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Landschaften der Angst

Text: Kerstin Kellermann | 18.11.2016
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Hase mit den Bernsteinaugen Netsuke © Foto: Michael Harvey

Der britische Künstler Edmund de Waal zeigt eine ganz eigentümliche Art, mit den Themen Tod, Kunst und Natur umzugehen. Aus Naturobjekten erwächst Kunst, Verrätselungen liebt er. Selbst töpfert er obdachlose Töpfchen.



Echte Steine, sogenannte »Handsteine«, aus denen Figuren herauswachsen, Eisenfiguren, Eisenhütten, Männchen aus Silber ... Es scheint Edmund de Waal um den Übergang von der Natur zur Kunst zu gehen, aus dem Felsen, aus dem Geröll heraus entsteht Kunst. De Waal suchte im Fundus des Wiener Kunsthistorischen Museums und fand zum Beispiel diese Handsteine mit Silberfüßen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. In seiner Ausstellung »Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer, During The Night« gibt es Bergwerkssteine, in die man hineinschauen kann. »Das Bergwerk ist ein Ort großer Gefahr. Es gibt Geister, die einen weiterlocken«, schreibt der Künstler selbst dazu. Rätsel liebt er, Verrätselung findet statt, doch die Handsteine zeigen wohl, dass ein Künstler oder auch ein Kunsthandwerker aus einem toten Geröllstein Leben erschaffen kann. Kunst schafft wie die Natur Leben aus dem Tod, obwohl Francis Bacon zitiert wird: »...was immer die Natur geschaffen hat in Dingen, die ohne Leben sind.« Viele Handsteine zeigen christliche Motive, auf einem sind die Stufen hinauf zur Kreuzigung abgebildet. Diese, so de Waal, »Landschaft der Angst« (zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts) steht auf einem Goldfuß und stammt aus der Werkstatt von Casper Ulrich. Es geht um den Übergang vom Bild zum dreidimensionalen Element, zum Objekt und wieder retour. Wunderbar auch der kleine Schüttelkasten, in dem sich Schildkröten und andere kleine Monster bewegen (süddeutsch, zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts).

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Süddeutsch (Tirol?), nach 1550

Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Schloss Ambras Innsbruck

© KHM-Museumsverband


Giftige Bleitöpfchen

Alles Verrätselte bei Edmund de Waal besitzt einen extrem dicken Goldrahmen. Daneben stehen seine Töpfchen ganz unauffällig im Dunkeln. Als ob es gefährlich wäre, sichtbar zu werden. Der Keramiker und Töpfer fertigte für diese Ausstellung kleine, runde Töpfchen voll Bleigehalt, die nur stumm und giftig das Geschehen aus einem Regal heraus beobachten. Aber es gibt auch einen kleinen Turm aus Silber- und Metallplättchen, die in einer Metallkiste stecken. Bei Holocaust-Überlebenden sind Blumen oder Häuser oft Symbole für Menschen, diese unscheinbaren Töpfchen sind es eventuell auch. Das Hauptstück der Ausstellung ist aber ein dickes Buch von Albrecht Dürer am Eingang, in dem man sehr gerne blättern würde, was aber nicht erlaubt ist. Überhaupt gibt es nichts Interaktives in dieser Ausstellung und wenn es ein Lehmbrocken wäre, den man quetschen oder an die Wand schmeißen darf. Der Wächter rennt im Dunkeln umher wie ein Tiger im Käfig. Aufgeschlagen ist das Albrecht-Dürer-Künstlerbuch bei »Traumgesicht« aus dem Jahr 1525. Man sieht Wasser, das vom Himmel fällt, und einen Text, in dem Dürer seinen Traum beschreibt. Etwas pathetisch ist Edmund de Waal schon, denn er schreibt dazu: »Du wachst auf und weißt nicht, wo du bist. Irgendwo aus der Kindheit. Es ist die Apokalypse. Du kannst kaum atmen. In der Nacht bist du ausgesetzt.« Dabei bedeutet Wasser doch nach Sigmund Freud Kreativität und Schöpfung.

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Edmund de Waal 2015
© Foto: Ben McKee


Alraunen, Totempfähle und Reliquien

Edmund de Waal versucht auf vielfältige Arten, dem Besucher Grusel einzujagen, »Panik ist meine Haupteigenschaft«, sagt er einmal. Zu einem in Bernstein eingeschmolzenen Teufelchen zitiert er Sigmund Freud: »Wer wie ich die bösesten Dämonen aufweckt, um sie zu bekämpfen, muss auf Schädigungen gefasst sein.« Es gibt viele Kunstwerke zu Jesus, wie eine Alraune, ein Kruzifix aus dem 16. Jahrhundert, diese etwas gruseligen Schnitzereien nennt er »totemisch«. Vielleicht kämpft der Künstler ja einfach nur um Pragmatismus? »Alles ist leer, wenn Sie den nächsten Menschen verloren haben«, kommentiert er und das kann eine Anspielung auf den Holocaust sein. De Waal kritisiert die ekligen und obsessiven Reliquien aus der Kirche, die den Fingernagel eines Heiligen in Gold fassen. Gruselig, diese Verehrung der Toten, das Festhalten mittels Gold und Glas. »Ihn interessiert das Leben von Gegenständen«, steht im Katalog. Zu seinem eigenen Werk schreibt Edmund de Waal »Nicht alle Dinge spenden Trost (...), sie haben Ängste im Gefolge.« Dabei spendete der kleine weiße Hase mit den Bernsteinaugen (Masatoshi, Netsuke, ca. 1880), der im Foyer unter einem Glassturz steht, ihm selbst Trost und ist ein Symbol, ein Andenken an seine im Holocaust ermordete Familie. Und der britische Künstler selbst ist ein langer, sehr lebendiger Mensch, voll in Bewegung und Schwung. Er versucht Gefühle auszulagern: »These pots are homeless«, schrieb er über seine schmalen, eingequetschten Töpfchen, »they still seem a bit lost.«

Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer, During The Night, bis 29. Januar 2017, KHM Wien
Zur Ausstellung auf www.khm.at



Text: Kerstin Kellermann | 18.11.2016

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