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»Suicide: No Compromise«

Text: Frank Jödicke | 19.07.2016
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Fritz Ostermayer herzt Alan Vega
Fotos: © Magdalena Blaszczuk
Zum Tod von Alan Vega, * 23. Juni 1938, † 16. Juli 2016.

Alan Vega ist tot. Der Mann, der sein Leben lang mit seiner Formation Suicide den letztmöglichen Übertritt beschwor, entschlief im hohen Alter von 78 Jahren friedlich im Kreise seiner Familie. Als Alan Vega gemeinsam mit Martin Rev Anfang der 70er-Jahre begannen, alles, was ihnen ästhetisch-musikalisch in die Finger kam, kaputt zu klopfen, war er schon zu alt, um in der Selbsttötungsankündigung jugendlich-romantische Spekulation zu sehen. Es war einfach die gültige Reaktion auf die Lage. Politik, Medien, Musik waren ein steter Quell der Inspiration, sich in den Kopf zu schießen. Folglich war der Name das richtige Programm zur rechten Zeit. Ändern mussten sie ihn nie.
Zu der Zeit, als Vega und Rev die Arbeit aufnahmen, hatten Elektronikpioniere seit gut zehn Jahren versucht, den neuen, mittlerweile recht leicht verfügbaren Gerätschaften Wohlklang zu entlocken. Suicide erkannten in den Synthis Lärmapparaturen, mit denen sie ihr Zeitgefühl einfangen konnten. Also verdrehten sie die Regler so, dass nicht elektrisch erzeugte Chopinsche Streicherharmonien hervorsäuselten, sondern klopfend-stotternde Motoren zu hören waren, inklusive Fehlzündungen. Den Klangteppich elektronischer Rhythmen und Störgeräusche kontrastierte Martin Rev mit simplen und gemütlichen Melodeien. Erst diese Ironie süßlichen Klingklangs inmitten von Geschrei und Geknatter brachte den Topf zum Überkochen. Das Ganze wurde noch garniert mit Alan Vegas Fähigkeit, wie ein Komet in den Bühnenraum einzuschlagen, und daraus ergab sich ein Set aus Pre-Punk, Pre-Industrial, Pre-Noise, Pre-Techno, Pre-Indie und Pre-Wir-stecken-das-Scheißhaus-jetzt-wirklich-in-Brand.

Keep those dreams burnin‘ forever

_SUICIDE00.jpgIhre Arbeitsweise begriffen Vega und Rev als eine Form der Bildhauerei, bei der wie aus einem Tonklumpen (»Lump of Clay«) der einzelne Klang herausgelöst und neu zusammengefügt wurde, bis eine Art »Wall of Sound« entstand. In ihrer frühen Phase machte das Duo 1977 eine einzige LP: »Suicide«. Zwar folgten in den nächsten Jahrzehnten noch vier weitere, diese konnten aber allesamt – obwohl teils gelungen – nicht mehr die Wucht des legendären Beginns vermitteln. Alan Vega wirkte nicht wie ein Mensch, den dies betrübte. Ausgerüstet mit einem klaren Gefühl für die Form und die Möglichkeiten seiner Gestaltungen, bedachte er Misserfolge mit einem »If it doesn’t work, fuck it anyway.« Außerdem ist uns von Alan Vega und Martin Rev, die als Suicide bis zum Schluss noch gemeinsam auftraten, der schöne Satz übermittelt: »Wir sind zu alt, um zu proben«.
Dass nun gerade Alan Vega, der Bildhauer, Maler, Politaktivist (er war Mitglied der Art Workers’ Coalition, die die gesellschaftlich-ökonomischen Grundlagen des Kunstmarktes transparent macht), Sänger, Komponist und Performer, der lebenslang den Suizid als adäquates Verhältnis zur Welt zumindest nicht ausschloss, sanft entschlummerte, ist eine Pointe, die sich gegen das abgestumpfte, bürgerliche Empfinden richten lässt. Denn wohl nur Vega hatte genug angerichtet, um sich einen ruhigen Tod zu gönnen.

Als selbstverfasstes Requiem hier der sanfte Song »Dream Baby Dream« (eigtl. »Keep Your Dreams«), den viele wohl nur in der Version eines gewissen Bruce Springsteen kennen, dem es gelang, dem Stück die verbliebenen Ecken und Kanten abzuschleifen.

Wer ansonsten den Suicide-Krach nicht so kennt, kann versuchen, in dieser Aufnahme etwas zu erkennen.

 


Text: Frank Jödicke | 19.07.2016

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