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Sprengende Kunst gegen »Schütteltrauma«

Text: Kerstin Kellermann | 19.05.2016
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Kann bitte jemand schnell ein Antikriegsmuseum sponsern, um die ganzen Mord- und Todeserfahrungen verschiedener vom Krieg betroffener Menschen zu beleuchten?

Fotos: © Magdalena Blaszcuk


Eigentlich hätte man aus den Neue Burg-Gebäudeanteilen am Wiener Heldenplatz ein Antikriegsmuseum machen sollen, kein edles Haus der Geschichte. Mit Bungee jumpenden Flüchtlingen, die sich vom Balkon, auf dem Adolf Hitler seine Rede hielt, in die Tiefe stürzen. Eine Performance, die der irakische Künstler Ali Al Taiee im bewusst gruseligen Wiener Heeresgeschichtlichen Museum machen wollte. In eine rote Stewardessuniform verkleidet, inmitten seiner riesigen roten Hängeskulpturen. Das hätte neue, Hirn und Seele befreiende, Bilder gebracht. Sprengende Kunst sozusagen. Außerdem hätte sich wirklich dringend eine künstlerische Umgestaltung der Hundertschaften von leeren Ritterrüstungen angeboten, die jahrzehntelang in der Rüstungskammer in Reih’ und Glied vor sich hin schmorten. Und nicht nur eine Verräumung dieser Zeugnisse persönlicher Kriegs- und Schlagslust in irgendeinen Keller. Stattdessen wird nun ein trockenes Haus der Geschichte erzeugt und aufgebaut – inklusive Streitigkeiten, was wohl die bestimmenden Ereignisse in der Geschichte Österreichs waren. Und Europa? Und die Flüchtlinge? Und »der Islam«? Und die in Österreich geborenen Jugendlichen mit kriegserfahrenen Eltern, die nach Syrien gehen und dort eine Art von Selbstmord begehen? Man hätte auch ein nationales, emotionales Trauermuseum machen können und dieses sukzessive ausweiten – auf die Adria, in die Vergangenheit auf den Jugoslawien-Krieg, und langsam auf die ganze Europäische Union. Mit Denkmälern außerhalb, wie zum Beispiel am Europaplatz vor dem Westbahnhof, wo die runde Wassergeister-Steinskulptur von Tapfuma Gutsa zur Erinnerung an die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer platziert werden könnte und wirklich schön hinpassen würde.

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Skulptur für die ertrunkenen Flüchtlinge, deren Seelen von Wassergeistern zurück in Richtung Afrika transportiert werden, von Tapfuma Gutsa (Zimbabwe)


Der 8. Mai 1945 sei kein Tag der Befreiung gewesen, meinte zum Beispiel der dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer gerade. Ein poppiges Antikriegsmuseum wäre eine gute Strategie, zumindest Jugendliche zur Selbstreflexion über ihre Vorfahren zu bringen.

Mord, Tod und das Gefühl der ständigen Todesbedrohung, der Zustand des permanenten Sterbens ... die Philosophin Hannah Arendt schreibt, dass die Nazis den Antisemitismus nur als sicheres Lockmittel verwendeten, um ihr eigentliches Anliegen durchzusetzen: den Tod, das Todesregime, »eine Welt, in der nur noch gestorben wird« (Arendt). Nach den Juden und den Polen wären laut Arendt alle kranken Deutschen mit Herz- oder Lungenfehler dran gewesen, die ausgerottet hätten werden sollen. Woher kam dieses Faszinosum? Die Fixierung, die Obsession auf den Tod einer ganzen Generation? Diese Ablehnung des Lebens? Viele junge Männer hatten im Ersten Weltkrieg, dem ersten technisierten Krieg mit Giftgasangriffen, extreme Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Die allererste Psychiatrie in Deutschland wurde für die kriegsgeschüttelten Überlebenden mit »Schütteltrauma« gegründet. »Wohl zu viel Gas im Ersten Weltkrieg abgekriegt«, erklärte sich neulich eine ungarische Frau im Zug nach Budapest, Adolf Hitler und seine Gaskammern. Das mag eine extreme Simplifizierung sein, aber Krieg erzeugt wieder Krieg – über Generationen weitervererbt, wenn die Gesellschaft nicht aufpasst.

Ambivalenzen, widerstreitende Gefühle, Tätererfahrungen, die abgewehrt werden müssen ... Wohin damit? Ein Antikriegsmuseum müsste viele Workshops abhalten.



Text: Kerstin Kellermann | 19.05.2016

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