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Gewalt und Musik: »Krieg singen« in Berlin

Text: Steffen Greiner | 03.01.2016
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Das Mini-Festival »Krieg singen« im Berliner HKW widmet sich im Januar den komplexen Zusammenhängen von Musik und Krieg (bzw., wie man so zu sagen gelernt hat in den letzten Jahren, ›militärischen Auseinandersetzungen‹, ›bewaffneten Konflikten‹ etc.) und erkundet mit Mitteln der Wissenschaft und der Kunst, wie der Erste Weltkrieg die Grundlagen unserer Gegenwart legte.


Berlin hatte sich in den letzten Jahren doch gut im ›Anthropozän‹ eingerichtet – seit 2013 standen die Veranstaltungen im Haus der Kulturen der Welt unter dem mehr oder weniger offenen Motto, mit Mitteln der Kunst und der Wissenschaft zu erforschen, wie der Mensch die Natur formt, wie die Dualismen und Gegensätze ihrer Funktion enthoben sind. Seit Herbst 2015 befindet sich das Haus nun in »100 Jahren Gegenwart« und lässt in Veranstaltungen, Ausstellungen, Installationen der Frage nachgehen, wie der Erste Weltkrieg unsere Gegenwart produzierte, welche nachhaltigen Ordnungssysteme in seiner Folge entstanden, welche Transformationen er anstieß. Eröffnet wurde das Programm mit einem experimentellen Konzert des Ensembles zeitkratzer, deren Neue-Musik-Interpretationen musikalischer Weltkriegspropaganda in einer Einladung zum gemeinsamen, patriotischen und verstörenden Singen von »Ein feste Burg ist unser Gott« mündeten. Auf den gleichen Pfad begeben sich nun auch die Thementage »Krieg singen«, die vom 14. bis 17. Januar in Berlin stattfinden.

Laibach - (c) Jørund F. Pedersen 

(Laibach - (c) Jørund F. Pedersen)

Missbrauch von Heeresgerät

Die These, die das Kuratorenduo Detlef Diederichsen und Holger Schulze vertritt: Krieg und Musik gehören zusammen. Offenkundig ist es bei IS-Propaganda-Videos, die der Dramaturgie des Musikclips folgen und mit aufpeitschenden Beats unterlegt sind, bei Hymnen auf die eigene Überlegenheit und Hassgesängen auf den Gegner, bei Trommlern, die den Soldaten den Rhythmus des Marsches an die Front vorgeben. Eine weniger offenkundige Wahrheit nennt Friedrich Kittler im Titel eines Essays von 1988 »Rock Musik – ein Mißbrauch von Heeresgerät« – nicht nur, dass die Radiotechnologie entscheidend im Ersten Weltkrieg entwickelt wurde: »Tonbandmaschinen für die Soundmontage, Hifitechnik für die Obertonbefreiung, Stereophonie für simulierte Räume, Synthesizer und Vocoder für Lieder jenseits der Menschen […] -: jede einzelne dieser Techniken geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Er ist – zum Glück vielleicht noch – die Medienbasis unserer Sinne.« Schulze und Diedrichsen formulieren parallel: »Steckt das Kriegerische in der DNA zeitgenössischer Musik?«

Laibach und Lärmhörner

Dieser Frage werden im HKW zahlreiche Künstler*innen und Wissenschaftler*innen nachgehen. Eröffnen wird am Donnerstag, 14.1. das Live-Hörspiel »Deutsche Krieger« von FM Einheit, Andreas Ammer und Alexander Hacke, nicht ganz überraschend treten im Anschluss die Veteranen der Neuen Slowenische Kunst auf – Laibach. Nicht nur, dass ihre Ästhetik eine immerwährende, nicht abschließbare Auseinandersetzung mit dem Totalitären ist – mit einem Konzert auf Einladung des ›Komitees für kulturelle Beziehungen‹ der Demokratischen Volksrepublik Korea drehten sie die Schraube noch eine Vierteldrehung weiter. Einen Teil ihres Auftritts in Pjöngjang werden sie im HKW reenacten. Weitere musikalische Highlights: Zeitkratzer treten erneut auf, gemeinsam mit der Vokalistin Svetlana Spajić interpretieren sie serbische Trauer- und Kriegslieder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Klanginstallateure Wessel Westerveld und Yuri Landman rekonstruieren die ›Intonarumori‹, die ›Lärmhörner‹ der Futuristen – Musikmaschinen, die die Musique Concrète vorwegnahmen. Hauschka, Ari Benjamin Meyers, Barbara Morgenstern und der Chor der Kulturen der Welt zeigen ein Chorwerk, das auf Aufnahmen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern 1914-1918 basiert, Tri Minh, Lan Cao und Georg Siedl wiederum erforschen elektro-akustisch vietnamesische Revolutionslieder. Am Samstagabend performt die Gruppe Songhoy Blues aus Mali, die mit international gefeiertem Desert Blues friedlich das Verbot von Musik in der Öffentlichkeit bekämpft, das mit der Machtübernahme islamistisch inspirierter Tuareg-Rebell*innen im Norden des westafrikanischen Staates 2012 eingeführt wurde. Ihnen widmet sich auch der Dokumentarfilm »They Will Have to Kill Us First« von Johanna Schwartz.

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(Songhoy Blues - (c) Transgressive Records)

Klage und Glorie

Neben Performances und Dokumentarfilmen sind auch Installationen - Milo Raus Theaterstück »Hate Radio« über den Völkermord in Ruanda etwa wird im HKW zum begehbaren Radiostudio - und Diskussionspanels Teil des Programms. Am Donnerstag sprechen u.a. die Musikethnologin Cornelia Nuxoll, der Islamwissenschaftler Jonas Overbeck und der Beiruter Rapper Rayess Bek über die Frage, wie Musik Hass steigert. Wie Klänge bei Gewalttaten eingesetzt werden, erörtern am Samstag u.a. der Journalist Yassin Musharbash, der Musikethnologe Tore Lind und Henning Mues vom Hamburger Label Euphorie. Am Sonntagnachmittag steht die Diskussionsrunde unter Mitwirkung von u.a. Milo Rau und dem syrischen Filmemacher Monzer Darwish, der die (illegale) syrische Metal-Szene porträtierte, unter dem Motto ›Klage und Glorie‹ die Frage, wie musikalische Formen die Leiden des Krieges ästhetisieren.

Was an den Festivals im HKW beeindruckt und auch an »Krieg singen« fasziniert, ist, wie breit und weit die Netze gespannt sind, wie groß das Vertrauen der Kuratoren ist, dass assoziierte Diskursfetzen von serbischer Trauerkultur 1916 und islamistische Beats von 2016 im erforschend und genießend Zuschauenden ein zusammenhängendes Verständnis für die Fragestellung bereiten können. Das Line-Up zwischen Stardom und Echtzeitmusik verspricht jedenfalls viel – und die Frage nach dem Zusammenhang von Krieg und Musik ist provokant und auf eine Art aktuell, die selbst bei einer Institution wie dem HKW überrascht.



Text: Steffen Greiner | 03.01.2016

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