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Manifesta 11: Raus aus den Kunsträumen, rein in die Stadt

Text: Klaus Moser | 02.09.2016
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Pavillon of Reflections
© Manifesta 11 / Nora Hauswirth
Die elfte Manifesta in Zürich unter dem Motto »What People Do For Money« ist gelungen: Die Europäische Biennale für Zeitgenössische Kunst versteht es, relevante Kunst und KünstlerInnen durch kluge Konzeption und Präsentation der Öffentlichkeit näherzubringen. Verantwortlich dafür ist das Manifesta-Team unter der Leitung von Direktorin Hedwig Fijen und dem deutschen Kurator und Künstler Christian Jankowski. 

Kurator Christian Jankowski setzt bei der Manifesta auf die Wirkung von ungewöhnlichen Zusammenarbeiten zwischen internationalen KünstlerInnen und EinwohnerInnen der Stadt Zürich. Er selbst hat als Künstler unter anderem schon mit Magiern, Politikern, Hoteliers und Vatikan-Mitarbeitern Kunst gemacht. Als Kurator konfrontierte er nun alle teilnehmenden KünstlerInnen mit einer Liste von über tausend Zürcher Berufsgruppen. JedeR KünstlerIn wählte eine Berufsgruppe aus und das Team der Manifesta suchte aus dieser Berufsgruppe passende Zürcher GastgeberInnen (z. B. eine Lehrerin, einen Hotelier, einen Angestellten eines Klärwerks oder eines Friedhofs), die sich mit den KünstlerInnen auf Kollaborationen – sogenannte »Joint Ventures« – einließen. Im besten Fall holten die GastgeberInnen die KünstlerInnen am Flughafen ab und zeigten ihnen Zürich und ihre Arbeitsplätze.

Die entstandenen Werke der KünstlerInnen werden an vielen verschiedenen Orten präsentiert: in Kunstinstitutionen wie dem Löwenbräukunsthaus oder dem Helmhaus beispielsweise. Weitere Werke werden aber auch an jenen Arbeitsplätzen präsentiert, wo sie entstanden sind. Diese sogenannten »Satelliten« sind so unterschiedlich wie die Zürcher Berufsgruppen: vom Klärwerk Werdhölzli, dem Literaturgymnasium Rämibühl, der Hirslanden Klinik, dem Hotel Rothaus und dem Friedhof Enzenbühl bis zur Universität Zürich.

Die KünstlerInnen und ihre Zürcher KollaborateurInnen wurden von Filmteams begleitet und der Schaffensprozess dokumentiert. Diese Dokumentationen werden wiederum im »Pavillon of Reflections« gezeigt. Der großzügige Holzbau wurde prominent auf dem Zürichsee als schwimmende Plattform errichtet. Er lädt täglich zur Reflexion der mehrteiligen Arbeiten ein und trägt somit zur Vervollständigung des Gesamtbildes über das Schaffen der KünstlerInnen bei. Außerdem kann der in Zusammenarbeit mit StudentInnen der ETH Zürich geschaffene Bau als Bar und Schwimmbad genutzt werden.

Schließlich finden im Cabaret der Künstler – Zunfthaus Voltaire (dem Geburtsort des Dada) zusätzliche Joint-Venture-Performances von KünstlerInnen und Nicht-KünstlerInnen statt. Spontane PerformerInnen können dort jeden Mittwochabend auf die Bühne treten. 

Durch dieses clevere Konzept schafft es der Kurator Christian Jankowski, die im Bereich der zeitgenössischen Kunst oft unterstellte Zutrittsschwelle zu senken. Er involvierte nicht nur die Zürcher Bevölkerung, indem er sie mit KünstlerInnen zusammenführte. Durch die filmische Dokumentation der Projekte, die sehr oft von Jugendlichen bzw. SchülerInnen durchgeführt wurde, führte Jankowski auch diese an die Kunst heran und ermunterte sie, sich mit der Kunst – zum Teil auch zum ersten Mal – auseinanderzusetzen.

»What People Do For Money«

Zürich ist als Epizentrum des globalen Finanzmarktes für das Motto »What People Do For Money« prädestiniert. Die Hauptausstellung »The Historical Exhibition: Sites Under Construction« im Helmhaus und im Löwenbräukunsthaus untersucht dabei die Berufswelt und ihren großen Einfluss auf das Individuum. Neben Werken von Andrei Tarkovsky, Momoyo Torimitsu, Rachel Harrison und vielen anderen sind dort auch bereits Teile der 30 für die Manifesta in Zürich geschaffenen Auftragsarbeiten von KünstlerInnen wie Maurizio Cattelan, Mike Bouchet, Michel Houellebecq, Santiago Sierra, Teresa Margolles, Jennifer Tee, Jorinde Voigt, Yin Xunzhi und vielen mehr zu sehen.

Maurizio Cattelan hat sich für sein Comeback in der Kunstszene mit der paraolympischen Weltmeisterin Edith Wolf-Hunkeler zusammengetan. Er fotografierte sie im Rollstuhl sitzend, wie sie scheinbar über den Zürichsee gleitet. Catellan inszenierte das Sujet so, dass das unter dem Rollstuhl befestigte Floss unter Wasser blieb und somit für die BetrachterInnen nicht sichtbar ist. Dadurch erinnert das Werk an Jesus, wie er über das Wasser schreitet. Das Floss mit dem Rollstuhl ist zusätzlich auch neben dem Pavillon of Reflections zu sehen.

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 Maurizio Cattelan, Untitled, Löwenbräukunst. Photo © Manifesta11/Wolfgang Traeger


Mike Bouchet wiederum hat mit dem Verfahrensingenieur Philipp Sigg vom Klärwerk Werdhölzli zusammengearbeitet. Bouchet verformte den Klärschlamm bzw. die Fäkalien der Zürcher Bevölkerung, die am 24. März die Toilette benutzte. Die entstandenen großen Blöcke beeindruckten aufgrund der ausladenden Präsentation im 2. Stock des Löwenbräukunsthauses mindestens genauso wie der dadurch entstandene Geruch. Nach einem Schnappschuss heißt es, nichts wie raus. Der Pavillon of Reflexions ermöglicht dann eine längere Auseinandersetzung mit dem Werk. Die Interviews mit den Angestellten des Klärwerks legen die Skepsis der kunstfernen Bevölkerung offen. Gleichzeitig erkennen sie jedoch einen Sinn in dem Kunstwerk, wenn dadurch ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit gezeigt wird.

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Mike Bouchet, The Zurich Load, Löwenbräukunst. Photo © Camilo Brau

Beeindruckend und auch bedrückend ist die Arbeit von Teresa Margolles. Ihr Plan war es, ein Pokerspiel zwischen mexikanischen transsexuellen Sexarbeiterinnen im Hotel Rothaus im Rotlichtviertel Zürichs zu inszenieren. Im Dezember 2015 wurde jedoch eine Kollaborateurin ermordet, eine weitere sitzt in El Paso im Gefängnis. Das Pokerspiel wurde schließlich in Mexiko gedreht und ist im Löwenbräukunsthaus mit ergänzenden Fotos zu sehen. Im Hotel Rothaus erinnert nun ein Bild der Ermordeten und ein Interviewmitschnitt an den Femizid.

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Teresa Margolles, Satellite Rothaus. Photo © Manifesta11/Wolfgang Traeger


Wer die Manifesta 11 besuchen möchte, sollte sich beeilen: Nur noch bis zum 18. September läuft die Europäische Biennale für Zeitgenössische Kunst in Zürich, bevor die Umsetzung für die zwölfte Manifesta in zwei Jahren in Palermo beginnt. Allen Schnellentschlossenen sei geraten, sich zumindest einen Tag dafür Zeit nehmen. Wer die vielen Satelliten besuchen möchte, sollte zumindest noch einen weiteren Tag anhängen und dabei die unterschiedlichen Öffnungszeiten der Satelliten beachten.

Alle Informationen zur Manifesta 11 unter www.manifesta.org

Text: Klaus Moser | 02.09.2016

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