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James Chance & »New York Noise«

Text: Alfred Pranzl | 15.05.2016
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The Dance
Fotos: © Soul Jazz Records
James Chance, der seit den No-Wave-Alben »Buy the Contortions« und »Off White« eine lebende Legende ist, gastiert am 17. Mai mit Les Contortions im Wiener Chelsea! Anlass, auch sein damaliges kreatives, interdisziplinäres Umfeld zu beleuchten. Anhand der wieder aufgelegten Soul Jazz Records-Compilation »New York Noise«.

New York City zur Wende der 1970er/1980er Jahre. Sounds aus der Gosse. Bandenkriege, Junkies, verfallende Stadtteile. Aus der Bronx hallte »The Message« von Grand Master Flash and The Furious Five. Doch sozialkritischer Rap war keineswegs der einzige Musikstil aus New York, der weltweite Beachtung fand. Die Musiksubkultur boomte insbesondere in der Lower East Side von Manhattan, weil die Mieten und Lebenshaltungskosten niedrig waren. Anno 2016 ist es damit längst vorbei, ein Großteil der Szene ist nach Brooklyn gezogen.

No Wave & Noise from New York City

James_Chance.jpgAnlässlich des Gastspiels von James Chance, Protagonist der No Wave- bzw. Noise-Szene von NYC, sei auf die Zeitlosigkeit des Punk Funk-Sound verwiesen. Sowie auf die günstigen damaligen Lebensumstände. Wenn sich ein Artist nicht groß um seine Existenz kümmern muss, kann er genügend Zeit in kollaborative Tätigkeiten investieren. Und viele KünstlerInnen kamen aus der US-Provinz in die Weltmetropole. Wie James Sigfried aus Milwaukee, der seiner Vorliebe für Free Jazz in der New Yorker Avantgarde-Szene nachging. Als James Chance ließ er erstmals als Mitglied von Teenage Jesus and The Jerks von sich hören. Lydia Lunch spielte darin ihre schrille, atonale Slidegitarre, ohne Akkorde zu greifen. Reck (b), auf den Jim Sclavunos (später 8 Eyed Spy, Cramps, Nick Cave & The Bad Seeds) und Gordon Stevenson folgten, sowie Bradley Field (dr) waren weitere Gründungsmitglieder.

James Chance aka James White

Chance jedoch hatte neben Albert Ayler und Ornette Coleman auch den Funk im Kopf und startete 1977 mit den Contortions (dt. Verzerrungen) durch. 1979 kam das gloriose Debütalbum »Buy the Contortions« raus. Ein Klassiker daraus ist »Contort Yourself« – Track 2 auf »New York Noise« –, der 37 Jahre später nichts von seiner alten Frische verloren hat. Die Band spielt auf Angriff bis zum Exzess, ein dominantes Rhythmusgespann mit dreistem Funkbass treibt dissonante Gitarren und die wüst kreischenden Saxattacken und hysterischen Vocals von James Chance an.
Um seinem Idol James Brown gerechter zu werden, nannte er sich James White und seine um Keyboarderin Adele Bertei verstärkten Contortions konsequent in The Blacks um. »Off White« (1979) war in gewisser Form eine weirde Hommage an Disco, ein vitaler Hybrid mit Free Jazz-, Soul- und Funkanteilen und gleichfalls ein Meilenstein. 1980 gingen aus The Blacks Joseph Bowies Defunkt hervor, und James Chance konnte mit Nachfolgebands wie The Flaming Demonics, The Sardonic Symphonics oder Terminal City nicht mehr an den Erfolg der Anfangstage anknüpfen. Drogenprobleme machten ihm zu schaffen, doch untergegangen ist Meister Chance nicht. Mit Les Contortions, seiner französischen Begleitcombo für Europa-Tourneen spielte Chance 2012 das Album »Incorrigible« ein. Die Lyrics darauf widmen sich weiterhin dem Weltekel und die Musik löckt nach wie vor unwiderstehlich gegen den Stachel. Die französischen Contortions erweisen sich jenen aus New York durchaus ebenbürtig. Live sicher eine Wucht!

»New York Noise«

mars_bw_pic.jpgTeenage Jesus wie auch die Contortions waren neben Mars und D.N.A. jene vier Bands, die Brian Eno für den epochalen »No New York«-Sampler (Antilles, 1978) kompilierte. Bis auf Arto Lindsays D.N.A. in Spurenelementen sind diese Acts auch auf der »New York Noise Dance Music«-Zusammenstellung zu finden. Schade, dass bei der Zusammenlegung der Anfang der Nullerjahre verlegten Alben Vol. 1 und 2 Rammelzee oder ESG auf der Strecke blieben. Doch reicht auch der verknappte Einblick, um zu konstatieren: Die Subkulturszene stand für Haltung und Offenheit, was sich in vermehrtem Einbezug von Frauen (etwa Bush Tetras) artikulierte und immerhin trafen in The Dance Weiße auf Afroamerikaner. The Dance, mit Material-Schlagzeuger Fred Maher, besorgen mit »Do Dada« den erdverbunden fröhlich-freakigen Auftakt. Mitunter erinnert das an britischen Postpunk, was aber wohl kaum damit zu tun hat, dass The Dance fürs UK-Label Statik zwei Alben einspielten. Bill Laswells Material verkörpern zu dieser Zeit dagegen einen glasklaren, abgespeckten State of The Art-Funk. »Reduction«, serviert mit Dialog-Schnipseln aus TV und Radio, tönt kühl und sexy zugleich. Den wohl größten Einfluss auf Bands wie Sonic Youth übte hingegen Glenn Branca aus, wobei seine Band Theoretical Girls noch nicht die magische Grandezza seiner E-Gitarrenensembles versprüht.

Bei Konk trifft tribales Getrommel auf forsche Bläsersätze in einem Soundgemenge von Latin/Disco/Funk und einer Dosis Punk. Mars, ein gemischtes Mann-Frau-Doppel, markierten mit ihrem noch irgendwie songorientiertem, jedoch dissonantem Sound 1975 den Beginn des No Wave. Mars stehen für die Interdisziplinarität der Down Town-No Wave-Szene: Maler und Schauspieler machten radikale Musik.
Sanfter war jene von Cellist Arthur Russell, einem Visionär an der Disco-Peripherie, auch in seinem Projekt Dinosaur L, wo in »Clean on Your Bean #1« eine luftige fusionjazzige Orgel mit einer salopp discoid stapfenden Rhythmusachse verwoben wird. Skurril mutet die surreale Geschichte an die Arto/Neto (Arto Lindsay/S. Neto aka Seth Tillet) in »Pini, Pini« über ein Jamaican Dandy Girl erzählen. Auch Suicides Alan Vega steuert einen unvergleichlich kickenden Track bei: den Rockabilly-Swamprock-Bastard »Bye Bye Bayou«. Ebenso einzigartig tönt Lizzy Mercier Desclouxʼ lässig hüpfender Protofunk »Wawa«.

Bush_Tetras_bw_pic_l.jpgDie Bushtetras hatten am Ende ihres Bestehens von 1980–83 gleich zwei Ex-Contortions an Bord und »Canʼt Be Funky«, produziert von Clash-Drummer Topper Headon, hat trotz des Titels eine gehörige Portion Funk intus, halt etwas abstrahiert dargebracht. Don Christenson war neben Pat Place der zweite Ex-Contortions und ist auf dieser Compilation auch mit seiner Combo ImPlog vertreten. Jody Harris, ebenfalls Ex-Contortions, später The Golden Palominos, war ebenso dabei, doch Christenson ließ symptomatischerweise die Musik sein, um sich wieder visuellen Künsten zu widmen.




James Chance & Les Contortions on tour
17. 5. Wien, Chelsea
18. 5. Budapest, A38
19. 5. Ljubljana, Kino Siska
20. 5. Bologna, Freakout

Various Artists: »New York Noise – Dance Music From The New York Underground 1977–1982 « (Soul Jazz Records/Trost)

Text: Alfred Pranzl | 15.05.2016

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