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»Keine Vergebung, aber Hoffnung«

Text: Kerstin Kellermann | 20.04.2016
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Gene Simmons von The KISS hieß als Säugling eigentlich Chaim Witz. Rückkoppelung, Brummen, wiehernde Vokalmusik und Holocaust-Auseinandersetzung trieben den Punk an. Und KISS-Flipperkästen mussten für den Vertrieb in Deutschland umgerüstet werden, erfährt man in der Ausstellung »Stars of David – Der Sound des 20. Jahrhunderts« im Wiener Jüdischen Museum.

Foto: Gene Simmons, Filmstill

© JMW/W24


»Mein Gott, und Rock’n’Roll hat man für rebellisch gehalten. Aber alles, was danach kam, war noch viel rebellischer, wie zum Beispiel die Transformierung eines Comics auf die Hardcore-Bühne«, ruft der eine Kurator und zeigt auf einen leuchtenden Flipperkasten, mit den Bildern der verkleideten KISS-Musiker. (Anm.: Die SS-Zeichen werden wir hier nicht nachbilden, aber sicher hat jeder Leser das Bild intus.) »KISS hatten zu Beginn Auftrittsverbot in Deutschland. Auf dem Flipper sind dementsprechend die S abgerundet, denn er wurde für Deutschland produziert.« Aus der Sammlung Pindigiland, USA 1978, steht auf einem Schild neben dem Flipper. Das Wiener Jüdische Museum ist wieder einmal vollgeräumt, jede Ecke wurde genutzt, sogar die Instrumente für eine kleine Band wurden aufgebaut. Zu hoffen ist, dass es hier auch kleine Konzerte geben wird. Die Ausstellung »Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts« zeigt jüdische MusikerInnen von den Ramones über Randy Newman, George Gershwin bis The Clash und jüdische Musik im Musical, im Jazz, im französischen Chanson – um nur einige wenige Musik-Richtungen zu nennen. Überflutend wirkt die Fülle an Informationen – für jeden Geschmack ist etwas dabei, von Liza Minelli zu Beginn bis zu Amy Winehouse im letzten Saal auf großer Leinwand. Warum es so notwendig ist, das kleine Jüdische Museum dermaßen vollzustopfen, ist der Betrachterin nicht ersichtlich. Das Material hätte locker für zwei Ausstellungen gereicht.

Aliens mit Ohrenschützern

»Meine Mutter musste mit 14 Jahren zusehen, wie ihre Mutter im Konzentrationslager ermordet wurde. Als ich ihr aber nach meinem Auftritt in Deutschland von den eifrigen, jungen Menschen, der neuen Generation, erzählte, entlockte ihr das ein Lächeln«, erzählt in einem Film-Interview ein sichtlich gut gelaunter Gene Simmons, in rotem Seidenhemd, mit Sonnebrille auf und einer schwarzen Riesenkappe über dem Kopf – mit Ohrenschützern! Simmons lächelt hoffnungsfroh: »Vielleicht gibt es keine Vergebung, aber es gibt die Hoffnung, dass künftige Generationen die Vergangenheit nicht wiederholen werden.« Gene Simmons und Paul Stanley warfen ihre Geburtsnamen Chaim Witz und Stanley Eisen über Bord, »zu Gunsten von Namen, die hip klangen und sie für ein Mainstream-Publikum verträglicher machen«, steht im Katalog. »Die blutspeiende Theatralik eines Gene Simmons lenkte die Fans von der Tatsache ab, dass die KISS-Army von zwei jüdischen Kids angeführt wird, die ihren Jugendtraum verwirklicht hatten.« Edek Bartz, Wiener Musiker (Geduldig und Thimann) und Kulturmanager, machte dieses tolle Interview speziell für die Ausstellung. »Sollten einmal Außerirdische auf der Erde landen, so würden sie feststellen, wie dumm die Menschen sind. Wir denken alle nur daran, wie sehr wir uns voneinander unterscheiden. Aber für die Außerirdischen sind wir alle bloß Menschen.« Paul Stanley trug bei seinen Auftritten sogar einen schwarzen Stern um sein Auge gemalt und natürlich sein glamouröses Glitzerkostüm in Silber.

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© Kiss/Epicrights


Ein Drumstick mit dem Ramones-Schriftzug aus 1985. »Das Ramones-Lied ›Blitzkrieg Bop‹ mit seiner Anspielung auf die NS-Zeit verkam zur Karikatur«, sagt der Kurator Marcus G. Patka, der aber selber Zeithistoriker ist und kein Musiker. (Diskriminierend übrigens für Alte-Handy-Besitzer, dass man die meisten Songs nur über eine App auf dem Smartphone abhören kann. Und für Menschen mit großem Kopf: die engen Kopfhörer, die einem den Kopf zusammenpressen.) Chaim Witz alias Gene Simmons schwärmt im Filminterview von Amerika, wohin er mit seiner Mutter aus Israel auswanderte, nachdem der Vater beide verlassen hatte: »Amerika hatte niemals Könige ... Wir sind das Volk, heißt es hier. Das hat Zauber!«

Kein Holocaust, kein Punk

Punk ist in der Ausstellung seltsamerweise mit Rap zusammen gespannt, was eine genaue Auseinandersetzung behindert. »Der Punk war vielleicht die weit verbreiteste künstlerische Verarbeitung der Shoah als kulturelles Trauma«, schreibt hingegen Jon Stratton im Katalog. »Kein Holocaust, kein Punk.« Warum nahm gerade Punk »mit seinem Nihilismus, seiner intensiven Beschäftigung mit den Nazis und seinem gefährlichen Interesse an Vorherrschung und Unterwerfung« so eine wichtige Rolle ein? »Rückkoppelung, Brummen und wiehernde Vokalmusik«, Bandnamen wie Suicide oder WAR, dazu Selbsthass und innere Täteranteile gaben eine explosive Mischung ab. Sid Vicious stand z. B. im Verdacht seine jüdische Freundin Nancy Spungen getötet zu haben. »Rotten singt: Ich will keinen Urlaub in der Sonne, /ich möchte zu einem neuen Belsen fahren«, schreibt Stratton. Dazu kommt die Geschichte der eigenen Eltern, deren Erziehungsstil und Rebellion: Bernard Rhodes war z. B. schon Manager des Clash-Vorläufers London SS, seine Mutter war Holocaust-Überlebende. Der Mythos besagt, dass er der Band einen Haufen Nazi-Insignien vor die Füße warf. Bei Velvet Underground gingen die Deutsche Nico und Lou Reed, der eigentlich Louis Rabinowitz hieß, eine Beziehung ein, die man als Hassliebe bezeichnen kann - voll Obsessionen und »Menschenbesetzung«, eben typisch für traumatisierte Menschen.

Das Resümee im Katalog: »Wie schmerzhaft offensichtlich wurde, war ein Teil der in Europa und Amerika aufgewachsenen Juden durch die Ereignisse gezwungen, ihre Identität nur in Bezug auf das Leid des Holocaust zu definieren.« Und über Musik.

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Lou Reed © Rock and Roll Hall of Fame


Die Ausstellung weist viele Aspekte auf, erzählt von der Mit-Emigration europäischer Klänge und der wechselseitigen Beeinflussung der Unterhaltungsmusik in den USA und in Europa, und auch vom Re-Import von Musical, Filmmusik, Jazz, Rock und Pop in die israelische, französische oder österreichische Szene. Nicht zu vergessen der Konnex von jüdischen und afroamerikanischen KünstlerInnen!

»Stars of David – Der Sound des 20. Jahrhunderts«

Bis 2. Oktober 2016 im Jüdischen Museum Wien

Kuratoren Marcus G. Patka und Alfred Stalzer


Text: Kerstin Kellermann | 20.04.2016

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