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Verschmutzte Sounds, verstolperte Beats: Glenn Astro

Text: Georg Fischer | 24.10.2015
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Glenn Astro © Henri Vogt

Derzeit ist eine Reihe junger Produzenten dabei, House aus der selbstgewählten Sackgasse zu manövrieren und es gegenüber anderen Genres wie HipHop, Jazz oder Broken Beats wieder zu öffnen. skug traf Glenn Astro zum Gespräch über sein Debütalbum »Throwback«.


Glenn Astro gehört zur recht jungen und doch schon ziemlich einflussreichen Riege an Produzenten, die sich seit einigen Jahren um Labels wie Box aus Holz, Tartelet, Odd Socks oder WotNot scharen. Dazu zählen ferner Max Graef, IMYRMIND, Henry Wu, Roman Rauch, Delfonic, Damiano von Eckert und andere. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Hybrid aus Sample-lastigem HipHop, tanzflächen- geeichtem House, den gebrochenen Rhythmen aus Bass Music und Dubstep sowie verspieltem, quirligem Jazz. Wer den Sound ihrer Tracks kennt, weiß, dass er selten glatt und straight, sondern meist etwas verschmutzt, verstolpert oder anders verschroben daherkommt. Im Gespräch mit skug verrät Glenn Astro, dass hinter seinem Ansatz die Überwindung einer zu eng gedachten HipHop-Doktrin steckt und hinter der vermeintlichen Schlampigkeit ein ästhetisches Prinzip.

Bei seinem Debütalbum »Throwback« stand der junge Produzent aus Berlin vor dem selbstgestellten Problem, ein House-Album zu machen, das sich nicht nach einem typischen House-Album anhört, welches lose ein paar Clubtracks aneinanderreiht, ohne einen größeren Zusammenhang herzustellen. »Throwback« ist daher eine Platte mit Überraschungsmomenten, witzigen Skits und zahlreichen Abwechslungen in Tempo und Rhythmik. Schon das Intro »Gonville featuring Max Graef« kündigt etwas an, das mehr nach Jazz als nach House klingt. Wenn dann der erste Beat einsetzt, ist das Aufhorchen umso größer. Dieser dramaturgische Faden des Unerwarteten und Überraschenden wird immer wieder aufgenommen, während sich das Album Wege durch die verschiedensten stilistischen Einflüsse bahnt.

Auch die Soundästhetik des klinisch Sauberen oder allzu fein Herausgeputzten der Generation Beatport ist nicht Glenn Astros Ding. Genausowenig wie das langweilige Einerlei der geraden »Four-to-the-Floor«-Bassdrum, mit dem House in erster Linie in Verbindung gebracht wird. Wie der Produzent und DJ andeutet, ist diese Abwendung einer herben Enttäuschung gegenüber Genres der elektronischen Tanzmusik geschuldet, die sich seit Jahren im stilistischen Leerlauf befinden, wie beispielsweise Minimal oder Tech-House. Ein Problem, dem er sich als Produzent natürlich entziehen kann, als DJ aber nur schwerlich: »Unter der Woche höre ich eigentlich weder House noch Techno, nach einem Wochenende im Club möchte ich echt keine gerade Bassdrum mehr hören.«

Was Glenn Astro an House und Garage hingegen mag, ist der Groove und das antreibende Moment dieser Musik. An Jazz schätzt er die offene Verspieltheit und das Vermögen zur Überraschung mancher Stücke, am Sample-basierten HipHop den dreckigen Sound. An manchen Stellen klingt sein Album auch tatsächlich so, als würde Prefuse73 House-Beats mit 125 BPM produzieren oder sich die belgische Jazzband Placebo aus den 1970ern an einem Sampler wiederfinden.

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 Glenn Astro

Sweet Spots und reflexive Ästhetik

Beim Produzieren ist Glenn Astro stets auf der Suche nach dem »Sweet Spot« eines Stücks oder Klangs, der sich als Sample zu Loops oder ganzen Tracks weiterentwickeln lässt. Wenn dies gelingt, wirken seine Samples, als würden sie atmen bzw. ein klangliches Eigenleben führen, das aus der Verwendung bestimmter Medien und Maschinen entsteht. Ein besonderes Faible hegt Astro für das herausgestellte Knistern und Knacken gesampelter Schallplattenaufnahmen, oft provoziert er auch das Eigenrauschen seiner sonstigen Geräte, wie er schmunzelnd zugibt: »Ich benutze ziemlich billiges Equipment, was dazu führt, dass viele Sachen, die ich gerne sauberer hätte, nicht sauber ankommen. Ich meine damit dieses Grundrauschen, das durch mein Equipment entsteht: billiger Synthie geht durch billigen Mixer in eine billige Soundkarte. Das ist das eine. Und dann sind da natürlich viel zu viele Kabel auf einem Haufen und zu viele Steckdosen an meine Leitung ange- schlossen. Daraus entsteht mein Sound [lacht].«

Wenn Astro die billigend in Kauf genommene ›Verschmutzung‹ seines Sounds beschreibt, dann ist er damit nicht allein. Das reflexive Hörbarmachen der verwendeten Materialien wurde von den beiden Medienwissenschaftlern Malte Pelleter und Steffen Lepa bereits 2007 als zentrales ästhetisches Standbein des Samplings im HipHop beschrieben.* Ihnen zufolge ist es entscheidend, dass oftmals nicht das Reine, Saubere und Perfekte zur Schau gestellt wird, sondern vielmehr das Rauhe, Dumpfe und Dreckige, das Rauschen, Knistern und Knacken: klangliche Unzulänglichkeiten also, die den Produzenten aber gewissermaßen als »authentisch« ausweisen. So wie in HipHop und House das Sampeln von alten Schallplatten zu einer dominanten ästhetischen Strategie werden konnte, so kann auch die besondere Materialität des Klangs als ästhetisches Merkmal betont und ausgestellt werden. Glenn Astro ist ein gutes Beispiel für diese reflexive Ästhetik.

Früher beschränkte sich Astro beim Sampeln auf Schallplatten, die vor 1985 erschienen waren. Eine Eigenart, die sich vermutlich aus einem recht puristisch gehaltenen HipHop-Dogma speist. Mittler- weile jedoch kann er »kein griffiges Argument« mehr für diese Beschränkung anführen, »denn ein potenzielles Sample wird ja musikalisch nicht besser, nur weil es von Platte kommt«. So steht neben den klanglichen Charakteristika das musikalische Moment unerwarteter Elemente und rhythmischer Eskapaden im Vordergrund, wie beispielsweise in »Still Shining« oder »Bochum«, die sich bestens mit den sonst recht warmen Melodiegängen verbinden. Glenn Astro liebt das smoothe Dahinrollen einer warmen Bassline genauso wie das satte Schmatzen einer scheppernden Snaredrum, die urplötzlich zu stolpern beginnt, nur um sich ein paar Takte später wieder zu fangen. Er liebt es, in unvermittelter Weise kleine Solos in Doubletime zu starten oder Elemente einzuführen, mit denen niemand rechnen konnte, die aber aus der unweigerlichen Lethargie des Loops heraushelfen. 

Mit »Throwback« realisiert Glenn Astro sein Anliegen, neue Akzente zu setzen und Verbindungen aufzuzeigen, die House in verschiedene Richtungen hin öffnen und als Genre weiterentwickeln. Anders als der Titel vermuten lässt, ist das Album nicht nur ein Blick in den Rückspiegel. Es ist so etwas wie eine Vorwärtsfahrt im Rückwärtsgang.

Glenn Astro: »Throwback« (Tartelet)

 

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* Malte Pelleter und Steffen Lepa: »Sampling als kulturelle Praxis des HipHop«, in: Karin Bock et al. (Hg.): »HipHop meets Academia. Globale Spuren eines lokalen Kulturphänomens«. Reihe Studien zur Popularmusik. Bielefeld: Transcript 2007, S. 199–214.


Text: Georg Fischer | 24.10.2015

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