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»Saraswati Series« auf Unrock

Solo-Künstler/innen auf Saiten

Text: Holger Adam | 04.03.2016
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Ava Mendoza by Uwe Faltermeier

»Ivory Tower (Hanuman)« von Sir Richard Bishop und Ava Mendoza ist eine herausfordernde und fantastische Split-LP und die dritte Veröffentlichung in der »Saraswati Series« auf dem Krefelder Underground-Label Unrock. Anlass für ein skug-Interview mit Label-Macher Michael Stahl.


»Saraswati ist die [hinduistische] Göttin des Lernens, der Sprache, der Wissenschaften, der Künste, der Dichtung, der Literatur, der Schrift, der Weisheit, des Tanzes, des Gesanges und der Musik.« Das sagt mir die allseits beliebte »freie Enzyklopädie«, die ja immer dann hilft, wenn das vorhandene Weltwissen im eigenen Kopf mal wieder nicht aufzufinden ist. Aber woher soll ich das auch wissen, getauft und nicht sehr weit gereist wie ich bin? Trotzdem, der Bildungsspaziergang hilft, die Motivation hinter der Veröffentlichungsreihe des Krefelder Labels Unrock, das in der niederrheinischen Provinz seit über zwanzig Jahren die Göttin der Musik verehrt, zu verstehen und angemessen zu würdigen. Die Götzendienste reichen vom Betreiben eines Mailorders, der über lange Jahre hinweg in einem eigenen Plattenladen beheimatet war, über diverse verdienstvolle Konzertreihen bis hin zum eigenen Label. Der internationale Underground gab und gibt sich in Krefeld die Klinke in die Hand. Das ist ungewöhnlich oder wenigstens nicht selbstverständlich und in aller erster Linie Ergebnis der Unermüdlich- und Unverbesserlichkeit von Michael Stahl, des Betreibers von Unrock, denn exklusive Vinylveröffentlichungen an den Mann oder die Frau zu bringen ist vor dem Hintergrund einer seit Jahren vor sich hin kriselnden Tonträgerindustrie nicht leichter geworden.

Was tun? Ein Teil der Auflage der »Saraswati Series« ist limitiert, nicht zuletzt, um im Nischenmarkt Nachfrage zu erzeugen und frühe Sammler-Vögel mit einer Bonus-7“, die den ersten 200 Exemplaren Veröffentlichung beiliegt, zu belohnen. Machen wir uns nichts vor: so läuft das. Falsch wäre es allerdings anzunehmen, dass die »Saraswati Series«-Veröffentlichungen solche Manöver grundsätzlich nötig hätten, um Gehör zu finden. Und damit kommen wir zur Musik, bevor die Göttin zürnt.

Sir Richard Bishop ist kein Unbekannter. Mit seinem Bruder Alan Bishop (siehe hierzu auch »Chin Spirits«, eine 10“-Veröffentlichung der »Saraswati Series«) zierte er jüngst die Februarausgabe des englischen Musikmagazins »Wire« und ist seit Jahren als Solo-Gitarrist und ehemaliges Mitglied der Sun City Girls einschlägig bekannt. Sein Gitarrenspiel ist ebenso virtuos wie eigenständig. Bishop ist keiner Schule zuzuordnen. Er gehört nicht zur Schar der Fingerpicking-Gitarristen im Geiste John Faheys, er ist (glücklicherweise) kein esoterisch umwehter Sunnyboy der Marke Windham Hill und auch kein kompromissloser Improvisator à la Derek Bailey – und er lehnt auch nicht stundenlang am Gitarrenverstärker, um Lärmbrocken aus diesen heraus zu brechen. Die feingliedrigen Kompositionen und Interpretationen (»She Loves You«!) erinnern eher an Django Reinhardt oder Wes Montgomery: melodieverliebte, dem Jazz nahe stehende Musik. Jazz allerdings, der seiner Herkunft nach nicht viel mit Jazz am Hut hat. Bishop ist ein Kind des amerikanischen Undergrounds der 1980er Jahre, ein freundlicher Querkopf, dessen musikalische Qualitäten außer Frage stehen (und vor allem auf dem Titel gebenden »Ivory Tower« zu Ausdruck kommen). Diese Qualitäten teilt er mit Ava Mendoza, die auf der B-Seite dieser Split-LP zu hören ist. Sie hat in der Vergangenheit mit einer Vielzahl von Musikern kooperiert und zusammen gespielt (u. a. Fred Frith, Elliott Sharp, Carla Bozulich oder Nels Cline) und ihr kraftvolles Gitarrenspiel auf den hier veröffentlichten vier Kompositionen changiert zwischen Musique concrète, Avant-Rock und elektrischem Blues. Im Vergleich zu Bishop deutlich dunkler gefärbte, druckvollere Töne. Wo Bishop gewissermaßen leichtherzig einen »raus haut«, da verleiht Miss Mendoza ihrer Musik eine gravitätische Schwere. Das soll nicht heißen, dass Bishop den Kasper gibt und Mendoza die Trauerweide – aber die akustischen Eindrücke, die beide hinterlassen, sind doch recht unterschiedlich, und das ist sehr gut so. Hier wiederum erweist sich die Veröffentlichung der Musik auf einer Split-LP als geeignetes Format, um die gewissermaßen komplementären Qualitäten der Musik – und das glückliche Händchen von Michael Stahl – zu unterstreichen. Sir Richard Bishop und Ava Mendoza ergänzen sich hervorragend und machen »Ivory Tower« zu einem ebenso gehaltvollen wie abwechslungsreichen Album. Dass beide sich nicht gesucht, aber gefunden haben, weil das Label sie in einen Sack gesteckt bzw. auf jeweils eine LP-Seite gepackt hat, zeigt, dass aus dem Format der Split-LP einiges herauszuholen ist, wenn man die Sache im Geiste der Göttin der Musik angeht.

Es empfiehlt sich, »Ivory Tower (Hanuman)« Gehör zu schenken und die »Saraswati Series« auf Unrock im Auge zu behalten, und aus Anlass der Veröffentlichung von »Ivory Tower (Hanuman)« haben wir mit Label-Macher Michael Stahl gesprochen:

 

skug: Warum ausgerechnet eine Serie mit Split-LPs an Stelle einer Reihe von Einzelveröffentlichungen, die jeweils einer Künstler/in gewidmet sind?

Michael Stahl: Bei der Serie geht es mindestens genauso sehr um die Performance wie die Performer/in. Es geht nicht so sehr darum, Musiker/innen oder eine Band auf Albumlänge zu zeigen, sondern um den Moment. Kontrastierend mit einer u. U. kongenialen Künstler/in auf der anderen Seite, potenziert sich die Wirkung und entwickelt im Idealfall seinen speziellen Reiz.

Könnten Sie ins Detail gehen in Bezug auf die Performance?

Ganz verschiedene Aspekte können einen Moment besonders machen. Ob wir Bill Orcutt dabei aufnehmen, wie er mit einer seinen regulären Performances völlig abgehenden Lockerheit Nachmittags gedankenverloren und unbeobachtet Dinge spielt, die sonst von ihm nicht zu hören sind, oder Ava Mendoza, die im Titel gebenden »Ivory Tower«, unserem Hauptquartier, den Tag verbringt und Stücke unter dem Eindruck unserer Zusammenkunft neu arrangiert. Es können aber auch reizvolle Perlen sein, wie beispielsweise Sir Richard Bishops Interpretation von »She Loves You«, das er lange schon im Live-Repertoire hat, aber bisher nie aufgenommen und veröffentlicht hatte. Während der Session in Krefeld war er dann in der Stimmung, eine seiner vielen Versionen einzuspielen.

Die angesprochenen Momente ergeben sich also aus den speziellen Aufnahmesituationen, exklusiv eingespielten Aufnahmen und einer gewissermaßen familiären Situation? Wie entstehen die Kontakte zu den Künstler/innen?

Wenn befreundete und von uns eingeladene Musiker/innen während einer Tour zu uns kommen, dann wissen Peter Körfer (Mastering Engineer und Technischer Leiter bei Unrock) und ich, was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen. Das bieten wir an, mit der dazugehörigen Portion an Wertschätzung. Es sind oft sehr kreative, intime Situationen in denen Dinge ihren Lauf nehmen können. Ich bin in den fast 30 Jahren, in denen ich mich an der einen oder anderen Ecke des Musikbusiness zu schaffen gemacht habe, vielen Menschen begegnet. Zu manchen entsteht ein bleibender, extrem verbindlicher und - ja - fast familiärer Kontakt.

Darüber hinaus gibt es aber doch sicher auch musikalische Vorlieben, die die Veröffentlichungen prägen – zumindest fällt auf, dass es sich bei Orcutt, Bishop und Mendoza um ausdrucksstarke, sehr individuelle (Un)Rock-Gitarrist/innen handelt ...

... natürlich. Im Grunde geht es bei der Serie um Solo-Künstler/innen auf Saiten. Ava Mendoza gehört aus meiner Sicht – handwerklich und genreübergreifend – zu den absoluten Top-Gitarrist/innen. Als sie vor fast sechs Jahren zum ersten Mal im damaligen Unrock-Laden solo spielte, da haben wir das sofort gesehen. Zumindest für Europa haben wir Ava entdeckt. Vor zwei Jahren, auf dem Moers Festival, haben dann viele mit offenem Mund dagestanden und gestaunt. Richard Bishop ist eine zentrale Figur bei Unrock, wie auch sein Bruder Alan. Seine Fertigkeiten erlauben ihm Vieles. Der Mann – ebenso wie sein Bruder – ist eine Undergroundlegende mit Herz und Hirn. Bei Bill Orcutt ist es natürlich der einzigartige Ausdruck, den er kultiviert, der die Zusammenarbeit mit ihm interessant macht. Ich schätze Musiker, die über gutes Rüstzeug verfügen und deren Spontanität und Fähigkeit zur Improvisation aufregende und immer wieder unerwartete Ergebnisse mit sich bringt. Dem hohen Niveau, das die Künstler/innen mit denen wir arbeiten, einbringen, versuchen wir mit der Arbeit auf unserer Seite – z. B. der tontechnischen Qualität der Aufnahme und einer hochwertigen Präsentation der Veröffentlichung – zu entsprechen. Das ist Anspruch (und Arbeit) genug.

Welche Veröffentlichungen planen Sie für die Zukunft bzw. wenn das nicht verraten werden darf: welche Wunschkandidaten stehen noch auf der Unrock-Liste?

In der »Saraswati Series« arbeiten wir an einem absoluten Key-Release. Wenn alles bis zum Schluss glatt läuft, dann wird es eine phantastische Split-LP mit dem Komponisten und Violinisten Eyvind Kang und einem Gitarristen aus Bhutan, Tashi Dorji, geben. Im regulären Unrock-Label Programm kommt im Frühjahr die Vinylausgabe des Albums »Burj Al Imam« vom A-Trio with Alan Bishop, das vor einigen Monaten bei Annihaya in Beirut als CD veröffentlicht wurde. Ich verfolge seit geraumer Zeit außereuropäische musikalische Entwicklungen, zum Beispiel im Nahen Osten. Unter anderem beinhaltet die Veröffentlichung eine wilde Überarbeitung von »The Iman« (vom letzten Sun City Girls Studio-Album »Funeral Mariachi«).

Ziemlich weit oben auf der Liste steht derzeit einsam Sam Shalabi, einerseits Improviser an der Gitarre oder Oud, andererseits ein kompletter Komponist. Er vereint meine Vorliebe für Talent und Können, mit einem unglaublichen Gefühl. Man hört seiner Musik an, dass ein anderes Gefühl für Raum und Zeit dahintersteckt als bei den Protagonisten der Western Worlds. Absolut faszinierend.

 

Sir Richard Bishop/Ava Mendoza: »Ivory Tower (Hanuman)« (Saraswati Series/Unrock)

www.unrock.de


Text: Holger Adam | 04.03.2016

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