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Fabrik der Illusionen

Text: Kerstin Kellermann | 21.12.2016
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Gertrud Fischel: Fülle (Ausschnitt) © Pichler

44 weibliche Kunstschaffende von vor 1938 werden derzeit im Jüdischen Museum Wien gezeigt. Wie ein roter Faden ziehen sich die Werke von Friedl Dicker-Brandeis durch die Ausstellung. Ein Exhibition-Rundgang mit der Künstlerin Nina Prader.



Der Holocaust-Raum am Ende der Ausstellung wurde laut einer Kuratorin extra reduziert gehalten, um die Fülle des Bildmaterials davor zu betonen. Nur zwei Kunstwerke sind hier zu sehen, u. a. eine Mädchen-Skulptur von Anna Mahler (»Childgirl«, vor 1965). Und wirklich hängen in den Räumen vor dem Holocaust-Raum die Bilder der Künstlerinnen dicht an dicht, in der Mitte der Säle sind Keramiken oder Skulpturen untergebracht. »Geblieben ist wenig, doch immer noch genug«, steht lakonisch im Katalog. Wenn man genauer schaut, befinden sich bereits in den Räumen vor dem Holocaust-Raum viele Anspielungen und Bilder zu den Nationalsozialisten, deren Machtbestrebungen und den kommenden Vernichtungsplänen. Wie die eindrucksvollen Holzschnitte von Grete Hamerschlag zum Beispiel, die immer wieder Wörter in ihre Bilder einflicht. Worte wie »Nation« mit Davidstern und Hakenkreuz und Wortreihen wie »Religion, Autorität, Bildung, Atheismus, Rasse, Humanitas« oder »Macht, Patria, Domus mei, Besitz, Armut« im Holzschnitt »Fabrik der Illusionen« (»Der Spiegel«, Nr. 2, 1932). Der Titel der Schau, »Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938«, klingt etwas linkisch, wird aber im Katalog lustig erklärt: »Der Begriff der ›besseren Hälfte‹ soll vom Mythos des Kugelmenschen in Platons Dialog ›Symposion‹ stammen, in dem zweigeschlechtliche Wesen von Zeus getrennt wurden und seither wieder zusammenstreben.«

Barocke Komposition

Die Werke von Friedl Dicker-Brandeis, Architektin und Schülerin von Johannes Itten am Bauhaus, die schon 1934 wegen kommunistischer Aktivitäten verhaftet und in Auschwitz ermordet wurde, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Ein Teller mit seltsamen Früchten oder Gegenständen, braun, grün und weiß, die Sackleinwand schief und abgeschnitten. »Weißes Stillleben« (1930er-Jahre) benannte Friedl Dicker dieses eigenartige, irgendwie tot wirkende Stillleben. Sie unterrichtete in Theresienstadt die Kinder im Malen. »Friedl war ganz klein, energiegeladen und temperamentvoll. Sie konnte keinen Schwindel, keine Manieriertheit dulden. Wenn sie etwas Derartiges fand, gab es großen Krach.« So beschreibt die Dicker-Brandeis-Schülerin Edith Kramer ihre ehemalige Lehrerin. Von Kramer selbst ist u. a. das Bild eines sehr konzentriert malenden Mädchens (»Mädchen zeichnend II«, 1937) zu sehen. Lilly Steiner wiederum griff 1938 in »Composition baroque« schon kommendes Unglück auf: Eine Vase mit toten Blumen, die rote Schleier hinter sich herziehen, fällt durch das Bild. Hinten reißen die Wolken auf und zeigen Städte. Im Vordergrund blickt eine traurige Frau nach oben. 


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Lilly Steiner: Composition Baroque © Belvedere Wien


Figur mit Blick

»Raumstudie« (um 1920) von Friedl Dicker, mit ihrem verzerrten, eingeklemmten Mann in der Mitte, sieht wie ein Vorläufer-Bild von Francis Bacon aus. In dem Bild »Das Verhör« aus 1934 sieht man fast nur schwarze Augen vor rosa-fleischfarbenem Hintergrund, auf Zeitungspapier gemalt. Erstaunlich, dass das Bild anstelle dieser Augen kein Loch hat. »Schau mal, die klar gezeichneten Augenhöhlen von ›Alban Berg‹ (Lilly Steiner, um 1930). Diese Figur hat einen Blick«, sagt die Zeichnerin Nina Prader, die bei unserem Rundgang durch die Ausstellung vor allem von der Hexenskulptur angetan ist. Eine fröhliche Hexe, die sich die Fußnägel schneidet – ein großer Skandal zu ihrer Zeit. Prader selbst studierte Kunst in Boston und schließlich Theorie bei Marina Grzinic und Diedrich Diederichsen auf der Wiener Akademie. Die Zange und die Zehennägel der Hexe wurden abgeschlagen. Nina Prader steht schon wieder davor, allen verwirrenden, »ein bisschen desorientierenden« Spiegelkabinetten in der Ausstellung zum Trotz. (»Der Spiegel bleibt undurchdringlich, er gibt nur die Illusion von Freiheit«, steht im Katalog.) Die Skulptur von Teresa Feodorawna Ries heißt »Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht« und ist bereits von 1895! Im Kongresspark bei Sandleiten steht noch heute ihre mehrteilige Skulptur »Die Unbesiegbaren. Männer bei der Arbeit« von 1906. Ohne Tafel beim Eingang vonseiten des Sandleitenhofs. Prominent und unauffällig zugleich. Vielleicht lässt sich Praders Faszination für die Künstlerin als Solidarität erklären, denn Nina Prader malte ein zeitgenössisches Wandbild für den Sandleitenhof – in den ehemaligen Waschräumen des Gemeindebaus, dem späteren und momentan leerstehenden Elektropathologischen Museum. Leider wurde es im Frühjahr einfach übermalt, ohne ein Wort an die Künstlerin weiß gestrichen.


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Teresa Feodorowna Ries: Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht © Wien Museum

Wenig Abstraktion

Marie-Louise Motesiczky, die von Max Beckmann in seine Meisterklasse eingeladen wurde, verwendet die Technik der Fragmentarisierung, seltsame Perspektiven, die ineinander verschachtelt sind (wie bei »Glashaus Hinterbrühl«, 1925). Abstrakte Bilder wie »Ohne Titel. Komposition III« aus 1917 von Grete Wolf-Krakauer oder den Holzschnitt »Die Fülle« von Gertrud Fischel aus 1921 gibt es leider wenige. Beklagenswerterweise auch keine einzige Postkarte, die man mit nach Hause nehmen kann. »Großes Stillleben« (1921) von Frieda Salvendy mit seinen vier Orangen hätte ich sehr gerne besessen oder »Stillleben mit rotem Elefanten« (Broncia Koller-Pinell, um 1925). Trotz vieler Stillleben ist die Ausstellung irrsinnig modern, zum Beispiel in den genauen Zeichnungen von Maschinen, wie jene von Lili Rethi, die auf Großbaustellen und in Eisen- und Stahlwerken arbeitete, um zu zeichnen. Comicartige Zeichnungen wie ihr eindrucksvolles »Hochseeschiff in der Werft« (1924). Nina Prader, die zurzeit für das Institute for Research Art & Technology eine Zine-Bibliothek aufbaut, ist äußerst angetan.


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Grete Wolf-Krakauer: Komposition III © David Peters



»Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938«

4. November 2016 bis 1. Mai 2017

Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, 1010 Wien


Text: Kerstin Kellermann | 21.12.2016

Referenzen:

  • Locations: Jüdisches Museum Wien

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