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Viel mehr als singende Kühlschränke: (Editions) mego

Text: Christian König | 25.09.2015
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20 Jahre nach Erscheinen von »Fridge Trax« erlebt das in Wien ansässige Label Editions Mego einen neuen Höhenflug. Das Jubiläum wurde in Tokio, Wien, Barcelona und London gefeiert. Zeit für ein Resümee. skug hat Labelbetreiber Peter Rehberg zum Gespräch getroffen.


Im Mai 1995 erscheinen drei Platten auf einem gerade gegründeten Wiener Label mit dem seltsamen Namen Mego. Alleine anhand des Cover-Artworks der Grafikdesignerin Tina Frank scheint klar, hier passiert gerade etwas Neues. Besonders jene mit der Katalognummer 001 und dem Titel »Fridge Trax« von einer Gruppe namens General Magic & Pita erregt Aufmerksamkeit. Als Soundquelle für die vier Stücke auf dieser 12” werden Kühlschränke angegeben. Die Coverrückseite wartet mit einer peniblen Liste der verwendeten Geräte mit genauer Markenbezeichnung auf. Als wären es richtige Synthesizer. Eine kleine Notiz ist auffällig. »For more Info on Mego: http://www.frank.co.at/frank«. Das Internet hat Einzug gehalten in Österreich.

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General Magic & Pita, 1995 © Mego 

Bald macht die Rede von den »singenden Kühlschränken« die Runde und spätestens mit dem Auftritt der kompletten Mego-Crew beim Ambient- und New-Electronic-Festival phonoTAKTIK im Oktober 1995 ist das Label die neue Sensation der Stadt und bei der anwesenden internationalen Musikpresse. Mit dabei beim Mego-Showcase in der damals noch unverbauten Babenbergerpassage - neben den singenden Kühlschränken natürlich - ist Christian Fennesz, der ehemalige Gitarrist der Band Maische. Im Rahmen der Mego-Nacht absolviert er seinen ersten Soloauftritt. Der Perfektionist Fennesz wird später zugeben, dass er ganz schön nervös war, erstmals so alleine auf der Bühne. Kaum vorstellbar heute.


Techno but not Techno 

Anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums hat Peter Rehberg auf Editions Mego »Fridge Trax plus« heraus- gebracht. Es ist eine Zusammenstellung der ursprünglichen Mego-EP und von »Live And Final Fridge« auf Source Records. Rehberg erhielt sogar Angebote, wieder mit den Kühlschränken aufzutreten. Derlei retromanische Unterfangen sind aber so gar nicht nach dem Geschmack des Labelbetreibers. Rehberg dazu: »Warum sollten wir das machen, das ist doch lächerlich. Aber es ist interessant, ›Fridge Trax‹ wieder herauszubringen, denn die originale 12” war nach etwa einem Jahr ausverkauft. Auch die LP auf Source verschwand bald wieder. Und sie klingt tatsächlich noch ziemlich gut. Wir haben bei dieser Produktion noch nicht diese Computersoftware verwendet, mit der wir später gearbeitet haben und so ist sie recht Old School. Im Wesentlichen ist das eine Techno-Platte, ohne wirklich Techno zu sein.« 

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Die Party zur 20-Jahr-Feier in den Wiener Technoclub Grelle Forelle zu legen, ist somit nur konsequent. Die Wurzeln von Mego liegen bekannterweise in der Wiener Technoszene. Von den drei Labelgründern Ramon Bauer, Peter Meininger und Andreas Pieper waren Bauer und Meininger schon vorher beim Technolabel Mainframe aktiv.

Für den kurze Zeit später eingestiegenen Peter Rehberg aka Pita war Techno ein großer Einschnitt. Als Verkäufer im Plattenladen Rave Up hatte er damals in der Blue Box den Club Duchamps laufen, eine wöchentliche Einrichtung für extremen Soundterrorismus. Er entdeckte dort gerade die Loop- möglichkeiten der ersten DJ-CD-Player und jagte Musikstücke komplett zerhäckselt durch die Lautsprecher.

Der Brite Rehberg war Ende der 1980er nach Wien gekommen, also vom Popzentrum ins totale Popniemandsland. Der abenteuerlustige, junge Auswanderer hatte eine Vorliebe für Bands aus Deutschland wie Einstürzende Neubauten und Kraftwerk. »Ich wollte raus aus London, als mein Studium anstand. Ich stellte mich vor die Wahl Berlin oder Wien und entschied mich für Wien, weil mein Vater von Salzburg ist und ich da eine Verbindung sah. Und dann kam Techno, und es spielte plötzlich keine Rolle mehr, wo man ist. Denn um Techno zu machen, war es nicht notwendig, in einem angloamerikanischen Land zu leben wie bei Rock’n’Roll.«

Im Nachhinein betrachtet erschien der Auszug aus dem Popzentrum natürlich eine clevere Entscheidung, denn im übersättigten London hätte ein Projekt wie Mego niemals dieselbe Aufmerksamkeit generieren können wie im Anfang der 1990er hinsichtlich Subkulturen noch ziemlich unterentwickelten Österreich. Mego ist ein Kind der Peripherie.


Neustart mit Editions Mego

Für das Arbeitstier Peter Rehberg bleibt aber keine Zeit für nostalgische Rückschau. Mittlerweile ist er alleiniger Betreiber des Labels und die Gegenwart bietet zu viel interessante Musik, die darauf wartet, veröffentlicht zu werden. So hat sich in den letzten fünf Jahren der Output von Editions Mego und seiner zahlreichen Sublabel enorm gesteigert. Dabei schien die Zukunft des Projektes vor zehn Jahren mehr als ungewiss.

Auch das kleine Wiener Label wurde Mitte der 2000er Jahre von der Krise der Tonträgerindustrie erfasst. Plattenfirmen und Vertriebe gingen serienmäßig in Konkurs. Besonders die Schulden eines großen US-Vertriebes im fünfstelligen Eurobereich taten Mego weh. Die Labelgründer Ramon Bauer und Andreas Pieper, die beide das Duo General Magic gebildet hatten, entschieden sich, aus dem Projekt auszusteigen, um sich künftig anderen Tätigkeiten zu widmen. Mego schloss Ende 2005 seine Pforten und das alte Büro in Meidling, das man sich jahrelang mit Cheap Records geteilt hatte, musste aufgegeben werden.

Rehberg wollte aber unbedingt an seiner Vision festhalten und gründete gleich im Jänner 2006 Editions Mego (eMego). Von nun an arbeitete er von seiner eigenen Wohnung aus und konnte das Label nach seinem Gutdünken gestalten. Vorerst erschien nur wenig. Glücklicherweise konnte bei der Neugründung der alte Katalog mitgenommen werden. Vor allem die Wiederauflage von »Endless Summer«, des Meisterwerks des mittlerweile zum globalen Popstar in Sachen Noise aufgestiegenen Fennesz, spülte wieder etwas Geld in die leeren Kassen. Ansonsten veröffentlichte Rehberg in der Anfangszeit von eMego viel Eigenes. Denn mit seinem aus seiner Theaterarbeit entstandenen Duo KTL mit Stephen O’Malley, hauptberuflich Gitarrist bei der Doommetal-Legende Sunn O))) aus Seattle, beschreitet Rehberg neue Wege. Diese Band mit ihrer Verschmelzung von Black-Metal-Drones und Extremisten-Elektronik war in der ersten Phase von Editions Mego mit gleich sieben physischen Releases eines der prägenden Projekte nach dem Neustart.


Das Imperium schlägt zurück

Rehberg verfolgte seit der Labelneugründung mit großer Begeisterung »the young US-American synth scene«. So pragmatisch bezeichnet er jene Musik, die oft mit so hippen Begriffen wie »Chillwave« oder »Hypnagogic Pop« versehen wurde. Der Netzwerker bekam laufend Demos zugesandt und so war eine Veröffentlichung aus dieser Ecke nur eine Frage der Zeit. Zwei Releases aus dem Jahr 2010 von Musikern aus diesem Umfeld stellen das bisher hauptsächlich als Noise-Label wahrgenommene Projekt Mego in ganz neues Licht.

Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never ist als Kind sowjetischer Auswanderer in Brooklyn aufgewachsen und hat schon ein paar CD-Rs, Tapes und auch LPs auf kleineren Labels unter- gebracht. Doch erst mit »Returnal« auf Editions Mego gelingt ihm der internationale Durchbruch. Seine beharrlich an der Grenze zum Kitsch entlangschrammenden Synth-Landschaften werden von der internationalen Musikpresse abgefeiert und die Platte findet ihren Weg in die Jahresbestenliste eines Mediums wie »Pitchfork«, das sonst eher Indie-Acts zugetan ist. Mittlerweile veröffentlicht Oneohtrix Point Never auf Warp.

Der zweite zukunftsweisende Release von 2010 aus der Synth-Szene stammt von The Emeralds, einem Trio aus Cleveland, Ohio. Auch diese konnte zu diesem Zeitpunkt auf eine Liste von Veröffentlichungen zurückblicken, erlangte jedoch erst mit »Does It Look Like I’m Here?« auf Editions Mego breitere Aufmerksamkeit. Hier ging die Zusammenarbeit noch weiter. Emeralds-Member John Elliott bekam ab 2011 die Gelegenheit, auf dem eigens für ihn gegründeten eMego-Sublabel Spectrum Spools die Werke von MusikerInnen aus dem Umfeld der Synthszene herauszu- bringen. In der Zwischenzeit ist Spectrum Spools bei Katalognummer 40 angekommen.

2011 bekam Rehbergs musikalischer Partner bei KTL mit Ideologic Organ sein eigenes Sublabel. Stephen O’Malley verfolgt hier eine eher unkonventionelle Veröffentlichungspolitik. Zerbrechlicher Avant-Folk von der japanischen Musikerin Ai Aso steht neben dem brachialen Doommetal-Lärm der kanadischen Band Wold. Frei improvisierte Töne der koreanischen Cellistin Okkyung Lee kommen ebenso unter wie die verschollenen apokalyptischen Kakophonie-Sinfonien der norwegischen Postpunk-Legende When.

Besonders stolz ist Rehberg auf die Reihe Recollection GRM. Seit 2012 werden hier alte Meisterwerke der Musique Concrète neu aufgelegt. Und zwar hochoffiziell in Zusammenarbeit mit dem 1958 von Pierre Schaeffer gegründeten Pariser elektroakustischen Institut Groupe de recherches musicales. Diese Platten gehören zu den begehrtesten und erreichen Verkaufszahlen bis 2000 Stück.

Der Vollständigkeit halber sei noch auf die beiden momentan inaktiven Sublabel Old News (2011-13) mit fünf Vinyl-Platten des alten Rehberg-Gefährten Jim O’Rourke und das Techno Label Sensate Focus (2012-13) von Mark Fell hingewiesen.

Interessanterweise kommen die Platten seines aktuellen Projekts Shampoo Boy mit Christian Schachinger und Christina Nemec nicht auf eMego heraus, sondern auf Blackest Ever Black, bekannt für seinen Industrial-Techno. Nach Zusendung eines Demos engagierte das britische Label das Trio vom Fleck weg.

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Shampoo Boy © Pamela Rußmann

Und noch etwas fällt auf. Gerade unter den jungen Kräften auf dem Label finden sich vermehrt Frauen. Als next big thing wird momentan die gerade mal 21-jährige Klara Lewis gehandelt. Sie spielte bei den Shows in Wien, Barcelona und London und ihre großartige und längst ausverkaufte Platte wird demnächst nachgepresst.

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Klara Lewis © Hampus Högberg

Die Rückkehr zum Vinyl

Rehbergs Sturheit trotz finanziell schwieriger Situation - die sich ja 2006 nicht schlagartig besserte - immer weiter zu machen, zahlt sich momentan aus. Er ist in der Lage und Willens, so viel Platten in außergewöhnlicher Qualität herauszubringen wie nie zuvor. Nach einem Allzeithoch 2012 musste sich Rehberg sogar einbremsen: »Ich war ein bisschen verrückt vor zwei, drei Jahren. Aber es gibt einfach soviel Musik, die darauf wartet, veröffentlicht zu werden. Momentan versuche ich mich auf vier bis maximal sechs Platten im Monat zu beschränken.«

Schon das klassische Mego versteifte sich nie auf Vinylreleases, sondern fiel bald nach der Gründung mit ungewöhnlichen CD-Designs auf. Unter der Ägide von Tina Frank wurde das Mego-Hochformat entwickelt, in dem etwa das Debüt von Farmers Manual und der Fennesz-Longplayer »Hotel Paral.lel« erschienen sind. Beide Veröffentlichungen harren im Übrigen noch auf ihre Vinylversionen.

Auch in der ersten Phase von eMego wurden hauptsächlich CDs veröffentlicht. Zeitgleich zum Einzug der Synthszene verändert sich die Situation allerdings und Rehberg begann, vermehrt auf Vinyl zu veröffentlichen. Damit könnte es aber wieder bald vorbei sein, wenn die allgemeine Entwicklung so weitergehe, meint er: »Die Technologie, um Platten herzustellen, wurde von den Majorfirmen in den 1990ern zerstört und heute gibt es nur mehr wenige Presswerke. Es gab keine Weiterentwicklung der Technologie und die Werke zerfallen buchstäblich in alle Einzelteile. Jetzt ist man bei steigender Nachfrage mit etwa 5 % der Herstellungsquote der 1990er konfrontiert. Das ist eine lächerliche Situation. Ich war unlängst in einem Presswerk und alles, was sie gemacht haben, war eine Daft-Punk-12” zu pressen. Für eine kleine Independent-Firma wie uns ist es natürlich ärgerlich, dass wir deshalb warten müssen.«


2015 vs 1995

Beschäftigt man sich mit der Geschichte von Mego, dann ist es auffällig, wie präsent das Label während der 1990er in Wien war und wie wenig Spuren es heutzutage hinterlässt. Die Antwort auf diese Frage lässt sich nicht leicht finden. Einerseits gelang Künstlern wie Fennesz und Pita schnell der Sprung auf internationale Bühnen. Mego ist also aus seiner lokalen Szene längst hinaus- gewachsen und bedient ein globales Publikum. Rehberg nutzte früh die Möglichkeiten des Internets und knüpfte von Anfang an ein weltweites Netzwerk.

Andererseits sind viele Partner in der Stadt verschwunden. Die Public Netbase als Ort für kritische Auseinandersetzung mit digitaler Kultur, für die ja schließlich Mego immer stand, ist verschwunden. Ein Festival wie phonoTAKTIK existiert nicht mehr und selbst bis zu einem Mego-Showcase beim Donaufestival dauerte es bis 2014.

Anlässlich des Jubiläums wird Mego wieder etwas stärker wahrgenommen und es gibt eine junge Szene für diese Musik. Mit Shilla Strelka, der Mit-Organisatorin des Unsafe + Sounds Festivals, hat Rehberg mittlerweile eine engagierte junge Mitarbeiterin gefunden. So kann sich die Situation in Wien vielleicht wieder ändern.

Aber im Endeffekt spielt es wahrscheinlich wirklich eine geringere Rolle als noch in den 1990ern, wo ein Label angesiedelt ist. Rehber dazu: »Alles, was ich brauche, ist ein Internetanschluss und einen nahe gelegenen Flughafen. Es spielt überhaupt keine Rolle mehr, wo du lebst, du kannst eine Szene in einem kleinen Bergdorf starten, wenn du das wirklich willst.«

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 Peter Rehberg © Magdalena Błaszczuk


Auswahl aktueller Veröffentlichungen

(Alle Editions Mego außer anders angegeben)

General Magic & Pita: »Fridge Trax Plus« (2015)
Klara Lewis: »Ett« (2014)
Thomas Brinkmann: »What You Hear (Is What You Hear)« (2015)
Chra: »Empty Airport« (2015)
Voices From The Lake: »Live at MAXXI« (2015)
Container: »LP« (Spectrum Spools, 2015)
When: »The Black Death« (Ideologic Organ, 1992/2015)
Beatriz Ferreyra: »GRM Works« (Recollection GRM, 2015)
Shampoo Boy: »Crack« (Blackest Ever Black, 2015)


Text: Christian König | 25.09.2015

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