article_8310_sbi_115x135.jpg

Sonnenschirm und Sternenglanz: Die Sterne in Wien

Text: Frank Jödicke | 14.02.2017
article_8537_die_sterne_robinhinsch-2_240.jpg
Bild: Robin Hinsch
Okay, über die Sterne lässt sich wenig sagen, was diese nicht selbst viel besser könnten. Noch reflektierter sein als diese Band geht kaum. Fakt ist, sie beehren Wien und es gibt ein paar Gründe, weshalb man ruhig mal dort vorbeischauen könnte.

Was hat uns bloß so ruiniert?
Wer Vereinfachungen schätzt, kann sich einreden lassen, die bundesdeutsche Musiklandschaft der 1990er-Jahre wurde dominiert von zwei Städten: Stuttgart und Hamburg. Alles, was aus letzterer Stadt kam, war irgendwie schlauer. Nicht, dass die Hanseaten intelligenter wären, die Baden-Württembergischen Musikgruppen sind einfach geistig zurückhaltender. So entstand im Norden der Diskursrock, der bis heute nicht totzukriegen ist.

Die Sterne sind ein recht gutes Exempel für diese typische Hamburger Mischung, in die ein ordentlicher Schuss »abjection« – sagen wir einmal – reingeschissen wird, weil schließlich die Gespaltenheit unserer Seelen sich am Besten in übellauniger Abwehr ausdrückt, und dann über das Ganze ein dicker Zuckerguss kommt, aus souligen und groovigen Elementen. Hin und wieder kann die Süße beinahe ein bisschen wie Schlager klingen. Bei aller Ausscheidung und punkigem Gefluche hört das harmonische Geklimper dann nie ganz auf zu wirken und schenkt dieses besondere Diskursrockgefühl, das sich am genauesten mit einem »Ich-weiß-auch-nicht-so-genau-aber-irgendwie-ist es-kacke« ausdrücken lässt.

Die unstillbare Lust des Bandleaders und Autors Frank Spilker an paradoxalen Konstruktionen stellte er mit seinem 2013er-Roman »Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen« allein schon im Titel unter Beweis und diese betonte Widersprüchlichkeit fügt sich gut zur Musik. Spilker hat ein enormes Talent, die richtigen Worte so aneinanderzureihen, dass ununterbrochen bedeutsame Konstellationen erscheinen, aus denen in bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht. Gegen diese früh erreichte literarische Abgeklärtheit wirkte Tocotronic immer ein wenig verknatscht (aber auch liebenswerter). Tocotronic und Sterne einte ihr fest umrissenes Hauptthema. Wer sich fragt, was dieses Thema denn genau ist, braucht sich nur einmal Tocotronic-Songs in einer Playlist anzuschauen, sie beginnen fast alle mit »Ich«. Spilkers Sterne sind hier nicht so wortarm, aber thematisch genauso fixiert. Und das ist auch gut so, denn ein breiteres Themenspektrum würde schnell appliziert wirken. »Wir beuten eigene Unzulänglichkeiten aus und machen daraus Songs.« Irgendwie so hat Frank Spilker es einmal sehr treffend ausgedrückt.

Unsterbliche Neunziger
Es ist den Hamburgern damit gelungen, ein Zeit- und Lebensgefühl einzufangen, das bis heute frisch und glaubwürdig erscheint. Ihre Publikumsbeschimpfung haben die Sterne nie aufgegeben, so sehen sie sich auch auf ihrem letzten Album »Flucht in die Flucht« 2014 noch immer von frühvergreisten Teenagern umgeben. Selbstverständlich konnte der berechtigten Ablehnung der Idioten kein Programm folgen, das den Weg aus der Idiotie weisen würde. Das wäre auch wirklich ein bisschen zu viel verlangt. Die Ablehnung allerdings sitzt: Ihr seid wirklich alle scheiße – und ihr wisst das auch. Damit wurde heilsamer Ärger an den richtigen Stellen gestiftet.

Überhaupt scheint es, als wirkten die 1990er-Jahre nach. Den Besuch der wesentlich pop-populäreren Stuttgarter Gesandtschaft (genau, wir meinen »Die da«) hat die Stadt Wien gerade erst schadlos überstanden. Auf den Auftritt der Hanseaten darf sich zu Recht viel mehr gefreut werden, denn die Nachwirkungen des Hamburger Kunstprogramms sind offensichtlich und es dient möglicherweise auch epigonalen Strömungen in Austria zum Vorbild. Soll sich aber niemand aufs Fußerl getreten fühlen wegen dem Wort »Epigonen«, schließlich schwebt über allem deutschsprachigen Rock dieser Art Rio Reiser und der hatte das auch alles irgendwoher. Schaut halt bei den Sternen vorbei und guckt, wie es denen jetzt so geht.

Die Sterne, 20. Februar 2017, 21:00 Uhr, Grelle Forelle (Support: Kiesgroup)

Text: Frank Jödicke | 14.02.2017

skug partner

TQW_LIQUID_LOFT_Neu.gif

MuKu_artacts17_Onlinebanner_200x200px_SKUG.jpg

impuls17_banner_skug_V7.jpg

 jeu_abos2016_17_skug180x180_RGB_2_web.jpg


Thu 23.02.2017 21:00: future dub orchestra (bristol) !!win 1 x 2!! | fluc | vienna

skug empfiehlt


Thu 23.02.2017 20:30: kollegium kalksburg | blue tomato | vienna

Fri 24.02.2017 19:30: [~25.2.] a piece you remember to tell – a piece you tell to remember | tanzquartier | vienna

Sun 26.02.2017 20:30: chuck prophet & the mission express | james mc murtry | chelsea | vienna

Sun 26.02.2017 21:30: mitski | b 72 | vienna

Tue 28.02.2017 20:30: john mayall | porgy&bess | vienna


» alle termine
 

skug friends



logo_emap.gif

fresh_Logo_black_red180.jpg

bytefm_logo.gif

logo_norient_NEU_2011.jpg

orange94.png

ute_bock_logo.gif

» skug @ facebook