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Einmal Selbstverinnerlichung und retour

Text: Curt Cuisine | 18.05.2016
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Radiohead © Kevin Westenberg
Aktuelle Neuerscheinungen zwischen politisch konturierter Popmusik, in sich versponnenen Soundwelten und sinnentleertem Rock’n‘Roll. Mit aktuellen CDs von Anohni, P. J. Harvey, Radiohead, Sonnier, Tenniscoats und White Denim.

Jetzt ist Antony also eine »sie«, aber war sie das nicht immer, irgendwie? Die Rede ist von Antony Hegarty aka Anohni, die unlängst ein Interview für »Die Zeit« nur unter der Bedingung gab, dass man sie als Frau anreden solle. Aber warum wiederholen, was für unsere Review nur ein Nebenschauplatz eröffnen würde, ob es nämlich eine Rolle spielt, ob eine Musik weiblichen oder männlichen Ursprungs ist. Aus verschiedensten Perspektiven und Erwägungen heraus sicherlich, aber nicht für die simple Frage, ob es sich lohnt, das neue Album einer Künstlerin bzw. eines Künstlers anzuhören. cd_popcc_2.jpgIn diesem Fall ist es uns gehüpft wie gesprungen, ob Anohni Männlein, Weiblein oder Transgender ist, wir freuen uns einfach darüber, dass sie sich auf »Hopelessness« (trotz des trüben Titels) von ihrer bisherigen, schwermütigen Sperrigkeit verabschiedet und nicht erneut einen bittersüß-vergrämten Soundtrack zum eigenen Identitätsdrama gedrechselt hat, sondern ein verhältnismäßig aufmunterndes, verspieltes Album, das ihre großartige Stimme in einem elektropoppigen Umfeld präsentiert, das man bisher eher nur von Kooperationen (z.B. mit Hercules and Love Affair oder Björk, die sie auf ihrem Album »Volta« praktisch an die Wand sang) kannte. Dass das Album auch textlich eine Öffnung bedeutet und als »Protestalbum« gedeutet werden kann, eröffnet einen weiteren (zugegeben gewichtigeren) Nebenschauplatz, auf dem es z. B.  um folgende Fragen geht: Ist es legitim, Barack Obamas Politik ausschließlich aufgrund der erfolgten Whistleblower-Verurteilungen zu beurteilen? Ist es angemessen, islamischen Terror als durch amerikanische Aggressionspolitik gerechtfertigt zu deuten? Wie auch immer man dazu stehen mag, auf jeden Fall ist es bemerkenswert, dass Anohni hier klar Stellung bezieht.

Erwachsenere Popmusik?
In gewisser Weise steht »Hopelessness« damit der neuen Platte von P. J. Harvey, »The Hope Six Demolition Project« sehr nahe. Es scheint beinahe, dass eine neue Ära der politisch motivierten Popmusik heranreift, wobei das »neue« an dieser Ära natürlich relativ ist, P. J. Harvey ist seit den frühen, Anohni seit den späten 1990ern im Geschäft. Eher geht es also eher um eine erwachsene Popmusik, die zur politischen Aussage zurückfindet. cd_popcc_3.jpgNicht zuletzt darum wurde »The Hope Six Demolition Project« medial sehr breit wahrgenommen, meist hymnisch, aber durchaus auch kritisch, da der Zugang der Künstlerin manchen Rezensenten nicht konturiert genug war. Für den hingebungsvollen Fan bietet das Album aber im Grunde relativ wenige Überraschungen, sowohl in musikalischer (die hymnenhafte Zugänglichkeit des Albums war in P. J. Harveys Musik immer wieder spürbar, wurde von der ewig selbstkritischen Künstlerin aber meist eher auf kleiner Flamme gehalten) wie auch in textlicher (ihre Songtexte standen oft genug im Widerstreit zwischen privater Befindlichkeit und politischem Statement, doch spätestens seit »Let England Shake« hat sich dieses Gleichgewicht zu letzterem hin verschoben) Hinsicht. Er freut sich jedoch über die mediale Aufmerksamkeit für P. J. Harvey, die mittlerweile zu den definitiven Ikonen mündiger Rockmusik gezählt werden darf. Wer das noch immer nicht glauben will, findet in »The Hope Six Demolition Project« zumindest eine sehr eingängige Gelegenheit, P. J. Harvey kennen zu lernen. Oder geht gleich am 8. Juli 2016 zum Harvest of Art Festival in Wien, wo sie live zu erleben sein wird.


Und noch so eine Ikone: Radiohead
Apropos Ikonen: Hüpfen wir doch gleich auch zum neuen Album »A Moon Shaped Pool« von Radiohead, die den Spagat zwischen ichbezogenem Statement und politischer Message oft sehr ausgeklügelt hingetunt haben, dabei aber jahrelang eine der innovativsten Bands in punkto hörfreundlicher Verknüpfung von Pop und elektronischer Musik waren. cd_popcc_4.jpgSo einflussreich, wie diese Pionierleistung noch zu Zeiten von »OK Computer«, »Kid A« und »Amnesia« war, ist sie es natürlich schon lange nicht mehr, die Aufmerksamkeit verschob sich dann eher zu den Selbstvermarktungsstrategien der jeweiligen Releases, die natürlich als politische Statements im Zeichen künstlerischer Selbstbehauptung verstanden werden durften, doch musikalisch ging es allmählich in Richtung Selbstverinnerlichung. Wovon sich Anohni gerade befreit hat, dort tappt Thom Yorke seit einiger Zeit (gerade auch beim zweiten Release seines Soloprojekts Atoms for Peace) immer stärker hinein. Das führt zu zwei möglichen Reaktionen auf das neue Radiohead-Album. Man kann sich darüber grämen, dass die Band eben nicht mehr so geil und wegweisend ist, wie sie es einst war, und die Ohren verschließen. Oder man kann mit etwas innerem Abstand in »A Moon Shaped Pool« hineinhören und dabei ein versponnenes, hübsch sphärisches Album entdecken, das sich zwar augenscheinlich nicht so explizit politisch gibt wie die aktuellen Platten von Anohni oder P. J. Harvey, aber deswegen nicht weniger hörenswert ist. Vielleicht ist es ja überhaupt ein Drama, dass jeder neue Radiohead-Release mit gar solchen Erwartungshaltungen beschwert wird. Warum dürfen die Burschen nicht einfach eine schöne, neue Platte herausbringen, ohne dass man bei jedem Song nachforschen muss, ob er nicht etwa ein neues Genre begründet oder eine beispielhafte politische Allegorie liefert.

No, not Notwist
cd_popcc_5.jpgSphärisch und hübsch relaxed geht es auch auf »Sonnier«  von You + Your D. Metal Friend, erschienen auf dem deutschen Label Alien Transistor, zu. Bei diesem Labelnamen klingelt sicher bei einigen Indiefans etwa. Es ist die Homebase von The Notwist und – Welche Überraschung! – You + Your D. Metal Friend ist eine Kollaboration von Cico Beck (Joasihno, Aloa Input, the Notwist) und Markus Acher (The Notwist, Tied & Tickled Trio, Rayon). Wir halten hier also gewissermaßen ein Notwist-Spin-Off in Händen, allerdings in einer eher poppig gedeuteten Impro-Ecke, sprich: man gibt sich minimalistisch-perkussiv mit hübschen elektroakustischen Einsprengseln. Das ist mitunter knapp dran an einem gehobenen Soundtrack für das Afterparty-Chillout, aber dank einiger kreativer Verschrobenheiten auch ohne Hangover sehr hörenswert.

cd_popcc_6.jpgWem das zu spröde ist, wer es lieber knallbunt mit einem Hauch von transzendentem Minimalismus mag, der kann ruhig bei Alien Transistor bleiben und sich »Music exists« des Japanischen Duos Tenniscoats reinziehen. Die Tenniscoats waren bislang eher nur in Japan bekannt, wo sie scheinbar eine hoffnungslos hingebungsvolle Fanbase um sich scharen. Ihre CDs bzw. LPs sind mit sehr wenigen Ausnahmen kaum bei uns erhältlich, aber »Music exists« soll das jetzt ändern, wenn auch eher für Sammlerfreunde, denn es handelt sich um insgesamt vier LPs, die im Laufe des Jahres veröffentlich werden sollen, und deren letzte mit einem streng limitierten Vinylschuber erscheinen wird. Willkommen in der hochschwelligen Welt der Sammlerhaptik! Sei’s drum, dieser Marketingschnickschnack interessiert uns weniger, die Frage ist erneut: was versäumt man, wenn man nicht in diese Musik hineinhört? Eine fragile, dislozierte Folkmusik, spärlich instrumentiert, mit dezenter Wackeligkeit dahin gehaucht, ein bisschen entgeistert. Dank der japanischen Lyrics nicht zuletzt mit einem fernöstlichen Flair kokettierend. Nouvelle Vague meets Pizzicato Five, nur noch eine Spur karger gesetzt. Also durchaus Kultpotential auch in unseren Breiten.

Schluss jetzt!
cd_popcc_7.jpgSo. Und jetzt Schluss mit diesem betulichen Erwachsenenpopgedöns. Also ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich mich länger als eine halbe Stunde durch die tempomoderaten Soundwelten von Anohni, P.J. Harvey, Radiohead oder den Tenniscoats durchgehört habe, dann, ja dann brauche ich fetzige Rockmusik, geile, leichtfüßige Riffs,  hübsche Breaks, einen rumpelnden, aber immer vorwärts treibenden Rhythmus, latent sinnentleerte Texte (»There’s a brain in my head«) und eine kräftige Portion Lebensfreude. Well, was wäre da besser geeignet als das neue Album »Stiff« der texanischen Sturschädel White Denim? Die neue LP der Band schaffte es nicht einmal in die heimischen Plattenläden, weil eine Musik, die man als Crossover zwischen ZZ-Top, James Brown und den Drive-by Truckers bezeichnen könnte, in unseren Breiten natürlich nur eine sehr kleine Fanbase beanspruchen kann. Schade, kann ich da nur sagen, sehr schade. Aber ich habe einen Tipp, wie wir das beheben können. Also Sie hören jetzt eine halbe Stunde lang wahlweise Songs aus den oben erwähnten Neuerscheinungen. Und dann, zum Abschluss, ziehen Sie sich dieses herrlich schrottige Songvideo rein.



Wenn ich Sie dann nicht bekehrt habe, dann gehen Sie bitte weiter, ich will mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Nein, nur ein Scherz natürlich.




»Hopelessness« Anohni / Rough Trade/Universal
https://anohni.bandcamp.com/album/hopelessness

»The Hope Six Demolition Project« / P. J. Harvey / Island
http://pjharvey.net/

»A Moon Shaped Pool« Radiohead / XL Recordings
http://www.radiohead.com/deadairspace

»Sonnier« You + Your D. Metal Friend / Alien Transistor
»Music exists« Tenniscoats / Alien Transistor
http://www.alientransistor.de/

»Stiff« White Denim / Downtown Music
http://www.whitedenimmusic.com/

Text: Curt Cuisine | 18.05.2016

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