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»Holy, Holy, Holy« Patti Smith predigt in Wien

Text: Frank Jödicke | 06.07.2016
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Patti Smith »Nacht gegen Armut«
© Matthias Hütter/Volkshilfe Österreich
Die »Godmother of Punk«, am 4. Juli 2016 bei der Volkshilfe-»Nacht gegen Armut« in der Arena Wien. Patti Smith liefert ein routiniertes Konzert ab, auf dem ein paar Mut machende Dinge gesagt werden und das Publikum daran erinnert wird, welch singulären Weg diese Künstlerin beschritten hat – durch das Dickicht von Beatpoetry, Punkrock und immerwährendem Ausbruchsversuch.

Protestantische Priester sind genauso stressig wie katholische – nur in etwas anderer Weise. Ingmar Bergman wusste dies als Sohn eines lutherischen Pastors sehr genau. Einmal fuhren die beiden in Schweden übers Land und gingen einander mächtig auf den Geist. Aufgrund gewisser Zufälle kamen sie zu einer Kirche. Der junge Pfarrer dort war krank und wollte den Gottesdienst absagen. Bergmans Vater war empört, schwang sich in die Kluft und übernahm die Show. Protestant work ethic – old school. Ingmar Bergman musste in der Kirchenbank Platz nehmen, blies die Backen auf und erwartete die väterliche Sendung. Der Vater bestieg die Kanzel und sprach die Worte »Helig, helig, helig.« Wenn es etwas gibt wie einen Bruch im Bruch, dann war dies einer. Das Verhältnis der beiden blieb zerrüttet, aber ein Gefühl für die Überwindung ihrer Entfremdung im Umgreifenden kam bei Ingmar Bergman auf, der später versuchte, diese Einsicht in einem der besten Filme, die je gedreht wurden, »Nattvardsgästerna« (»Licht im Winter«), erlebbar zu machen.
mps1.jpgPatti Smith ist übrigens eine Wanderpredigerin. Sie betritt die Bühne in Wien mit den Worten »Holy, holy, holy.« (Schwedische Übersetzung: siehe oben.) Die Worte sind von Allen Ginsberg: »Holy is the mind, the hand, the cock, the asshole. Everybody is holy.« Patti Smith meint dies so, sie liefert keinen intellektuellen Firlefanz, sondern leibhaftigen Content. Aufgewachsen im Umfeld der Beat Generation weiß sie, dass die Kräfte, die irgendwie in Verbindung stehen mit der Entstehung dieses Universums, zwar von den Religionen verdünnt und unzulässig eingeengt wurden, zugleich aber immanent wichtig sind, aufgegriffen werden müssen und in die Kunst hinein gehören. Der Verstand ist ein ständig zu erweiterndes Feld. Mohammed mag durch sieben Himmel gewandert sein, sie – Patti Smith – interessiere nur der achte, zehnte, tausendste. Amerikanerinnen sind zuweilen unersättlich, allerdings auch modern. Es gibt keine Grenzen, alle erweisen sich als vorläufig, zufällig gesetzt. Menschen brauchen nur die einzige Sorge zu haben, ihre Imaginationskraft zu verlieren, alle anderen Ängste sind letztlich nichtig. Die gerade noch zu erreichende Freiheit liegt immer hinter dem nächsten »Door of perception«, der »Break on through« kann nicht abgeschlossen werden. Das ist es, was sie versucht, in ihrer Kunst aufzuzeigen.

»I fucked this song up«
Jahrzehntelange Konzertroutine ist mit dieser Einsicht selbstverständlich nur bedingt in Verbindung zu bringen. Das weiß Patti Smith selbst am besten. Sie bedankt sich beim artig enthusiasmierten Publikum, gesteht aber ein, sie habe die letzten beiden Songs völlig verhauen. Vielleicht, meint sie lachend, verhaut sie heute Abend noch mehr Songs. Ganz falsch liegt sie da nicht. Ihre Band lässt den Strom der Musik mitunter soßenartig werden, rettet sich dann aber wieder in intensivere Passagen. Die Jungs sind allerdings auf der sicheren Seite, denn der Gestaltungsreichtum und das Timbre der Stimme Patti Smiths brechen ihnen zuverlässig eine Bahn. Nicht zu vergessen Pattis Bühnenpräsenz. Gerne lässt sie ihre Hände über einen imaginären Glaskubus gleiten, den sie vor sich schweben sieht. Es sind diese Momente, die das Publikum einfangen, in denen sich Stimme, Körper, Musik zu einer konzentrierten Form vereinen.
Ihr Spektrum reicht an diesem Abend vom von Akustikgitarren begleiteten Folksong bis zum punkrockigen Stromgitarrenzerfleddern. Sie trägt ihre Version von Prince’s »When Doves Cry« entspannt vor, gerät bald darauf in eine Art Glossolalie, schreit zitternd »Transcend!« und »Move in another dimension!«, um sich später wieder in feiner Rockharmonie mit den Gitarren und dem Backgroundgesang der Gitarristen zu vereinen. Sie liefert ihr »Because the Night (Belongs to Lovers)« und »People Have the Power« ab und es muss festgehalten werden, dass das, was sie vor Jahrzehnten schrieb, heute noch frisch wirkt. Die versammelte Gemeinde in der Wiener Arena singt inbrünstig mit. Es sind einfach gute Songs. Am Ende des Konzertes meißeln Patti Smith und ihre Band einen herrlichen, riesigen Block aus droneartig verzerrten Elektroklängen, der darin gipfelt, dass sie aus ihrer E-Gitarre unter Krachen und Knallen der Verstärker die Saiten herausreißt. Triumphierend hält sie das Instrument in die Höhe: »This is the best weapon we have!«

»I’m a nigger of the universe«
Vermutlich ist ihre Musik jene feste Stütze, die es Patti Smith erlaubt, jederzeit Haltung zu zeigen. Legendär ihr gelebter Feminismus. Von überforderten Journalisten befragt, was sie denn von Bob Marley, Bob Dylan etc. halte (allesamt Männer, eh klar), antwortete sie nur: »Sexy.« Sind halt alle sexy – aus. Soll sie die Herren komplexer würdigen, die Frauen meist nur beschauen? In Wien widmet sie einen Song Julian Assange, der zwar körperlich in Haft, aber dennoch geistig frei sei. Das Konzert in Wien fand am 4. Juli statt, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Patti Smith weiß diesen Anlass richtig zu würdigen. Mit der Befreiung der amerikanischen Bevölkerung sei wenig erreicht, wenn der große Rest der Welt noch immer unfrei ist. Einen wahren Independence Day gäbe es erst dann zu feiern, wenn alle frei seien.
Zuvor hatte Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe, die das Event »Nacht gegen Armut« in der Wiener Arena organisiert hat, bereits an die entscheidenden Fakten erinnert. Noch immer verhungert alle paar Sekunden ein Kind und die Auszerrung der westlichen Sozialstaaten hat auch längst hier zu Unterernährung bei Kindern geführt. Die Mindestsicherung – ein kümmerliches Almosen – wird von den rechten und rechtsrechten Parteien in Frage gestellt, obgleich es nur ein winziger Budgetposten ist. Arme, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, werden der Faulheit bezichtigt, dabei arbeiten viele von ihnen, nur eben schlecht entlohnt. Die aber, die ohne Arbeit in Österreich sind, belaufen sich längst auf eine halbe Million. Ihnen Untätigkeit vorzuwerfen – bei nur 25.000 offenen Stellen – ist miese Perfidie.

»G. L. O. R. I. A.«
mps2.jpgAls einen ihrer letzten Songs trägt Patti Smith ihre Version von Van Morrisons »Gloria« vor. Sie war 1975 mit diesem Stück ins grelle Licht der Öffentlichkeit getreten und hatte gleich zu Beginn den vielleicht stärksten Punk-Spruch aller Zeiten geprägt: »Jesus starb nicht wegen meiner Sünden.« Volltreffer.
Haltung, Botschaft, Musik, Beschwörung des Gemeinsamen: Es war ein guter Abend, dieser 4. Juli in Wien. Einer, an dem die Anwesenden einander Mut zusprachen und an die Möglichkeit gesellschaftlicher Utopie gemahnen durften, um sich gemeinsam gegen den Rechtsruck zu stellen. Auch der jüngst bezüglich der Errungenschaften der Counterculture pessimistisch gewordene Robert Misik hat fröhlich mitgewippt. Vielleicht haben wir den Spirit noch nicht verloren und können dem immer frecher werdenden rechten Terror nochmal ein Schnippchen schlagen. Sicherlich, die Jahrzehnte kulturindustrieller Verflachung haben einen Spalt zwischen die Menschen getrieben, durch den zu befürchten ist, dass große Teile der verelendeten Massen nicht mehr verstehen, dass auch für sie gedichtet und gesungen wird. Die brechtschen »Perlen für die armen Leute« werden wütend als unverständlich und abgehoben ausgeschlagen, während sich allseits dumpfer Betäubung durch plumpe Reize hingegeben wird. Oder längst hingegeben werden muss, um dem ständig frustrierender werdenden Alltag zu entfliehen. Die Kombination von gezielter Verdummung des Ausdrucks und der politisch forcierten und instrumentalisierten Missgunst sind eine hochexplosive Mischung. Das Verbindende, das helfen kann, die gesellschaftlichen Brüche zu überwinden, mag sich gut versteckt halten, dennoch kann es gefunden werden. Möglicherweise an unvorhersehbaren Orten, wie etwa väterlichen Predigten. Ohne Frage, die Spur des Menschlichen in unserer Zivilisation wird sich diesmal tüchtig anstrengen müssen. Aber: »People Have the Power«.

Allen Ginsberg ist hier zu bewundern unter. Und wer Patti Smiths Predigtgestus genießen möchte, schaue sich einmal ihren Auftritt bei der Ausstellungseröffnung ihres verstorbenen Freundes Robert Mapplethorpe an!

Weitere Konzerttermine:
Patti Smith
09.08.2016 Frankfurt, Palmengarten (open air)
10.08.2016 Essen, Lichtburg

Text: Frank Jödicke | 06.07.2016

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