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›Im Himmel sein‹ heißt ›Liebe‹: Ducktails

Text: Steffen Greiner | 29.09.2015
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Ducktails (Matt Mondanile) / Domino Rec.

Disney und Drones bilden die Eckpfeiler der musikalischen Welt des Matt Mondanile. Hört man den Pop-Entwürfen seines neuen Albums unter dem Moniker Ducktails gar nicht an! skug traf den Gitarristen in Berlin zum Gespräch über Katholizismus, Eskapismus, Experimente und Julia Holter.


Es war Ende Mai, als ich Matt Mondanile zum Interview traf, vor einem kleinen Club unter den Gleisen der S-Bahn, der Sommer kündigte sich an, es war sonnig, es war warm. Im Juli kam dann das Album raus, in einer Woche, in der sich hier eine kleine Hitzewelle ankündigte. Und während ich nun endlich dazu komme, das Interview abzutippen, sitze ich schon im schönen Herbstlicht und warte auf den nächtlichen Bodenfrost. »St. Catherine« ist so vielleicht ein kleines Album of the year. Zumindest: Album eines Sommers, eines schönen Sommers, der gerade zu Ende gegangen ist. Zu Ende wie meine etwas überschwängliche Liebe zum fünften Album des US-Amerikaners – barockes Schweben, himmelhohe Gitarren, Lolli-Pop in Perfektion, den 1960ern abgehört, in dessen Hymnen man hinein- rutscht wie in eine süße Sucht, und der doch nicht an der Oberfläche bleibt. »Into the Sky« heißt mein Lieblingslied hier, ganz bezeichnend. Ein Pop, der aber nach zwei Monaten auch durch ist – zu einer Zeit also bei mir, als das Album noch nicht einmal veröffentlicht war. Ich wäre sicher auch ein schlechter Junkie.

Matt Mondanile hingegen ist ein interessanter Gesprächspartner. Nicht nur, dass er mit dem – mehr oder weniger – Soloprojekt Ducktails auf eine sehr spezifische Weise am perfekten hypnagogischen Kaleidoskop-Pop arbeitet, sein Werk mit der Band Real Estate, deren Gitarrist er ist, zählt zu den wenigen verbliebenen wirklich spannenden Entwürfen des amerikanischen Indie-Rocks. Dass er dessen Horizont gerne übertritt, zeigen Projekte mit Panda Bear oder Oneohtrix Point Never. Entsprechend groß sein Bezug zum Experiment, wie auch das Interview zeigt. Mit »St. Catherine« versucht er, gemeinsam mit einer Vielzahl von Gästen, darunter Darlings wie Julia Holter und produ- ziert von Elliott Smiths früherem Tonmann Robert Schnapf, die Bilderwelten des Katholizismus für den Pop fruchtbar zu machen.



skug: Im Titel, auf dem Cover, und auch in den Ankündigungstexten wird deutlich: Das neue Album setzt sich mit dem Katholizismus auseinander. Ich sehe die Verbindung von Pop und Katholizismus sehr deutlich: emotionale Bildsprache, für westlich geprägte Menschen sehr unmittelbare Zugänglichkeit. Trotzdem: Wie kommt die Religion in Ihre Musik?
Matt Mondanile:
Vermutlich ganz einfach: Ich bin nicht praktizierend, aber ich wurde katholisch erzogen. Ich nutze hier eher die Bildsprache und die Metaphern. ›Im Himmel sein‹ heißt ›Liebe‹, so was. Ich wollte für das Album ein majestätisches Gefühl, ein religiöses, wie, als würde man durch ein Museum gehen oder eine alte Kirche und Kunstwerke betrachten. So sollte sich mein Album anfühlen.

Entstand das Cover-Motiv bei einem solchen Gang durch ein Museum?
Nein, das habe ich in einem Buch aus dem 1970ern gefunden über Tourismus in Italien, es sind Statuen von Michelangelo.

Die Titelheldin des Albums wie auch eines Songs ist die Heilige Katharina.
Der Song geht um die Heilige Katharina von Alexandria. In der Legende ist sie geblendet vom Lichte Jesu. Darum versprach sie sich Jesus und Gott und nahm keinen Mann und wurde irgendwann um- gebracht. Das war wirklich eher Zufall, dass sie da vorkommt, ich las ein Buch über sie. Der Song handelt davon, von etwas völlig mitgerissen zu sein. Jesus Christus reicht ihr, sie ist völlig zufrieden damit, braucht nicht mehr und nicht weniger. Es geht darum, nichts mehr zu wollen, im Zustand der Gnade zu sein.

Sehen Sie eine Verwandtschaft in den verschiedenen Motiven, die sie anklingen lassen, bei Ducktails wie auch Real Estate – es sind ja alles Bildmotive aus Ihrer – und vieler anderer – Jugend: Suburbanität, Disney-Cartoons, Religion.
Ich wollte etwas wirklich Konsistentes, mit einem Thema, das sich durchzieht. Darum auch mit Streichern und Cembalo und allem. Ich wollte meine Geschichten, mein Leben durchdrungen sehen von einer Bildsprache des Grandiosen. Etwas Traumhaftes auch: Kirchen, Gärten, alte Gemälde. Es sind Liebeslieder, die davon gestützt werden.

 

Verstehen Sie Ihre Musik als eskapistisch?
Ich weiß nicht. Ich wollte, dass es gegenwärtig klingt. Viele finden, meine Musik klinge wie aus der Vergangenheit, historisch. Ich empfinde sie als modern. Aber ich bin mit dem Internet aufgewachsen, heute ist Musik immer postmodern, weil man sich von den ganzen Einflüssen aus allen Epochen nicht frei machen kann.

Während Ihr eigener Musikgeschmack immer experimenteller wird, wird die Musik, die Sie selbst machen, immer konservativer.
Ja, das ist wirklich merkwürdig. Ich höre seit Langem sehr merkwürdige, avantgardistische Musik, viel Musique concrète, aber ich bin auch ein Pop-Fan. Ich möchte beide Einflüsse kombinieren. Fieldrecordings, die auch eine Gitarren-Hookline haben.

Gerade wenn es um solche Musik geht, haben Sie eine besondere Verbindung zur Stadt Berlin: Sie studierten hier einige Zeit, hier entstand auch die Idee für Ducktails. Ein Song auf »St. Catherine« ist sogar dem See Krumme Lanke im Südwesten der Stadt gewidmet.
Ich traf hier unfassbar viele Menschen, zum Beispiel Spencer Clark und James Ferraro von The Skaters, die hier 2007 lebten und experimentelle Drone-Musik machten. Sie brachten mir vieles näher, was ich nicht kannte, Hermann Nitsch zum Beispiel, viele musikalische Experimente. Ich sah viele Konzerte in dieser Zeit. Und auch wenn ich nicht mit The Skaters spielte, sah ich zu, wie sie Musik machten, sie nahmen viel auf und veröffentlichten auf Kassette, das inspirierte mich. Als ich aus Berlin zurückkehrte, fing ich an, selbst meine Musik aufzunehmen.

Die Ducktails sind weniger Band als bei den letzten Alben, aber es gibt viele Gäste; auch James Ferraro. Wie beeinflussten die Ihren Sound, vor allem Julia Holter?
Ihre Musik beeinflusst mich sehr, wir sind seit drei Jahren gute Freunde. Sie sagte immer, ich solle mehr Streicher in meine Musik bauen. Ihre eigene Musik hat ja auch ein solches freudvolles und traumartiges – ich würde beinahe sagen – Renaissance-Feeling.

Der Boden des italienischen Museums auf dem Cover zeigt das altbekannte Schach- brettmuster, wie schon das Cover des letzten Albums »The Flower Lane«. Woher rührt diese Faszination für Schwarz-weiß?
Meine Musik ist ebenso sehr repetitiv, und mit solchen Mustern kommen Wiederholungen. Ich bin besessen von Mustern. Ich liebe diese Bildsprache.

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Ducktails: »St. Catherine«
Domino Records


Text: Steffen Greiner | 29.09.2015

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