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Der elektroakustische Cul-de-sac

Text: Curt Cuisine | 09.04.2015
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Ein Streifzug durch aktuelle Tonträger zwischen Neuer Musik, Noise und Elektroakustik. Mit CDs von Vinzenz Schwab, Reinhold Friedl, Spyros Polychronopoulos, KK Null, Frank Bretschneider, Yasunao Tone, Talibam! & Sam Kulik, Erik Nyström, Robert Normandeau, Dominique Bassal und Jan St. Werner.


»Die digitale Revolution ist beendet, die digitale Praxis beginnt«, schrieb Rolf Großmann in »Soundcultures« (Marcus S. Kleiner/Achim Szepanski [Hg.], Suhrkamp 2003). Eine prophetische Ankündigung – allerdings nur, wenn man unter digitaler Praxis zugleich jenes digitale business as usual versteht, das seit Jahren unüberhörbare Persistenz beweist. In dieser Hinsicht hat das um die Jahrtausendwende so überstrapazierte Gerede des Musikfeuilletons vom deleuzianischen Rhizom seine uneingeschränkte Berechtigung: Im postpostmodernen Zeitalter der Digitalisierung hat die Moderne ihre wurzelartige Verweisstruktur eingebüßt, stattdessen herrschen rhizomartige Parallel- strukturen, die zu Überlappungen, redundanten Variationen und Verweigerungskataklysmen geführt haben. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sich im digitalen Alltag das Innovationspotential experi- menteller Musik zwangsläufig erschöpft, aber es kommt zu einer Verschüttung unter Unmengen zeitgleich produzierter Befähigungsnachweise.

Zugleich hat der gesellschaftliche Diskurs über moderne Musik massiv gelitten, einerseits durch das Abdriften (oder Abheben) der Musikrezension in eine elitäre Diskussion, die auf intellektuelle Weise fetischisiert, was sie eigentlich zugänglich machen sollte, während umgekehrt (bzw. als Folge) das aufgeschlossene Publikum allmählich aus Langeweile versickerte.

Woraus ein Aufmerksamkeitsvakuum bzw. eine Kluft resultiert, die zeitgenössische Komponisten und Experimentalmusiker zunehmend überwinden müssen, die aber ihrerseits wiederum ganz von diesem digitalen Alltag einverleibt werden – und der überdies ein regelrechtes Ensemble von stereotypen Soundpräsentationsfiguren generiert hat. Etwa das Soundgewitter mit verfremdeten Fieldrecordings (Fig. A), das niederfrequente Rauschen, durchbrochen von Inseln klarer Klanggestalt (Fig. B), das an der Schwelle zur Hörbarkeit sich verflüchtigende Soundereignis (Fig. C), die flirrenden Wälle disso- nanter Sperrigkeit (Fig. D), das mikrotonale Gewusel (Fig. E), sphärenwindverwehte Arpeggios (Fig. F), diverse Sprechstück-Hörspiel-Anmoderationsvariationen (Fig. G) und so weiter. Eine Rundschau durch aktuelle CDs beweist, dass das keine Übertreibung, sondern tatsächlich digitaler Alltag ist.

Mikrofon mit Quietschentchen

Nehmen wir etwa »dings#1« des Österreichers Vinzenz Schwab, ein recht ambitioniertes Werk, dem aber die behauptete Rekontextualisierung und Rekomposition vorgefundener Sounds (z. B. im »Quartett für Gruben und Sträucher«) nicht restlos überzeugend gelingt. Zu oft bemüht Schwab die oben erwähnten Figuren (Fig. A, B, E) und strapaziert damit die Hörgeduld, die sich mehr erhofft, aber nur Erwartungsgemäßes vorfinden.  

Ganz Ähnliches gilt für Reinhold Friedls CD »Golden Quinces, Earthed for Spatialised Neo- Bechstein«. Der Pianist und Leiter des Berliner Zeitkratzer Ensembles ist für seine kompromisslosen Arbeiten bekannt; und mitunter berüchtigt. Auf seiner neuesten CD bespielt er einen Neo-Bechstein, das erste elektroakustische Klavier von 1929. Nur dass sich Friedl natürlich nicht dafür interessiert, das Instrument einfach nur zu bespielen, vielmehr schabt und kratzt er cd_nm1.jpgdie Saiten, legt Steine darüber und verstärkt das so entstehende Gewusel und Gewummere mittels Mikrophonen mehrfach. Das daraus entstehende Klangresultat ist aber nicht viel mehr als ein oszillierender Soundbrei (richtig: Fig. B, C, D, E). Erneut begegnen wir hier der irrigen Meinung experimenteller Soundtüftler, dass nach gefühlten Dezibeltonnen reproduzierter Sounds irgendwer noch ernsthaft folgende Fragen stellt: »Was? Das war ursprünglich ein Wasserkocher?« Oder: »Ehrlich, so klingt echt ein präpariertes Piano?« Oder: »Ernsthaft? Das ist eine Quietschente, die über ein Mikrophon gestülpt wurde, das wiederum auf einer Eisenbahnschiene liegt?« Nein, natürlich nicht. Kleiner Scherz am Rande.

Redefinition vs. Routinecd_nm2.jpg

Ein anderer Fall ist »Electronic Music« des in Groß- britannien lebenden Griechen Spyros Polychronopoulos. Polychronopoulos wählte Sounds mit möglichst eigenwilligen Timbres, um ebenso die Spur zum originalen Sounderzeu- gungsphänomen zu verwischen. Aber im Gegenzug spielt er nicht endlos an den Sounds herum, sondern sorgt sich auch darum, ob die Tracks in ihrer kompositorischen Anordnung halbwegs überraschend bei den HörerInnen ankommen. Das gelingt streckenweise ganz gut, aber nicht annähernd so gut, um den seltsam programmatischen Titel der CD zu recht- fertigen. Polychronopoulos definiert »Electronic Music« keineswegs neu, er bewegt sich bloß stringent in dessen wohlbekannten Zentrum, sprich wir hören Fig. A bis F ohne Abstriche.

Dasselbe, nur in etwas coolerer Form, erwartet uns auf »Cryptozoon« von KK Null aka Kazuyuki Kishino. Der Japaner zählt zu den bekanntesten Künstlern in der Grauzone zwischen Noise und Elektroakustik, was auch einem fast schon absurd umfangreichen Output zu verdanken ist. Bis zu fünf Tonträger erscheinen jährlich mit KK Nulls Beteiligung – und das schon seit über zwanzig Jahren. Wie essenziell jeder dieser Tonträger ist, darf man sich ruhig am Hipsterbart kratzend fragen (Wie war das gleich mit den Veröffentlichungsfluten, die das Hörerinteresse unter sich begraben?). Das aktuelle Album zeugt immerhin von einer souveränen Kompetenz, bei der zu keinem Zeitpunkt der Eindruck entsteht, Kishino würde sich noch großartig mit Sounderzeugungstüfteleien abmühen. Das hat der Mann hinter sich, er komponiert virtuos einen Noise-Soundtrack, in dem zwangsläufig fast alle schon erwähnten Figuren der Elektroakustik durcheinander wuseln, aber schön eingepasst in die individuelle musikalische Sprache des Mannes. Angenehm allerdings auch, dass die CD nur einen 20-minütigen Ausschnitt präsentiert, das Gesamtwerk ist knapp drei Stunden lang und geht selbst am ärgsten Noisefan nicht ohne Schnarchalarm vorbei.

Abgeschrägte Soundväter

cd_nm3.jpgDa lassen wir uns lieber von Frank Bretschneider ein wenig durchschütteln. Auf »Sinn + Form« nimmt Bretschneider den Sound der elektronische Moderne des vorigen Jahrhunderts, wie er in diversen Elektronischen Musikstudios produziert wurde, von Stockholm über Paris bis Princetown, von Pierre Schaffer bis Herbert Eimert, von Iannis Xenakis bis John Cage, und verfrachtet ihn in einen modularen Synthesizer, den er dann in einer Mischung aus Improvisation und kontrolliertem Chaos zum Erklingen bringt. Wie das, rein hörphänomenologisch betrachtet, klingt? Es »klingt nach instabiler Konfiguration der Raumkrümmung im dreifach summierten Integral von X-3e², wobei der Phasenverlust auf der Kammfrequenz randomisierte Artefakte hinterlässt.« Bestens Dank an Youtube-User Ramsi Willgeroth für diese großartige Beschreibung aus dem Reich der Zahlenmagie. Wer es auch für Alltagsverhältnisse nachvollziehbar mag: »Sinn + Form« klingt wie der Soundtrack zu einem DDR-Science Fiction-Film der 1970er, nur wilder, biestiger, durchgeknallter. Eine gewisse Geilheit ist der Sache also nicht abzusprechen, zumal hier fast alle erwähnten Figuren in kaum wiedererkennbarer Form auftauchen.

In eine ähnliche Richtung geht übrigens auch die CD »Double Automatism« von Yasunao Tone, Talibam! und Sam Kulik, allerdings weniger variantenreich und damit wesentlich enervierender als Bretschneider. Und ob der Künstlername Talibam! echt so witzig ist, sei dahingestellt.

Moebiusbänder und Kirchenglocken

Wir pirschen uns mit knarrenden Elektroboots zum kanadischen Label empreintes DIGITALes weiter, dem skug bereits mehrfach eine Labelschau gewidmet hat. Was das Label aus der Masse emporhebt, ist nicht nur der unbedingte Wille zur Soundperfektion, der sich beispielsweise in der Verwendung von DVDs und neuerdings Blu-Rays als Tonträger ausdrückt, sondern auch ein (gewissermaßen) akademischer Zugang. Viele der dort veröffentlichenden Künstler haben ihr »Fach« studiert und unterrichten an diversen elektroakustischen Universitätsablegern von London bis Montréal. Was aber nur bedingt etwas über die Variabilität des Outputs aussagt.

So vermag etwa der junge Schwede Erik Nyström auf »Morphogenèse« nur bedingt zu über- raschen. Wir hören stimmiges Sounddesign an der Grenze zu Ambient, wobei der Grundgedanke der Morphogenese in einem sich wie ein Moebiusband windenden Soundteppich Ausdruck findet. Das hat einen gewissen Charme, geht aber über Fig. A, E und F selten hinaus.

Weitaus mehr beglückt der Kanadier Robert Normandeau mit »Dômes«. Normandeau, Professor für Elektroakustik in Montréal und für seine Musik dutzendfach preisgekrönt, schlägt hier einen variantenreichen Bogen zwischen Elektroakustik und moderner Klassik. »La part des anges« etwa ist ein elektroakustisch gerahmter Engelsgesang, den man als schickes Ambient-Update von György Ligetis »Lux Aeterna« verbuchen könnte. »Kuppel« wiederum verquickt Karlsruher Glockenklänge mit Straßen(bahn)geräuschen und elektrosphärischem Geknister zu einer streckenweise minimalistisch anmutenden Ouvertüre. »Pluies noires« ist die Bühnenmusik zu einem Stück der großartigen Sarah Kane, ein düsteres Exspirationsgewaber mit impliziten Anspielungen auf den Bosnienkrieg. Der größte Ohrenöffner ist aber wohl das letzte Stück auf der CD, »Baobabs«, eine fünfteilige onomato- poetische Suite für vier Stimmen und sechs Perkussionsinstrumente, die den perfekten Soundtrack für eine Kurzgeschichte à la James Tiptree jr. abgeben würden, in der ein Erkundungsschiff der galaktischen Föderation eine Handvoll Eingeborener einsammelt, doch kurz vor Beitegeuze in Interferenzen gerät. Während der Bordfunker den Äther nach Funksignalen absucht, stimmen die Eingeborenen ein ekstatisches Lamento an …

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Ähnliches gilt für »Poupées mathématiques« von Dominique Bassal, das als Musik-Blu-Ray (Stereo, 5.1, 7.1) veröffentlicht wurde. Der gebürtige Ägypter Bassal, der sich seit den 1970ern mit Elektroakustik beschäftigt, versteht seine aktuelle Werkschau als Gegenrezept zu jenem »acousmatic cul-de-sac«, den er in früheren Werken eingeschlagen habe. Dennoch dreht sich hier fast alles um die Frage nach der experimentellen Sounderzeugung. Zwar sind Bassels Stücke in ihren Zugängen so umtriebig wie jene von Normandeau, doch erschöpft er sich viel stärker in den bekannten Klang- kulminationsfiguren. Nach einem erstaunlich poppigen Einstieg begegnen uns Fig. C, D und E; nur etwas stärker von (Sound-)Romantizismen durchsetzt. Schon treiben wir mit unserem Raumschiff in Elektrosphärengeknitter, irgendwo ertönt ein Engelschor und eine dislozierte Jazzkapelle spielt atonale Karusselmusik in der Blackworld-Spelunke von Proxima Centauri. »Poupées mathématiques« ist streckenweise so hörenswert wie Normandeaus »Dômes«, durchtränkt von derselben Intention, das Genre aufzubrechen, es neuen Hörerlebnissen zuzuführen, aber der Fluch des digitalen Alltags herrscht eben auch hier.

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Elektroballett auf Ecstasy

Hören wir noch in »Miscontinuum Album« von Jan St. Werner hinein. Jan St. Werner ist nicht nur Insidern durch die deutsche Experimental-Indieband Mouse on Mars bekannt (siehe u. a. Steffen Greiners Artikel in skug #102). Durch den langjährigen Credibility-Aufbau hat »Miscontinuum Album« eine entsprechend breite mediale Wahrnehmung genossen, was teilweise durchaus in Ordnung geht. Zwar hören wir erneut eine genreübliche Soundexploration, nur dass hier die Zeiger stärker in Richtung surreale Ekstase ausschlagen. Teile des Albums wurden ursprünglich für eine »Elektronische Oper« nach einem Libretto von Markus Popp (Oval) geschrieben. Gemeinsam mit Dylan Carlson, Kathy Alberici und Taigen Kawabe (in den Credits jeweils mit »voices, effect« angeführt) wurde dieses Material dann als Hörstück eingespielt und in ungefähr dieser Form (inklusive mit sonorer Stimme eingesprochener Kommentare; richtig: Fig. G) ist dieses Werk auch auf CD zu hören.

cd_nm6.jpgDer Gesamteindruck ist schwer zu umreißen, ›Elektro-Oper‹ trifft es aber ganz gut, wenn man entsprechend zickige Elektroballett-Einlagen, aber auch wunderbar reduzierte, pop-minimalistische Passagen miteinbezieht. Es gibt hier immer wieder Momente, die so verschroben und eigen sind, dass man einfach Lust hat, weiterzuhören und nicht wie sonst so oft den vorhersehbaren Verlauf des viertel- stündigen Opus gähnend vorausahnt.

Würde man »Miscontinuum Album« gegen seine hier versammelten Artgenossen antreten lassen, wäre es nicht leicht zu beurteilen, ob die weltweite Branchenaufmerksam- keit gerechtfertigt ist: etwa gegenüber den unüberhörbaren Kompetenzen von Robert Normandeau und Dominique Bassal oder gegenüber den stimmigen Tüfteleien eines Spyros Polychronopoulos. Jan St. Werners Arbeit klingt zwar teilweise cooler als die seiner Kollegen, ist aber deswegen nicht unbedingt besser.

Klar ist, dass sich die Frage nach der Relevanz ja ohnehin nicht stellt. Einen Ausweg aus der Sack- gasse der elektroakustischen Stereotypien bietet keines der hier besprochenen Alben. Aber ein Destillat der besten Momente und der schönsten Metamorphosen enthüllt einmal mehr, wie viel glorreiche Musik hier verschüttet liegt. In diesem Sinne kann man Genrefreunden nur ein »fröhliches Tauchen« wünschen.


 

Vincent Schwab: »dings#1« / canto crudo
Reinhold Friedl: »Golden Quinces, Earthed for spatialised Neo-Bechstein« / Bocian Rec.
Spyros Polychronopoulos: »Electronic Music« / Experimedia
KK Null: »Cryptozoon« / Aagoo
Frank Bretschneider: »Sinn + Form« / Raster-Noton
Yasunao Tone, Talibam! & Sam Kulik: »Double Automatism« / karlrecords
Erik Nyström: »Morphogenèse« / empreintes DIGITALes
Robert Normandeau: »Dômes« / empreintes DIGITALes
Dominique Bassal: »Poupées mathématiques« / empreintes DIGITALes
Jan St. Werner: »Miscontinuum Album« / Thrill Jockey


Text: Curt Cuisine | 09.04.2015

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