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Folter und Erleuchtung in Venedig: Jenny Holzer

Text: Kerstin Kellermann | 12.12.2015
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»Phase IV Operations pewter«, 2007, Text: U.S. government document © 2007 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY

Die Schrift- und Konzeptkünstlerin Jenny Holzer mit Kriegsbildern, eskapistische Kriegsverarbeitung von Wassily Kandinsky. Ein regnerischer Tag auf der Kunst Biennale »All The World’s Futures« in Venedig. Ein Rückblick.


Schwer ist es, im Museo Correr in Venedig die Kunst von Jenny Holzer zu finden. Der Palast liegt am Markusplatz, neben der Hauptpost ist der Eingang. Man muss wirklich viele Marmortreppen hinauf, um die Kurve der kaiserlichen Wohnzimmer-Einrichtungen herum. Dann zwei Geheimtreppen hinauf und durch einen Schlauch von Räumen hindurch, in denen antike Statuen stehen und gelangweilte Museumswächter die Besucher betrachten. Bis ganz nach hinten … Dafür wirken die Riesentexte zum Thema »WAR« dann eindrücklich und überraschend. Sie sehen aus wie auf Stein eingeritzt, ähnlich ägyptischen Hieroglyphen, sind aber trotz Gekritzel lesbar. »How many have you been in the first day? How many are you now?«, steht auf den Schreibplatten.

Die 1950 geborene US-amerikanische Künstlerin, die sich mit Trauma und Überlebensdrang aus- einandersetzt und sich viel mit Schriften, Wörtern und Sätzen beschäftigt, verwendete für »WAR Paintings« schriftliche Notizen der Gefangenen von Guantanamo. Aber auch Dokumente wie eine E-Mail eines Hauptmannes der US-Armee an die Vernehmungsoffiziere im Irak, in dem dieser eine Folterwunschliste anforderte. Haft auf engstem Raum, Schlafentzug, Schlagen mit einem Telefonbuch oder weißes Rauschen waren die Antworten der Offiziere. Ein besonders Eifriger schrieb zurück: »Schluss mit lustig, Gentlemen, was diese Gefangenen betrifft ... ist deutlich geworden, dass wir diese Gefangenen gebrochen sehen wollen.«

Jenny Holzer sammelte Stichproben aus Bildern von Francisco de Goya, und zwar aus den Himmeln in seinen schwarzen Bildern. Diese verwendete sie dann als Hintergrund für Texte wie »I was hit« oder »I was struck«. Im Museo Correr hängt ein blauer Glasluster vom Plafond, aber es ist nicht zu eruieren, ob dieser Teil der Installation ist.

Death and Disaster

Für ihre »WAR«-Bilder malte Holzer das erste Mal seit ihrer Ausbildung an der Universität Chicago im Jahre 1970 wieder. Mit »hochwertigen Ölfarben« auf Leinwand arbeitet die Künstlerin die Aussagen direkt explizit aus, »im Gegensatz zum Präsidenten, der die Folter immer leugnet«, steht im Katalog. Es geht um Autopsieberichte, um Folter, an der jemand starb, um Verhörtechniken außerhalb der Gesetze. Gruselig sind die Handabdrücke der Gefangenen, die post mortem genommen wurden. Die Berichte und Anweisungen sind so spezifisch, dass sie beinahe unwirklich erscheinen. Archaisch wirken die großen Schrifttafeln in grau, mit den kleinen Spuren von Handschrift, von vergänglichem menschlichem Geschreibsel, darauf. Z. B. »This is the window my neck was tied up to«. Es sind gepresste Siebdruckarbeiten über gepresste Menschen, human beings under pressure. »Information wird Erleuchtung nie ersetzen«, schrieb schon Susan Sontag. Dieser schöne Raum mit Sicht auf den Markusplatz bietet einen würdigen Rahmen der Erinnerung an diese eventuell unschuldig inhaftierten bzw. getöteten Gefangenen, die nie vor einem Gericht standen.

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»Terrorist Group«, 2013, Text: U.S. government document © 2013 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY


Viele Künstler setzen sich mit Krieg und seinen Konsequenzen auseinander: Jenny Holzer bezog ihre ersten Anregungen aus der Dada-Bewegung, die die verheerenden Folgen des Ersten Weltkrieges thematisierte, und später von Andy Warhols »Death and Disaster«-Siebdrucken. Nicht nur Jackson Pollock, sondern auch Kandinsky dachte, dass Mythologie eine adäquate Antwort auf den Zweiten Weltkrieg sei. In »The Moon Woman« aus 1942 malte Pollock schwarz auf weinrot eine Göttin, der mehrere Ureinwohnerstämme huldigten. Mysteriös und voller Zeichen ist das Bild in der Peggy Guggenheim-Kollektion.

Wassily Kandinsky wandte sich in der Zeit des Nationalsozialismus den Theosophen zu, eine Richtung, die ihn bereits vor dem Ersten Weltkrieg interessiert hatte und malte nach der Schließung des Bauhauses durch die Nazis »Fragmente«. Jean Dubuffet verzerrte das Porträt des Soldaten Lucien Geominne grotesk, als Protest gegen die ästhetische Erbschaft der griechischen Zivilisation, die Schönheit und Perfektion anstrebte, während sich die Menschen massakrierten. Im Palast der Künstlerin Guggenheim ist auch die »Study for a Heroic Monument in the Form of a Bent Typewriter Eraser« von Claes Oldenburg zu sehen. Die Stiftung ihres Onkels Solomon garantiert den Erhalt des Museums. »As one writes them out on canvas«, schrieb Jenny Holzer über ihre Kriegsbilder, »not as a protest, but as an ethical response to what they contain ...«. »She turns the words into images so that we can read them«, steht dazu im Katalog.

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»in (JIHAD) time«, 2014, Text: U.S. government document © 2014 Jenny Holzer, member Artists Rights Society (ARS), NY

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Jenny Holzer © Theresa De Leon


»Muffled Drums«

Gleich zu Beginn der Cordeliere, der Eingangshalle im Arsenale, wartet sozusagen der Krieg symbolisch auf die Zuschauer, in Form von in den Boden versenkten Säbeln, die zu Blumensträußen gebunden sind und äußerst dekorativ aussehen. Der hohe Turm aus Bass Drums am Eingang erinnert dann gleich auch an Paul Klees Bild des »Paukenschlägers«, der statt Armen Schlegel hat, rote Schläger. Beziehungsweise an Adolf Hitlers Aussage »Ich bin nur ein Sammler und Trommler« – den Menschen- und Leichensammler. Leute sitzen am Boden, der Film wird auf zwei Leinwänden abge- spult. Ein Junge spielt verschwitzt Schlagzeug auf einem orangenen Plastikstuhl. »Music, the most powerful weapon«, heißt es im optimistischen Gegenzug zum Kriegsthema in dem Film »Fara Fara 2014« über einen Musikwettbewerb im Kongo. »Who will write history?«

Im südafrikanischen Teil des Arsenale-Gebäudes schreiben die Kuratoren über die »slower forms of violence that are eating us from the inside out«. Hier kann man in einem Film von Angus Gibson einen älteren weißen Mann sehen, der die Ermordung seiner Frau durch drei schwarze Jugendliche beschreibt. David Ackerman heißt er. »The Road to Reconciliation« ist der Titel des Films, er zeigt die Aussagen vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission TRC), die sich um Aussöhnung bemühte. »I could not be angry with them«, sagt Ackerman weinend, »but I know I should.« Die drei Mörder bekommen ihre Amnestie, nur einer von ihnen scheint betroffen. Draußen hört man einen Mann aus einem anderen Film schreien: »Truth and justice, truth and justice«.

Am Abend zieht in einem langsamen Schreiten die Theresa Gates Performancegruppe singend und klatschend einen Weg in der Cordeliere entlang. An der Wand hängen lauter folterähnliche Geräte, die wie aus dem Sklavenhandel entlehnt aussehen. Die Improvisationsperformance endet an der Säule aus Bass Drums von Terry Adkins. »Muffled Drums« (2003) heißt die Installation, »gedämpfte Trommeln«.

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 Foto: Kerstin Kellermann


Text: Kerstin Kellermann | 12.12.2015

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