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One more time for Thanos

CDs von Chrysakis bis Zabelka

Text: Curt Cuisine | 20.01.2016
Einmal quer durch den Gemüsegarten zeitgenössischer Experimentalmusik mit Neuerscheinungen von Thanos Chrysakis, Chris Cundy, Martijn Tellinga, Band Ane, Frank Benkho, Lubomyr Melnyk, Erik Griswold, Jono El Grande & Mia Zabelka.

Ich habe nichts gegen Instrumentalerkundungen, aber als Rezensent beschränke ich mich lieber auf Tonträger, die mir ein wenig mehr ans Herz gehen. Es gibt so viele Releases, da fehlt die Zeit, sich einer CD zu widmen, auf der zwei Herren, wir sprechen in diesem Fall von Thanos Chrysakis und Chris Cundy und ihr Werk cd_exp_1.jpg»Music for Chamber Organ & Contra Bass Clarinet« (Aural Terrains), ziemlich gehörig ihre Instrumente malträtieren, um in erster Linie Klangräume zu erkunden und diese in quasi suchender Improvisation zum Überlappen, Interagieren, Exaltieren zu bringen. Wobei es in diesem Fall um die Kombination einer Kammerorgel mit einer Kontrabassklarinette geht. Das erzeugt durchaus großartige Momente, aber es ist trotzdem so, als würde man seine Hand erst durch ein dissonantes Erdloch wühlen, vorbei an einer Schlangengrube monoton stehender Sounds, bis schließlich doch unerwartetes Hörfutter abfällt. Das Problem an der Sache ist, dass es so viele einschlägige Releases auf diesem Sektor gibt, und ja, alle haben sich das Prädikat »kompromisslos« verdient, und ja, oft sind die Ausführenden nicht weniger kompetent wie Chrysakis und Cundy, beide fähige Komponisten und Improvisatoren zugleich übrigens, aber nein, nicht immer ist die gewählte Klangkombination so lohnend wie hier. Trotzdem ein eher magerer Lohn selbst für geneigte Fans der Experimentalmusik, aber weil es Thanos Chrysakis ist, und weil seine letzten beiden Werke kleine Meisterwerke zeitgenössischer Elektroakustik waren, darum ein »one more time for Thanos« an dieser Stelle.

Strafe muss dennoch sein. Darum wird dieses hinkende Lob in einen bunten Haufen handverlesener Releases eingepfercht, der nur vage durch die diffuse Genrebezeichnung »Experimental« zusammengehalten wird. Ein relativ schmales Oeuvre etwa hat der Niederländer Martijn Tellinga vorzuweisen, zumindest auf Tonkonserve gepresst. cd_exp_2.jpgMit der CD »Positions« (Crónica Records) legt er eine beachtliche Werkschau vor, ähnlich wie bei Chrysakis und Cundy geht es um Auslotungen, bei denen jedoch das Publikum meist miteingebunden ist. Wir hören z. B. das Tratschen der Aufführungsbesucher in das nach und nach stehende Töne – aus unterschiedlichen Soundquellen und von verschiedenen Positionen aus eingespielt ­­– einsickern. So entsteht eine im Raum wabernde Soundmasse, mitunter gebrochen sphärisch, mitunter durchaus spannend, mitunter aber auch etwas mühselig. Trotzdem hört man selten so deutlich wie hier, wie sehr in der zeitgenössischen Experimentalmusik das Live-Erlebnis und insbesondere die räumliche Wahrnehmung von Klängen geradezu obligatorisch ist – und wie oft die CD-Aufnahme dementsprechend nur eine Annäherung ist.

Das Kämmerchen und die Redundanz

Außer man produziert direkt für das stille Kämmerchen. So geschehen bei dem schon 2014 erschienenen »Anish Music Caravan« (Clang Records) von Band Ane, das im Oktober 2015 mit einem nachträglichen europaweiten Vinylrelease gewissermaßen geadelt wurde. cd_exp_3.jpgBand Ane ist keine Band, sondern die Dänin Ane Østergaard, die bereits mit 19 Jahren ihre ersten Klangversuche auf Tape (bzw. eben »Band«) aufnahm. 2006 folgte die erste Platte, und mit »Anish Music Caravan« scheint sie nun ziemlich genau dort zu sein, wo sie immer schon hinwollte. Zumindest klingt hier alles, als wäre es mit sich selbst im Reinen. Wir betreten eine Welt zwischen Field Recordings, sanften, soundscapeartigen Instrumentaleinschüben und verhaltenem Zeitlupenpop, der zwar einerseits (verglichen etwa mit den schroffen Erkundungen von Chrysakis und Cundy) fast schon in Richtung Soundkitsch kippt (man stelle sich eine Disney-Prinzessin in einem Darmstädter Soundstudio vor), der aber umgekehrt zu jedem Zeitpunkt stringent und organisch klingt, sprich: mit eindeutiger persönlicher Handschrift versehen. Was der Dänin hier gelingt, ist ein Brückenschlag, eine Einladung an popaffine HörerInnen, doch wieder einmal in eine reine Soundtüftelei hineinzuhören. Würde aber ein Popsternchen zu den Tracks noch süßlich-gebrochene Melodien trällern, wäre die Sache womöglich doch unerträglich.

cd_exp_4.jpgEbenfalls auf Clang Records erschienen ist eine EP mit dem hübschen Titel »The Revelation According to Frank Benkho« von … eben Frank Benkho. Die Field Recordings haben Pause, hier hängt der Himmel voller Sequenzer und analoger Synthesizer, die sich ähnlich wie bei Band Ane in ein Zwischenreich aus Soundscapes und sphärischem Pop verirren, nur eine Spur minimalistischer und karger angelegt. Das Resultat ist jetzt nichts, was man nicht auch von einem geloopten Jean Michel Jarre oder Tangerine Dream (um nur zwei Hausnummern zu erwähnen) haben könnte, aber … ähm, nein, eigentlich kein aber bzw. ganz einfach ein: eben drum!

Bleiben wir kurz noch bei den Freuden der Unmittelbarkeit – auch die Minimal Music hat da immer wieder hübsche Widerholungstäter in petto, kein Wunder, geht es in diesem Genre um fast nichts anderes als Wiederholungen. cd_exp_5.jpgDas neue Album »Parasol« von Lubomyr Melnyk (Erased Tapes) bietet absolut nichts Neues, nicht den geringsten Funken an Originalität und ist dementsprechend ein wunderbar geglücktes Stück Minimal Music, sozusagen eine gemähte Wiese auf dem »Highway to Redundanz«. cd_exp_6.jpgWer es eine Spur innovativer möchte, dem sei »Pan Avoidance Machine« (Room40) von dem in Australien tätigen Amerikaner Erik Griswold empfohlen. Auf der kompositorischen Ebene ist hier alles wie gehabt, mäandernde Miniaturthemen, die mit der eigenen Redundanz um die Wette rittern, doch eingespielt wird die Sache von einem präparierten Klavier, was einen hübschen Schrillheitsaspekt hinzufügt.

Neo Dadaismus und Meisterin Mia

Wir wechseln in eine andere Sparte der Experimentalmusik, bei der Leute wie Frank Zappa, Henry Cow oder Bands wie Van der Graaf Generator oder Soft Machine zu den zuständigen Ahnherren zählen. Während sonst die meiste Aufmerksamkeit bei der Frage nach der Sounderzeugung oder räumlichen Klangphänomenen ruht, ist hier neben guter alter Kompositionstechnik, die sich quer durch die Genres durchwerkelt – vom Progrock über Improvisation bis zur klassischen Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts –, auch ein Funken Humor gefragt. cd_exp_7.jpgJono El Grande heißt der Mann, der sich solcherart an funny smelling corpses vergreift, ein autodidaktischer Komponist aus Norwegen, zugleich ein ziemlich durchgeknalltes (und sehr symphatisches) enfant terrible, der auf »Melody Of A Muddled Mason« (Rune Grammofon) einmal mehr seine schamlose Verspieltheit beweist. Das Etikett »Neo Dada« ist nicht ganz unverdient, wobei hier relativ wenig »neo«, aber viel herrlich jazzprogrockiger Unfug zu finden ist. Für Genrefreunde ist das ein absoluter Heidenspaß – und man darf vielleicht hinzufügen, dass es pro Jahr Dutzende Releases gibt, die so versponnen wie Band Ane oder so soundexplorativ wie Chrysakis oder Tellinga klingen, aber holprig-verquere Schurkenstücke wie dieses hier trudeln doch eher selten ein.

Und weil hier schon eine Rutsche in Richtung Improvisation gelegt wurde, wollen wir diesem Genre zum Abschluss auch noch schnell zu einem Kurzauftritt verhelfen. cd_exp_8.jpgViel zu wenig gewürdigt wurde, dass eine der großartigsten Impromusikerinnen des Landes, wir sprechen von Mia Zabelka, eine neue Solo-CD vorgelegt hat. Ihre »Monday Sessions« (Creative Sources Recordings) fügen diesem Wissensstand (gemeint ist: Mia hat es eben einfach drauf!) nicht wirklich neue Erkenntnisse hinzu, aber eben diese Erkenntnis ist einmal mehr eindrucksvoll nachzuhören. Keine Frage, dass die »Monday Sessions« die streckenweise herausforderndste Kost in dieser Empfehlungsliste ist, aber man muss einfach gehört haben, wie hier der Virtuositätsbeweis in ein exploratives Abenteuer übergeht, das sich schließlich zu einer echtzeitkomponierten Struktur zusammenfügt. Das ist ganz große Improkunst, was hier ruhig ein weiteres Mal erwähnt werden darf.

Die Tonträger:

Thanos Chrysakis, Chris Cundy: »Music for Chamber Organ & Contra Bass Clarinet« / Aural Terrains

Martijn Tellinga: »Positions« / Crónica Records

Band Ane: »Anish Music Caravan« / Clang Records

Frank Benkho: »The Revelation According to Frank Benkho« /
Clang Records

Lubomyr Melnyk: »Parasol«
/ Erased Tapes

Erik Griswold: »Pan Avoidance Machine« / Room40

Jono El Grande: »Melody Of A Muddled Mason« / Rune Grammofon

Mia Zabelka: »Monday Sessions« / Creative Sources Recordings


Text: Curt Cuisine | 20.01.2016

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