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Industrial Culture revisited: Throbbing Gristle und Nurse With Wound

Text: Heinrich Deisl | 13.08.2015
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Cover »Industrial Culture Handbook«

Throbbing Gristle und Nurse With Wound im virtuellen skug-Chatroom über Industrial, Internet, futuristischen R’n’B, Computer, Medien und Musik.


Original in skug #71, 7-9/2007. Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um eine im Sommer 2015 editierte Neufassung. Der Inhalt blieb unverändert, der Text wurde nur um aktuelle Videos und bibliografische Einträge ergänzt.   


Das heurige Donaufestival in Krems bot unter dem Motto »Unprotected Games« u. a. eine Rückschau auf einige der heftigsten Eruption im musikalischen Underground der letzten dreißig Jahre. Über das 1979 gegründete Projekt Nurse With Wound (NWW) von Steven Stapleton und vor allem über Throbbing Gristle (TG) muss im skug als Intro nicht viel geschrieben werden. Außer, dass beide Konzerte aus persönlicher Sicht kompakt und stringent waren und dass TG mit »The Endless Not« (IR/Mute/EMI) gut sechsundzwanzig Jahre nach ihrer Bandauflösung eine neue Platte herausgebracht haben. Stepleton veröffentlicht weiterhin wie ein Maniac; neu ist, dass er seit einiger Zeit vermehrt Live-Konzerte spielt. Die Konzerte von TG sowie von NWW waren beides Auftragsarbeiten des Donaufestivals.  

skug bekam – und das verkünden wir mit einigem Stolz – vor Ort als einziges Printmedium ein Interview mit TG. Weshalb es hier exklusiv ein Interview-Cut-Up mit Steven Stapleton (SS) sowie Cosey Fanni Tutti (CFT), Chris Carter (CC), Genesis P. Breyer-Orridge (GBPO) und Peter »Sleazy« Christopherson (PSC) zu lesen gibt. Situation: Einmal mit Stapleton backstage, der, witzelnd und philosophierend, dauernd von hinreißenden jungen Künstlerinnen gegrüßt wird und den man, den real gentleman, immer wieder vors Mikro förmlich schleifen muss. Und einmal die vier TG-Bandmitglieder in einem Hotel über den Kremser Weinbergen, alle hochkonzentriert um den Zimmertisch; British humour rules.  

 

Aktuelle Musik & Referenzen, Rhythms & Sounds 0735865.jpg

skug: Warum veröffentlicht TG nach gut sechsundzwanzig Jahren Abstinenz wieder eine Platte?
CC: Es gab keine wirkliche Notwendigkeit. Wir hatten uns nach so vielen Jahren wieder zusammengefunden und es wurde schnell klar, dass wir neues Material aufnehmen wollten.
CFT: Es schien zu funktionieren. Es war nicht einfach, aber erstaunlicherweise waren wir schon sehr weit fortgeschritten, als wir zusammenkamen.
PSC: Eine der Bedingungen für diesen neuen Abschnitt war, dass wir keine Wiedervereinigung sondern neues Material haben wollten. Schließlich haben wir in der Zwischenzeit sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.


Wie macht NWW Musik?

SS:
Entweder gehe ich mit keinem Funken einer Idee ins Studio oder mit einem sehr genauen Plan. Beide Arten finde ich sehr verführerisch. Beide Wege stellen Möglichkeiten dar, an einen Punkt zu kommen, von dem ich mir nie erwartet hätte, ihn zu erreichen. Wenn ein Fehler passiert oder ein interessanter Sound auftaucht, ein Loop flöten geht: Das sind alles wunderbare Möglichkeiten, eigene Musik zu machen. Ich habe kein Pre-Set für meine Produktionen. Das mag der Grund sein, dass meine Platten alle so verschieden klingen. Normalerweise mache ich auch keine Pre-Recordings, ich baue mir aber mein eigenes akustisches Rohmaterial, egal was das ist. Seien es nun alte Tischuhren, Synthesizer, seltsame Sprach-Samples, Küchengeräte. Je einfacher, desto besser (lacht). Viele Sounds werden unbearbeitet aufgenommen und dann manipuliert. Ich brauche also kein Equipment. Nurse With Wound ist eher eine Hobby-Angelegenheit, von den CD-Verkäufen kann ich überhaupt nicht leben. Ich bin Maler, ich male und gestalte Plattencovers, ich verkaufe meine Bilder oder ich mache die Produktion oder das Recording von Bands.



Wie relevant ist aktuelle Musik?

SS: Ich liebe Rap! Das ist meine bevorzugte Musik. Neunzig Prozent der Zeit, wenn ich zu Hause bin, spiele ich Rap. Mir hatte vor einiger Zeit Missy Elliot ganz gut gefallen. Sie macht aber mittlerweile meiner Meinung nach schludrige, überproduzierte Platten. Ich stehe auf den auf primitiv produzierten Sound von Old-Skool-Rapperinnen wie Roxanne Shanté, Queen Latifah oder Bahamadia. Bisher wurde ich noch nicht gefragt, ein Rap-Album zu produzieren. Aber ich bin mitten in der Produktion eines neuen NWW-Album, auf dem es eine Menge Rapping gibt. Ich gebe den Rapperinnen die Backing-Tracks und sie rappen über mein Album.
CC: Ich verfolge kaum populäre Musik, ich halte das kommerzielle Radio nicht aus.
PSC: Ich finde das alles ein wenig seltsam. Ich verfolge Pop-Musik auch so gut wie gar nicht, aber ich habe vielleicht die Entschuldigung, dass ich ziemlich weit davon entfernt bin. Aber wenn man in Thailand lebt, so wie ich seit einiger Zeit, ist es praktisch unvermeidlich. Letzte Woche war ich in Tokio und ich hörte jemanden sagen: »Ich höre mir nie aktuelle Musik an«. Ich hatte schon das Gefühl, eine Art alten Kauz oder so vor mir zu haben ...
CFT: Das hört sich an, als würdest du das absichtlich sagen und wärst stolz darauf ...
CC: Viele Leute schicken mir Hyperlinks und schreiben, dass ich mir das oder das anhören soll. Auf Myspace passieren auch sehr viele interessante, unabhängige Sachen von Leuten, die in ihren Schlafzimmern Musik produzieren. 
CFT: Die aktuelle Sampling-Musik kann genau gar nichts für mich tun.
CC: Die kommerziellste aktuelle Musik wird nicht von Musikern, sondern von Plattenfirmen gemacht.
GBPO: Ich höre mir gelegentlich neue Popmusik an. Oft recht folky Sachen. Die YeahYeahYeahs haben mir unlängst gefallen. Aber das passiert einmal in vier Jahren ... Wir sind alle alt genug, um die Originalversionen der Nummern zu kennen. Viele Gruppen verlassen sich auf die Ignoranz ihres Publikums, wenn sie bei alten Bands klauen. So wie etwa Interpol, die wie Joy Division klingen wollen.
CC: Es ist ziemlich viel schlechte Musik unterwegs.

Für mich waren die frühen Alben von Nurse With Wound u. a. deswegen so spannend, weil sie keinen »offensichtlichen« Rhythmus hatten sondern das Kopfkino in Rotation versetzten und man sich Rhythmus selbst zusammenbauen musste. Dann hörte ich »Rock’n’Roll Station« (1994, United Diaries), das für mich ein »Aha-Erlebnis« darstellte: Stapleton got rhythm! In Kreisen der Post-Industrial- und Experimentalmusik wird Rhythmus ja großteils ziemlich außen vor gelassen ...
nnw.jpgSS: Ich glaube, dass es heutzutage keine »experi- mentelle« Musik gibt, die experimentell ist. Noise-Musik soll experimentell sein? Lachhaft. »Rock’n’Roll Station« ist demnach wesentlich experimenteller als meine frühen Alben. Was Missy Elliot und Timbaland bei »Superfly« oder »Work it« gemacht hatten: das war bahnbrechende und wirklich experimentelle Musik. Viele verrückte Dinge passierten da in den Nummern, sie hatten definitiv einen futuristischen Ansatz. Es ist eine komische Sache mit Rap: Der Underground ist leer und langweilig, wohingegen der kommerzielle Ansatz jener ist, bei dem man Cutting-edge- Produktionen erleben kann. In den meisten Genres ist es ja anders herum.
Möglicherweise ist es so, dass die Musikrevolution seit zehn bis fünfzehn Jahren in der Dance Music stattfindet. Letztes Jahr war ich auf ein Noise-Festival in Seattle eingeladen. Der vielleicht intensivste Set war der von Nate Young von Wolf Eyes. Es war absolut extrem, die einzige Chance, im Raum zu bleiben, waren Ohrenstöpsel. Sein Set hat den Körper wirklich in Besitz genommen. Es gab Leute, die dabei langsam tanzten und aussahen, als würden sie Thai Chi machen. Ich fand das brillant! Ich dachte mir: Das ist die Zukunft der Tanzmusik. Man hört diese Musik nicht oder nicht mehr, sondern man fühlt sie nur noch. Ich war echt vor den Kopf gestoßen.

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Industrial Fun-Culture, Club-Kultur & Space-Age-Pop

Wie denken Sie über die »spaßigen« oder humoristischen Einflüsse bei TG?
CC: Die meisten Leute nehmen den Begriff »Industrial« heutzutage viel zu wörtlich. Sie glauben, Industrial muss Metal Bashing sein, harte Rhythmen etc. Offensichtlicherweise waren und sind TG nicht Teil davon. Wir haben viele andere und sehr verschiedene Ansätze in unserer Musik. Das reicht von ABBA über Martin Denny und Punk bis zur Soundart.
GBPO: Ich glaube, der Sinn für Humor wird viel zu oft ignoriert. Viele Jokes und sarkastische Bemerkungen sind in der Musik eingegraben, sie warten dort auf diejenigen, die die Empfänglichkeit dafür haben, sie zu finden, darüber zu lachen und dadurch stimuliert zu werden. Das finde ich eine der interessanteren Dinge, die wir tun. Ironie ist immer mächtig.

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Gab es bei TG Überlegungen, mehr in Richtung Club-Kultur zu gehen wie z. B. mit der Remix-Platte »Mutant TG« (Novamute 2004)?
PSC: Ich glaube, keiner von uns ist an aktueller Club-Musik wirklich interessiert. Wenn andere hier neue Einflüsse und Ideen einbringen, stört mich das nicht.
CC: Es ist gut, wenn Leute dein Material verwenden und es mutieren lassen. Aber wir selbst würden das nicht machen.

... aber gerade Nummern wie »Hot On The Heels of Love« sind ja von sehr vielen Leuten gecovert worden, man denke nur an DJ Hell ...
GBPO: Was ich sagen wir lustig finde, weil der Track sehr ironisch gemeint war, als er veröffentlicht wurde. Wenn also jemand diese Nummer covert, ist das doppelt ironisch.
CFT: Bei diesem Stück hatten wir Donna Summer oder auch Giorgio Moroder und all diese Leute gedanklich im Hintergrund. Es ging auch darum, Erwartungshaltungen zu brechen. Aber besonders deswegen, weil uns der spezielle Humor dieser Musik gefiel.
PSC: Und das war lange bevor Club- oder House-Musik existierte.

 

Warum wurde NWW erst jüngst live so aktiv?
SS: Ich hatte in mehr als fünfundzwanzig Jahren als Nurse With Wound vielleicht zehn Konzerte gespielt. Der Grund, nicht zu spielen, war: Ich war in der Illusion gefangen, dass man für eine Performance die Gruppe zu choreografieren, eine »echte« Komposition abzuliefern und ich zu gewährleisten hätte, dass alles genau so abläuft, wie ich es mir überlegt hatte.

... was ja an sich das exakte Gegenteil von »experimentell« ist ...
SS: Genau! In den frühen 1980ern bin ich zwei-, dreimal mit Whitehouse aufgetreten, aber das war auch nur in London. Dann bin ich vor circa vier Jahren mit Coil und Current93 auf Tour gegangen. Und es war so fucking easy! Ich dachte mir: Das kann ich auch. Schließlich hatte ich diese Art von Offenbarung, die mir sagte: Es kümmert mich nicht. Und es ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, Leute zu treffen. Ich kann das Touren jedem nur empfehlen. Manchmal klingt mein Set auch richtig gut (lacht). Ich habe nicht die Last, dass ich jeden Abend die großen NWW-Chartbreaker-Hits runternudeln muss (lacht).

 

Was kommt als nächstes?
SS: Ich habe ein neues NWW-Album praktisch fertig. Die Platte dreht sich – ähnlich wie »The Sylvie & Babs Hi-Fi Companion« (1985, UD) – um echt cheesy Easy Listening Music, ein Easy Listening Album also. Der RCA-Musiker Marty Gold war dafür eine profunde Inspirationsquelle. Gold war in den späten 1940ern der Bandleader der Korn Kobblers, einer Formation, die damals die »unsinnigste US-Tanz- band« genannt wurde. Ich stehe auf die alten Stereo-Demonstrationen und das Orchesterzeugs, das RCA in den 1940ern bis in die 1960er veröffentlichte. Der mexikanische Bandleader und Filmkom- ponist Juan García Esquivel, der »King of Space Age Pop«, war ein Gott auf diesem Gebiet. Auf der nächsten NWW-Platte wird es folgerichtig Space Music geben. Ich habe vor kurzem zusammen mit Faust die Platte »Disconnected« produziert und gerade die aktuelle Compilation für das Sónar-Festival fertiggestellt. Besonders letzteres war eine sehr interessante Erfahrung.

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Kann man heutzutage jemandem empfehlen, Musiker zu werden?
SS: Kann ich nicht sagen, ich sehe mich nicht als Musiker. Auch wenn ich an die 200 Platten herausgebracht habe, würden mich Musiker wohl kaum als »Musiker« bezeichnen (lacht). Aber ja, jeder sollte versuchen, etwas Künstlerisches zu machen. Auch wenn ich wahrscheinlich den Großteil meines Geldes mit Malen verdiene, würde ich mich nicht als Maler bezeichnen. Ich habe keine wie auch immer geartete Ausbildung, nur Augen und Ohren. Für mich macht es überhaupt keinen Unterschied, ob ich eine Platte aufnehme oder ein Bild male. Aber gut, das hätte David Bowie vielleicht auch gesagt ...

 

Können durch junge Bands alte wiederentdeckt werden? Als vor ein paar Jahren Electro- Punk populär wurde, gab es viele Leute, die sich dadurch z. B. Chris & Cosey anhörten.
CC: Meiner Meinung nach ist es heutzutage genauso schwierig, Musiker zu sein wie vor dreißig Jahren. Es ist aber vergleichsweise viel schwieriger geworden, gute Musik zu machen.
CFT: Das war schon in Ordnung, weil einige auch Neues machten. Letztes Jahr auf einem Konzert einer mir unbekannten, jungen Band hatte ich diesen Moment, als ich dachte: »Das kommt mir sehr bekannt vor ...« (lacht).
CC: Klar nehme ich das als Kompliment, wenn jemand sagt, TG waren für Industrial was James Brown für HipHop war. Überheblich gesagt: Wir waren einflussreich.
PSC: Die wichtigste Sache dabei ist aber, neue Wege zu gehen. Das neue Album »The Endless Not« demonstriert, dass die Leute für etwas Neues bereit sind. Das Album ist jetzt, Ende April, seit einem Monat draußen und hat sich öfter verkauft als jedes andere TG-Album zuvor. Die Leute sind daran interessiert, sie sind so satt mit dem, was ihnen der Mainstream vorwirft.
CC: Die Veröffentlichung wurde sehr lange hinausgezögert, eine lange Geschichte ...

Es wird erzählt, bei NWW gibt es keine Computer zu Hause?
SS: Stimmt. Erst in den letzten Jahren habe ich begonnen, für meine Aufnahmen einen Computer zu verwenden. Colin Potter, mein Techniker, hat sein gesamtes Studio vor einiger Zeit auf Computer umgestellt. Aber für mich macht es keinen Unterschied ob analog oder digital. Für mich ist Digital-Technologie nur ein weiteres Werkzeug. Wenn man einen Computer hat, ist es wesentlich einfacher, Musik zu produzieren; klar. Die Tatsache, dass da draußen jeder Musik machen kann, finde ich prinzipiell sehr sympathisch: auf eine bestimmte Art ist das demokratischer. Aber es ziemlich schwer geworden, gute Musik zu machen. Und es bleibt schlussendlich noch immer dem Zuhörer überlassen, ob er es sich antut, deiner Musik zuzuhören. Ich glaube, dass es heute unglaublich schwierig ist, einen Namen aus sich zu machen.

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Information War: Mehr denn je!?

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten fünfundzwanzig Jahren hinsichtlich Information und Kommunikation verändert? »Wir sind interessiert an Information, nicht an Musik als solcher. Und wir glauben, dass das zentrale Feld der Auseinandersetzung, wenn es ein solches unter Menschen gibt, die Information ist«, hieß es etwa im »Industrial Culture Handbook«. Es scheint heutzutage schwieriger, Informationen zu vermeiden als sie zu akkumulieren ...
GBPO: Es ist eine Illusion, zu glauben, nur weil mehr Information verfügbar ist, dass man besser Bescheid weiß. Man ertrinkt förmlich in Informationen. Die Leute werden immer unaufmerksamer gegenüber Strategien, etwas anderes zu tun oder um außerhalb des Status quo zu überleben. Das Internet ist eine höchst ambivalente Angelegenheit.
CFT: Mir geht es dabei auch um den virtuellen Aspekt. Das beste Wissen, die beste Information generiert sich durch persönliche Erfahrung. Die Erfahrung einer Face-to-Face-Kommunikation finde ich nach wie vor eine der wichtigsten Sachen überhaupt. Etwas, das man mit dem Internet nicht bekommt.
CC: Immerhin lesen Leute nach wie vor Bücher. Man kann nicht alles googlen. Man sollte weiterhin neugierig sein und sich selbst und seine Umgebung persönlich erforschen.
CFT: Durch eine medial vermittelte Realität bekommt man nur einen vorgefertigten Ausschnitt von ihr mit. Der praktische Aspekt heutiger Kommunikation ist für mich ein fundamentaler Teil meines Interesses dafür. Klar ist es etwas total anderes, mit unterschiedlichsten Leuten auf der ganzen Welt auf einem persönlichen Niveau recht einfach kommunizieren zu können, als damals in den frühen 1970ern, als wir Mail Art betrieben. Ein weiterer Vorteil ist, dass man im Internet sein kann, wer immer man sein will, Geschlechterzuschreibungen können aufgehoben werden.

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TG 2005 © Nick Newby-Carter

 

GBPO: William Burroughs sagte einmal: »Wenn man verstehen will, was rundherum passiert, muss man sich ansehen, in welche Interessen Leute investieren«. Was passiert durch das Internet? Leute werden träge und immer weniger aktiv, nehmen viel weniger wahr, machen viel weniger, sind immer weniger mobil. Weil sie glauben, dass sie diesen Anforderungen genug entsprochen haben, wenn sie nur lange genug surfen. Werbefenster und Pop-Ups regieren die Gesellschaft. Leute werden dadurch sehr leicht kontrollierbar.

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PSC:
Aber ich glaube, das liegt in der Natur des Menschen, es ist eine genetische Angelegenheit. Auf jeden Fall sicher mehr als darin eine Verschwörung von Regierungen via Internet zu vermuten. Mir kommt generell vor, dass Menschen ein genetisches Bedürfnis dafür haben, dass es ihnen schlecht geht. Derartige Technologien sind nur ein weiteres Tool, diesen Zustand zu erreichen. Es ist einfacher, sich drei Stunden mit E-Mails herumzuschlagen, dann zwei Stunden auf Myspace zu verbringen und dann Mittagessen zu haben, als nachdenken zu müssen.
GBPO: Wegen des Internets ist die Gesellschaft fragmentierter geworden. Man folgt nicht mehr not- wendigerweise einer Band durch ihre Entwicklungen und besorgt sich nicht mehr die entsprechenden Platten, um Veränderungen nachzuhören. Man lädt Tracks herunter. Das ist nicht dieselbe Kontinuität als wenn man ein komplettes Werk – ein Album z. B. – vor sich hat. Ich hoffe ja, dass es zu einem großen Stromschlag kommt und Leute wieder anfangen müssen, miteinander zu reden. Das könnte sehr schockierend werden, oder? Man stelle sich vor, die Gesellschaft wäre gezwungen, ein paar Tage offline zu sein.
CC: Mir gefällt es überhaupt nicht, 24/7 online zu sein. Da würde ich mich ziemlich »disconnected« fühlen.
GBPO: Ich habe festgestellt, dass ich viel weniger telefoniere und dafür viel mehr über E-Mail kommuniziere. Was ich schade finde. Weil es auf unterschiedlichste Weise viel härter ist, zu verstehen, was Leute dir sagen wollen, wenn du ihre Stimme nicht hörst. In E-Mails passiert es oft, dass Leute mir eine falsche Idee von dem geben, was sie mir sagen wollten. Oder vice versa.
CC: Wir verwenden Video-Skype recht oft. Sleazy, zu dem wir gut acht Stunden Zeitunterschied haben, können wir dadurch sehen, bekommen Gesten und Ausdrücke mit. Das finde ich ein gutes Tool.
PSC: Was unser künstlerisches Selbstverständnis anlangt, wollten wir nie Schocks als solche erreichen. Manches von dem, für das wir uns auf persönlicher Ebene interessieren, berührt einen außergewöhnlichen oder devianten Kontext, wenn man es mit einer Mainstreamkultur vergleicht.
GBPO: Was mich nach wie vor aufs Tiefste schockiert, sind die Dummheit und die »Fähigkeit« des Menschen, grausam und gewalttätig zu sein. Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Diese Enttäuschungen zu beschreiben, ist zwar gut, ändert aber nichts am eigentlichen Punkt. Das menschliche Verhalten muss sich ändern. Aber auch nach 9/11 bin ich noch immer am Leben und versuche so gut ich kann, mit Menschen zu kommunizieren und ihnen begreiflich zu machen, aufzuhören, gewalttätig zu sein. Das ist alles, was man machen kann ...




Auswahlbibliografie

Bush, John: »Nurse With Wound«, in: Vladimir Bogdanov et al. (Hg.): »All Music Guide to Electronica«. San Francisco: Blackbeat 2001, S. 364.
Daniel, Drew: »20 Jazz Funk Greats«. 33 1/3 Series. London/New York: Continuum 2008.
Ford, Simon: »Wreckers of Civilisation: The Story of Coum Transmissions & Throbbing Gristle«. London: Black Dog Publishing 1999.
Freeman, Steven/Freeman, Alan: »Chance Meeting at the Rock’n’Roll Station. The Audion Guide to Nurse With Wound«. »The Audion Guide Series«, #28, 07/1994.
Home, Stewart: »The Assault on Culture. Utopian Currents from Lettrisme to Class War«. Sterling: A.K. Press 1991, S. 69-73.
Jelinek, Robert (Hg.): »Coil«. Wien: Der Konterfei 2014.
Keenan, David: »England's Hidden Reverse: A Secret History of the Esoteric Underground. Coil, Current93, Nurse With Wound«. Revised & expanded edition. London: Strange Attractor 2015. Inkl. CD. (Orig. 2003)
Neal, Charles: »Tape Delay«. Wembley: SAF 1992, S. 213-223. (Orig. 1987)
Reed, S. Alexander: »Assimilate: A Critical History of Industrial Music«. Oxford/New York: Oxford University Press 2013.
Reynolds, Simon: »Rip it up and start again. Schmeiss alles hin und fang neu an: Postpunk 1978-1984«. Aus d. Englischen von Conny Lösch. Höfen: Hannibal 2007, 239-259.
Vale, V./Juno, Andrea (Hg.): »Industrial Culture Handbook«. RE/Search Iss. #6/7. San Francisco: RE/Search Publications 1992, S. 6-19. (Orig. 1983)


Text: Heinrich Deisl | 13.08.2015

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