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Entspannter Umgang mit Weltuntergängen

Text: Michael-Franz Woels | 28.10.2016
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Bernhard Günther © nafezrerhuf.com
Ein Interview mit Bernhard Günther, künstlerische Leitung Wien Modern. Anlässlich der 29. Ausgabe, die vom 30. Oktober bis 30. November 2016 unter dem Motto »Die letzten Fragen« steht.

skug: Der Fragenkomplex »Die letzten Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wo zum Teufel sind wir hier überhaupt?« steht am Beginn Ihrer ersten Intendanz als künstlerischer Leiter von Wien Modern. Diese Lokations-, diese Verortungsfragen, die auch in einer Reihe von involvierten Komponist_innen und Interpret_innen im Wien Modern Festivalkatalog gestellt werden, kann man ja auch in Bezug auf das Festival stellen: Woher kommt Wien Modern? Wohin geht Wien Modern? Und wo zum Teufel ist Wien Modern hier überhaupt?

Bernhard Günther:
Wien Modern kommt aus einer Zeit, als es einen Nachholbedarf für Neue Musik gab und die damaligen Festivalgründer der Überzeugung waren, dass das geändert und Neue Musik auch in den großen Wiener Sälen und von großen Orchestern gespielt gehört. Daher auch die Gründungs-Konstellation – ein Monat lang Konzerthaus, Musikverein, mit den großen Orchestern. Wien Modern kommt aber inzwischen auch von diesen vielen Jahresringen, die es seither so angesetzt hat. Es gab am Anfang die Phase mit den sogenannten Hauptkomponisten, dann gab es die Phase mit den thematischen Inseln (Berno Odo Polzer, Thomas Schäfer). Dann gab es mal eine regionale Ausrichtung, eine wachsende Anzahl an kleinen Off-Locations und kleineren, jüngeren Ensembles. Es hat mittlerweile schon eine so breite Geschichte, die nicht nur für den Goldenen Saal im Musikverein steht, sondern genauso für das Café am Heumarkt, das sagenumwobene Schnapsloch oder auch die Fluc-Wanne. Das alles ist die Vorgeschichte von Wien Modern.
Wo geht es hin? Wir arbeiten daran, dass es diese Leidenschaft, die es am Anfang hatte, in die Zukunft trägt. Diesen Moment, dass viele Leute, junge und alte (ich war ja damals ein junger Student) sagen: »Da muss man hin!« Und das unter Bedingungen, die sich gegenüber 1988 gesellschaftlich, kulturell extrem entwickelt haben.
Und wo zum Teufel sind wir hier überhaupt? Diese Frage ist am leichtesten zu beantworten. In Wien! Und das ist für ein Festival wie Wien Modern tatsächlich ein riesiger Startvorteil, weil es hier in den unterschiedlichsten Bereichen eine unglaublich entwickelte Szene gibt. Die Improvisatoren, die es hier schon lange gibt oder in den letzten Jahren neu nach Wien gekommen sind. Beispielsweise Thomas Lehn, Tiziana Bertoncini, die vorher in Köln lebten. eva_reiter_c_nafezrerhuf.com.jpgDie sind jetzt hier und sehr aktiv, wie man dem heurigen Comprovise-Programm anmerkt. Das alles ist Wien: Die Philharmoniker, das Klangforum, Phace, Mia Zabelka … diese ganze Breite und Widersprüchlichkeit, die Wien und die zeitgenössische Musik haben, soll Wien Modern heuer spürbar werden lassen. Das Festival heuer ist ja sehr wienerisch. Das wird nicht immer so sein. Eva Reiter als Erste Bank-Preisträgerin, mit Gerhard Rühm im Portrait – der Stücke uraufführt, die er in den 1950er Jahren komponiert hat, mit Friedrich Cerha als Geburtstagskind, mit den Philharmonikern – die auch nicht jedes Jahr im Programm sind und mit dem Stephansdom und dem Zentralfriedhof als Spielstätten. Das kosten wir heuer im Sinne einer Standortbestimmung sehr aus.

Und warum stellen Sie die letzten Fragen am Anfang?

Natürlich ist das in gewisser Weise eine Pointe. Das Thema kombiniert für mich ein paar Dinge, die ich reizvoll fand: Es ist sehr wienerisch, auch in dieser Ironie. Dieser entspannte Umgang mit allem, was entfernt mit Weltuntergang zu tun hat. Und wenn man in einen Bereich der mysteriösen Fragen kommt, über die man nicht mehr leicht reden kann, dann ist es oft naheliegend, zuzuhören, wie denn in der Musik solche letzte Fragen reflektiert wurden. Wenn man ein Orchesterstück hört wie das von Georges Lentz im Musikverein am 13.11., das er als Requiem für die Opfer des verschwundenen Malaysian-Airlines Fluges geschrieben hat. Das hat ja wochenlang die Medien beherrscht. Bei 9/11 gab es noch Handy-Anrufe aus dem Flugzeug, bei dem Flug MA 370 gab es gar nichts. Und dann lässt er die Blechbläser ihre Musik ins Handy spielen, hinters Publikum gehen und dort am Schluss des Stückes abspielen. Das ist nicht argumentativ, es ist einfach Musik. Es entfaltet einen Nachdenklichkeitsfaktor auf eine sehr emotionale, berührende Weise. Musik kann in diesem Bereich der letzten Fragen etwas, was Text nicht kann. Das war für mich einer der Gründe, warum ich dieses Thema sehr naheliegend fand.
Anna_Spina_c_Palma_Fiacco.jpgAuch die Ortswahl hat mit dem Thema zu tun. Der Stephansdom und der Wiener Zentralfriedhof sind a) sehr wienerische und b) sehr metaphysische Orte. Und wir haben so ziemlich das perfekte Stück für den Stephansdom gefunden, nämlich dieses Bratschen-Solo mit Elektronik von Giorgio Netti. Anna Spina hat es im Berner Münster uraufgeführt. Ich fand das Stück fantastisch und wollte es auch in Wien zeigen. Zunächst haben wir über die Kirche am Zentralfriedhof nachgedacht, die war aber für dieses Projekt viel zu hallig. Dann kamen wir auf den Stephansdom und haben mit Hartmut Pascher von der Privatuniversität der Stadt Wien an der Bratsche einen Akustiktest gemacht, und Giorgio Netti war total begeistert, wie dieser Raum klingt. Im ersten Teil dieses Late Night-Konzerts spielt Anna Spina mit ihrer präparierten Bratsche verstärkt und mikrophoniert über dem Publikum auf dem sogenannten Fuchs-Baldachin. Die Lautsprecher sind so ausgerichtet, dass sie nicht direkt aufs Publikum gerichtet sind, sondern nach oben. Es klingt wie Musik aus dem Weltall, ein magischer Hörmoment. Es klingt der ganze Stephansdom, und das nur, weil eine einzelne Frau mit einem Bogen eine kleine Saite streicht.

Wie sind Sie eigentlich zum Programmieren von Musikveranstaltungen gekommen?

Zunächst einmal übers Hören und selber Musik machen. Ich komme aus einer Musikerfamilie, habe mit acht Jahren begonnen Cello zu lernen. Ich war mit 15 Jahren Jungstudent an der Musikhochschule Lübeck. Und dann komme ich ja noch aus einer Generation, wo es eine ausgeprägte Kultur des Sich-gegenseitig-Mixtapes-Schenken gab. Das war in meinem Freundeskreis, als wir so zwischen 15 und 20 Jahre alt waren, ein total wichtiges Medium. Und ich muss an diese Mixtape-Geschichte denken, wenn ich ein Programm baue wie das Schlusskonzert von Wien Modern. Das fängt an mit Charles Ives »The Unanswered Question«, und dann attacca, also ohne Applaus – zack – spielen sie gleich weiter mit Karl Schiskes »Symphonie Nr. 5«. Ein klassischer Mixtape-Übergang.
Ich habe ja auch im mica Veranstaltungen mitverantwortet, ein Konzert im kleinen Besprechungszimmerchen mit der damals gerade frisch in Wien angekommen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die wir heuer im ganz großen Programm haben. Sie ist längst ein riesiger Klassikstar geworden (was sie wahrscheinlich nicht gerne hören wird). Dann war ich zwölf Jahre lang Chefdramaturg der Philharmonie Luxembourg und habe dort das Festival rainy days verantwortet, dazu ein Abo mit Neuer Musik sowie die Reihe »on the border« mit allem, was in keine Schublade passt, von Peter Brötzmann bis Lydia Lunch. Und dann hatte ich noch eine Reihe – ich sag es jetzt mal so pathetisch – mit musikgeschichtlich wichtigen DJs, unter anderem Carl Craig, Grandmaster Flash, DJ Hell, Underground Resistance, Afrika Bambaataa und Kool Herc, der 1974 in der Bronx die allerersten block partys gemacht hat, noch bevor das Wort HipHop erfunden war.
Diese Luxemburger Zeit war insofern eine unglaubliche Freude, weil das so eklektisch war. Das neu gebaute Konzerthaus dort war einfach offen für alles. Wollte alles sein, nur kein Klassik-Tempel. Und gerade im Festival rainy days haben wir dieses Haus ganz oft gegen den Strich gebürstet. Wir haben beispielsweise den großen Saal, in dem sonst die großen Orchester von New York Philharmonic bis London Symphony spielten, einfach umgedreht, das Publikum auf der Bühne sitzen lassen, siebzehn Musiker im Saal verteilt und ganz leise Musik von Vadim Karassikov spielen lassen. Es war eine Frische und Offenheit da, eine Gelegenheit, extrem erfinderisch zu sein. In punkto Veranstaltungsformat gibt es wenige Dinge, die wir nicht ausprobiert haben. Das ist ja ganz interessant, es gibt zwar das Orchestre Philharmonique du Luxembourg seit den 1930er Jahren. Der Gründer war ein Freund von Béla Bartók, und sie haben mit ihm zusammengearbeitet. Seit den 1960er Jahren war es eines der Lieblingsorchester von Olivier Messiaen. Leider hat das nicht dazu geführt, dass im Land eine Begeisterung für zeitgenössische Musik im Sinne einer entwickelten Szene entstand. Dennoch gibt es eine allgemeine Offenheit dem Neuen gegenüber. Deshalb muss man sich als Programmmacher gute Argumente einfallen lassen, damit die Menschen dann auch wirklich ins Konzert kommen. Einfach nur auf ein Plakat zu schreiben »Zeitgenössische Musik« oder »Helmut Lachenmann«, das funktioniert nicht, weil kein Gespür für diese Szene und ihre großen Namen vorhanden ist. Das ist eigentlich eine sehr spannende Situation, weil man selber darüber nachdenken muss, warum etwas gut ist. Wie kann ich das erklären? Warum soll man da hingehen? Es bringt nichts, zu sagen, Lachenmann ist »wichtig«. Was sind also die guten Gründe, um sich seine Musik anzuhören?

Der Festivalname Wien Modern wurde 1988 erfunden. Was bedeutet für Sie eigentlich der Begriff modern im Jahr 2016?

Es ist ein spannender Aspekt am Begriff »modern«, dass er alles und nichts bedeutet. Einerseits gibt es eine wissenschaftliche Debatte um die historische Moderne, die Zeit, in der tatsächlich Mahler und Schönberg in Wien gearbeitet haben, und andererseits ist es ja ein Wort der Alltagssprache, das für jeden ein bisschen anders riecht. Das Wort »modern« ist eigentlich nicht mehr sehr modern. Aber dass man sagt, man zeigt jetzt Wien, und zwar modern, das halte ich immer noch für ein Statement, weil Wien doch in vielerlei Hinsicht noch sehr museal ist. Diese Behauptung, Wien soll sich einen Monat lang von seiner modernen Seite zeigen, die finde ich immer noch wichtig. Wenn ich jetzt Synonyme zu »modern« nennen soll, sind das für mich: »innovativ«, »erfinderisch«, »neu«, »offen«, »nicht von der Stange« und überhaupt Dinge mit einem künstlerischen und ästhetischen Anspruch.

Möchten Sie neben den schon erwähnten Programmpunkten noch andere hervorheben?

Peter_Jakober_c_Franz_Reiterer.jpgJa, beispielsweise die drei Comprovise-Abende im Brick 5. Das ist die Fortsetzung zum ersten Comprovise, das es 2009 in Köln, organisiert von Tiziana Bertoncini und Thomas Lehn, gegeben hat. Heuer machen die beiden das in Wien, weil sie ja inzwischen hier wohnen. Es sind auch noch Nina Polaschegg und Bruno Strobl dabei, und sie haben gemeinsam ein Programm gemacht, das untersucht, wo die Grenze zwischen Komposition und Improvisation verläuft. Da ist zum Beispiel ein Stück von Peter Jakober dabei, der ja letztes Jahr bei Wien Modern der Erste Bank-Kompositionspreisträger war. Ein komponiertes Stück, wo plötzlich mitten drin Improvisationsmomente vorgesehen sind, die durch Cues von Thomas Lehn am Synthesizer getriggert werden. Spannende Begegnungen und Übergangsformen dieser manchmal so verschiedenen Welten.

Vielleicht sollte ich auch noch die Late Nights erwähnen, wir haben eh schon viel über Klassik, Goldenen Saal und Orchester geredet. Es gibt fünf Late Night-Konzerte, eines davon ist das erwähnte Konzert von Anna Spina im Stephansdom, ein weiteres Eva Reiter im Elektro Gönner. Gerhard_R__hm_c__HBF_Pusch.jpgDann haben wir im Café 7*Stern Hannes Löschel und Elisabeth Flunger mit Stücken aus den 1990er Jahren, die sie jetzt auf CD rausbringen. »Brandstätte«, das Gründungskonzert der neuen Improvisations-Konzertreihe der SFIEMA (Society for Free Improvisation and Experimental Music Austria), kuratiert von Mia Zabelka, und die Präsentation des neuen Albums von Radian sind weitere Late Night Konzerte, einmal im Cafe Korb und einmal im Semperdepot.
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen: Gerhard Rühm bekommt eine Personale in der Alten Schmiede. Diese Kombination von Hochglanz und Off-Locations, die hat ja in Wien, wenn man jetzt Standortbestimmung betreibt, eine lange Geschichte. Friedrich Cerha, der ja zu den prominenten Geburtstagskindern bei Wien Modern 2016 gehört, war ja wie Gerhard Rühm in den 1950er Jahren Mitglied des Art Club, und dieser Art Club hat sich im sogenannten Strohkoffer getroffen. Das war ein Kellerlokal unter der Loos-Bar. Ich glaube, das Gedränge und die schlechte Luft waren damals die Brutstätte von etwas radikal Neuem, während im Konzerthaus noch Igor Stravinsky und Paul Hindemith gespielt wurden. Ich finde es sehr erfreulich, dass wir bei Wien Modern tatsächlich diese Spannweite abbilden können.

Text: Michael-Franz Woels | 28.10.2016

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