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Ein Pfenniggericht?

Text: Petra Popovic | 04.01.2015
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Filmstills »Michael Kohlhaas – Der Rebell«, Volker Schlöndorff, 1969
»Es kann nicht sein ein recht Gericht, wo der Pfennig das Urteil spricht.«
Anmerkungen zu »Michael Kohlhaas« und seinen wichtigsten Adaptionen in der Kinogeschichte.

Heinrich von Kleist, unruhig wie eine Hyäne, obdachlos, mit Büchern unterm Arm, Abenteurer und Weltbummler, herumirrend aus illusorischer Nostalgie nach Schönheit umgebender Unendlichkeit, ein hysterischer Poet, Gambler, Spion, Offizier, Lover, Gefangener, von Fragen gequält, die ein ganzes Jahrhundert nach seinem Tod nicht zu beantworten wusste, schuf mitten in seinem selbst und andere zerfressenden Lebenswahn ein Meisterwerk, das den Namen »Michael Kohlhaas« trägt. Eine der letzteren Leinwandverfilmungen vom eher assimilierten als engagierten Arnaud des Pallières, die im Wettbewerb von Cannes 2013 lief, schuf den geebneten Weg in die Sterilität des aktuellen österreichischen Kinogeschehens. Aber auch »Michael Kohlhaas – der Rebell« aus dem fernen Jahre 1969, eine Flower-Power-Freigeister-Hommage von Volker Schlöndorff, wurde ebenso erfolglos für die Palme d’Or nominiert. Einen grundlegenden Unterschied gibt es dennoch.

mk2.jpgMan müsste hier eigentlich einen Schlusspunkt ansetzen und sich über den weiteren Stand der Dinge individuell Gedanken machen. Angesichts der aktuell immer akuter werdenden Vulgarität der Gegenwartskunst, ihre Macher sowie auch ihre ›Pusher‹ inbegriffen, geht das jedoch in Anbetracht des Themas nicht. Der literarisch durchwachsene David Hugendick schreibt auf »ZEIT Online« mit schneidender, nahezu kleistscher Knappheit über das jüngste Filmkonstrukt des Pallières: »Zunächst muss dringend erwähnt werden, dass ein ungeduschter Mads Mikkelsen selbstredend besser aussieht als der gepeelte und gecremte Durchschnittsbürger. Dass die französischen Cevennen eine eindrucksvollere Flora besitzen als Brandenburg und Sachsen, und dass das alles genau genommen ja irgendwie ungerecht ist. Und Gerechtigkeit ist bekanntlich ein großes Wort. Auch wenn man das schnell vergisst, weil es derzeit so dekorativ auf Wahlplakate passt.«

Kohlhaas – idealisiertes Phantom und historische Figur

Kleists Geschichte, frei von historischen Fakten, basiert auf dem wahren Schicksal von Hans Kohlhase, der als Kaufmann im wüsten 16. Jahrhundert an der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance im Brandenburgischen lebte. Jener Zeit also, als das Individuum mit jener Elementarkraft zu »erwachen« begann, welche bisher nur der moralischen Ahnungslosigkeit des hiearchisch atmenden mittelalterlichen Rudels zugeschrieben war. mk2.jpgAuthentisch und mit solidem literarischen Können berichtet Elisabeth Plessen in ihrem Werk »Kohlhaas« über die dunklen Wirren der Bauernkriege der damaligen Epoche und somit auch über die historische Figur Hans Kohlhase. Kleists literarische Figur bzw. Novelle »Michael Kohlhaas« hingegen versinnbildlicht die Epoche napoleonischer Eroberungen und hat nur scheinbar ein ähnliches und wahrheitsgetreues Gesicht, ja vielmehr handelt es sich um eine reine Idee, ein literarisches Konstrukt, das von jener suggestiven Kraft großer historischer Figuren zehrt, die dafür sorgt, dass bestimmte Menschenbilder letztendlich unvergänglich und monumental bleiben. Michael Kohlhaas ist ein Phantom. Dennoch gibt uns Kleist mit seiner lyrischen Hellseherei (mehr als irgendeinem seiner Zeitgenossen zuzumuten wäre), die stillschweigende Ursache für die blutigen Katastrophen, denen die deutschen Bauern vor vierhundert Jahren auf Gnade und Ungnade ausgesetzt waren. Die wahre Geschichte eines zu Unrecht behandelten Rosshändlers eignet sich bestens als beseelte Paraphrase für die Einsamkeit der Aufständischen, die sich einst trauten, dem fortschrittsfeindlichen Adel und dem verkappten Klerus Widerstand zu leisten.
Hartnäckig tapfer und von genial unnachgiebiger Gerechtigkeitsliebe besessen, fordert Kohlhaas seine zwei Pferde im ursprünglichen Gesundheitszustand zurück. Es soll ihm darüber hinaus eine Entschädigung für die vorgefallenen Verluste erbracht werden oder der für all den Unfug verantwortliche, aber von der Obrigkeit geschützte Junker Wenzel von Tronka soll bestraft werden. Jegliche Logik seiner dunklen und verschachtelten Erniedrigung durchbricht Kohlhaas mit einem entsetzlichen Beil, just zu jenem dämonischen Zeitpunkt, als er sich der raffinierten Dialektik Dr. Luthers gegenübersieht. In seiner wittenbergschen Schreibecke verwandelt sich Luther, gemalt mit nur einigen hastigen kleistschen Handstrichen, in seiner ganzen hohlen, konvertierten Dogmatik, in einen ehrenlosen Papagei, aus dessen Schnabel lauter tote Buchstaben herausquellen. Kleists Kohlhaas stirbt als ein einsames Individuum, aber er stirbt im Namen des Gerechtigkeitsgefühls, das bei ihm zweifelsohne ein unterdrücktes und verzerrtes Bild eines Sozialinstinktes ersetzt. Gerade deshalb, weil Kleist diesem Instinkt einen ungewöhnlich einfachen und überzeugenden Ausdruck zu verleihen wusste, gilt sein Werk nicht nur als sozial, sondern vielmehr als das schönste Exemplar sozialtendenziöser Literatur der damaligen Epoche.

Der Film, eine ernstzunehmende Pflicht
mk2.jpgWelcher Regisseur sich auch immer an so eine filmische Umsetzung heranwagt, sollte diesem kundigen kleistschen Geist gewachsen sein. Wenn es in der menschlichen Gesellschaft eine Bezeichnung für Kultur gibt, dann muss damit wohl genau jener Maßstab des Sozialinstinkts oder natürliche Antrieb gemeint worden sein, der uns Menschen seit eh und je durch die Dunkelheit oder aus ihr (heraus-) führt und dadurch aus uns kultivierte Wesen macht. Sozialtendenziöse Kunst sollte es sich auch beim Film zur Aufgabe machen, jene wilde, ungebändigte Kraft dieses Antriebs zu manifestieren. Demgemäß gelten als sozialtendenziös nur solche künstlerischen Gegenstände, deren Absicht es ist, im Menschen das soziale Feingefühl wachzurütteln: eine der wichtigsten Naturkräfte, die uns stets durch die Jahrhunderte begleitet. Hochkulturelle Menscheninstinkte sollten mehr denn je abseits traurig-dilettantischer, dafür aber umso »erfolgsversprechender« Versuche entdeckt werden, ohne dass man dafür monoton- dogmatisch und selbstentfremdet in fremden Stoffen herumwühlt. Es kann wohl nicht sein, dass hervorragend gegenstandslose Formeln und Phrasen nachgeplappert werden, ohne dass sie mit dem ursprünglichen Kunstausdruck, ja mit der primären Kunstabsicht in Relation stehen. Die zeitgenössische Kunst ist nicht arm an Themen oder Tendenzen, sie ist arm an künstlerischen Begabungen, diesen Tendenzen kunstgerechten Ausdruck zu verleihen.
Die aktuelle Verfilmung zeigt, dass es etwas einseitig und herabwürdigend wirken kann, eine Zeitepoche wie das Mittelalter filmterminologisch mit ostentativ vorkommenden schmutzigen Füßen, jeder Menge latenten Hochmuts und geräuschlosen Kostümen zu camouflieren, während die verbale wie auch non-verbale Interaktion der Figuren mit ihren epochestörenden (Über-)Sinnen in der heutigen Zeit hängen bleibt. Etwas beunruhigend erscheint der wankelmütige Versuch, die imaginär- fantastische Rebellenepoche eines Kleist mit der vulgär ausgearteten, angstbesessenen Identitätssuche des heutigen Individuums gleichzustellen. Dass Kleist bei Arnaud des Pallières zur Abwechslung auf Französisch umspringt, ist weniger schlimm als die Tatsache, dass ein derartiges Manöver hinsichtlich der Sprachauswahl auf kein künstlerisch durchdachtes Grundkonzept, als auf die persönliche Ausweglosigkeit des Autors zurückgeht. Ergo, eine Liquidierung subjektiver Existenz. Ja, bei Schlöndorff waren die Pferde noch wild und frei, die darstellenden Figuren idealisiert, das Mittelalter in die Hippiezeit versetzt. Dennoch gilt sein um Welten couragierterer Filmkosmos als sehenswertere Umsetzung jener primordialen Kraft, die sich als treue Fußspur des blassen Zweibeiners vergegenwärtigt, mit der er sich in der Natur fortbewegt.

Text: Petra Popovic | 04.01.2015

Referenzen:

  • Regie: Volker Schlöndorff
  • skug : 97

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