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In die Welt horchen: Jochen Bonz

Text: Heinrich Deisl | 14.10.2015
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Foto: Pablo Mendivil

»Für das Hören existiert auch, was es nicht versteht. Es hält das Ungeordnet-Sein aus«: Diese scheinbar simple Feststellung führt Jochen Bonz in seinem neuen Buch zu komplexen Überlegungen einer sonischen Ethnografie, die anhand klanglicher Phänomene sozial-kulturelle Situationen beschreibbar macht.


In »Alltagsklänge – Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens« beschäftigt sich Bonz, Pop- Theoretiker und Assistent am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, mit Alltagsspezifika unter dem Eindruck des sonic turn.

Die ersten Kapitel erarbeiten ein Korpus aus Definitionsmöglichkeiten und Einsatzvarianten von Klängen. Diese werden danach in historische – etwa R. Murray Schafers Soundscape-Forschungen – sowie psychoanalytische Ansätze eingebunden und an kulturellen Konventionen und klanglichen Subjektivierungen abgetestet. So entwickelt sich ein enges, von Dynamik, Flüchtigkeit, Affekt und Mimesis geprägtes Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Formationen und Klängen. 

Wie auch in »Subjekte des Tracks« (2008) oder »Das Kulturelle« (2012) liegt einer der großen Er- kenntnisgewinne Bonz’scher Poptheorie-Generierung in der starken Bezugnahme auf ethnografische Fragestellungen, die von vielfältigen Beispielen konkretisiert werden. In diesen Alltagsklängen oszillieren Latour, Regina Bendix und – typisch für Bonz – immer wieder Lacan. Man kann dem Autor Abo_Jochen_Bonz_Alltagskl__nge_Cover.jpgförmlich zusehen, wie er seinen Rucksack packt (Begriffe definiert), um anschließend in bester Feldforschermanier unterschiedlichste Terrains zu erkunden: sei es ein künst- lerisches Soundscape-Projekt auf der schottischen Insel- gruppe der Hebriden, elektronische Tanzmusik oder der Autotune-Effekt in der Popmusik. Richtig plastisch wird es, wenn Bonz in einer Feldstudie einer der aktuell größten Realitätsproduktionsmaschinen zu Leibe rückt, nämlich dem Fan-Sein im Soundscape des Fußballstadions. Dazu gehört natürlich auch eine teilnehmende Beobachtung während einer Fußballübertragung in einer Gaststätte im Feldtagebuch-Selbsttest. 

In Bonz’ Entwürfen geht es weniger darum, wie und warum Kultur Klänge herstellt. Vielmehr verdichten sich hierbei Klänge entlang einer symbolischen Ordnung zu Aussagen über Kultur, die »vom Interesse am Hörbaren zu einem forschenden Zuhören« führen. »Alltagsklänge« ist ein ebenso stringentes wie leidenschaftliches Plädoyer dafür, den derzeitigen kulturellen Zuständen mehr Gehör zu schenken.


Jochen Bonz: »Alltagsklänge – Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens«

Reihe Kulturelle Figurationen: Artefakte, Praktiken, Fiktionen
Wiesbaden: Springer VS 2015

196 Seiten, ca. EUR 36,-


Das Buch ist auch als Prämie für das skug-Abonnement #104 bestellbar.


Text: Heinrich Deisl | 14.10.2015

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