sudern, Schmieren, Schnitzel fressen, politische Trägheit usw. thematisiert. Mit dieser alternativen Hymne in knappster Form wird ein umfassender Rundumschlag geführt, der formal teils wie ein Schunkellied daherkommt. Unlängst trat die Band mit dem gewitzten Song »Aluhut« (die Musiker trugen dabei Einweghüte aus Alufolie mit Antenne), in dem vor allem gegen so genannte »Fake News« protestiert wird, in der PSC-Vorausscheidung auf, kam damit aber nicht ins Finale. Das Untypische bei Rotzpipn ist, dass die Band in keinem Moment auch nur vorgibt, moralisch überlegen zu sein. »Wir san um nix besser«, meint Herr Schädl dazu. Penetrant ausgestellte Hyperkorrektheit wie etwa das von Klaus Werner Lobo erreichte Spielverbot für die Band Die Hinichen (die nach Eigendefinition auch Satire machen) in der Szene Wien, finden sie überflüssig. Um in Fragen der Haltung klare Fronten zu schaffen, äußert sich Rotzpipn im Beipacktext ihres 2016er Albums »Das dümmste Gericht« so: »Ein ordentliches ›Geht’s in Oasch‹ an Rassisten, Sexisten, Homophobic Redneck Dicks, das Parkpickerl, öffentlich-rechtliche Hunsdutteln, vegetarische Burger, olle wos uns wos z’neidig san«. Einen Aufruf für das Kältetelefon der Caritas auf Facebook zu posten, ist für die Band auch selbstverständlich. Außerdem gibt es mehr als nur einige Stücke, die eindeutig klarmachen, dass die räudigen Burschen das Herz am rechten Fleck haben. Da ist etwa die »Würschtlpolka«, »Die Moritat von der schwarzen Maria« (Ex-Innenministerin Maria Fekter), »Hymne 2.0.«, »Schlagzeilen«, »Bezirksvorsteher«, »Beamtenmikado« (über einen pragmatisierten Beamten, einer ihrer besten Songs), »Hi, Society« oder »Blaue Augen«, das sich nicht als einziges Stück mit der abgründigen Verlogenheit der volkstümlichen Musik auseinandersetzt. Andere Mikrogenres im Werk der Rotzpipn sind der Nonsens-Song »rRRR«, »tschilp« oder »unser schönes wien«, sowie das gepflegte Tschecherlied unter besonderer Berücksichtigung der oft unpackbar grotesken Szenerien, die sich daraus ergeben. Auch die Liebe wird nicht ausgespart, nur dass es sich nicht um die romantische, sondern so gut wie immer um die abgründige, nicht erwiderte oder fetischfixierte Liebe handelt (»Fetischistenwalzer«).

Vom Beidlrock zum Wienerlied
sk3.jpgNicht ganz so genau nimmt es das fidele Quartett mit dem Urheberrecht. Da wird schon mal die Melodie von Element of Crimes’ »Delmenhorst« für »XI«, eine leiwande, gebrochene Hommage an Simmering, ausgeborgt, oder die Melodie von »Großvater« von STS für »Jaqueline« entlehnt. Weder Sven Regener noch jemand von STS habe sich bis dato deshalb bei der Band gemeldet. Würde Rotzpipn auch bei Festen von politischen Parteien spielen? Aber ja, beim Volksstimmefest der KPÖ würden sie sofort spielen, aber durchaus auch für die Grünen, wenn sie nicht als lebende Werbeständer auf die Bühne müssten. Denn eines wollen sie auf keinen Fall: Sich vor den Karren spannen lassen für Anliegen, die sie nicht vollinhaltlich unterstützen. Anderseits eignen sich die Gemeindebau-P(r)o(l)eten mit der ausgeprägten Scheiß-mi-nix-Attitüde eh nicht sonderlich gut dafür, politische Parolen zu verbreiten. Bemerkenswert ist auch die stilistische Bandbreite, die Rotzpipn aus ihren Instrumenten kitzelt. Ein großer Teil ihrer Songs sind zwar geradliniger Beidlrock mit Metalanleihen, in denen ab und zu kurze Reggae-Einschübe auftauchen. Es gibt aber auch nicht wenige Stücke mit folkloristischem Einschlag und eine besonders rabiate, derbe Wienerliedvariante. Für diese greift Herr Umpferl schon mal zur Ziehharmonika, um den Songs einen Schuss Hodina-Weinseligkeit zu verpassen. Die musikalischen Geschmäcker in der Band seien eben sehr weit gestreut, gingen laut Herrn Schädl von der Hamburger Schule bis zum Black Metal. Einigen könne man sich aber auf Element of Crime, die E.A.V., Georg Kreisler, Qualtinger/Bronner, Steel Panther und Metallica, um nur einige zu nennen.

Hans Moser auf Kokain
sk4.jpgBemerkenswert sind auch die Hidden Tracks: auf »Im Pfusch«, ihrem zweiten Album, gibt’s am Ende eine rockige Hans-Moser-Hommage, in der statt dem Wein das Kokain die Hauptrolle spielt. Auf »... is a wos wert« versteckt ist das ausnahmsweise von Herrn Umpferl gesungene Stück mit dem einschlägigen Refrain »Budan am Land«. Über den Rest der Outtakes des Albums sei hier der Mantel des Schweigens gebreitet. Hört man »Schleicht’s eich ham«, den letzten Song ihrer jüngsten CD, beschleicht einen erstmals das Gefühl, dass es sogar einer Rotzpipn zu viel werden kann. Eine ausgelassene Besucherschar hat bei einem Fest schon fast die ganze Wohnung demoliert und will am Morgen noch immer nicht abrauschen. Das mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen. Es gibt tatsächlich einen Punkt im Leben, ab dem man sowas einfach nicht mehr haben möchte. Auf den Biss und die im besten Sinn brutale Derbheit der Band wird sich das hoffentlich nicht auswirken, denn gerade das Unvernünftige, Ordinäre, Maßlose, Sündige und der Häuslschmäh machen den Reiz von Rotzpipn aus.

Zu bestaunen ist das Simmeringer Milieuvarietee das nächste Mal in Wien beim Rotzfest am 15. April 2017 im Viper Room. Für Überempfindliche nicht zu empfehlen.

Text: Stefan Koroschetz | 23.02.2017

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