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The Last Hero ~ Captain Beefheart

Text: Walter Pontis | 22.05.2015
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Captain Beefheart & His Magic Band: "Reseda" (Mans.Fotomiser)
Ein homöopathischer LSD-Trip vom Captain: Nach der Wiederveröffentlichung seines Meisterwerks »Trout Mask Replica« (1970) im Vorjahr bringt Rhino nun mit der Edition »Sun Zoom Spark: 1970 to 1972« auch das andere epochale Album von Captain Beefheart & His Magic Band. Anlass für ein Portrait.

Die wohl generöseste Art der Heldenverehrung ist jene der Erhebung zum Genie. Captain Beefheart aka Don Van Vliet (1941–2010) wurde gemeinhin als ein solches gehandelt. Er gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts und war das Nonplusultra für niemand Geringeren als John Peel (»If there has ever been such a thing as a genius in the history of pop music, it’s Beefheart«) sowie den ultimativen US-Amerikanischen Rockkritiker, Lester Bangs (»Captain Beefheart is the most important musician to rise in the Sixties, far more significant and far-reaching than the Beatles«). Man nannte Beefheart ein primitives Genie, weil er sich im Umgang mit Sprache, Sounds und Instrumenten immer etwas Kindhaft-Spielerisches bewahrt hatte. Dass Van Vliet keine Schulausbildung genoss, ja nicht einmal den Kindergarten besuchte, gehört jedoch, wie viele seiner Aussagen, zu den apokryphen Memorabilien des Captain. Bereits im Kindergartenalter schuf Don Van Vliet im nahegelegenen Zoo fantastische Skulpturen, die ihm wöchentliche Auftritte in einer TV-Show einbrachten. Mit dreizehn Jahren wurde ihm ein Kunststipendium in Europa ange- boten. Diese Reise wusste sein Vater jedoch zu verhindern. Er meinte, alle Künstler wären »Schwule«. So wurde es nichts mit dem Studium in good ol’ Europe. Doch bald lernte Van Vliet seinen Freund Frank Zappa kennen. Gemeinsam hörten sie LPs alter Bluesmeister und in der Folge gründete Zappa seine Mothers Of Invention und Van Vliet formierte seine Captain Beefheart & His Magic Band.

Musikalisches Œuvre (1965–1982)
Dank hervorragender früher Alben erlangten Captain Beefheart & His Magic Band schon in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre Kultstatus. In dieser Zeit spielte man auf der Basis des primitiven Delta- Blues einen eklektischen, psychedelischen Blues-Rock, angereichert um Doo Wop, R’n’B, Soul. Auch das Theremin und ein Staubsauger fanden früh schon Verwendung. Alsbald folgte der Magic Band der Ruf, hier handle es sich nicht etwa um zugedröhnte local heroes, sondern schlicht um die beste avantgardistische Rockband der Welt. Der große Durchbruch – wie er Frank Zappa, Beefhearts ewigem Konkurrenten, mit den Mothers gelang – blieb ihr allerdings verwehrt. In derber Howlin’ Wolf-Manier trug der robuste Beefheart surreale Texte mit seiner mehr als vier Oktaven umfassenden Stimme vor. Dazu frönte er atonalen Free-Form-Saxofon-Improvisationen, während die nicht minder ausgeflippt agierenden Mitmusiker kakofonisch in ungeraden Taktarten tobten. Das war nicht jedermanns Sache. Auch wenn Beefheart sich immerzu gegen den Konsum von Drogen aussprach – gut möglich, dass er damit lediglich vermeiden wollte, auf den Radar von Drogenfahndern zu geraten, wie etwa Zappa –, hatte die Musik der Magic Band oft den Effekt eines homöopathischen LSD-Trips, der einen wie beim Tiefseetauchen inmitten geheimnisvoller Meerestiere befiel. »E-lec-tri-ci-ty«. Beefheart war übrigens zeitlebens ein großer Freund aller Tiere. Mirror_Man_Beefheart.jpg
Nachdem das im Jahr 1967 aufgenommene, dadaistisch tönende Blues-Album »Mirror Man« leider erst 1971 veröffentlicht wurde, erschien »Strictly Personal« (1968) als zweites ›erstes‹ Album. Ob der exzessiven Verwendung des Phasing-Effekts wurde es von der Musikkritik großteils verrissen. Woraufhin Beefheart seinem Produzenten vorwarf, eigenmächtig gehandelt und damit das Album ruiniert zu haben. Bandmitglieder behaupteten später, Produzent Krasnow hätte es niemals gewagt, gegen Beefhearts Intentionen zu handeln. Da sie Beefheart zudem fortlaufend als non-musician kritisierten – als Autodidakt hatte er generell Schwierigkeiten damit, seine komplexen musikalischen Konstrukte zu vermitteln –, entließ er die Mitglieder seiner Band, um diese mit jüngeren, leichter lenkbaren Musikern neu zu besetzen. Außerdem wollte Beefheart nicht länger mit Musikern, die dem Delta-Blues verhaftet waren, agieren, sondern progressiven Pop kreieren. Was ihm auf den nächsten beiden Alben mit neuer Formation auch vortrefflich gelingen sollte.
Trout_Mask_Replica.png»Trout Mask Replica« gilt als ultimatives Meisterwerk des avantgardistischen Rock. Wenn Beefheart komponierte, schlug er intuitiv und wie ein Berserker auf das Piano ein und improvisierte so lange, bis er erschöpft zusammenbrach. Die davon gemachten Aufnahmen bearbeiteten die Bandmit- glieder daraufhin in täglichen Proben, die bis zu vierzehn Stunden dauerten. Unter Anleitung des gestrengen Beefheart übertrug man das Klavierspiel auf die einzelnen Instrumente der Band, bis nach zwölf Monaten das Album komplett war. Die Copyrights beanspruchte Beefheart jedoch für sich alleine – eine nicht gerade seltene Strategie von Bandleadern. Vor zwei Jahren outete sich übrigens US-Präsident Barack Obama, dass »Trout Mask Replica« sein Lieblingsalbum ist.

Schleck meine Labels ab, Baby
Von Experten wird dagegen das nun auch in der soeben veröffentlichten, vier CDs fassenden Box »Sun Zoom Spark« enthaltene »Lick My Decals Off, Baby« (1970) gemeinhin als das perfekteste Werk von Captain Beefheart & His Magic Band eingestuft, auch von Beefheart selbst. Sein viertes Album erschien auf Frank Zappas Label Straight Records. Beefheart wollte den Albumtitel auch als Kritik an Etikettierungen verstanden wissen und prompt wurde es aufgrund der eindeutig zweideutigen Konnotation von den Medien boykottiert. Wenngleich das Museum of Modern Art den künstlerischen Wert des Promotion-Videos zu schätzen wusste und es in seinen Bestand aufnahm. Beefheart kreierte hier ein komplett neues musikalisches Glossar – das Album zählt zum Experimentellsten seines ohnehin sehr gewagten Schaffens. Anstatt kurzer Fragmente, die das Vorgängeralbum »TMR« dominierten, weisen die Stücke wieder gängiges Song-Format auf. Gravitätisch demonstriert Beefheart hierauf, wie auf unkultivierte Weise relevantester Avantgarde-Pop gemacht wird. Hier zeigt sich, dass Beefhearts große Stärke seine Unangepasstheit sowie die Unangepasstheit seiner Musik ist. Beides befand sich auf dem Kulminationspunkt, auf »Decals« hatte man den Plafond erreicht. In den Lyrics gab sich Beefheart nicht mit Händchenhalten zufrieden, ihn tangierte, dass er sie lieber ganz verschlingen möchte (»I wanna swallow you whole«), der Himmel so sexy wie die Hölle ist, und überhaupt: »I Love You, You Big Dummy«: »Love has nobody / no body has love ... breathe love / don’t breathe a lie«.
Danach erschienen die beiden soliden, erstmals kommerzieller ausgerichteten Alben, »The Spotlight Kid« (1971) und »Clear Spot« (1973), die neben einer CD mit »Out-takes (1970 to 1972)« auch auf »Sun Zoom Spark« vertreten sind. Laut Aussagen der Bandmitglieder war die Band jedoch bereits ausgebrannt. Die permanente finanzielle Notlage der Magic-Band – die Beefheart viele Jahre lang nur durchbringen konnte, weil seine Mutter und Großmutter ihn finanziell unterstützten – und Dauer- stress führten dazu, dass alle Bandmitglieder den Captain verließen. Von diesem Schock erholte sich Beefheart musikalisch nicht mehr.
In der Folge formierte er die Magic-Band zwar neu, veröffentlichte zuerst die zwei unausgegorenen »Unconditionally Guaranteed « (1974) und »Blue Jeans And Moonbeams « (1974), seine schwächsten LPs, und schließlich noch die drei hochwertigen Alben »Shiny Beast« (1978), »Doc At The Radar Station« (1980) und »Ice Cream For Crow« (1980), mit denen es gelang, in der Independent-Music-Szene zu reüssieren. Doch dann war Schluss mit der Musik. Fortan machte er als Maler in der Kunstwelt Karriere. »And when I’m painting, I don’t want anybody else around. That’s all.«

Beefhearts autoritärer Charakter
captain_beefheart_EMI.jpgIm Nachhinein beklagten ehemalige Mit- musiker, dass Beefheart ihnen Kom- positions-Credits vorenthalten habe. Zudem habe er sie weder wertgeschätzt noch respektiert. Mal stieß Beefheart im Zorn ein Bandmitglied die Stufen hinunter; dann wiederum traktierte er ein anderes, indem er es in einen Müllcontainer steckte. Schwarze Pädagogik, olé! Sie verglichen Beefheart sogar mit Charles Manson, doch er wusste sein tyrannisches Ego geschickt zu schützen, indem er sich auf humorvolle Art darauf berief, ein Einzelkind und ein großer Künstler zu sein. Das Genie Beefheart war es gewöhnt, sich über alle anderen zu stellen. Und kam damit durch – auch bei Musikkritikern, die es vorzogen, mit verschiedenen Maßen zu messen und Beefhearts problematisches Verhalten meist unter den Tisch fallen ließen. Lediglich sein langjähriger Freund Lester Bangs zeigte Rückgrat: Als er miterleben musste, wie Beefheart in einem manisch-depressiven Anflug zuhause seine eigene Frau verbal erniedrigte, kündigte er ihm die Freundschaft.

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Captain Beefheart: »Sun Zoom Spark: 1970 to 1972«
(Rhino/Warner, 4-CD-Box-Set, Limited Edition)


Text: Walter Pontis | 22.05.2015

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