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Next Level Utopia
Hieroglyphic Being & Kode9

Text: Chris Hessle | 25.04.2016
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Earth Agency, photographer Maximilian Montgomery
Mit Hieroglyphic Being und Kode9 hat das Donaufestival heuer zwei Musiker zu Gast, die ihre politisch-künstlerischen Handlungsräume ins Utopische verschieben und in drexciyanischer Manier das revolutionäre Potential von Science Fiction wiederaufgreifen.

Das Donaufestival steht heuer ganz im Zeichen der Kriege im Nahen Osten und in Afrika. In seinem Vorwort beschwört Kurator Thomas Zierhofer-Kin das utopische Potential künstlerischen Ausdrucks, das er als »Appell zu einem neuen Denken, Handeln und Empfinden« definiert. Als logische Konsequenz wurden zwei Protagonisten eingeladen, deren musikalische Produktion auf hoch politischen, spekulativen1 Konstrukten basieren, die ihren Ursprung im Postkolonialismus haben: der Brite Steve Goodman, besser bekannt als Kode 9, sowie Jamal Moss aka Hieroglyphic Being aus Chicago.

Intergalaktische Mathematik

Jamal Moss wurde von der House-Szene seiner Heimatstadt geprägt, wo er mit zwölf Jahren damit begann, den rohen Jack-House-Sound von Ron Hardy, Adonis und anderen einzusaugen. Obwohl ihn seine Adoptiveltern bald darauf aus der Wohnung warfen, nahm er die Begeisterung seines Stiefvaters für Jazz mit, allen voran für Sun Ra. Dieser »arbeitete auf einer kosmischen, galaktischen Ebene und war daher nicht an das gebunden, was wir Erde nennen,« meinte Moss einmal gegenüber Jacob Arnold in »The Wire«. Die älteren Alben von Hieroglyphic Being, viele davon auf seinem CD-ROM-Label Music From Mathematics erschienen, klingen oft noch sehr roh. Für seine aktuellen Veröffentlichungen, unter anderem auf Ninja Tune und Soul Jazz Records, greift Jamal Moss auf sein Archiv von mehreren tausend Tracks zurück, die er editiert, umschichtet und neu abmischt. Seit 2008 hat Jamal Moss mindestens 36 Alben und zahlreiche Singles veröffentlicht. Er betreibt zudem das Label Mathematics, welches als Heimat von Steve Pointexter, Lilʼ Louis, Marcello Napoletano oder John Heckle maßgeblichen Anteil an der aktuellen Popularität von Chicago House und Acid hat.

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Hieroglyphic Being Official Facebook Profile Picture

Vom Club zum Non-place
Steve Goodmans musikalischer Output mutet im Vergleich dazu bescheiden an, sein Einfluss auf die Entwicklung der britischen Dance-Szene ist dennoch enorm. Als Mitglied der von Sadie Plant und Nick Land initierten Cybernetic Culture Research Unit (Ccru), forschte Goodman gemeinsam mit Kodwo Eshun, Matthew Fuller und anderen über die Zusammenhänge zwischen Kybernetik, Rave Culture und Science Fiction. Diese kulturwissenschaftliche Herangehensweise zieht sich durch das gesamte musikalische Werk von Kode 9, vom 2006 veröffentlichten Album »Memories Of The Future«, das er mit seinem langjährigen musikalischen Partner Stephen Samuel Gordon (The Spaceape) produzierte, bis hin zum 2015 erschienenen »Nothing«, dem Soundscape eines menschenleeren, voll automatisierten Hotels, einem Non-place namens »Nøtel«. Eher beiläufig verweist Goodman auf die Möglichkeit, dass ein Virus für die Abwesenheit von Leben im Nøtel verantwortlich sein könnte. Damit legt sich »Nothing« wie ein bleierner Soundtrack über »Hôtel Montery«, Chantal Akermans Stummfilm-Portrait eines billigen Hotels am Rande der New Yorker Gesellschaft aus dem Jahr 1972. Auch in Zusammenhang mit seinem Label Hyperdub spricht Steve Goodman gerne von einem Virus, der von ihm Besitz ergriffen hat. Demnach hat er die Kontrolle über das Label längst verloren, es hat früh ein Eigenleben entwickelt und benutzt ihn als Werkzeug für seine eigenen Zwecke. Neben Kode 9 ist am Donaufestival auch eine der neueren Mutationen des Hyperdub- Virus zu sehen, die aus Kuwait stammende und in London lebende Fatima Al Qadiri.

1 spekulativ im Sinne von Science Fiction, Religion/Kult, usw.



Hieroglyphic Being & J.I.T.U. Ahn-Sahm-Buhl: »We Are Not The First« Rvng Intl.
Kode9: »Nøtel« Hyperdub
Fatima Al Qadiri: »Asiatisch« Hyperdub
Fatima Al Qadiri: »Brute« Hyperdub

Hieroglyphic Being: Freitag, 29. April um 22 Uhr, Halle 2
Kode9: Samstag, 30. April um 21:30 Uhr, Halle 2
Fatima Al Qadiri: Samstag, 30. April um 0:30 Uhr, Stadtsaal

Text: Chris Hessle | 25.04.2016

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