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Leonard Cohen †

21. 9. 1934 – 7. 11. 2016

Text: Frank Jödicke | 14.11.2016
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Leonard Cohen © Dominique Isserman / Sony
Zum Tode von Leonard Cohen ein Rückblick, der vor allem dessen literarisches und intellektuelles Schaffen zu würdigen versucht.

Nun ist es amtlich, 2016 ist ein sehr schlechtes Jahr für die sogenannten Musiklegenden. Bowie, Prince, Vega (der durch das Hervorkramen von »Dream Baby Dream« noch einmal einen kleinen Hit hatte) und jetzt auch Cohen scheinen mit ihren Abgängen zu belegen, dass die Zeit einer bestimmten Art von eigenständigen Künstlerpersönlichkeiten, die einerseits über selbstständige Urteile in Bezug auf Gesellschaft, Ökonomie und Moral verfügen und es andererseits bis zu einem teilweise gigantischen Erfolg im Musikbusiness schafften, bald vorbei ist. Die künstlerisch hochstehenden Persönlichkeiten gibt es auch heute noch, ihr Erfolg ist aber meistens mau. Was uns noch eine Zeit lang bleiben wird, sind »Superkünstler« wie Bono (der von Springsteen richtig als »wily guy« charakterisiert wurde, denn Moral ist bei ihm verkaufsfördernde Maßnahme, während er es als Steuervermeidungsdienstleister zum Milliardär brachte) oder Jay Z, der seinen vergoldeten Hintern neben Hillary »Super-Predator« Clinton in die Kamera hält und unterm Strich seinem Publikum kaum noch mehr zu sagen hat, als: »Leute, ich habe es halt geschafft – Ätsch«.

Leonard Norman Cohen war von anderem Schrot und Korn. Sein durchaus problematisch zu nennendes Verhältnis zu Frauen – nennen wir es einfach einmal »old-school« – werden wir ihm nicht groß ins Grab hinterherrufen. Damals war die »Unterwerfung« unter weibliche Göttinnen, die aufgrund dieser leichtfertigen Hypostase nie ernst genommen werden mussten und umso leichter von ihren wackeligen Sockeln gestoßen werden durften, einfach noch üblich. Die 1960er-Jahre waren eben noch keine Phase der Emanzipation und Gleichberechtigung, die nahm damals erst ihren Anfang. Manches, was Cohen schrieb, wirkt deswegen heute wie aus dem vor-vorherigen Jahrhundert. Aber es gibt keine Größe ohne Makel. Konzentrieren wir uns auf die Größe.

Singen und Dichten
Das Singen habe ihm immer diese unglaubliche Freude bereitet. Als Jugendlicher sei er mit seinen Freunden zusammengesessen und sie hätten die ganze Nacht gesungen. Der Klang, die Rhythmen, diese Zusammenfügungen im Sinnlichen, das war immer entscheidend für das Werk Cohens. Er wusste wie Joyce, wenn es nicht gut klingt, dann stimmt es auch nicht. Singen, Schreiben, Dichten ist Hingabe an den Wohlklang. Durch ihn hindurch eröffnet sich, mit Gespür und Glück, eine Welt des sogleich Wahren und Schönen. Sollten wir meinen oder zumindest hoffen dürfen. Philosophisch ist hier ein Wettrennen im Gang zwischen Platon (»Das Wahre ist das Schöne«) und Nietzsche (»Die Wahrheit ist hässlich«). Bei aller Lust an nietzscheanischer Kontroverse und dem Zerrschlagen von moralischer Konvention (Cohen veröffentlichte einen Gedichtband mit dem Titel »Flowers for Hitler«, der vermutlich eine Übung in »Épater la bourgeoisie« war), bliebt er Platoniker. Dass wir so schön singen können, belegt: Da ist etwas da draußen, das hält alles zusammen und das hat uns lieb! Nur bitte, bitte lasst es euch nicht von den Pfaffen erklären, sondern nur von den Dichterinnen und Dichtern. Wer jetzt Nietzsche im Hintergrund lachen hört wie ein Pferd, der hat eben feine Ohren – »Ohren für Unerhörtes«.

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© Lazlo / Sony

Cohens erste Verleger zumindest verschlossen lieber ihre Ohren vor den Wort-Orchestern, die Cohen aufspielen ließ, und vor der »straight, melodic line«, der seine Literatur folgte. Es war einfach alles viel zu eindeutig sexuell. Künstlerpech. Philip Roth empfiehlt, unter dreißig solle niemand Prosa schreiben, es würde ja doch alles nur platte Autobiografie. Nun, Cohens erster Roman »The Favourite Game«, geschrieben im Alter von 26 Jahren, bestätigt diese These. Cohen war schlau genug, diese Schwäche zu erkennen, und legte einen symbolistischen Historienroman nach: »Beautiful Losers«. Das experimentelle Stück Literatur wurde unter dem bewussten Einfluss von Amphetaminen sowie einem strengen Fastenregime geschrieben und blieb Cohens Präferenz für Sex treu. Es geht um die kanadische Mohawk Kateri Tekakwitha, die durch Konversion, Keuschheit und Selbstquälerei (Nächtigen auf einem Dornenbett) den Auf- oder Abstieg bis zur katholischen Heiligen hinbekam. Nonnen und Sex, ein würziges Thema, zumal wenn es unter Drogeneinfluss bearbeitet wird. Der Roman verwebt Nietzsches Götzendämmerung und Anti-Kolonialismus mit dem Separatismus in Quebec und Cohen gelang es damit, postmoderne Techniken in die eher konventionelle kanadische Literatur einzuführen. In seinen misslungenen Passagen klingt der Text wie die Liebeslyrik eines François Mitterrand, in den gelungenen wie das, was er zu sein gedenkt: ein Hymnus. Die in beinahe jeder Zeile konstruierte Widersprüchlichkeit, die einen Stil punktuellen Beharrens schafft, tat der erzählerischen Entfaltung nicht gut. Dennoch wurde das Werk später nicht zu Unrecht kanonisiert. Spötter, die Cohens Wagemut und gestalterische Kraft übersehen, sagen, das Wichtigste an dem auf der griechischen Insel Hydra geschriebenen Roman sei, das Leonard Cohen während der Arbeit ununterbrochen Ray Charles gehört habe.

Das große Thema: der Verlust
Nachdem sich ausreichender literarischer Erfolg nicht einstellen wollte, bezog Cohen die legendäre Absteige Hotel Chelsea in New York, hing in Warhols Factory ab und wollte es als Musiker versuchen. Cohens Kompositionen, wie auch sein Musizieren, waren vom ersten Augenblick an vollendet. Selten hat ein Künstler so glücklich sein Medium gewechselt. Cohen ließ Pulp und Porn hinter sich und machte Platz für eine spirituelle oder sogar religiöse Lyrik. Er hatte eine Form gefunden, die ihm ermöglichte, auszudrücken, was zuvor unter mehr oder minder gelungenen Experimenten begraben lag. Wie alle religiösen Autoren war Cohen obsessiv mit Abschied und Verlust beschäftigt. Nahezu alle seine Songs aus der klassischen Periode nehmen eine Art von Ende in den Blick und sind bis auf wenige Ausnahmen in der Vergangenheitsform geschrieben. Jedes Bett, das Cohen bestiegt, war auch eines der letzten Ruhe.

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© Tom Sheehan / Sony

Ohne Frage sind viele seiner Stücke von einer elegischen Schwere, die durchaus auch abstoßend wirken kann. Vermutlich ist Cohen ein Künstler, der, wie etwa Theodor Storm oder Julien Green, nur in Maßen genossen werden kann, da das ununterbrochene, tränenreiche Heraufbeschwören der Vergänglichkeit einfach zu viel wird. Allerdings, Leonard Cohen hatte bei all seiner Ernsthaftigkeit durchaus auch eine Humorbegabung. Vermutlich hat sie ihm ermöglicht, den Schmerz, den Verlust, die Einsamkeit, die Angst und die quälende Schuld anzusprechen, ohne darin zu ertrinken. Das Quäntchen Ironie, das hilft, sich selbst beim Leiden zuzusehen, das hatte Cohen und bewies künstlerische Größe, indem er Ironie und Authentizität verbinden konnte.
Wie schön er diesen distanzierten »Blick zurück« gestalten konnte, belegen jene Hits von ihm, die als hinlänglich bekannt gelten dürfen.

It’s four in the morning, the end of December
I’m writing you now just to see if you’re better

Zwei Zeilen reichen aus, um ein Bild von schwermütiger Lebensfülle zu erzeugen. Diese Fähigkeit hat kaum jemand. Und nein, es geht nicht besser. Der Bruch, der vollzogen wurde, war ein endgültiger. Cohen blickt seiner verlorenen Liebe hinterher und weiß, wie viel er preisgab.

And Jane came by with a lock of your hair
She said that you gave it to her
That night you planned to go clear
Sincerely, L. Cohen

Leonard Cohen konnte die anfänglich erreichte Höhe in seinem Songwriting nie mehr übersteigen. Allerdings war er in Gefilde vorgerückt, in denen sich nur wenige aufhielten, und es muss ihm auch attestiert werden, dass er im Laufe seiner Karriere meist nur unwesentlich hinter diese Höhen zurückfiel. Bei späteren Alben frönte er seiner nur bedingt nachvollziehbaren Lust an brummigen und zuweilen sogar Dancefloor-artigen Synthies, die sich aber eingestandenermaßen mit seiner altgewordenen Stimme gut vertrugen.

»Songs of Love and Peace«
1973 wird Cohen eingeladen, für die israelischen Truppen während des Jom-Kippur-Kriegs zu singen. Cohen beschrieb dies als eine einschneidende Erfahrung. Freimütig gestand er ein, vor dem undurchdringbaren Gewebe wechselseitiger Schuld zu kapitulieren. Entscheidender aber war für ihn die Beobachtung, dass Israelis und Palästinenser trotz allem einander die Hand reichen konnten. Der Hass nahm nicht alle Personen vollständig in Beschlag, sondern viele bewahrten sich ihre Liebesfähigkeit. »Lover, Lover, Lover.« Die halblegendären Erzählungen von Arabern, die die Organe von erschossenen Verwandten an jüdische Krebspatienten spenden, oder junge Juden, die beim Versuch, die Bulldozer des illegalen Siedlungsbaus aufzuhalten, sterben, kommen in den Sinn. In solchen Momenten zeigte sich für Cohen, wozu Menschen fähig sind, und nicht darin, was aus ihnen im Dauerfeuer ideologischer Beeinflussung werden kann.

Für Leonard Cohen war diese so bewiesene Menschlichkeit ein Hinweis zur Pflege seiner Mystik. Wenn Menschen es schaffen, Zorn, Verzweiflung und Hass zu überwinden, dann muss da eine Quelle sein, die ihnen dies ermöglicht. Von Martin Buber oder Carl Gustav Jung nahm er sich die Zutaten für seine mystischen Erwägungen. Die beeindruckende Abgeklärtheit und vorbildliche würdevolle Distanz, mit der es Cohen schaffte, seinem Tod entgegen zu blicken, scheinen zu belegen, wie gut die Mischung war, die er gefunden hatte. Leonard Cohen, der lebenslang ein den Sabbat einhaltender Jude blieb – trotz seines unverkennbaren Faibles für Jesus Christus und seiner Zen-Praktiken – meinte, wie mit den Armen, Schwachen und Sanftmütigen umgegangen werde, müsse ein Strafgericht heraufbeschwören. Anders könne er es sich nicht denken. Da hat er wohl leider Recht. Es wird schwerfallen, Leonard Cohen nicht zu vermissen.

Text: Frank Jödicke | 14.11.2016

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