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Diskursives Eigengewicht: Werner Kofler

Text: Thomas Ballhausen | 07.12.2015
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»Im Museum« / Werner Kofler © Extra-Film

Filmgeschichte: In diesem Artikel werden Fragen nach dem diskursiven Eigengewicht des Filmischen aufgegriffen und anhand von  Werner Koflers »Im Museum« von 1993, der auf der Diagonale 2015 wieder zu sehen war, fortgeführt. Ein filmosophisches Geflecht.


Kehren wir unter Einrechnung der mehrdeutigen, bei Heidegger entlehnten Kategorien der »Annahme« – also Erwartungen, Hypothesen und Hinnahmen – zum vermeintlichen Schluss und zum tatsäch- lichen Anfang des Aufgeworfenen zurück: Das Missverständnis von Film als reine Illustration oder als störungsfreies Abbild der sogenannten Wirklichkeit verstellt uns den Blick auf die filmischen Aus- drücke der Medialität. Das erneute (oder vielleicht auch: neue) Setzen des Archivs als Denkmodell öffnet den Blick auf die nicht zuletzt auch materiellen Bilder, in die die Geschichte zerfällt.

Vorsätzlich wortwörtlich wieder-holend meint das: Das Archiv soll dabei einerseits als Trias aus Institution, Sammlung und Praxis angesetzt werden. Andererseits, unter Rückgriff auf David Martins »Curious Visions of Modernity« (MIT Press 2011), hinsichtlich audiovisueller Quellen als diskursives Dreigespann aus Sammlung, Körper (auch im Sinne einer physischen Beschaffenheit der jeweiligen Quellen) und einer medialen Kartografie, die eine produktive Kritik an progressionslinearer Historiografie möglich macht.


Zurück ins Archiv

Dabei bietet sich eine entsprechend von der Sammlung her gedachte Aufschlüsselung an, ist das analoge Filmmaterial doch immer auch Ausgangspunkt für beispielsweise die Verfügbarkeit auf Online-Plattformen, Restaurierungen, Neuverwendungen und mögliche produktive Rezeption. Das ordnende Archiv dient dabei als Register des Historiographischen, als Option der Reflexion darüber, wie wir der an sich sinnlosen Geschichte welchen Sinn verleihen. Dieses Moment der Stiftung ist aber nicht in der Art einer einmalig gesetzten und in der Folge unterhinterfragbaren hermeneutischen Praxis zu denken, sondern vielmehr als Notwendigkeit, die Quellen kompetent – also auch: skeptisch – immer wieder (und immer wieder neu) einer Lektüre und Kontextualisierung zu unterziehen. Auch dies ist Teil des unausgesetzten zyklischen, zu vermittelnden Arbeitens am Archiv – eben als Arbeit am Archivierten.

Dem limitierenden Blick auf Film als Ausdruck von Illustration und Anschaulichkeit müssen dabei die Betonung der filmischen Medialität ergänzend entgegengehalten werden. Ein derart erweiterter, den jeweiligen Beleg aus der Gesamtheit der Sammlung heraushebender Blick ist sich der Historizität als auch des gegenwärtigen Augenblicks bewusst. Die Aussicht auf die darauffolgende Zukunft (auch: des Films in seinen Varianten und Konvertierungen) manifestiert sich dabei stets neu als Heraus- forderung zur ethischen Haltung einer Verpflichtung zur Verantwortung gegenüber von Sammlung und Öffentlichkeit. Die logistisch-intellektuelle Leistung des Archivs (bzw. des Archivars) im Sinne von choreografischer Verknüpfung und sensibler Aktualisierung ermöglicht nicht nur die Befragung der Quellen, sondern auch das Herausarbeiten von Widerständigkeiten, vielleicht auch das Zeitigen von Verwerfungslinien, die zu dem führen, was in all seiner Mehrdeutigkeit zu begreifen und als solche gesamtgesellschaftlich anzudeuten oder auch, wenn möglich, zu leben ist: eine Kritik der Archive.

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 Filmdosen © Josef Navratil


Themenpark des Schreckens

Werner Koflers »Im Museum« (1993) gehört zu den wichtigsten und zugleich auch unterschätztesten bzw. unbekanntesten österreichischen Filmen, die sich mit dem Themenkomplex Shoah, Geschichts- schreibung und Vergangenheitsbewältigung auseinandersetzen. Medien (zumindest: Medialisierung) ist eines der Reizworte, das am Beginn von »Im Museum« steht: Ein Besucher, ein Spezialist mit einem Schreibauftrag folgt einem Kustos, einem Führer durch eine winterliche Landschaft, in der sich ein Raum-in-Raum-Museum der gesamtdeutschen Geschichte entfaltet. Der Schwerpunkt der ausge- dehnten Anlagen, durch die der Kustos führt, liegt aber unverkennbar auf dem Zeitraum des national- sozialistischen Terrorregimes. Alle Belege, ausgestellten und vorgeführten Künstler und Kunstwerke führen, so der dominante Erzählertext, zu diesem Zeitraum hin, zu einer »Nachbildung im Maßstab eins zu eins [...] um die Schrecken der Vergangenheit erlebbar, genauer noch [...] um die Faszination des Schreckens begehbar zu machen«.

Mehrere Besuche der schier endlosen Ausstellung, die dem Geführten u. a. eine vollkommen verkehrte, auf den Kopf gestellte Geschichte des Zweiten Weltkriegs eröffnet und auch seinen eigenen Schreibtisch als Teil der Bestände zeigt, ihn also auf eine erweiterte, unheimliche Weise mitmeint, führt das ungleiche Paar mittels projizierter Bergtour quasi auf den Gipfel des Absurden: Als der mitgenommene Besucher den Kustos anspringt, um damit auch das Museum zu Fall zu bringen will, ist es bereits um ihn geschehen. Alles, so der unerträglich überlegene Museumsführer, erweise sich aber schließlich als Installation, als begeh- und erlebbarer Themenpark des Schreckens.

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»Im Museum« / Werner Kofler © Extra-Film


Weg und Sprache

Zwei Unsichtbare, sehen wir doch nur eine karge Landschaft und hören wir ausschließlich die Stimme eines Erzählers, gehen also im Schnee verloren, brechen, ganz im etymologischen Sinne, sehr negativ aus der Formation der Geschichte aus. Anders als die lebensstiftende Geste des Gehens bei Werner Herzog oder die leidenschaftsbestimmte Poetik der Ruhelosigkeit eines Paul Nizon entfaltet sich in der Parallelisierung von Weg und Sprache eine Erzählung des Schreckens im Tempo der gewählten Fortbewegungsart entlang eines moralisch abschüssigen Pfades. Der Aufwertung der Kategorie des Raums in literarischen oder filmischen Relationen wird bei Kofler das Gehen ganz bewusst beigestellt; nichts in der vermeintlich zufälligen Reihung der Ereignisse ist ungeplant.

Kritisches Gelände lässt Kofler seine Figuren nicht betreten. Vielmehr trägt jeder weitere Schritt zur erneuten Verwüstung bei und befördert schließlich, um einen Gedanken von Dietmar Kamper aufzunehmen, das Virtuelle als Spielart von Abwesenheit. Die Landschaft ist mortifiziert, die Verdichtung ist die von Werner Kofler kritisierte Musealisierung, die ihre moralische Aufgabe und ethische Kompetenz zugunsten eines Unterhaltungswertes aufgibt. Die Verknüpfung von Landschaft und filmischem Täuschungsvertrag, also die Absurdität der ins Unermessliche gezogenen Installation und die Darstellung der Museumsfläche als Tatzone, schlägt sich dabei nicht zuletzt auf der Ebene der Materialität nieder.

— 

Die vorliegende Publikation ist im Rahmen des FWF-Einzelprojekts »›Bewegte‹ Bilder zu Habsburgs letztem Krieg« (Projektleitung: Hannes Leidinger; Laufzeit: 2013–2016) entstanden. Austrian Science Fund (FWF): P 25685–G23.

»Im Museum« (A 1993)
Regie/Drehbuch: Werner Kofler
Kamera: Bernd Neuburger
Produktionsfirma/Verleih: Extrafilm GmbH, Wien
DVD-Edition: Der österreichische Film/Edition »Der Standard« #193 (ersch. 2011)


Text: Thomas Ballhausen | 07.12.2015

Referenzen:

  • Regie: Werner Kofler
  • skug : 102

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