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Es gibt kan Gott

Text: Stefan Koroschetz | 20.07.2016
Mit Sigi Maron ist Anfang der Woche eine der wichtigsten politischen und musikalischen Stimmen Österreichs für immer verstummt. Er wurde 72 Jahre alt.

Als Sigi Maron 2010 nach langer krankheitsbedingter Pause wieder auf die Bühne zurückkehrte, war auch in skug-Kreisen Freude darüber zu vernehmen, einige der schärfsten Protestsongs, die dieses Land je gehört hat, endlich einmal live ausgelassen mitgrölen zu können. Beim Volksstimme-Fest der KPÖ gab es seitdem einige Male Maron live mit seiner neuen Band, den Rocksteady Allstars, zu erleben, und es war auch für mich befreiend, erstmals den legendären Refrain »Leckts mi am Oasch« von der »Ballade von ana hoatn Wochn«(1978) hemmungslos hinauszuschreien. Das Stück ist von seiner Struktur her so gebaut, dass sich beliebig viele Strophen – je nachdem was politisch gerade besonders virulent war – im Sprechgesang aneinanderreihen lassen, wodurch es bei den Shows auch immer aktuell war. Das perfekte Protestlied und Zornventil gleichermaßen.

Von Arena bis Hainburg
Geboren wurde Siegfried Maron 1944 in Krems, ab seinem 12. Lebensjahr war er nach einer Erkrankung an Kinderlähmung auf den Rollstuhl angewiesen. Das Gitarrespielen lernte er anfangs nur, um seine Finger zu trainieren, in guter Woody-Guthrie-Tradition blieb er dem Instrument (dem bei Maron nur die Aufschrift »This Machine Kills Facists« fehlte) das ganze Leben lang treu. Neben seinem Albumdebüt »Schön is das Lebn«(1976) war es im selben Jahr die Wiener Arena-Besetzung, bei der sich Maron, ganz in seinem Protestelement, profilieren konnte. Von da an war es auch nicht mehr weit zu den Protesten von Zwentendorf und Hainburg, bei denen Maron sich im Dienst der guten Sache von seiner verbalrabiaten Seite zeigen konnte. Auf seiner zweiten LP, »Laut & Leise« (produziert von den Schmetterlingen, 1978) finden sich neben der bereits erwähnten »Ballade von ana hoatn Wochn« noch zwei absolute Klassiker, die bei keinem Konzert fehlen durften: »Mizzitant« und »Hausmasta«, Stücke die schon lange zum österreichischen UNESCO-Protest-Kulturerbe gehören. Das Album »He, Taxi« (1979) konnte mit »Andreas«, einer beeindruckend intensiven Übertragung von Fabrizio de Andrés »Andrea« ins Wienerische, einen nicht eben kleinen Hit in der Ö3-Hitparade parken, das Beste sollte aber noch kommen.

Transatlantische Kollaboration
Angeblich war es Wolfgang Kos von der Musicbox, der Maron mit Bob Ward, dem Produzenten des musikalisch und menschlich ähnlich gelagerten Kevin Coyne (dessen Texte Maron auch ins Wienerische übertrug) zusammenbrachte. »5 vor 12« (1981), die Platte mit der markanten Digitaluhr am Cover, und »Der Tag is net weit« (1982) sind Ergebnisdieser extrem fruchtbaren Kollaboration, die Maron-Songs erstmals im Kontext einer fulminant aufspielenden Band präsentiert. maron4.jpgBeim aktuellen Wiederhören ist es erstaunlich, wie frisch der Sound dieser Aufnahmen heute noch klingt. Neben den Verbalinjurien, die Maron im Dienst des Protests mit gerechtem Zorn aufgeladen von sich gibt, zeigt sich hier auch die andere, die leise, poetische und ziemlich traurige Seite des Sigi Maron. Höhepunkte unter den Stücken sind etwa »De Spur von dein nokatn Fuass« (unlängst von Ernst Molden & Der Nino aus Wien auf »Unser Österreich« interpretiert) oder »Schön is des Lebn« vom Debütalbum.

Geh no net furt
Zu Marons größtem Hit sollte letztlich eine Kooperation mit Konstantin Wecker führen. Auf dem gemeinsam eingespielten Album »Unterm Regenbogen« (1985) war das Stück »Geh no net furt«, ein Anti-Suizid-Song (der von manchen als Liebeslied missinterpretiert wurde), das sich zu einem Radiohit entwickelte. Dass der Song starke Ähnlichkeit mit einer Ray-Davies-Komposition aufweist, soll ihm noch manche Probleme bereitet haben. In den 90ern verschlug es den Liedermacher in die Untiefen des Fernsehens, in Helmut Zenker's Nonsens-Serie Tohuwabohu, in der u.a. auch Franz Schuh, Lukas Resetarits und Vera Russwurm mitspielten.

Spätes Comeback
Dass Sigi Maron 2012 im Wiener Radiokulturhaus auftreten und sogar eine Live-CD (»Es is net ollas ans«) aufnehmen konnte, muss ihm späte Genugtuung gewesen sein. Nur wenige Meter entfernt hat er Anfang der 80er-Jahre im Zuge eines Protests gegen Ö3 seine Notdurft verrichtet, was ihm einen Kurzaufenthalt in der Psychiatrie Maria Gugging einbrachte. 2010 war Maron mit den Reggae-lastigen Rocksteady Allstars und dem Album »Es gibt kan Gott« nach langer Unterbrechung wieder präsent und demonstrierte – wenn auch gesundheitlich angeschlagen – noch einmal seine Klasse als Songwriter und bei aller angebrachten Empörung immer auch witziger Performer.

Der Kampf für das Gute endet nie
Als überzeugter Atheist und Kommunist waren Marons Feindbilder die Banken, das Glücksspiel, die Ausbeuter, die Rechten, das Kapital, Naturzerstörung sowie, wenig überraschend, der Typus des Berufspolitikers und noch vieles mehr. Dass eventuell in der linken Reichshälfte des Kommunismus und des real existierenden Sozialismus auch nicht immer alles ganz mit rechten Dingen zugegangen ist bzw. zugeht, hat Maron eher unterbetont. Mit »Dynamit und Edelschrott« (2014) veröffentlichte Maron mit den Rocksteady Allstars noch ein würdiges Abschiedsalbum, das den Geist der Kollaboration atmet. Mit von der Partie sind Peter Turrini, Attwenger, Erdal Abaci etc., die das Album stilistisch breiter aufstellen. Abschied von der Bühne nahm Maron im Gegensatz zu Drahdiwaberl unaufgeregt Ende 2014. Und ja, er wird fehlen, der Sigi Maron mit seiner oft derben Direktheit und seinem Mut, sich ohne Rücksicht auf Verluste gegen Ungerechtigkeit und die Machthaber zu richten. Weil das Gute sich durchsetzen muss, wenn es schon keinen Gott gibt.

Text: Stefan Koroschetz | 20.07.2016

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