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Viennale-Highlights zum Jahresende

Todd Haynes, Joshua Oppenheimer, Noah Baumbach

Text: Katharina Stöger | 02.12.2015
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The Look of Silence // Polyfim
skug gratuliert Paul Poet zum erfolgreichsten Special Program der diesjährigen Viennale! »Aus Fleisch und Blut« wurde von zahlreichen Austrian Pulp Fans besucht, während das Festival sonst einen Rücklauf an Besucherzahlen erfahren hat. Bis zum Jahresende starten aber noch einige Viennale-Höhepunkte im Kino, die starke weibliche Beziehungen und das Leben mit dem Tod zum Thema haben.

Der diesjährige Viennale-Eröffnungsfilm »Carol« (GB/USA 2015) von Todd Haynes zeigt die Liebe zweier Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten im New York der frühen 1950er Jahre. In seinem »Christmas Carol« geht es vor allem um die Wahrung des familiären Scheins, die verheiratete Mutter Carol (Cate Blanchett) ist zwischen ihrer Leidenschaft zu der Warenhausverkäuferin Therese (Rooney Mara) und ihren Gewissensbissen ihrer Tochter gegenüber hin und her gerissen. Als ihr Mann ihr das Mädchen entziehen will, stürzt sie sich in einen Road Trip mit ihrer Geliebten. In einer Zeit, in der die homosexuelle Liebe, besonders zwischen Frauen, noch als verwerflich und zu verheimlichen galt, sind es vor allem die inszenierten Blicke, die die starke Anziehung zwischen den Frauen spürbar machen. Auch steht Thereses Leidenschaft für die Fotografie als Sinnbild des Begehrens, schon oft hat das Kino das festgehaltene Bild zur Trophäe und Objekt der Begierde stilisiert. Die gelungene Literaturadaption von Patricia Highsmith startet am 18. Dezember im Kino.

»Mistress America« (USA 2015) ist die neue Generationenbeobachtung von Regisseur Noah Baumbach und war der diesjährige Überraschungsfilm der Viennale. Auch hier spielt New York als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten den Austragungsort für die Beziehung zweier fast Stiefschwestern. Tracy ist neu an der Uni und findet sich in der Großstadt allein nicht zu Recht, ihre Ambitionen Schriftstellerin zu werden scheinen zunächst zu scheitern. Dann trifft sie ihre baldige Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig), die nur so von Tatendrang und Motivation sprüht und eine Faszination auf Tracy ausübt. Brooke gehört zu jener Generation, denen zu viele Möglichkeiten offen stehen, ob als Fitnesstrainerin, Kellnerin, Schauspielerin, Schriftstellerin, T-Shirt-Designerin oder jüngst Restaurantbesitzerin. Brooke sprüht nur so vor Ideen und kann sich für alle gleichermaßen begeistern, nur fehlt ihr der Erfolg – und das Geld. Umso mehr ist sie Inspiration für Tracy, die eine Kurzgeschichte über ihre neue Schwester verfasst und damit droht, die Beziehung zu ihr zu zerstören. Ein Film über kindische Erwachsene, all zu erwachsene Heranwachsende und zu viele und doch zu wenige Möglichkeiten. Kinostart von »Mistress America«: 11. Dezember.

Das Leben mit dem Tod
In »The Act of Killing« ließ Regisseur Joshua Oppenheimer die Verbrechen des Genozids in Indonesien 1965 in Form von Reenactments wieder auferstehen. Nun zeigt er die Seite der Opfer. Die Dokumentation »The Look of Silence« (DK/NO/FIN/Indonesien/GB 2014) begleitet den Optiker Adi bei seinen Begegnungen mit den Mördern seines Bruders. Dieser wurde als angeblicher Kommunist brutal gefoltert und getötet, erst nach dessen Tod wurde Adi zwar geboren, leidet aber durch die präsenten Erinnerungen seiner Mutter auch selbst an den Folgen des Genozids. Noch immer leben Opfer und Täter in enger Nachbarschaft und noch immer herrscht Hass, Angst und Misstrauen. Die Mörder sind stolz auf ihre Taten und gelangen nicht einmal in der direkten Begegnung mit Adi zur Einsicht. Wut und Verdrängung sind oft die Folge der direkten Auseinandersetzung. Dabei ist es ein stimmiges Sinnbild, dass Oppenheimer den Optiker Adi in die Konfrontation schickt, dieser versucht nämlich Klarheit in die Geschichte zu bringen. Trotzdem bleiben die Täter blind für ihre Gräueltaten. Wie aktuell die Situation immer noch in Indonesien ist, zeigt auch der Abspann, in dem zahlreiche anonyme Mitarbeiter erwähnt werden und im Verborgenen bleiben müssen. Denn es ist gefährlich, sich sichtbar zu machen, in einer Gesellschaft, in der man nicht einmal seiner Familie trauen kann. »The Look of Silence« ist bereits im Kino zu sehen, nicht verpassen!

Ein depressiver Philosophie-Professor, der eine magische Anziehungskraft auf Kolleginnen und Studentinnen ausübt? Das hat man nicht nur schon tausend Mal gehört, sondern auch schon – und besser – im Kino gesehen. Während Woody Allens neuer Spielfilm »Irrational Man« (USA 2015) etwas schleppend beginnt und nur der angezüchtete Bierbauch von Joaquim Phoenix in Erstaunen versetzt, schafft er es doch, eine interessante Wendung zu nehmen. Denn auf einmal wird der Professor von dem Plan besessen, einen Mann zu töten und der Plan vom perfekten Mord haucht ihm neuen Lebensdurst ein.

Wie »Irrational Man« ist auch Nanni Morettis neuer Film »Mia Madre« (I/FR 2015) bereits im Kino zu sehen. Hier verarbeitet der Regisseur den Tod seiner Mutter, er selbst spielt den Bruder der Regisseurin Margherita, die zwischen hektischem Filmdreh und dem Totenbett ihrer Mutter hin und her gerissen ist. Genauso wechselt auch der Film zwischen komischen und tragischen Momenten, fällt von einer Situation in die nächste. Besonders grandios ist John Turturro als sich völlig selbstüberschätzender Schauspieler, der die Nerven seiner Regisseurin noch zusätzlich strapaziert.

Konträre Hommagen an das Leben
Mit besonderer Spannung wurde die Premiere von Stephan Richters »Einer von uns« (Ö 2015) erwartet. Richters Spielfilmdebüt ist dem toten Jugendlichen, der 2009 als 14-Jähriger nachts bei einem Einbruch im Supermarkt von einem Polizisten erschossen wurde, gewidmet. Die wahren Ereignisse werden frei nacherzählt. Durch den noch immer präsenten Vorfall läuft man Gefahr, die dargestellten Dialoge und Szenen als Wahrheit miss zu verstehen. Das führte auch zu einigen Verwirrungen beim anwesenden Premierenpublikum, das teilweise sehr emotional auf den Film reagierte. Die Sympathie legt Richter eindeutig auf die Seite des Jugendlichen, trotzdem schafft es der Film die sich zu Beginn androhenden schwarz-weiß-Typisierungen zu vermeiden. Besonders schön ist Richters Bildkomposition, der dem chaotischen Leben der Jugendlichen lange, an Pop Art erinnernde Einstellungen von Kaufhauswaren wie Dosen und Saftpackungen entgegen setzt. »Einer von uns« ist bereits im Kino zu sehen.

MeAndEarlAndTheDyingGirl_ABC Films_1.jpgEiner der schönsten Filme des Festivals war ohne Zweifel »Me and Earl and the dying girl« (USA 2014) von Alfonso Gomez-Rejon. Der zweite Spielfilm des ehemaligen Regieassistenten von Martin Scorsese zeigt in unglaublich humorvoller und zugleich wunderschön trauriger Weise die Freundschaft von Greg, dessen einzige Bestrebung es ist nicht auf zu fallen und mit seinem Kumpel Earl Filmklassiker nachzudrehen, mit der an Leukämie erkrankten Rachel. In der Kombination von klugem Drehbuch mit tollen Dialogen, der Einbettung von Animationssequenzen und einer unglaublichen Detailverliebtheit ist diese besondere Coming of Age Story eine Hommage an das Kino und das Leben. Wahrscheinlich der schönste (Weihnachts)Film des Jahres und eine absolute Empfehlung! Kinostart am 4. Dezember exklusiv im Gartenbaukino.

Text: Katharina Stöger | 02.12.2015

Referenzen:

  • Regie: Alfonso Gomez-Rejon, Joshua Oppenheimer, Nanni Moretti, Noah Baumbach, Stephan Richter, Todd Haynes, Woody Allen

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