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›Fuck You, You Fucking Fucker!‹

Iggy Pop live!!!

Text: Frank Jödicke | 06.06.2016
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Fotos © Tatia Skhirtladze
Iggy Pop gab am 4. Juni bei »Rock in Vienna« auf der Donauinsel in Wien einen Eindruck wie es geht.

Also das war ein gutes Konzert. In so ziemlich jeder Beziehung. In guter alter Punk-Tradition wird auf die Bühne gerannt und losgehämmert, zehn Songs en suite, gleich zu Beginn »The Passenger« und »Lust for Life«, damit der Hitkram erledigt ist, und die üblichen Kasperleansagen ›Schön-dass-ihr-alle-da-seid-freue-mich-in-Wien-zu-sein‹ blieben dem Publikum erspart. Sound, vergleichsweise puristische Lightshow, Musiker: schlichtweg gut. Allerdings hatten den ganzen Tag schon gute Musiker und Musikerinnen sich auf der Donauinsel die Klinke in die Hand gegeben. Dass es unzählige Spitzengitarristen, Superbassistinnen und Topperformer gibt war der kaum umgängliche Eindruck des logistisch perfekt organisierten Spektakels in Wien mit seinen zwei parallel montierten Bühnen die eigentümlicherweise Mind- und Soulstage (Die Welt ist ein Designeinfall) hießen und auf deren geschlossenen Vorhängen während der Umbauten toter Heroen gedacht wurde: David Bowie und Lemmy Kilmister (Soul) und Erwin Schrödinger (Mind) dessen wie auch immer gearteter Beitrag zur populären Musik wohl bislang noch unzureichend gewürdigt wurde. Kurzum: Mando Diao, Biffy Clyro, The Subways und Juliette Lewis lieferten alles in allem ganz gute Konzerte, man und frau spielten sich die Ärsche ab, aber Iggy Pop hatte noch etwas anderes im Gepäck.

Befreite Gestalt
1968 veranstaltet im Düsseldorfer »Creamcheese« Joseph Beuys seine »Handaktion«. Beuys Hände greifen ins Leere, rhythmisch wechselnd öffnet und schließt er sie, immer wieder scheinen den Händen Gesten zu passieren, aber der Fingerzeig ist nicht dem Zeichen oder dem Willen zum Zeichengeben geschuldet, sondern entstammt einer anders gearteten, inneren Intensität. Es scheint, als würde es Beuys gelingen das Verhältnis zwischen Zeichen und Körper umzukehren: Nicht das Zeichen formt den Körper und engt ihn ein, sondern der Körper entfaltet sich frei und der Eindruck von Zeichen ist nur mehr ein nachgereihtes Abfallprodukt. Von dieser Medizin muss Iggy Pop gekostet haben. Iggy Pop gelingt es, sich über die Bühne zu bewegen als reine Erscheinung, als pures, nicht vorgeprägtes Ereignis. Er muss nicht mühsam nach Bedeutungen suchen, denn seine Gebärden scheinen befreit. In den stärksten Momenten des Konzertes bewegt sich Iggy Pop vor dem schwarzen Vorhang der Bühne wie eine langsam den Raum durchtastende Erscheinung. Ein fleischgewordenes Kleist‘sches Marionettentheater. Tatia_Shkirtladze_Iggy_Pop_4.jpgJede Faser dieses drahtigen Leibes kann Erscheinungen beschwören und segelt damit in einen befreiten Ausdruckskontext den nahezu keiner seiner hoch gepriesenen Kollegen je erreichte. Freddy Mercury hatte immer irgendetwas mit seinem Mikrophonstangerl zu deuten (Penis?), Mick Jagger muss immer dem Publikum was anweisen und so weiter. Die sind ja alle ganz gut, beziehungsweise gut gewesen, aber Iggy Pop hat so etwas nicht nötig. Er ist einfach da. An dem letztlich formal unlösbaren Problem: ›Was soll ein Sänger/ eine Sängerin auf der Bühne überhaupt tun während des Singens?‹ sind noch alle Performer mehr oder weniger gescheitert. Bei Iggy Pop wirkt es so, als hätte er durch seine einzigartige, befreite Anwesenheit (trotz gewisser Manierismen) einen Ausweg gefunden. Der Sänger von The Subways nicht, der war zuvor aus Verzweiflung ins Drumset gesprungen, um dem Konzert einen theatralischen Schluss- und Höhepunkt zu verleihen. Sein Drummer war nur mäßig angetan.  
Später wendet sich Mr. Pop dann doch noch ans Publikum und flüstert sein ›great-to-be-here‹. Allerdings wenn seine Begeisterung ebenso gespielt sein sollte, wie jene der vorherigen Acts, dann macht er es eindeutig am besten. Er reicht seinen Leib durch das Publikum das ekstatisch nach ihm greift. Kein Wunder, dass die in die Menge geworfenen Kleidungsstücke wie Berührungsreliquien behandelt werden. »I feel intimate« und das Publikum ist geneigt ihm dies zu glauben. Iggy Pop hat vom hohen Podium der Festivalbühne eine Menge Grenzen niedergerissen. Die gefühlte Nähe zu den Tausenden wirkt mindestens überraschend.

›Was dürfen wir mitnehmen?‹
Am Ende wird dann Iggy Pops Predigt noch sehr konkret. Die wenigen Ankündigungen seines Konzertes hatte er stets – wie es sich gehört – mit »fucking« eingeleitet. Jetzt am Ende legt er noch einmal los. Er sei ›fed up with all those fear‹ (»Everybody is fucking scared«) und hat vielleicht einen Vorschlag für die Rufmord-Todesschwadrone des Internets, also an all die Blogger und Poster die mit heruntergelassenen Hosen hinter der Hecke stehen und die Welt in ihren anonymen Kommentaren ertränken: Fresst eure Laptops, Tablets, Phones etc. und scheißt sie mitsamt euren Worten wieder aus. »Take your foul-mouthed [..] I hope you shit it out!« Erwägenswerter Tipp eines Denkers aus dem analogen Zeitalter der den Digitalen ein besseres, weil innerlicheres, Verhältnis zu ihren Ausscheidungen vorschlägt. Danke Iggy und überhaupt.

P.S.: Sollte sich jemand wenig enthusiasmiert über die neue Platte geäußert haben, dann geschah dies wohl aus gutem Grund. Nach dem Konzert muss allerdings eingeräumt werden: die Songs »Gardenia« und »Break Into Your Heart« funktionieren live sehr gut. Siehe skug online:  Athletischer im Ruin, 12.04.2016

Text: Frank Jödicke | 06.06.2016

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