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Vomit Heat

‭»‬Spirit Desire‭« - Ana Ott

Text: Holger Adam | 02.04.2016


»‬Spirit Desire‭«‬ ist das Debüt-Album von Vomit Heat,‭ ‬dem‭ »‬Solo-Ding‭«‬ von Nils Herzogenrath‭ ‬– von‭ »‬-Projekt‭«‬ zu sprechen wäre,‭ ‬aufgrund der zwischenzeitlichen Verschnarchtheit und anderer Adoleszenz-bedingter Umstände des verantwortlichen Musikers,‭ ‬etwas überambitioniert.‭ (‬Die Verschnarchtheit,‭ ‬so viel kann gleich dazu gesagt werden,‭ ‬schlägt sich nicht negativ in der Qualität der Musik nieder.‭)

Zur Erklärung dieser etwas nonchalanten Einleitung:‭ ‬Die Aufnahmen von‭ »‬Spirit Desire‭«‬ zogen sich ein paar Jahre hin.‭ ‬Liebevoll zusammen gekloppte Videos zu frühen Versionen einiger Songs geistern bereits seit fünf,‭ ‬sechs Jahren auf YouTube herum,‭ ‬und so wirkt der Sound des Albums ein wenig aus der Zeit gefallen,‭ ‬einerseits.‭ ‬Andererseits ist der Eindruck einer gewissen Unzeitgemäßheit von Popmusik heutzutage ja kein Einzelfall und auch nur bedingt ein Qualitätskriterium.‭ ‬Die acht Songs auf‭ »‬Spirit Desire‭«‬ klingen jedenfalls nicht‭ »‬retro‭«‬ oder gar altbacken,‭ ‬aber sie sind doch durch und durch mit pophistorischen Referenzen aufgeladen.‭ ‬Die sind dann auch eher ein deutliches Zeichen der popkulturellen Frühvergreisung von Nils Herzogenrath,‭ ‬der,‭ ‬Kind seiner Zeit,‭ ‬mit digitalen Archiven aufgewachsen ist und seinen Online-Zugang zu musikalischen Quellen ausgiebig genutzt‭ ‬ hat,‭ ‬um sich eine Fülle an coolem Wissen anzueignen,‭ ‬das‭ ‬– so kann man die Verschnarchtheit positiv wenden‭ ‬– auf‭ »‬Spirit Desire‭«‬ seinen über lange Jahre gereiften Ausdruck findet.‭ ‬Das Album startet mit einer leicht esoterisch anmutenden Klangcollage‭ (»‬Little Love‭ ‬– Little Light‭«‬),‭ ‬die‭ ‬– Elemente von New Age,‭ ‬Dub und Plunderphonics miteinander verbindend‭ ‬– leicht zugedröhnt vor sich hinwackelt,‭ ‬bevor dann mit‭ »‬Miriam‭«‬ einer der alten‭ »‬Hits‭«‬ folgt:‭ ‬catchy-bekiffte zweieinhalb Minuten,‭ ‬ein Lo-Fi-Nugget im Stile des frühen Ariel Pink.‭ ‬Der Cannabis-Metaphern zum Trotz handelt es sich bei‭ »‬Spirit Desire‭«‬ aber nicht ausschließlich um eine vertonte Haschischwölkchen-Phantasie,‭ ‬wenn auch‭ ‬– machen wir uns da nichts vor‭ ‬– die eine oder andere Kräuterzigarette zur Inspiration herhalten durfte.‭ »‬Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To‭«‬ ist ein Motto,‭ ‬das Herzogenrath kennt und verinnerlicht hat,‭ ‬aber er kann auch anders.‭ »‬In Levitation‭«‬,‭ ‬gewissermaßen das Titelstück des Albums,‭ ‬zitiert musikalisch die verträumte Seite‭ ‬der Sonic Youth und Kim Gordons‭ »‬Teenage Riot‭«‬-Mantra‭ (»‬Spirit Desire,‭ ‬Spirit Desire,‭ ‬we will fall‭ ‬...‭«‬),‭ ‬ohne dass der Siebeneinhalbminutentagtraum zur bloßen Kopie der in manchen Kreisen heiligen New Yorker verkäme.‭ ‬Verträumt klingt auch das nachfolgende‭ ‬»Pretender‭«‬ und erinnert an Shoegaze-Vorbilder wie Slowdive oder My Bloody Valentine.‭ ‬Aber auch hier gelingt es Herzogenrath,‭ ‬aller historischen Lasten zum Trotz,‭ ‬seine musikalischen Mittel gekonnt in Szene zu setzen und sich dem Eindruck bloßen Epigonentums zu entziehen.‭ ‬Doch die Reise durch die Zeit und damit einhergehende popmusikalische Stilistiken ist damit noch nicht an ihr Ende gelangt.‭ »‬Daydream Machine‭«‬ wandelt deutlich auf den Spuren von Harmonia und verfolgt die krautige Spur bis hin zu Wolfgang Voigts Ambient-Projekt Gas‭ ‬– und auch hier gelingt der Spagat zwischen pophistorischem Close-Reading und unbeeindrucktem kreativem Ausdruck der eigenen Ideen.‭ ‬Mit‭ »‬Broken Heartscape‭«‬ geht es dann wieder etwas flotter zur Sache.‭ ‬Der Song wackelt munter im Geiste der frühen Ducktails vor sich hin.‭ ‬Warum auch nicht‭? ‬Wird auch Zeit aufzuwachen,‭ ‬denn mit‭ »‬Wrong Place‭«‬ schließt der zweite alte‭ »‬Hit‭«‬ an.‭ ‬Ein aufgekratzter Kracher,‭ ‬der an die Wavves erinnern mag aber auch ohne diesen Hinweis locker besteht.‭ ‬Früher wäre‭ ‬»Wrong Place‭«‬ sicher auf dem einen oder anderen Mixtape gelandet,‭ ‬aber die Zeiten sind ja eher vorbei.‭ ‬Doch bevor‭ »‬Spirit Desire‭«‬ ganz vorbei ist,‭ ‬schließt das Album mit‭ »‬Rotten‭«‬,‭ ‬quasi zum Runterkommen,‭ ‬ab.‭ ‬Auch hier liegen pophistorische Verweise nahe und mir der Vorwurf bloßer Nachmacherei fern‭ (‬wer selbst nach Spuren sucht,‭ ‬wird mit einem guten Lacher zum Abschluss belohnt‭)‬.‭

Nils Herzogenrath hat,‭ ‬trotz oder vielleicht auch gerade wegen all der Zeit,‭ ‬die er brauchte oder verstreichen ließ,‭ ‬um‭ »‬Spirit Desire‭«‬ abzuschließen,‭ ‬mit seinem Debüt ein angenehm unpeinliches und entspanntes Album abgeliefert.‭ ‬Sollte es bis zum nächsten wieder eine halbe Ewigkeit dauern,‭ ‬so ginge diese Bummelei aber nicht als Verneigung vor Scott Walker durch‭!


Text: Holger Adam | 02.04.2016

Referenzen:

  • Artist: Vomit Heat
  • Label: Ana Ott

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