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Die Revolte des Formlosen, Teil 1: Paulo Freire

Text: Frank Jödicke | 02.10.2015
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Paulo Freire Monument, Paulo Freire Institute-UK & Research in Inequalities, Societies and Education (RISE), University of Roehampton

So geht es nicht weiter. Die aktuelle Krise ist auch eine ästhetische. Mit Hilfe der Gedanken einer weitgehend vergessenen Avantgarde, exemplarisch verkörpert von Paulo Freire, Fela Kuti und Glauber Rocha, mag ein Ausblick auf eine noch mögliche Befreiung entstehen. Teil 1: Paulo Freire.


Der brasilianische Philosoph und Pädagoge Paulo Freire (1921–1997) entwickelte eine radikale Konzeption, die, während in Nordamerika und Europa kaum gehört, zugleich in Süd- und Mittel- amerika revolutionäre Konsequenzen hatte. In einem Satz zusammengefasst: Die Unterdrückten tragen ein Residuum der Freiheitsbefähigung in sich, das sie – anders als ihre Unterdrücker – dazu ermächtigen kann, Freiheit zu erlangen mittels eines gemeinschaftlichen Bewusstwerdungsprozesses: »conscientização«. Dieser umschließt notwendigerweise Unterdrückte und Unterdrücker und gibt der Humanisierung unserer Welt eine Chance. Dazu sind gewisse Maßnahmen zu ergreifen. Möglicher- weise haben zwei Zeitgenossen Freires, der nigerianische Musiker Fela Kuti (1938–1997) und der brasilianische Filmemacher Glauber Rocha (1939–1981), in ihrem ästhetisch-moralischen Kampf gegen Unterdrückung ähnliche Konsequenzen gezogen.

Was alle drei zu einen scheint, ist ein Kampf gegen die präfigurierende Macht der Form, als Format oder Formatierung, die es als solche zu erkennen und überwinden gilt. Dass eine Art von »Format- zwang« auch insbesondere die ›westliche‹ Kunst und Unterhaltungsindustrie fest im Griff hat, darf als Truismus gelten. Diese Formatierung prägt tiefgreifend. (1) Dem entgegen sollte eine künstlerische Komposition, welche die Hoffnung auf Befreiung noch nicht aufgegeben hat, ihre Form jenseits der Formatierung finden. Freire, Kuti und Rocha haben hierzu ein paar Tipps parat. 


Freiheit muss erst wieder ein Wort werden

Yanis Varoufakis, der griechische Ex-Finanzminister, beklagte vor Kurzem, es sei ein schlimmer Fehler der Linken gewesen, die Diskussion der Freiheit den Rechten zu überlassen. Und tatsächlich fällt auf: Das rechte Denken von rechtsliberal bis rechtsradikal singt – bei allen sonstigen Unter- schieden – gern das gleiche Lied von der Freiheit. Es scheint, als habe das Geschiebe politischer Deutungsmacht einen zentralen Begriff gekapert und seinen Inhalt in sein Gegenteil verkehrt. Freiheit bedeutet rechtem Denken niemals Sprengung, Revolte, Ausbruch, Umsturz, sondern Einhalten der bestehenden Formen und Regelbefolgung. Regeln, die unten ehern und oben zuweilen luftig sind. Eine bestehende, gesellschaftliche Lage wurde plump als »frei« definiert, und diese »Freiheit« gilt es nun zu verteidigen, denn es droht Schlimmes – stets von außen, denn daheim ist bekanntlich alles in Ordnung. Sodann rufen uns sowohl Rechte als auch Rechtsextreme blumig zu: Lasst uns unsere Freiheit verteidigen! Allerdings – fühlt es sich so an? Sind wir bereits frei, und dunkle Kräfte schicken sich an, uns diese Freiheit zu nehmen?

Paulo Freire hätte sich auf solche Wortspielereien nicht eingelassen. Sein Bezug zum Wort war anspruchsvoll, und er betonte, dass jedes Wort zwei wesentliche Dimensionen hat, derer es jederzeit bedarf: die Aktion und die Reflexion. Hinterlässt die Reflexion – so sie überhaupt versucht wird – eine solche Konfusion, wie es die ordnungsliebende »Freiheit« bei den Rechten tut, dann kann keinerlei Aktion aus dem Wort gewonnen werden. Der Abgrund der bloßen Verbalisierung droht: Propaganda, Populismus. Es wird viel geredet weil ohnehin nichts getan werden soll.

Freires Begriff der Freiheit ist dem entgegen intellektuell leicht fassbar und frei von tückischem Widerspruch: Freiheit ist die Überwindung der Unterdrückung. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass Unterdrückung erst einmal als solche erkannt werden muss. Dank seiner empirischen Arbeit wusste Freire sehr genau, dass weder Unterdrücker noch Unterdrückte zunächst ein Interesse daran haben, die Unterdrückung zu erkennen – jene, weil sie glauben die Unterdrückung nütze ihnen, diese, weil sie sich fürchten. Die Furcht und das falsche Interesse sind so groß, dass selbst das Wort verbannt zu sein scheint. Niemand bezeichnet sich als Unterdrücker – wofür es noch gute Gründe geben mag –, aber auch keine Frau und kein Mann sieht sich gerne als unterdrückt an.

Hierin liegt eine Tücke, die unsere Situation gefährlich petrifiziert: Die Gewaltopfer küssen die Hand, die sie schlägt. Paulo Freire ist diesem Skandal gegenüber unbeirrbar: Unterdrückung ist bereits eine Gewalttat. Nicht die Steinwürfe der Verzweifelten sind der Beginn der Gewalt, sondern deren Knechtung war es. Deswegen muss Unterdrückung unbedingt erkannt werden. Die Unterdrückung erzeugt ein tiefgreifendes ontologisches Problem, da sie die Menschen aus der Welt entfernt und damit, in einem zweiten Schritt, die Welt abschafft. Unterdrückt ein Mensch einen anderen, dann spricht er diesem sein Menschsein ab. Was schwerwiegende Konsequenzen für die Unterdrückenden hat: Entweder wir sind alle Menschen, oder niemand ist es. Ist es niemand, dann tun sich jene Gräben auf, die unsere Welt früher oder später auch physisch zerstören.


Die Revolte ist für alle da

Gleich Erich Fromm weiß Freire: Die Besitzenden erkennen Welt nur, insofern diese Besitzobjekt ist. Weswegen es mehr als verwegen wäre, von Reichen zu erwarten, sie könnten eine Revolte der Unter- drückten begrüßen, die sicherlich ihren Besitz mindern und ihnen damit nichts weniger als ihren Weltbezug rauben würde. Aus der Sicht der Unterdrückenden ist jeder Aufstand ein Aufstand gegen die feste Ordnung der Welt. Wer arm ist, ist es aufgrund seiner selbstverschuldeten Faulheit und Unfähigkeit. Wer dennoch nach Reichtümern greift, verkennt seinen eigenen Unwert gegenüber den Besitztümern.

Etwas ist eigentümlich an dieser hinlänglich bekannten Vorstellungswelt, denn genau genommen tauchen in der Weltsicht der so sorgsam auf ihren Besitz bedachten Reichen Menschen gar nicht mehr auf. Tatsächlich geht es den Unterdrückenden auch nicht mehr um menschliches Leben. Es scheint zuweilen sogar, als würde sie alles Lebendige anekeln. Die Besitzenden entwickeln eine intensive und bald ausschließliche Liebe zu den Dingen. Allerdings, Dinge sind tot. Sie lassen sich zwar handeln, quantifizieren, bewundern und dergleichen mehr, aber leben können sie nicht. Dennoch gelten sie mehr als das Leben anderer Menschen. Wie sonst wäre zu erklären, dass zur Steigerung von Profiten das Verhungern von Menschen in Kauf genommen wird oder das Ertrinken von Flüchtlingen gebilligt, da deren Aufnahme als zu teuer gilt.

Ein menschliches Leben kann aber nur dann geringer wiegen als ein Besitzobjekt, wenn es selbst wiederum als Objekt betrachtet wird. Eine Art Nekrophilie hat von den Unterdrückenden Besitz ergriffen, sie lieben den Tod, weshalb sie fleißig Kriege anzetteln und Krisen verursachen und eine große Befriedigung an einer Welt hätten, die nur mehr aus Dingen bestünde. Ohne Frage empfinden sie sich selbst längst als ein Objekt. An dieser Stelle könnte einleuchten, warum Freire verwegen postuliert, dass auch die unterdrückenden Reichen sich insgeheim eine Revolte herbeisehnen. Nekrophile haben schwer zu leiden: So beklagte Adolf Hitler einen ständigen Verwesungsgeruch in seiner Nase und musste den Fleischverzehr beenden, um seinem dauernden Ekel Herr zu werden.

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Paulo Freire © Alice Hattori


Das Sein und das Nichts

Soll diese Nekrophilie, diese monströse Unmenschlichkeit, die sich nur mehr um Dinge schert, soll dieser gigantische Prozess der Dehumanisierung aufgehalten werden, dann geht dies nur durch die Herausbildung eines radikalen, kritischen Bewusstseins der »conscientização«. Ein aufwendiges und schwieriges Unterfangen: Ein Bewusstsein sollte ein Sich-bewusst-sein des Bewusstseins sein. Dieses kritische Bewusstsein erkennt sich erst in seinem permanenten, eigenständigen Formfinden und lehnt die gesellschaftlichen Formvorgaben ab. Dies muss es tun, da erneuertes Bewusstsein von etwas erst durch Bewusstsein von dessen Abwesenheit erlangt wird (»l’être et le néant«, Sartre). Die Objekte in ihren festen Formen liegen zum Verzehr bereit, aber die Suche nach dem Menschen ist die Suche nach dem Verlorenen. Erst durch diese Bemühung kommt das Bewusstsein seiner eigenen Verdinglichung zuvor, die aus dem Menschen ein Ding unter Dingen geformt hat. (2)

Nur erfordert dies einen Akt der Revolution, bei der der alles überschwemmende Strom der Dinge verlassen und ein Bezug zwischen Menschen gestiftet wird. Ein Bezug, der aus der passiven Einver- leibung der Dinge, dem Verschlucken und Verschlucktwerden der Welt eine aktive, schöpferische Erkenntnis des Menschen macht, die letztlich die Schöpfung des Menschen selbst ist. Dies kann nur, wie Paulo Freire betont, durch einen Akt größter Radikalität geschehen. Diese Radikalität ist die Identifikation mit dem Nicht-Ich. Erst sie öffnet das Einfallstor für ein Zusammenleben, eine wahre Kommunikation zwischen Menschen. Dafür müssen eben neue, radikale Formen gefunden werden. Diese mögliche, radikale Befreiung des Menschen hin zu einer neuen Form des Schöpferischen ist allein deswegen so schwierig, weil das kapitalistische Regime uns die dazu nötigen Worte entwunden hat. Die Verdrehung der Freiheit wurde bereits angesprochen.

Ein zweiter Begriff, der scheinbar unrettbar verloren und an dieser Stelle zur weiteren Erklärung nötig ist, ist jener der Liebe. – Oh je. Die Liebe. Singen Schlagerstars von Liebe, dann ist ein Vertrag zur bedingt wechselseitigen Vernutzung des anderen gemeint, der gerne auch, bei entsprechender Gewaltmacht des einen zur reinen Konsumation des anderen (Dinges) erweitert wird. Bereits Che Guevara fiel es schwer, dies anzusprechen und er schickte voraus, dass er nun Gefahr laufen würde, sich lächerlich zu machen, aber wahre Revolutionäre seien nun mal von einem starken Gefühl der Liebe gelenkt. Und das ist der springende Punkt: Befreiung zum Schöpferischen des je anderen Menschen ist eine Liebestat. Liebe den anderen, indem du ihr oder ihm ermöglichst, eigene Entscheidungen zu treffen, die ein Weg hin zur möglichen Menschwerdung sein können. Für eine solche Befreiung muss sich wohl einiges ändern.


Was wir nun brauchen

Eines jener Kafka-Zitate, das, einmal gehört, kaum mehr zu vergessen ist: »Es gibt unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns.« Paulo Freire hält nichts von Fatalismus. Wenn eine Lage limitiert ist, dann bedeutet dies nicht, dass sie unabänderlich und ohne Hoffnung sei. Eine Chance mag sich derweil auftun in dem großen Zustrom von Flüchtlingen nach Europa. Wer mit Hilfe Freires die Lage in ihren tieferen Schichten interpretiert, erkennt: Sie sind gekommen, um uns zu retten. Wir sollten ihnen zuhören, denn den Unterdrückten kann die Befreiung gelingen, die den Unterdrückenden so nachhaltig verwehrt bleibt. Und tatsächlich, sie erwarten sich etwas von diesem Land, das seine Be- wohner längst begraben haben. Eine morphologische Auffälligkeit zeigt dies. Flüchtlinge begegnen uns zumeist mit Würde. Würde gegenüber einer Gesellschaft, die voller Bosheit »islamistische Um- volkung« vermutet, wo blankes Elend herrscht. Sie nehmen es hin, sie lassen es uns durchgehen, wohl weil sie uns noch nicht aufgegeben haben – so wie wir sie.

Es wäre sträfliche Naivität, zu glauben, die Befreiung zur Menschwerdung sei einfach. Es ist ein kaum erreichbares Ziel, dem gigantische Kräfte entgegenwirken. Die Befreiung von Unterdrückung kann kaum innerhalb der bestehenden Formen der Ökonomie, der Politik und Ästhetik geschehen. Diese haben sich als weitgehend unbrauchbar erwiesen. Was wir nun brauchen? Free-Jazz, African-Jazz und brasilianische Avantgardefilme. Denn es muss intensive Vorstellungsarbeit geleistet werden.

Dazu mehr in den beiden nächsten Teilen von »Die Revolte des Formlosen«.

 


(1) Die Rezipienten, die zugleich Konsumenten zu sein haben, vergessen über die Vertröstungen der Kitschwerke ihre eigene Unterdrückung und identifizieren sich mit ihren Unterdrückern. Nachdem das eigene Leben bereits klammheimlich abgeschrieben wurde, wird sich in die Lage des hell strahlenden Stars geträumt, dessen Rolle eines Tages einmal eingenommen werden soll. Diese substanzlose Hoffnung erzeugt eine solch ungeheuer wirkungsstarke Entsolidarisierung, ohne die die heutige ökonomische und gesellschaftliche Krise kaum zu begreifen ist. Keiner schaut nach unten und sieht, was ihm blüht, sondern alle richten den verträumten Blick nach oben ins Wolkenkuckucksheim aus Reichtum und größtmöglicher sozialer Anerkennung durch Star-Sein.

(2) Zur Illustration: Die wohl kaum jemals revolutionär agierenden Kurse des Arbeitsamtes haben genau dies zum Ziel: Menschen an Arbeitsmarktbedingungen anzuformen – der umgekehrte Weg gilt als ausgeschlossen, es wird sich die Welt ja nicht nach den Menschen richten …


Text: Frank Jödicke | 02.10.2015

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