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Prince Rogers Nelson †

7. 6. 1958 – 21. 4. 2016

Text: Frank Jödicke | 25.04.2016
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Prince © Chris O'Meara
Seine Spiritualität führte den begnadeten Musicians' Musician aus Minneapolis seltsamerweise zu den Zeugen Jehovas. Und doch trieben einst die sexuellen Anzüglichkeiten in einem Songtext von Prince Tipper Gore dazu, die Explicit Lyrics-Warnung auf Plattenhüllen erzwingen zu lassen. Dem seine androgyne Seite hervorkehrenden Glam-Funkster, der »George Clintons Idee der Funkyfizierung der psychedelischen Phase der Beatles weiterführte« (Didi Neidhart), fehlte im Alterswerk das zündende Etwas. Eine Kombination seiner unglaublichen Funkyness mit dem besten aus HipHop- und Digi-R&B hätte ihm locker auch das Publikum von Beyoncé bis Kanye West beschert. Prince aber wollte Prince bleiben, würzte in seinem Paisley Park-Tonstudio immer mit einer gehörigen Portion Funk und krönte sein Superstardom mit stets gloriosen Live-Gigs.

›Eye luv U 4 real‹
Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Plattenfirma und jemand kommt zu Ihnen und sagt: ›Ich habe vor Disco-Beats mit Funkbläsersätzen zu mischen, dazu werde ich Soulgesangslinien mit psychedelischen Synthi-Sounds anreichern, das Ganze in sorgfältigen Jazz-Arrangements. Während ich singe wie eine Operndiva werde ich dazu E-Gitarre spielen, mal funky, mal Heavy Metal, mal ein bisschen Peter Frampton oder besser gleich komplett Avantgarde-experimentell. Ich stelle mir vor, dass ich hunderte von Hits unter tausend zusätzlichen musikalischen Einfällen verbergen werde.‹ Welche andere Antwort könnten Sie geben als: ›Das ist wahrscheinlich keine gute Idee. Das ist ein bisschen zu viel.‹ Weil dem so ist, soll sich niemand wundern, dass Prince unnahbar und verschlossen war. Er hat das soeben unzureichend Beschriebene gemacht und noch vieles mehr und es war großartig. Aber besprechen ließ sich dies nicht, es musste wohl einfach getan werden. Prince hat seine Bilder aus unzähligen Splittern zusammengesetzt. Auf einzelnen dieser Splitter wären andere herumgeritten und hätten Hits draus gemacht. Prince nicht. Sein weitreichender Genre-Mix, sein perfekter Einsatz von nahezu allen verfügbaren musikalischen Mitteln, von plumper Pop-Effekthascherei bis zu kaum erklärlichen avantgardistischen Transgressionen haben zu Konzerterlebnissen geführt, die als »Offenbarungen« empfunden werden durften.  
Hinter all dem lag etwas recht Eigentümliches, das sich gerade im beharrlichen Schweigen von Prince und seiner Sperrigkeit gezeigt haben mag. Es war vielleicht eine Art Suche nach dem eigenen Schibboleth. Also der Versuch eine Sprache zu formen die andere nicht mehr aussprechen können und die letztlich gar nicht mehr im herkömmlichen Sinne dekodiert werden soll. Im gewandelten Sprachgebrauch von Prince wurde Zuneigung ausgedrückt als »Eye luv U 4 real«. Genau wie Worte haben alle Sounds, alle Rhythmen, alle Instrumente, alle Logik eines Arrangements eine Bedeutung, eine Herkunft und könnten auf diese zurückgeführt werden. Der Witz für Prince lag darin, so zu tun, als sei dem nicht so. Seine größten Leistungen vollbrachte er, wenn er diese Zuschreibungen umschreiben konnte oder besser gleich loswerden. Dann konnte sich seine wunderbare und einzigartige Musik am besten entfalten. Und um die ist es ihm gegangen – ohne Frage.
Leider war da noch etwas, dass die Arbeit für ihn enorm erschwert hat. Prince' Leben verlief nämlich während einer Art Epochenwende.  

Musik ist nicht einmal mehr Ware
Es gab – zumindest in der Erinnerung der Alten – eine gute Zeit, da sah das Leben von Jazz- (Soul-, Funk-, Rock’n‘Roll-, was auch immer) Musikern so aus: im Wesentlichen musizieren und Leute treffen, hin und wieder proben, dann und wann konzertieren und manchmal eine Platte aufnehmen. Dafür gab es Geld – nicht übermäßig, aber zumindest durften die Musikerinnen und Musiker in etwa das tun, was ihnen Freude bereitete. Sie reisten herum, überlegten sich was und führten es mit Gleichgesinnten aus. Diese netten Zeiten (die es natürlich nie in dieser Form gegeben hatte) kannte der kleine Prince nur vom Hörensagen. Das Leben seiner Idole wie etwa King Curtis blieb ihm verwehrt, denn Prince betrat die Bühne zu einem historischen Zeitpunkt, als die Industrie längst ihr Interesse an der Musik verloren hatte (wenn sie es je gehabt hatte). Sie wollte nur mehr die Künstler – und zwar als Produkte. Ein übertalentiertes Etwas wie Prince sollte eingefügt werden in ein Bild, das sich Marketingstrategen von ihm gemacht hatten. Wer etwas dem Zufall überlässt, der Improvisation, der hat das Geld nicht wirklich lieb. Geld verlangt knallhartes Kalkül. Irgendwie haben es die einflussreichen Shareholder geschafft, dass die Teenager mit der Zeit begannen ähnlich zu denken und ihre Zuneigung nur mehr Produkten schenkten. Das muss irgendwann Anfang/Mitte der 1990er Jahre gewesen sein, als sich die neoliberale Agenda durchsetzte. Etwa ab diesem Zeitpunkt war Prince in gewisser Weise erledigt. Endgültig.

Glück und Fluch
Zuvor hatte er versucht zu rebellieren, um sich dem Korsett der Vorgaben zu entziehen. Er hat sich öffentlich als Sklaven dargestellt, sich einen unaussprechbaren Namen zugelegt und sich die anerkanntermaßen hässlichste E-Gitarre aller Zeiten umgeschnallt. Viel hat es nicht genützt, er hat seinen Kampf gegen die Industrie verloren. Dennoch machte er den Eindruck eines Mannes der verstanden hatte mit dem Frust seinen Frieden zu machen. Die spätere Alben von Prince erhielten entgegen der früheren, deren Erscheinen in den 1980ern insbesondere von Farbigen in den USA herbeigesehnt wurde und von denen jedes einzelne als innovativ, einzigartig und bahnbrechend apostrophiert wurde, nicht einmal mehr Randnotizen. Es mochte noch immer viel Können und Sorgfalt in ihnen stecken, aber irgendwie war ihnen anzumerken, dass ihr Schöpfer nicht mehr recht an sie glaubte. Das Plattenmachen war ihm zur permanenten, beiläufigen Routine geworden. Der Aufenthalt in seinem legendärem Studio, in dem die Verstärker angeblich nie ausgeschaltet wurden (weil es ihre Qualität mindert?), war für Prince wie Bühne und Fernsehstudio Teil seines Alltags. Aber das war im Grunde gar nicht so schlecht. Er konnte musizieren und Leute treffen, hin und wieder hat er geprobt, dann und wann konzertiert und eben dauernd Platten aufgenommen. Er ist viel herumgereist und hat sich überlegt was als nächstes getan werden könnte. Es mag sein, es hat ihm zuweilen Freude bereitet und er war ohne Frage gut darin. Er blieb ein Star, weil er in den 1980ern einer gewesen ist.

Ansonsten lebte er auf finanziell hohem Niveau etwa das Leben von Lee Fields. Fields, ein Soulsänger, dessen Glück oder Fluch es ist eine Stimme zu haben, die zum Verwechseln der von James Brown ähnelte, führte im Kofferraum seines Autos seine Schallplatten herum, die er nach den abendlichen Gigs zu verscherbeln versuchte, bevor er sich auf die Rückbank des Fahrzeugs schlafen legte. So lange einen die Leute in Ruhe lassen und das Musizieren Lust bereitet, ist das vielleicht ganz okay. Schließlich können weder der steinreiche Prince noch der völlig verarmte Fields etwas dafür, dass die Gesellschaft sich wenig um Kunst oder Musik schert und alle meinen es ginge ihnen in den Wichsgriffeln der Industrie irgendwie ja eh ganz gut. Godspeed!

—Good night, sweet Prince,
And flights of angels sing thee to thy rest!—
(Horatio nach dem Tode Hamlets)

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Text: Frank Jödicke | 25.04.2016

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