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»Ein anständiger Mensch hatte Widerstand zu leisten«

Text: Kerstin Kellermann | 12.07.2015
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Mahnmal am Morzinplatz, Foto: Wikipedia

Sandleiten-Chronik
Erinnerungen an zwei Widerstandskämpferinnen

»Das waren keine englischen Fallschirmspringer, das waren Österreicher«, protestiert Peter Schwarz am Telefon. Frau Roubicek, die Schulfreundin seiner Mutter, hatte sich nicht ganz richtig erinnert (vgl. »Man kann es nicht gut machen«).
Anna und Jutta Vitek gerieten ins Gestapo-Verhör – im ehemaligen Hotel Métropole am Morzinplatz, das heuer Erinnerungsschauplatz des Festivals Into The City war –, weil sie Fallschirmspringer im Sandleitenhof versteckt hatten. Peter Schwarz, der Sohn beziehungsweise Enkel der beiden, erzählt vom Widerstand zweier mutiger Frauen.

Peter Schwarz ist Geschäftsführer von ESRA, dem 1994 in Wien eingerichteten psychosozialen Zentrum für NS-Überlebende, jüdische Migranten und die jüdische Bevölkerung Wiens. Darüber hinaus ist ESRA Anlaufstelle traumatisierter Flüchtlinge aller Konfessionen.


skug: Wie wurde Ihre Großmutter widerständig?
Peter Schwarz: Anna Vitek, meine Oma, kam aus Wien, aus eher einfachen Verhältnissen. Sie zog Mitte der 1920er Jahre nach Sandleiten in den neu errichteten Gemeindebau, mit ihrem Mann, den sie gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte. Der war überhaupt nicht politisch. Meine Großmutter war die einzige in der Familie, die politisch aktiv war. Ursprünglich war sie Sozialdemokratin und 1934 ist sie, enttäuscht über das Verhalten des Schutzbundes, zur KPÖ. Sie muss 1934 sehr aktiv gewesen sein. In ihrer Wohnung in Sandleiten war ein Maschinengewehr versteckt. Sie war sehr enttäuscht darüber, dass es niemand abgeholt hat, um zu kämpfen. Das hat der Schutzbund bei ihr versteckt, um auf Waffen zurückgreifen zu können. Es waren anscheinend in unterschiedlichen Wohnungen Waffen versteckt. Sie war sehr verärgert, weil sie ein Rückenleiden hatte und dann war Amnestie und sie musste 1934 das Maschinengewehr selber in den Hof schleppen und auf den Haufen werfen. Keiner dabei, der ihr half.

Sie haben einmal erzählt, dass Ihre Oma ein bisschen dominant war. Dass sie sogar der Gestapo angeschafft hat, dass ihre Tochter in die gleiche Zelle kommt.
Sie war nicht dominant, resolut war sie.

Wie erging es ihr im Ersten Weltkrieg?
Sie erzählte, dass sie als Kind oder Jugendliche Wägen, auf denen Brot war, hinterher lief, um ein Brot zu ergattern. Sie sah, dass man Pferde, die vor irgendwelche Fuhrwerke gespannt waren, auf der Straße geschlachtet und sich Fleischstücke herausgeschnitten hat. Ihr Vater war Schmid. Ein Bruder ist im Ersten Weltkrieg gefallen, wenn ich mich richtig an ihre Erzählungen erinnere.

Wie hat sich das auf Ihre Mutter ausgewirkt, dass die Oma so widerständig war?
Jutta (Justine) Schwarz, geborene Vitek, ist damit aufgewachsen und wurde mitgerissen. 1938 war sie zwölf Jahre alt. In der Gestapo-Haft war sie dann 19.

Wie sah Ihre Mutter es, in Sandleiten im Gemeindebau Fallschirmspringer zu verstecken?
Es war für sie selbstverständlich, dass ihre Mutter aktiv war, sie hat das vollkommen mitgetragen. Die Fallschirmspringer waren nur der Schlusspunkt und Verhaftungsgrund. Es begann damit, dass meine Mutter von ihrer Mutter verboten bekam, zum BDM zu gehen. Sie war eine der ganz wenigen im Sandleitenhof, die nicht zum BDM gingen und das prägte sie schon sehr, weil meine Großmutter ge- sagt hat, »da gehst du nicht hin«. Punkt. Sie war dann Außenseiterin.
Was meine Mutter sicher auch mitbekommen hat, ist, dass auf der Flucht befindliche Juden versteckt wurden. Diese Flüchtlinge waren auf der Durchreise und es gab nur ein Zimmer. Andere Widerstands- kämpfer wollten meine Oma überreden, dass sie diese Familien über die Grenze führt und das verbot ihr meine Mutter quasi. Das kann sie doch nicht machen, zum Schluss wäre sie dann vielleicht ganz alleine in Wien. Meine Großmutter sagte ihrem jüdischen Arzt 1938, er solle Wien verlassen. Dieser wiegelte aber ab und meinte, es wird nicht so schlimm kommen, aber meine Großmutter hatte »Mein Kampf« gelesen und meinte, da steht alles drin.
Die Wohnung meiner Großmutter habe ich gut gekannt. Meine Großmutter lebte bis Mitte der 1980er Jahre dort.
Während der NS-Zeit hatte sie einmal ein Flugblatt bei sich in der Küche liegen. Ein Blockwart kam vorbei, weil nicht gut verdunkelt war. Meine Mutter hat sich davor gestellt, sodass er dieses nicht sehen konnte. Das war eine brenzlige Situation. Meine Großmutter sammelte auch Geld für die Wider- standsbewegung und kam in eine gefährliche Situation, als sie zu einer Adresse kam, die man ihr genannt hatte und sagte, sie kommt das Geld holen. Der Mann sagte »sofort«, und ging nach hinten. Da sah sie im Spiegel, wie er sich eine Uniform anzieht und ist weggelaufen. Das sind so kleine Anekdoten, Bruchstücke von tatsächlichen Aktivitäten.

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Anna Vitek, geb. Wallisch, 1907–1985

Es muss für Ihre Mutter nicht leicht gewesen sein, in solch aufregenden Zeiten.
Schon während des Krieges ist die Familie zerbrochen. Mein Großvater hatte eine andere Beziehung, meine Großmutter litt extrem darunter und war offensichtlich suizidgefährdet. Denn meine Mutter hat, während des Krieges oder danach, den Gasschlüssel mit in ihre Arbeit genommen. Damit sich ihre Mutter zumindest nicht auf diese Weise umbringt. Sie arbeitete während des Krieges in einer Uniformfabrik.

Wie war das mit den beiden Fallschirmspringern?
Sie waren vermutlich in Wiener Neustadt abgesprungen und hatten als Anlaufadresse meine Groß- mutter und Mutter. Diese Fallschirmspringer waren ›umgedrehte‹ Österreicher, die in Kriegsgefangen- schaft geraten waren dann von der Sowjetunion ›umgedreht‹ wurden. Sie wurden für den Absprung über Österreich geschult. Einer davon war auch irgendwie mit meiner Großmutter verwandt, ein Cousin glaube ich.
Sie haben eine oder mehrere Nächte in Sandleiten verbracht. Sie hatten ein Funkgerät mit sich, um nach Moskau zu funken. Eines Tages kommt meine Mutter von der Arbeit nach Hause und sieht vor dem Haus eine schwarze Limousine stehen. Man hat damals gewusst, was das bedeutet. Neben der Limousine stand ein Mann und meine Mutter hat geahnt, dass es ihnen galt. Sie ist trotzdem in Richtung der Wohnung gegangen, denn sie wollte ihre Mutter nicht alleine lassen. Während sie hin- ging, hat sie es sich überlegt und ist vorbeigegangen. Aber der Mann ist ihr gefolgt und wie sie an der Wohnung vorbeigeht, ruft er: »Frau Vitek, irren Sie sich nicht? Sie wohnen doch dort.« Das war das Ende. Die Oma war in der Wohnung. Dann hat man sie an Ort und Stelle verhaftet. Die beiden Fallschirmspringer ebenfalls. Man hat sie quasi auf frischer Tat ertappt. Das Funkgerät fand man sofort und dann fragte man: »Wo ist der Code?« Der eine der beiden hat ohne Widerstand den Code aus dem Innenband seiner Kappe herausgerückt.
Was aus heutiger Sicht dramatisch war: Weil es gab in Wien eine eigene Abteilung der Gestapo, die Spione wieder umgedreht und Funksprüche abgesetzt hat, um so zu tun, als ob die Spione hier aktiv wären, um die nächsten in die Falle zu locken. Wie Hans Schafranek und Johannes Tuchl in »Krieg im Äther« schreiben, gab es dafür eine eigene Abteilung in der Hasenauerstraße.*
Die Verhöre waren im sechsten Stock in der Gestapo-Zentrale im ehemaligen Hotel Métropole. Meine Mutter und Großmutter kamen am 7. Februar 1945 dort hin. Sie wurden verhört, meine Großmutter gefoltert, sie wurde »gestreckt« und die Gestapo dämpfte Zigaretten auf ihrer Haut aus. Meine Mutter ist weitestgehend verschont geblieben davon, wohl weil sie sehr jung ausgesehen hat. Beide Frauen waren in unterschiedlichen Zellen im Polizeigefangenenhaus auf der Rossauer Lände untergebracht. Sie waren zu vierzigst in der Zelle und dann hat eben dort meine Großmutter heftig und resolut gefordert, dass ihre Tochter zu ihr in die Zelle kommt, was auch geschehen ist. 

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Jutta (Justine) Schwarz, geb. Vitek, 1926–2008

Wie lange waren die beiden inhaftiert?
Sie waren zwei Monate in Gestapo-Haft. Es wurde offensichtlich ein Prozess vorbereitet, ich nehme an wegen Hochverrats.

Sahen sie Exekutionen?
Sie sahen keine Exekutionen, wussten aber, dass diese ihr Schicksal sein werden. Meine Großmutter kannte die Familie Dirmhirn aus Sandleiten, die 1943 aufgeflogen ist. Meine Großmutter ging zum öffentlichen Prozess, was ich für erstaunlich halte, und schilderte mit Entsetzen die dortigen Ereig- nisse. Wie Hermine Dirmhirn unter der Haft und der Folter psychisch entsetzlich gelitten hat. Es wurde beim Prozess ganz deutlich, dass sie diese Situation psychisch nicht mehr ertragen konnte. Dann waren meine Mutter und die Oma dort in Haft.
Eines Tages im April – es waren bereits vorher Akten im Hof verbrannt worden –, haben sie Flieger- angriffe und Artillerie gehört: amerikanische Flieger über der Rossauer Lände! Diese Flieger sind bis in den Hof hineingeflogen, haben mit den Flügeln gewackelt, mit den Tragflächen gewunken und sind wieder aufgestiegen. Auf jeden Fall müssen das gewaltige Szenen gewesen sein. Die Häftlinge hingen an den Fenstern und haben gebrüllt und gejubelt. Eines Tages waren die Wachen weg! Niemand mehr da. Irgendwer hat dann die Zellen aufgesperrt. Meine Mutter meinte noch zu ihrer Mutter, dass sie nicht gleich nach Hause gehen, sondern noch eine Bestätigung holen sollten. Also hat noch jemand, der noch dort war [lacht], eine Bestätigung geholt und so kamen sie nach Hause und wurden freudig empfangen. Nachbarn und Freunde gaben ihnen Lebensmittel.

Wie sah Ihre Mutter diese Zeit?
Sie hat gesagt, dass sie seitdem vor nichts mehr Angst hat, weil sie nichts mehr als lebensbedrohlich empfunden hat. Sie hat sich nie, meine Großmutter auch nicht, als Heldin empfunden. Sie haben weder viel erzählt noch es verheimlicht, aber eben auch nicht als Heldengeschichten erzählt. Der Widerstand war etwas Selbstverständliches, das ein anständiger Mensch zu tun hat. Meine Mutter war schon sehr traumatisiert, was ich heute rückblickend besser weiß. Wenn sie diese Begebenheiten in der Haft erzählt hat, kamen ihr immer an den gleichen Stellen die Tränen.

Ihr Vater war ein österreichischer Jude, der nach Palästina flüchtete und sich dort der britischen Armee anschloss. Nach dem Krieg kam er als britischer Soldat zufällig nach Österreich zurück. Wie ging er mit seinem Schicksal um?
Mit Engagement für andere Menschen, die flüchten mussten. Meine Eltern haben sich in den 1970er, 1980er Jahren sehr für jüdische Zuwanderer aus der Sowjetunion engagiert. In einer Zeit, als es ESRA noch nicht gab. Diese Menschen sind in Österreich gestrandet und das war eigentlich der Beginn der heutigen sephardischen Gemeinde in Wien.
Ein großes Thema war die Affäre um den Historiker Taras Borodajkewycz. Ich erinnere mich, dass mein Vater zur Demonstration gegangen ist und wir nicht mitdurften, »weil das nichts für Kinder« sei. Der Kreis, in dem meine Eltern sich bewegten, waren hauptsächlich (Ex-)Kommunisten. Da gab es viele, gute und enge Freundschaften, es gab aber auch heftige Diskussionen. Meine Eltern waren sich ziemlich einig in der politischen Einschätzung, sie waren beide bis 1956 in der Kommunistischen Partei. Meine Großmutter ist bis zu ihrem Tod 1985 in der Partei geblieben. Meine Eltern haben das nicht wirklich verstanden.

Was gibt Ihnen die Kraft, für ESRA aktiv zu sein?
Dass man genau diesen Menschen hilft, die ein schweres Schicksal hinter sich haben. Ein Schicksal, das man jahrelang öffentlich gar nicht beachtet hat.

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Peter Schwarz, Foto: Florian Fusco

* Hans Schafranek/Johannes Tuchel (Hg.): »Krieg im Äther. Widerstand und Spionage im Zweiten Weltkrieg.« Wien: Picus 2004, EUR 26,90



In Kooperation mit SOHO IN OTTAKRING


Text: Kerstin Kellermann | 12.07.2015

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