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Von der Garage zur Collage: Dan Melchior

Text: Holger Adam | 02.05.2015
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Ende der Neunzigerjahre nahm Dan Melchior eine Platte mit Billy Childish auf, dann noch eine mit Holly Golightly – und fand sich unversehens in der Sixties-Beat-Revival-Falle wieder. Wie er sich aus ihr befreite, kann man auf seinen in den letzten zehn Jahren erschienenen Platten hören. Ein Blick zurück und ein Blick nach vorn.

Original in skug #101, 1-3/2015


»Ich bin da irgendwie reingestolpert«, so der im englischen Shepperton geborene Dan Melchior im E-Mail-Interview mit skug. »Ein lokaler Promoter riet mir damals, ein Demo an Billy Childish zu schicken, und tatsächlich meldete der sich daraufhin bei mir und ich nahm eine Single für Hangman’s Daughter auf.« Das war 1998 und Melchiors damalige musikalische Vorbilder, Dock Boggs, Muddy Waters, Roscoe Holcomb oder Skip James, Folk- und Country-Blues-Legenden allesamt, lagen nicht sehr weit entfernt von denen des Sixties-Garage-Punk/Beat-Revival, das neben wirklich originellen Sonderlingen wie Billy Childish auch eine Horde von Copy-Cats hervorgebracht hat und das immer noch tut: »Das war teilweise schon ziemlich erschreckend und schnell auch langweilig, diese Revival-Szene, all die Standells-Lookalikes und der aus meiner Sicht bedeutungslose Versuch, die Vergan- genheit wiederauferstehen zu lassen, inklusive der richtigen Haarschnitte. Da habe ich sofort das Interesse daran verloren.«


This Is Not The Medway Sound … Screen_Shot_2015_03_27_at_4.09.21_PM.jpg

Die Liebe führte Melchior dann in die USA und dabei auch musikalisch zu neuen Ufern. Mit seiner Freundin und späteren Frau, der nach langer Krankheit dieses Jahr verstorbenen Letha Rodman Melchior, zog er nach Durham, North Carolina, wo er begann, nach und nach sein musikalisches Vokabular zu erneuern und zu er- weitern. Zunächst zerbeulte und zerfranste er mit seiner damaligen Band Broke Revue den frisch aufgebügelten Second-Hand-Sixties-Beat und Garage-Punk, um bald darauf die musikalische Terra incognita zu durchstreifen, die Mutant Sounds zwischen 2007 bis 2013 zugänglich machte. Nicht nur für Dan Melchior wurde der Blog in der Zeit seines aktiven Bestehens zu einer Art Fernuniversität zum Studium all der Musik, die mit obskur oder randständig noch verharmlosend beschrieben wird: »Bis dahin hatte ich kaum eine Ahnung, was es noch alles gab – unterhalb der Spitze des Eisberges, dessen voller Umfang mir bis dahin fremd war.«


… This Is Mutant Sounds

Den von Platten sammelnden Enthusiasten und gewissermaßen inselbegabten Archäologen liebevoll zusammengestellten Blog, der neben einführenden Texten auch Links zum Filesharing der jeweils vorgestellten Musik enthielt, die schon zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung in Kleinauflagen kaum – wenn überhaupt! – kommerzielles Interesse wecken und meist noch weniger befriedigen konnte, riss die Aushebung von Megaupload mit in die Tiefe. Ein kultureller Kollateralschaden, den selbst schwedische Streamingdienste nicht kompensieren können: Künstlerschallplatten – nicht nur von Dieter Roth (den kennt man ja gerade noch); Soundart – nicht nur von Adam Bohman (der mag ja von Morphogenesis her ein Begriff sein); absolut singuläre und ansonsten unauffindbare kosmische Experimente von französischen Eintagsfliegen der 1970er Jahre – all das und noch viel, viel, viel mehr: einfach weg! Oder zumindest nicht ganz, da Mutant Sounds als stummes Archiv und Schatten seiner selbst online weiterbesteht.

A Home-Recording Artist

Diese Fülle außerordentlicher Klänge hat Dan Melchiors eigene Produktionen maßgeblich beeinflusst. Hinzu kamen Freundschaften wie die zu Tom Lax, dem Betreiber des stilprägenden Underground-Labels Siltbreeze, und die auch musikalische Partnerschaft mit seiner Frau Letha. So entstand im Tigergod Ink!-Wohnzimmerstudio in Durham nach und nach eine stilistisch abwechslungs- und umfangreiche Diskographie, die allerlei ungerades Songwriting und noch schrägere Soundskizzen beinhaltet. Im einen Moment schlurft ein kalkuliert lustloser Ohrwurm in den Gehörgang, der entfernt vielleicht an leicht aufgeraute Shadow Ring oder die schottischen Country Teasers erinnert, im nächsten Moment aber von einer leicht quengeligen Lo-Fi-Sound-Collage verscheucht wird, die an Aufnahmen autodidaktischer Home-Recording-Kollegen wie Graham Lambkin oder Matt Krefting gemahnt.

Der oftmals wenig zimperliche Eindruck, den Melchiors Musik hinterlässt, sollte jedoch nicht mit Sorglosigkeit verwechselt werden. Die mithin wegwerfenden Gesten sind gezielt gesetzt. Eine Eigen- schaft, die der glühende Alex Chilton-Fan Melchior in Bezug auf seine Musik, aber auch seine Malerei als zentral betrachtet: »Ich verwende sowohl bei meinen Bildern als auch bei meiner Musik viel Zeit darauf, Dinge unverkrampft und mal eben so hingeworfen erscheinen zu lassen. Zumindest möchte ich nicht prätentiös, überspannt oder postmodern-langweilig sein und begrüße Zufallselemente in meinen Arbeiten.« Der Aufwand, den Melchior betreibt, seine Bilder und Musik nicht so anstrengend aussehen zu lassen, droht in der Rezeption manchmal unter den Tisch zu fallen: »Hin und wieder denken Leute tatsächlich, dass ich mir keine Mühe gebe, also muss ich da wiederum ein bisschen aufpassen!« 

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 Dan Melchior. Foto: Letha Rodman Melchior


Kunst als Revolte

Die Metamorphose vom Garage-Rocker wider Willen zum freigeistigen Wohnzimmer-Soundartist, der vor nichts Halt macht, ist auf den Alben von 2005 an (deren erste vielsagend mit »Hello, I’m Dan Melchior« betitelt war) bis in die Gegenwart hinein nachvollziehbar und findet einen vorläufigen Höhepunkt in »The Souls Of Birds And Mice«, das Ende 2014 auf Siltbreeze erschienen ist. Ein Jahr, in dem Dan Melchior neben verstreuten Aufnahmen auf Kassetten zwei weitere Alben veröffentlicht hat; und in dem er, vor wenigen Monaten, seine kreative Partnerin und Frau nach langjährigem Kampf gegen den Krebs verloren hat.

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 Collage Dan Melchior

Der künstlerische Ausdruck beider erscheint vor dem traurigen Hintergrund der schweren Krankheit und des Sterbens auch als permanentes Aufbegehren, gegen den Skandal, den der Tod bedeutet. Aus diesem Befund zog nicht nur Albert Camus seine existentialistische Energie. Das Soloalbum von Letha Rodman Melchior titelt kämpferisch »Handbook For Mortals« und ist doch auch von Melan- cholie und Abschiedsschmerz durchzogen. Eine sehr persönliche Soundcollage, verweht, flüchtig und anmutig. Komplementär dazu: Dan Melchiors »Hospital Poem«, veröffentlicht auf der B-Seite des vorangegangenen Albums »Slow Down Tiger«. Musik, der das Leben mit dem Unausweichlichen eingeschrieben ist, jedoch ohne jede Resignation oder Bitterkeit, dafür ausgestattet mit Kraft, Würde und – Humor! Einen Eindruck davon bekommt man, wenn man auf »Letha’s Happy Hospital Funtime«-Blog liest, wie sie der Krankheit und den damit einhergehenden Umständen die Stirn bot. Ihr Tod im September 2014 ließ Melchior still festhalten: »Es ist sehr hart für mich, jetzt zuhause ohne Letha zu sein. Da gibt es weiter nicht viel dazu zu sagen (oder gerade noch so viel, dass ich mit dem Schreiben nicht wieder aufhören kann).«

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 Letha Rodman Melchior: »Handbook For Mortals«


Ein Zimmer mit Aussicht

Bei aller Trauer ist Dan Melchior auch schon wieder beschäftigt, zum Beispiel mit seiner lange Zeit ad acta gelegten Band Broke Revue, die im kommenden Jahr auf dem kalifornischen Label In The Red ein Doppelalbum veröffentlichen wird. »Es ist ziemlich psychedelisch, und ich bin sehr glücklich damit«, berichtet er. Und vielleicht sieht man Melchior in der Folge dann auch wieder einmal auf europäischen Bühnen, die er lange nicht betreten hat. Hier könnte man als Grund ebenfalls die Erkrankung seiner Frau vermuten und liegt doch mindestens zur Hälfte falsch, denn: »Um ehrlich zu sein, ich mochte es noch nie, auf Tour zu sein. Stundenlang in Bars herumzuhängen, Smalltalk zu machen und so weiter. Furchtbar. Außerdem ist es ein bisschen wie Urlaub mit den Eltern: Man darf sich nicht von der Gruppe entfernen und kann auch nicht machen, was man will, sonst geht alles den Bach runter, und am Ende verpasst man seinen eigenen Gig!«

Sieht also eher so aus, als dürften wir weiter darauf warten, welche Musik und Bilder aus dem Wohn- zimmeruniversum in Durham, North Carolina, heraus entstehen.


Auswahldiskographie

Dan Melchior’s Broke Revue: »Lords Of The Manor«. In The Red, 2015
Dan Melchior: »The Souls Of Birds And Mice«. Siltbreeze, 2014
Dan Melchior: »All At Sea«. No=Fi, 2014
Dan Melchior: »Slow Down Tiger«. Starlite Furniture Co., 2014
Dan Melchior Und Das Menace: »Hunger«. Northern Spy, 2014
Dan Melchior: »The Heron (Doesn’t Care When The Woman Stamps Her Boot)«. Limited Appeal, 2013
Dan Melchior: »Excerpts (And Half-Speeds)«. Kye, 2012

Letha Melchior Rodman Cancer Fund


Text: Holger Adam | 02.05.2015

Referenzen:

  • Artist: Dan Melchior
  • Label: Mutant Sounds, Siltbreeze
  • skug : 101

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