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Vernunftkritik in Farbe: Achille Mbembe

Text: Thomas Edlinger | 24.07.2015
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Achille Mbembe © Karlsruher Konferenz 2015

Der kamerunische Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe entlarvt Kants Kritik als farbenblind, ortet die Ursprünge der Sklaverei im Kapitalismus. Sklaverei und Rassismus bedingen einander und sind wegen des grassierenden Neoliberalismus keineswegs im Rückzug.

Original erschienen in skug #102, 4-6/2015

 


Vor einigen Monaten starb der erste frei gewählte, schwarze US-Senator. Edward Brooke wurde fünf- undneunzig Jahre alt, Präsident Obama würdigte ihn als Wegbereiter für andere schwarze Politiker, also wohl auch für ihn selbst. Brooke wurde 1920 geboren, und möglicherweise wuchs er mit den Himmelfahrten eines Washington Philipps auf, der zwischen 1927 und 1929 eine Handvoll Gospels für Columbia aufnahm. Sie klingen nach einem Amerika der Verschleppten, Entrechteten und Ent- wurzelten, in denen darauf gehofft wurde, dass Beten hilft und Jesus vielleicht doch auch schwarz war. Die Erlösungsformel des »Black Messiah« gibt es also nicht erst seit dem aktuellen D’Angelo- Album gleichen Namens. - Washington Phillips war 1880 in das Amerika nach dem Sezessionskrieg und der offiziellen Abschaffung der Sklaverei geboren worden. Der Vorname Washington sollte offen- bar schon einen amerikanischen Traum wachhalten.

Optimisten glauben aktuell an den Weg der USA in die postrassistische Zukunft, Pessimisten beob- achten vor allem, wie der Rassismus nur seine Masken wechselt. Realisten verweisen auf die neu aufgeflammte Diskussion über rassistische Polizeigewalt, die Staffelung der Einkommen nach Haut- farben, aber auch auf die Stimme der schwarzen Mittelschicht, antidiskriminatorische Maßnahmen und die gestiegene Sensibilität für beleidigendes Sprechen und Handeln.

Die USA haben und hatten mit dem Rassismus ein anders gelagertes Problem als Europa oder Afrika. Es ist bestimmt von der Geschichte der Sklaverei im transatlantischen Dreieck, die nicht ausgelagert, sondern im eigenen Land betrieben und erlitten wurde. Afroamerikaner sind oder begreifen sich zu einem Großteil als Nachkommen von verschleppten Sklaven, weiße Amerikaner hingegen verstehen sich nicht in erster Linie als Nachkommen von Sklavenhaltern. Die Sklaverei ist ein Trauma, das in den afroamerikanischen Communities bis heute nachhallt. Der Soulsänger Sam Dees, der dieses Jahr siebzig wird, vertont es in seinem sehr spät, nämlich erst 1998, veröffentlichten Stück »Heritage of a Black Man«.

 

 

Ressource Neger

Mit diesem geschichtlichen Ballast beschäftigt sich auch der kamerunische Historiker und Politologe Achille Mbembe. Mbembe, der als einer der führenden Postkolonialismus-Theoretiker gilt, sieht die Sklaverei als nach wie vor nicht überwunden an – ganz im Gegenteil. Institutioneller Rassismus und Ausgrenzung würden sich unter dem Regime des globalisierten Neoliberalismus neu ausbreiten. Man braucht nur daran erinnern, wie sich de facto sklavenartige Arbeitsverhältnisse etablieren oder wie Asylsuchenden und Flüchtlingen elementare Rechte verweigert werden, sodass sie vor der Festung Europa ertrinken.

Die Unmenschlichkeit, die sich darin zeigt, habe ihren Ursprung im professionalisierten Handel mit »Negersklaven«, den Plantagen und den Bergbaukolonien. Mbembe schreibt tatsächlich »Neger- sklaven«, und das Wort »Neger« verwendet er sicher hunderte Male; ohne Anführungszeichen. Es kommt vor, weil hier nichts beschönigt, sondern ein menschenverachtender Diskurs beschrieben und verstanden werden soll, in dem zu »Negern« gemachte Menschen in den Augen ihrer Ausbeuter zu abbaubaren und verschiffbaren Ressourcen umgedeutet werden, um mit ihnen – im Gegensatz zur vorkapitalistischen Sklaverei – Profit zu machen. Der »Neger«, sagt Mbembe, ist das Wort, das der Projektion eines Wahn gegeben wird.

Mbembes beeindruckende, quellensichere Rekonstruktion des In-die-Welt-Kommens des Rassismus heißt »Die Kritik der schwarzen Vernunft«. Darin deutet Mbembe die Erfindung des Begriffsmonsters »Neger« als Mittel zur Herstellung einer fundamentalen Differenz, die die Herrschaft der Nicht- schwarzen über die Anderen legitimiert. Mbembe sieht die paradoxale Konstellation einer Gemein- schaftsproduktion durch Ausschluss. So entstehen ein soziales Band der Unterwerfung und die Lebenslüge der westlichen Aufklärung. Wie haben wir gelernt, Schwarz und Weiß zu unterscheiden, wie wurden Menschen zu »Negern«?

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Achille Mbembe © Éditions la Découverte/mypr.co.za

1444 treffen die ersten Schwarzen in Portugal ein, 1619 landen die ersten schwarzen Sklaven in den transatlantischen Südstaaten. Zunächst erscheint die Knechtschaft noch als eine verschwommene, prärassistische Angelegenheit, die Spielräume zwischen Freiheit und Unfreiheit bereitstellt. Vor allem ist sie noch nicht der brutale Ausdruck der Scheidung zwischen Weißen und Schwarzen. Doch der Rassismus gewinnt, ökonomisch bedingt, rasch an Kontur und organisiert die systematische Ent- rechtung. Sklaven stehen für eine zweigeteilte Welt. In der einen gilt Kant und die »Kritik der reinen Vernunft«, die so tut, als wäre sie farbenblind. In der anderen regieren die Ausplünderung und das Recht des Stärkeren. Der moralische Minimalismus Kants und die Menschenrechte sind etwas für die Sonntagsreden in Europa, die Ausbeutung findet in der Arbeitswoche in den gesetzlosen Zonen der Kolonien statt.

Wuchernder Widerstand

Die zweite Phase des Diskurses vom »Neger« datiert Mbembe gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Es geht nun nicht mehr darum, zu erkennen, wer der »Neger« ist und wie man angeblich erkennt, was ihn von uns unterscheidet, oder wie man ihn regieren kann. Nun geht es um die Internalisierung der Rede vom »Neger« im schwarzen Bewusstsein. Es entsteht ein schwarzes Selbstbild des »Negers«, das zwischen Leugnung und Betonung der afrikanischen Herkunft, der ›Negritude‹ changiert. Es fragt: »Wer bin ich, wenn ich für andere ein Neger sein soll?« Franz Fanon gibt darauf die negative, zornige Antwort: »Ich bin ebensowenig schwarz, wie ich ein Neger bin. Neger ist weder mein Name noch mein Vorname, noch weniger mein Wesen und meine Identität.« Malcom X, die Black Panthers und diverse afrozentristische und afrofuturistische Milieus im HipHop-, Soul- und Jazz-Umfeld machen aus der ihnen zugeschriebenen Andersartigkeit, der Blackness, eine Waffe. 58614.jpg

Achille Mbembe lehrt heute, nach diversen Aufenthalten an US-Universitäten, in Johannesburg. Er hat also einen auch durch die Erfahrung seines globalisierten Lebens geschärften Blick auf die diversen Härtegrade des Rassismus.

Die dritte Phase des Rassismus ist nach Mbembe die heutige, in der wir jetzt stecken und die sich im Südafrika der Post- Apartheid ganz anders darstellt als etwa in Frankreich oder in den USA. Zudem manifestieren sich nicht nur biologistische Neorassismen, die sich durch die Hintertür von Gentechnik- debatten einschleichen, sondern auch ökonomisch bedingte durch eine nicht farbenblinde Aufteilung in privilegierte Profiteure und Arbeitsnomaden oder ›überflüssige‹ Menschen, die nicht einmal mehr das Recht besitzen, ausgebeutet zu werden.

Die Erfindung des »Negers«, so der düstere Befund, war in dem Sinn erfolgreich. Der operative Rassismus hat sich ausdif- ferenziert und globalisiert. Dementsprechend muss der Widerstand gegen ihn verschiedene Formen und Sprachen annehmen.

Adaptierte Fassung des Radio-Manuskripts. FM4 »Im Sumpf«, Jänner 2015.

Achille Mbembe: »Kritik der schwarzen Vernunft«. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Berlin: Suhrkamp 2014, 332 Seiten, EUR 28,–


Text: Thomas Edlinger | 24.07.2015

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