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100 Jahre Punk-Single: »Punk 45« pt. II

Text: Threat Ana | 02.01.2016
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Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten: Soul Jazz Records und Dot Dash erteilen Nachhilfe in Vergangenheit und Zukunft von Punk jenseits Rock auf 7”-Vinyl.

Original in skug #100, 10-12/2014


Passend zum 100-Jahr-Jubiläum des Erscheinens von Sigmund Freuds Essay zu Widerstand, Wieder- holungszwang und (letztlich) der Akzeptanz vergangener Widerwärtigkeiten* veröffentlicht das Label Soul Jazz Records nun Teil 2 und 3 der im letzten Jahr ins Leben gerufenen Reissue-Serie »Punk 45«.

Deren »Vol. 2: There is No Such Thing as Society. Underground-Punk and Post-Punk in the UK 1977– 81« kompiliert dabei, wie für das Londoner Label üblich formschön und gut informiert, jene britische Hau-Drauf-Avantgarde zwischen Art School und Arbeitslosigkeit, deren reduktive Räudigkeit den Ende der 1970er bereits in Versteinerung erstarrten Casting-Punkrock à la Sex Pistols für obsolet erklärte. In ihrer wohlkalibrierten Mischung aus Bissigkeit, Arroganz und Selbstherabsetzung atmen die vierundzwanzig auf der Platte vertretenen Nummern zwar ganz den Geist ihrer Produktionszeit, schaffen damit aber auch die besten Voraussetzungen für eine störungsfreie Rezeption durch die gegenwärtige Hörerin.

Schließlich formiert sich hier eine Arbeitsweise, die sich als wegweisend für Generationen von nachwachsenden, lokalen, und gitarrenaffinen DIY-Szenen erweisen sollte: repetitive Stehsätze, sparsame Instrumentierung und Lo-Fidelity-Aufnahmen, deren Sound trotz aller Sperrigkeit bisweilen eine beinahe phosphoreszierende Transparenz erreicht. Und die Absage an Major-Schnickschnack – wie Radio-Airplay, hohe Auflagen und Chartplatzierung – gehört nach wie vor zum Produktionsethos jeder halbwegs ernstzunehmenden Kellerband. Folglich fetzt der Post-Punk von Bands wie ’O’ Level, Art Attacks oder The Scabs heute genauso wie 1978.  

»Vol.3: Sick On You! One Way Spit! Proto-Punk punk_45_sick_on_you_after_the_love_lp_1.jpg1969– 1976« widmet sich im Gegensatz dazu einer etwas schwierigeren Phase der UK- und US-Underground-Musik: dem Prä-Punk 1970ern. Altersgerecht demonstriert das Genre die ganze Bandbreite des Unbehagens der Voradoleszenz: In ihren schwächsten Momenten (exemplarisch: Count Bishops »Ain’t Got You«) klingt die Compilation wie ein Grüppchen armer, blöder, nerviger Knirpse in den ersten beiden Klassen Unterstufe, monatelang und tragischerweise verloren zwischen Pickerlalbum, Hausschuhpflicht, Elternhass, ADHS-Diagnose und erster Geometrisch-Zeichnen-Schularbeit. Sie illustriert bestens das unangenehme Zwischen-den-Stühlen des Nicht-mehr-1960s-Garage und Noch-nicht-Punk der unmittelbaren Zukunft. Die besser gealterten Beiträge beackern bekannteres Gelände und rekrutieren sich wenig überraschend aus bereits bestens in den gegenwärtigen Kanon der Punk-Musikgeschichte eingegliederten Größen, wie Electric Eels, Crime, Death oder Mirrors. Höhepunkt dieser Rückschau sind ohne Zweifel die wilden, hier erstveröffentlichten Proberaum-, Live- und Schlafzimmeraufnahmen von Jack Ruby, Radio Pete und den sehr treffend selbstbetitelten knallköpfigen Kanadiern Simply Saucer.


There Is Such A Thing As Community: Dot Dash

Wiederveröffentlichungen und Retrospektiven wie »Punk 45« erfreuen sich derzeit bekanntermaßen bester Konjunktur. Ebenso bekannt sind die Entrüstungsstürme und dystopischen Prophezeiungen einer Gegenwart ohne Now!, welche die Zunahme dieser Geschichtsarbeit in dem teleologischen Fortschrittsglauben verpflichteten Kritiker/innenkreisen ausgelöst hat (Stichwort: »Retromania«).

Gerade »Punk 45: Vol.2« demonstriert allerdings sehr augenscheinlich, dass der tatsächliche Ge- brauchswert historisch interessierter Reissues eben nicht darin liegt, eine gegenwärtige Leere zu füllen. Popmusik ist nun einmal Durcharbeiten, Zitat, Appropriation, Bricolage, Versatz, Weiter- denken, Umdrehen, Absage; Verdauen und Ausscheißen genauso wie zärtliches Konservieren und Fetischisierung des unausweichlichen Verfalls, den das Fortschreiten der Zeit mit sich bringt. Das Neue ohne das Vorhergegange zu denken, ist schlicht kurzsichtig – aus dem Nichts kommt nämlich genau nichts. Compilations helfen dabei, Genealogien zu erkennen (erinnert sich jemand noch an Atari Teenage Riots Users-Cover »Sick To Death«?) und Genre-Entwicklungen als tatsächlich historisch zu verstehen. Und schließlich markieren Reissues auch die Notwendigkeit des Beibehaltens gewisser Formen und Politiken in einer Gegenwart, die vom genauso hartnäckigen Fortbestehen von grundlegend beschissenen ökonomischen und politischen Verhältnissen geprägt ist. Hier beinhaltet die Bezugnahme auf historische Szenen, wie britischen Post-Punk mit seinem ausgeprägten Do-it-yourself-/Do-it-together-Imperativ, sogar ein utopisches Element.

Um nur ein lokales Beispiel zu nennen: Die Wiener Garagenkombo Dot Dash, welche ihre Post-Punk-Vorgänger/innen sehr genau studiert hat, arbeitet sich nicht nur an Songstrukturen und Sound- ästhetik eines Frühachtziger-Undergrounds ab, sondern auch am Engagement um eine Dot_Dash.jpgGegenöko- nomie, die nicht auf Verkaufszahlen beruht, sondern auf Community, Liebe zum Ding und einem sehr bewussten, sehr wenig profitablen Willen zum musikalischen Außenseiter/innentum. Schließlich betreiben drei der vier Bandmitglieder das Label Totally Wired Records, welches in den drei Jahren seines Bestehens in halsbrecherischem Eifer knapp zwanzig Veröffentlichungen der abgedrehtesten Acts in der näheren und weiteren Umgebung genau neben den Markt geworfen hat (skug berichtete). Das Label ist auch wesentlich am Betrieb des Off-High-Street-Plattenladens Transformer beteiligt, welcher als Keimzelle für neue musikalische Kollaborationen innerhalb des sich ständig ausdehnenden Totally-Wired-Universums kaum mehr aus Wien wegzudenken ist.

Dot Dash deshalb als Retro-Band zu bezeichnen, ist schlicht zynisch. Was hier passiert, ist ein sehr gegenwartsbezogenes Anwenden und Abreagieren. Selbstverständlich schreiben Dot Dash dabei auch an den nächsten hundert Jahren Punk-7” weiter: Im verregneten Sommer 2014, nach zwei vollen Alben auf Totally Wired, erschien der Two-sider »Seasick / Slide« bei der Wiener Indie-Kanone Fettkakao. Willkommen in der Gegenwart.

— 

* Sigmund Freud: »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten«. Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, Bd. 2 (6), 1914, S. 485–91.

V/A: »Punk 45: There Is No Such Thing As Society. Get A Job, Get A Car, Get A Bed, Get Drunk! Vol. 2: Underground Punk and Post Punk in the UK 1977–1978«
V/A: »Punk 45: Sick On You! One Way Spit! After the Love and before the Revolution. Vol. 3: Proto-Punk 1969–1976«
beide: Soul Jazz Records/Trost

Dot Dash: »Seasick / Slide 7”«
Fettkakao/Trost


Text: Threat Ana | 02.01.2016

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