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Alisa Yoffe: Russische Punks als Abdruck des Universums

Text: Kerstin Kellermann | 24.01.2015
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Fotos: Vera Undritz bzw. Sonja Bachmayer
»Every bullet you shoot at us becomes a letter« steht über Bleikugeln und Bleilettern. Punks sind als Imagination auf einen Thoravorhang mit dicken, schwarzen Pinselstrichen an die Wand gezeichnet. In »Tales of Two Cities« im Museum am Judenplatz assoziieren KünstlerInnen zu Objekten aus zwei Sammlungen in Moskau bzw. Wien.

»Es geht um Objekte«, sagt die Kuratorin im Museum am Judenplatz, »es geht um Sammlungen, die diese bewahren und versuchen zu vergegenwärtigen. Gleichzeitig sind die Objekte hier abwesend und nur in der Fotografie anwesend.« Das Wiener Jüdische Museum leistete sich einen großen Kunstgriff und lud KünstlerInnen aus Moskau ein, die Sammlung in Wien zu besichtigen und sich gewisse Objekte auszusuchen. Aus dieser Anregung entstand neue Kunst. Genauso verfuhr man mit einigen österreichischen KünstlerInnen, die die Freiheit erhielten auf Objekte zu assoziieren, die die Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial aufbewahrt. Warum kein Austausch mit dem 2012 neu eröffneten Jüdischen Museum und Zentrum für Toleranz in Moskau? »Viele Gegenstände befinden sich in Privatbesitz und werden nicht verliehen«, ist die etwas kryptische Antwort. Anscheinend besitzt aber Memorial neben Erinnerungsstücken zu Stalins Gulags ebenso einige zu Auschwitz, wie die Direktorin ausführt. »Vergleiche banalisieren die Geschichte«, meint die Memorial-Direktorin auf der Pressekonferenz und nimmt damit die Kritik voraus, dass ein »Vergleich« von Stalins Gulags mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern klarerweise unzulässig ist, »aber die Erinnerung an diese Katastrophen ist unteilbar«. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl.

Buchstaben aus Bleikugeln
Eine Künstlerin suchte gestickte Bilder mit Zaun und Stacheldraht, die aus dem Arbeitslager in Inta stammen, aus und legte Raster darüber. Eine andere erhellte die mit Filzstift ausgestrichenen Gesichter auf einem Foto in lila und grün. Ein Bewegungsmelder bringt das alte Foto von innen her zum Leuchten. Der Moskauer Haim Sokol verwendete die Kugel, die Karl Heinrich Spitzer am 13. März 1848 tötete. Eine virtuelle Kugel, denn die in den Inventar-Aufzeichnungen beschriebene Patrone verschwand 1938, als die Gestapo die Sammlung des Wiener Jüdischen Museums konfiszierte. Viele Wiener Juden hatten 1848 an der Revolution gegen die Habsburger Monarchie teilgenommen. Haim_Sokol.jpgSokol verwandelt die Kugelpatronen in seiner Installation »Every bullet you shoot at us becomes a letter« in bleigegossene Buchstaben. Eine sehr schöne, kleine Intervention unter einem Glassturz. »Über Objekte sprechen, die nicht da sind, ist an sich schon ein poetischer Akt«, sagt Haim Sokol im Katalog. »In meinem Gedicht spreche ich im Namen der früheren Generationen. Es ist eine Art Warnung oder letzter Wille (...). Im Hintergrund hört man einen Trommelrhythmus, zu dem ein Schaffott aufgebaut wird.« Dem stellt der Künstler in seiner Installation Worte von Karl Marx als Trost gegenüber. (Anm. Wobei doch eigentlich Karl Marx' Vater jüdisch war und seine Kinder umtaufen ließ, wie Arthur Hertzberg in seinem Buch »Wer ist Jude? Wesen und Prägung eines Volkes« beschreibt: »Wer ein echter Preuße sein wollte, musste Lutheraner sein. Wie sollte jemand argwöhnen, dass Marx im Herzen noch immer Jude war, wenn er wie ein Antisemit redete?«).
»Die jüdische Tradition sieht ja im Schriftzeichen den Grundbaustein der Schöpfung des Universums. Anders gesagt, gedruckter Text ist eine Spur, ein Abdruck des Universums«, führte Haim Sokol noch aus. In echt nennt er seine vielschichtige Installation eine »sehr poetische Verwirrung auf vielen Ebenen«.

»Blitzkrieg Bop«
Die junge Alisa Yoffe bezieht sich in ihrer Arbeit »Parochet« auf einen wunderschönen Thoravorhang mit goldener Schrift, Schnörkelverzierungen und Löwen. Sie versucht eine Transkription, eine malerische Übersetzung dieses Vorhangs, der das Gesetz bedeckt. Als fröhliche Anarchistin will sie aber gleichzeitig durch ihre Malerei alle Gesetze brechen. Alisa Yoffe malt in ihrem Moskauer Atelier auf dem Gelände einer früheren Reifenfabrik Tür an Tür mit Musikern der Punkband Punk Fraktion der Roten Brigaden, für die sie Plattencover, Plakate und Wandbilder gestaltete. Auch in Wien zeigt sie sich in einem roten T-Shirt mit gelbem Revolutionsstern darauf - dem Emblem der Band.
Alisa_Yoffe_Foto_by_Vera_Undritz_1.jpgAlisa Yoffe weiß eventuell, dass in den Roten Brigaden die Söhne und Töchter von Nazis gegen ihre eigenen Väter und Mütter ankämpften - unter Verwendung von Gewalt als Mittel. Aber im Punk sind Bandnamen ja zumeist eine ironische Anspielung. Auf jeden Fall weist das Lied »Treblinka« der Punk Fraktion auf die alte Verbindung zwischen Punk und Shoah bzw. Holocaust hin. Die Malerin malt große Figuren mit einem dicken schwarzen Pinsel auf weiß. »Blitzkrieg Bop« heißt ein Bild. Sie schreibt auch Texte und zitiert gleich einen Liedtext, obwohl sie kein englisch kann: »We are black. We are white. Together we are TNT.« Dynamit! Mögen alle diese tollen Kunstwerke, auch das schwarze, spitzenverzierte Sargboot von Olga Jitlina oder die Installation aus Bildern von Hans Weigand, die stark an die Pathosgesten der Anna Oppermann erinnern, ebenfalls wie Dynamit gegen eingekrustetes Bewusstsein dienen!



»Tales of 2 Cities«
21. 1.-19. 4. 2015
Jüdisches Museum Wien, Museum Judenplatz
www.jmw.at

Konzert mit Bildern von Alisa Yoffe im Hintergrund


Text: Kerstin Kellermann | 24.01.2015

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