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Ingeborg Bachmann: Krieg gegen sich selbst

Text: Kerstin Kellermann | 11.07.2016
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Die Kärntner Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wäre am 25. Juni 90 Jahre alt geworden. Eine Würdigung anlässlich der Doku »Ähnlichkeiten mit Bachmann« (2008) von Angelika Kellhammer, der die am 20. Juni 2016 im Rahmen des Kulturmontags auf ORF 2 gezeigt wurde.


»Und sollten sie mich verzehren, diese hinrichtenden Gedanken, die in mir aufgestanden waren, sie würden niemand treffen, wie dieser Mörder niemand gemordet hatte und nur ein Opfer war – zu nichts. Wer aber weiß das? Wer wagt das zu sagen?«

»Krieg ist der Wunsch jemand anderen zu beherrschen. In jedem von uns«, schrieb die Dichterin Ingeborg Bachmann nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater war einer der ersten Nazis in Kärnten – ein Umstand, den sie in Interviews nie thematisierte, denn sie mochte und schützte ihn. Von Beruf war er Lehrer und hatte mit Kindern zu tun. Ihre innere Zerrissenheit zwischen Liebe und Zerstörung, der Preis für diesen Zwiespalt, war ihr eventuell gar nicht bewusst. Der Krieg zieht sich aber durch Bachmanns Werk, vor allem der Krieg gegen sich selbst.

Schrecklich zu lesen, wie im Roman »Malina« eine Person Feuer legt und ihr eigenes Zuhause abbrennt. Im Film »Malina« kommt diese Szene ebenfalls vor. Es wurde interpretiert, dass die in Malina vorkommenden Personen innere Figuren von Bachmann selbst sind seien – wie sie typisch sind, nach traumatischen Erlebnissen – gemäß ihrer Zeit unter anderem eine männlich-rationale und eine weiblich-emotionale. Ein alter Mann kommt vor und ein junger, der Liebhaber, der die weibliche Figur aber auch im Stich lässt. Bachmann sah Literatur als Utopie, als eine Möglichkeit »das Unsagbare« zu fassen. Es ging ihr oft um Gewalt und Zerstörung in Beziehungen, wie zum Beispiel in »Ein Schritt nach Gomorrha« in dem Erzählband »Das dreißigste Jahr«.

Friedhof der ermordeten Töchter

In dem Dokumentarfilm »Ähnlichkeiten mit Bachmann«, der vor kurzem Montag Nacht im Fernsehen gezeigt wurde, erzählt eine Freundin Bachmann, dass sie träumte, sie hätte ihren Vater ermordet. Ingeborg Bachmann erleidet einen Schock und stellt sich auf den Balkon, um eine zu rauchen. Nach einer Weile kehrt sie zurück und meinte: »Sie können ihren Vater töten, Inge, ich träume vom Friedhof der ermordeten Töchter.« Sie wird schon gespürt haben, dass ihr Vater untergründig zerstörerische Tendenzen in sich trug. Da sie dieses eigene Wissen aber als liebendes Kind nicht zulassen durfte, lebte sie die Zerstörung in sich und ihren Beziehungen aus und zog auch dementsprechende Männer an. Die zum Teil aber andere Traumata in sich trugen, wie Paul Celan zum Beispiel. Es ist schlimm, wenn ein Mädchen die Probleme ihres Vaters in sich austrägt und wenige Auswege sieht, ihr eigenes, geteiltes Ich zu leben.

»Es hallte in mir die Nacht, und ich war in meinem Wahn. Als ich am Morgen heimkam und kein Aufruhr mehr in mir war, als ich nur dastand in meinem Zimmer, stand und stand, ohne mich bewegen zu können, fahl und gedankenlos, sah ich auf der Innenfläche meiner Hand das Blut (Anm.: von einem ehemaligen Soldaten, der sich nach einem Gespräch in einem Wirtshaus erschossen hatte). Ich erschauerte nicht. Mir war, als hätte ich durch das Blut einen Schutz bekommen, nicht um unverwundbar zu sein, sondern damit die Ausdünstung meiner Verzweiflung, meiner Rachsucht, meines Zorns nicht aus mir dringen konnten. Nie mehr. Nie wieder. Und sollten sie mich verzehren, diese hinrichtenden Gedanken, die in mir aufgestanden waren, sie würden niemand treffen, wie dieser Mörder niemand gemordet hatte und nur ein Opfer war – zu nichts. Wer aber weiß das? Wer wagt das zu sagen?« (Aus: »Unter Mördern und Irren«) Bachmann verzieh sich ihren Zorn nicht und richtete ihn lieber gegen sich selbst, denn sie wollte nicht wie ihre Feinde sein.

Verlorenes Kind am Apfelbaum

In dem Dokumentarfilm erinnert sich ihr Bruder Heinz Bachmann völlig entspannt an ihr Lachen. Er war viel jünger und er mochte sie. Sehr kärntnerisch sind die Ausschnitte, in denen sie selbst ihre Gedichte liest. »Abgetan lange schon. Mit nichts bedacht.« Eine große Trauer und Verlassenheit trug sie mit sich herum, bis zu ihrem frühen Tod nach einem Brand und dem anschließenden Medikamenten-Entzug. Leider hat sich in ihr nicht das Mädchen durchgesetzt, das auf den Apfelbaum stieg, um nachzudenken, nachdem es in Klagenfurt einen jüdischen Mann kennengelernt hatte, der als Kind vor den Nazis fliehen musste. Oft wirkt sie wie ein verlorenes Kind in Erwachsenen-Angelegenheiten. »Ich habe einen Sessel in den Garten gestellt und lese. Ich habe mir fest vorgenommen, weiterzulesen, wenn die Bomben kommen« (Aus: »Kriegstagebuch. Mit Briefen von Jack Hamesh«). Der Vater rettete sie vor dem Eingezogenwerden nach Polen. Dort hätte sie Panzerfäuste herstellen müssen.

»Ähnlichkeiten mit Bachmann«: TV-Film 2008, Regie: Angelika Kellhammer


 


Text: Kerstin Kellermann | 11.07.2016

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