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Vom Denken in Klängen

Text: Michael-Franz Woels | 14.11.2016
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Thomas Gorbach © Julia Tazreiter
Festival IMAkusmonium 24.–26.11.

Das Wiener Akusmonium ist ein Instrument zur Interpretation computergenerierter Werke und zur Erzeugung ephemerer dynamisch-bewegter Klangskulpturen. Das einzigartige Lautsprecherorchester interpretiert gespeicherte Musik ebenso wie es Improvisationen von konzeptionell arbeitenden Künstler_innen verräumlicht. Von 24.–26. November 2016 findet erstmals in St. Pölten das Festival IMAkusmonium mit dem Wiener Akusmonium statt. Veranstaltet wird das Festival vom Institut für Medienarchäologie (IMA) unter der Leitung von Elisabeth Schimana, gewidmet ist es den Ursprüngen und Entwicklungen der Akusmatik. Der diesjährige IMA Artist in Residence Thomas Gorbach gründete das Wiener Akusmonium und entwickelt es seit 2010 im Zusammenhang mit seiner Konzertreihe The Acousmatic Project und in Referenz zur Musique concrète rund um Pierre Schaeffer weiter. Aufgrund der Erfahrungen, die mit dem Akusmonium der Musiques & Recherches in Brüssel, dem Akusmonium der Groupe de Recherches Musicales in Paris und dem MAAST System in Kent gemacht wurden, hat Thomas Gorbach eine Lautsprecherkonfiguration und eine Steuereinheit entwickelt, die das Wiener Akusmonium zu einem einzigartigen Instrument seines Genres machen. skug sprach im Klangraum Fröbelgasse mit Elisabeth Schimana und Thomas Gorbach.

skug: Akousma bedeutet auf Griechisch »auditive Wahrnehmung«. Was sind Ihre Interessen zurzeit dieses Feld betreffend beziehungsweise auch im Rahmen des Festivals IMAkusmonium?

Thomas Gorbach:
Die Akusmatik ist Medientheorie der gespeicherten Klänge. Das Instrument, um Akusmatik aufzuführen, ist das Akusmonium, eine Art Lautsprecherorchester. Die Speicherung von Klängen hat sich erst im letzten Jahrhundert entwickelt. Davor gab es zwar notierte Musik, aber diese konnte nicht gespeichert werden. Und diese Speichermöglichkeit hat sehr, sehr viel verändert. Wir können nun Musik hören, wann immer wir wollen, wo immer wir wollen und in welcher Qualität wir wollen. Musik hat nun eine neue Bedeutung, Musik ist nun ein Massenphänomen, das vor allem über Lautsprecher konsumiert wird. Der Lautsprecher bekommt eine ganz wichtige Rolle in der Musikrezeption. Und der Lautsprecher ist auch der Teil, der das Akusmonium formt. Mein Wiener Akusmonium hat 32 Lautsprecher, die im Raum verteilt sind. Durch die Abmischung kann man diverse Klangfiguren erzeugen. Der Begriff Akousma kommt wie gesagt aus dem Griechischen, bezeichnet die auditive Wahrnehmung, denn der Philosoph und Mathematiker Pythagoras hat seinen Erstsemestrigen damals einen Vorhang vor die Nase gehalten und sie aufgefordert, nur zuzuhören, da das ihre Hörwahrnehmung schärft. Françoise Bayle hat das in den 1970er-Jahren mit der Situation der Lautsprechermusik seiner Musique acousmatique verglichen.

Elisabeth Schimana: Ergänzend möchte ich einen Begriff von Pierre Schaeffer einführen, nämlich den Begriff des »reduzierten Hörens«, der auch in der akusmatischen Musik von Wichtigkeit ist. Sich nur auf das Hören des Klangs zu konzentrieren; die Forderung an die Zuhörenden, ohne schon vorher vorgestellte Figuren, Abfolgen oder Strukturen zu hören. Nehmen wir das Beispiel der klassischen Musik, dann haben wir hier Kontrapunkt, Sonatenform, Liedform, einzelne Sätze und so weiter. Wir haben Vorstellungen von der Struktur der Musik, die wir hören werden. Bei der Form des reduzierten Hörens geht es zum Beispiel nicht darum, eine Melodieabfolge zu hören, die mir vielleicht auch schon bekannt ist, sondern es geht darum, wirklich nur den Klang (ohne identifizierbare Quelle) an sich zu hören. Man kann das auch mit dem Unterschied Sound und Musik veranschaulichen. Musik hat sehr oft etwas mit konkreten Formen (Songform, Melodie etc.) zu tun. Seit der Musique concrète, früher noch bei den Futuristen mit ihren Geräuschmaschinen, sprechen wir nun von Klang oder Sound. Das ist ein anderer Zugang. Ich persönlich verwende kaum gespeicherte Klänge, sondern konzentriere mich derzeit auf generative Prozesse in der Live-Elektronik. In den 1970er-Jahren, als das Akusmonium von Françoise Bayle erdacht wurde, gab es ja nur den gespeicherten Klang. Ab Mitte der 1990er-Jahre gab es dann einen großen Sprung, was die Geschwindigkeit und Speicherkapazität von Computern betrifft. Somit wurde auch das Live-Musikerzeugen mit Computern leistbar und man war nicht mehr gezwungen, »fertige« Konserven zum Abspielen herzustellen. Die klassischen Stücke der Akusmatik sind 2-kanalig und werden im Raum spationiert. Dann kann man von Interpretation sprechen. Ich gehe nun bei meinen Kompositionen schon mehrkanalig aus dem Computer raus und erzeuge die Klänge im Moment, was diesen einen instrumentalen Charakter verleiht. Weil ich im Moment sehr schnell und subtil reagieren kann. Gehe ich in einen Raum, so spricht er zu mir in irgendeiner Art und Weise: hat spezielle Reflexionen, reagiert speziell auf verschiedene Frequenzen und Klänge. Ich habe ja schon in den 1990er-Jahren begonnen, mit vielen Lautsprechern und speziellen Räumen zu arbeiten. Ich wollte das nicht, wenn alles schon klar gemastert und fixiert ist und ich nicht mehr die Möglichkeit habe, auf einen Raum zu reagieren. Ich möchte jedes Frequenzband von der Amplitude her in der Hand haben, um so besser mit dem Raum kommunizieren zu können.

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Akusmonium © Oliver Zehner

Wir sind nun beim Thema Raum angelangt. Wie kam es zur Auswahl der Voith-Halle in St. Pölten für das Festival IMAkusmonium?

Elisabeth Schimana:
Das IMA, das Institut für Medienarchäologie, ist heuer das erste Jahr in St. Pölten, davor waren wir in Hainburg. Wir haben uns also auf die Suche nach möglichen Räumen für das Festival in St. Pölten gemacht. Wir waren auch bei der Firma Voith, die vor ein paar Jahren ihre Papiererzeugung eingestellt hat, und die daher ein paar leerstehende Hallen hat. Ich war von der Voith-Halle, die wir nun im Rahmen des Festivals bespielen, begeistert, weil es eine riesige Industriehalle ist, aber der Großteil des Raumes mit einem Holzstöckelpflaster ausgestattet ist. Das ist sehr selten und akustisch für uns sehr gut. Die Räume sind 11 Meter hoch, aber sehr gut mit Heraklith abgedeckt, sodass dieser gut 1000 m² große Raum, den wir benutzen, nicht so überakustisch ist wie andere leerstehende Industriehallen, die wir uns angesehen haben. Das ist ein Spezifikum des Wiener Akusmonium, wie es Thomas Gorbach aufgebaut hat, dass es ganz spezielle Räume aufsucht.

Es gibt also weltweit gesehen verschiedene Akusmonium-Musiker. Haben Sie, Thomas Gorbach, da einen Überblick?

Thomas Gorbach:
Das ist gar nicht so leicht zu sagen, im Moment entstehen viele Akusmonien. In Essen werden zum Beispiel gerade hunderte alte Computerlautsprecher für ein Akusmonium-ähnliches Projekt gesammelt. Ich bin in Kontakt mit den großen, mobilen Akusmonien in Brüssel, Paris und im Süden von Frankreich in Crest. Auch in England gibt es jeweils ein mobiles, in Birmingham und in Kent. Wir waren jetzt in Brasilien, in Sao Paulo, auch da gibt es ein Akusmonium, aber es ist nicht mobil, nicht transportierbar, es ist ein fix installiertes Akusmonium, wie zum Beispiel auch das in Linz mit 20 Lautsprechern.

Nun zur Programmierung des Festivals. Wie wurden die einzelnen Künstler_innen ausgewählt?

Thomas Gorbach:
Das Hauptaugenmerk lag auf der Geschichte der elektroakustischen Musik in Österreich. Und dann gibt es an jedem der drei Abende auch internationale Künstler_innen zu Gast.

Elisabeth Schimana: Es werden zum einen die Pioniere der elektroakustischen Musik in Österreich, Günther Rabl und Dieter Kaufmann, präsentiert. Dann gibt es auch die Kooperation mit den Kuratorinnen Bettina Wackernagel und Mo Loschelder vom Berliner Festival Heroines of Sound, das im Dezember zum dritten Mal stattfindet. Es geht dabei um elektronische Musik von Frauen im Spannungsfeld von Zeitgenössischer Musik bis Clubkultur. Über diese Kooperation haben wir Kirsten Reese und Heidrun Schramm eingeladen. Und für IMA ist es immer wichtig, sehr bewusst viele Künstlerinnen zu präsentieren.

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filmstill von IMAfiction #8 Electric Indigo

Vom Institut für Medienarchäologie gibt auch die Porträt-Serie IMAfiction. Man sieht hier sehr gut diesen Frauen-Fokus. Nun wird aktuell das achte Porträt von Electric Indigo im Cinema Paradiso präsentiert.

Elisabeth Schimana: IMAfiction ist eine Kurzdokufilmserie vom IMA, die Künstlerinnen in der elektronischen Musik/Kunst gewidmet ist. Es gibt aber auch ein Porträt von Heidi Grundmann, der Gründerin des ORF Kunstradios. Es geht darum, Frauen, die im Kontext von »Frauen Kunst und Technologie« etwas Außergewöhnliches geleistet haben, zu präsentieren. Nachdem es eine österreichische Serie ist, machen wir immer abwechselnd eine lebende österreichische und eine internationale Künstlerin, damit die österreichischen Künstlerinnen auch in einem internationalen Kontext präsentiert werden. Jedes Porträt ist von jemand anderem gestaltet, es gibt keine einheitliche Länge. So können sehr intime und unterschiedliche Dokumentationen entstehen. Manche Künstlerinnen suchen sich auch aus, von wem sie porträtiert werden wollen. Bei Marianne Amacher, die kurz vor der Doku verstorben ist, war das ein ganz anderer Aufwand, weil wir sie nicht mehr direkt interviewen konnten. Wir haben mittlerweile acht Porträts, das von Electric Indigo wird vor dem IMAkusmonium-Festival, gemeinsam mit dem Portrait #05 von Andrea Sodomka, die auch heuer beim Festival spielt, im Cinema Paradiso in St. Pölten gezeigt. Porträt #09 wird Beatriz Ferreyra, eine aus Argentinien stammende französische Komponistin, die im Rahmen der Groupe de Recherches Musicales mit Pierre Schaeffer zusammengearbeitet hatte. Und das zehnte und einstweilen letzte wird über mich sein und dann ist mal Pause.

Der Trend geht ja ganz Richtung Sound & Visuals – nicht nur im Mainstream, auch in der avancierten Dancefloor-Culture – etwa zum Beispiel Ryoji Ikeda, der mit soundbeeinflussten Visuals arbeitet. Hat das IMA da auch etwas vor, oder liegt die Konzentration ganz auf dem Klangerleben?

Thomas Gorbach:
Ich habe noch kein Festival mit Film, Video oder Visuelles und Akusmatik gemacht. Ich habe eine Aufführung mit dem experimentellen Dokumentarfilm »Der Mann mit der Kamera« von Dsiga Wertow gemacht, da gibt es eine akusmatische Komposition von Pierre Henry. Aber sonst geht es mir um die Bilder im Kopf, die entstehen. Bei unbekannten, transformierten Klängen fängt das Gehirn an, Bilder zu erzeugen. Aber ich denke, das wird einmal kommen, dass wir Visuals mit akusmatischer Musik unterlegen. Es gibt sehr schöne Filme, zum Beispiel einen über Bernard Parmegiani, der mit Musik von ihm unterlegt ist, oder eben auch Filme von Françoise Bayle mit seiner Musik. In Polen gibt es mehrere Filmemacher, die mit akusmatischer Musik gearbeitet haben.

Elisabeth Schimana: Für mich ist das eigentlich sehr schön, angenehm und wichtig, dass es keine Bilder und keine Visuals zur Musik gibt. Die Musik verkommt sonst zum Beiwerk, da wir so visuell zentriert sind und stark auf Bilder ansprechen.

Thomas Gorbach:
Das ist ja eigentlich interessant: Der Film ist ja auch ein gespeichertes Medium und etwa zu der Zeit entstanden, als man Klänge speichern konnte. Beim Film hat sich gleich das Kino etabliert, ein Raum für Film. Aber ein Raum für Akusmatik hat sich nicht positioniert. Man geht heute nicht in ein Akusmatikon, einen Platz speziell für akusmatische Musik.

Text: Michael-Franz Woels | 14.11.2016

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