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»Harte Männer weinen«: Sudden Infant

Text: Seda Nigbolu | 16.01.2015
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Für »Wölfli's Nightmare« hat Joke Lanz das Solo-Experiment Sudden Infant in ein Trio umgewandelt. skug im Gespräch mit dem in Berlin lebenden Schweizer Musiker, der seine Mischung aus Noise, Industrial und Musique Concrète so aussagekräftig wie nie zuvor klingen lässt.

Original in skug #99, 7-9/2014


Als Sudden Infant hat der aus Basel stammende Experimentalmusiker Joke Lanz in gut fünfund- zwanzig Jahren eine schier unüberschaubare Zahl an Platten auf Labels wie Schimpfluch oder RRR veröffentlicht, darunter Kollaborationen mit Christian Marclay, Shelley Hirsch, G. X. Jupitter-Larsen und MSBR. Das aktuelle Album »Wölfli's Nightmare« ist auf vielfache Weise eine Erweiterung bisheriger Konzepte: Sudden Infant tritt zusammen mit Christian Weber (Bass) und Alexandre Babel (Schlagzeug) erstmals im Bandformat auf und das Album erschien auf dem Berner Label Voodoo Rhythm, das vor allem mit Rockabilly identifiziert wird.

skug: Nicht nur die Bandform ist bei »Wölfli's Nightmare« neu. Die Platte erschien etwas überraschend bei Voodoo Rhythm. Wie kam es dazu?
Joke Lanz: Der Wunsch kam von Reverend Beat-Man, dem Labelbetreiber. Sudden Infant hatte bislang auf Noise- oder experimentellen Labels veröffentlicht und ich wollte davon etwas wegkommen. Man ist in dieser Szene manchmal recht isoliert, da kannst du gar keine anderen Leute erreichen. Dann habe ich auch Lust gehabt, nicht mehr solo auf der Bühne zu stehen. Ich hatte mit einer Punkband angefangen und habe mich dann zum Solokünstler weiterentwickelt. Jetzt habe ich keine Lust mehr und finde diesen ganz anderen Austausch zu dritt toll.

In Interviews erwähnen Sie, dass man sich zerbrechlich und nackt präsentieren muss, um Wurzeln zu schlagen. Jetzt stehen Sie nicht mehr alleine und nackt auf der Bühne. Bedeutet das, dass Sie eine neue Stärke für sich erfunden haben?
Früher war ich viel mehr auf mich fixiert. Jetzt habe ich die beiden Jungs. Die sind da und schützen mich. Da kann eigentlich nicht viel schief gehen. Das ist viel aufgehobener, sicherer. Es ist aber auch insofern eine neue Qualität, weil ich mich mehr auf die Vocals oder auf meine Noise-Sachen konzentrieren kann.

Beschränkt diese neue Struktur Ihre Freiheit auf der Bühne?
Es ist ein wenig schwieriger geworden, weil ich nicht mehr alleine verantwortlich bin und im Prinzip nicht machen kann, was ich will. Aber mit beiden Musikern spiele ich seit Langem zusammen und sie sind hervorragende Improvisatoren. In den Stücken lassen wir gewisse Dinge sehr offen. Nicht alles ist durchgeprobt sondern es gibt eine Struktur und dazwischen Platz für Improvisation.

Das Video für die Nummer »Girl« weist auf eine neue Phase hin. Haben Sie damit jetzt quasi eine »Hit-Single«?
So kommt man in die Musik ganz anders rein. Man hört sie, sieht die Bilder und kriegt ein ganz anderes Gefühl für den Künstler oder die Band. Das lockt die Leute an: »Hier, schaut euch das mal an!« Vielleicht hören sie dann die ganze Platte durch.

 


Es gibt natürlich auch Leute, die denken, dass so etwas das Kopfkino tötet. Besonders bei einer Musik, die viele Visionen abruft. Haben Sie eine derartige Gefahr nicht gesehen?

Nein, im Gegenteil. Als ich angefangen habe, »richtige« Tracks zu machen, haben viele Noise-Leute gemeint: »Jetzt ist er verrückt geworden!« Dann habe ich eine Cover-Version von Cabaret Voltaires »Nag Nag Nag« gemacht und auch Roxy Music gecovert. Viele haben das nicht verstanden, aber ich verleugne meinen Background nicht. Ich komme von Punk und bin mit New Wave groß geworden. Ich mag Depeche Mode, ich mag Cramps. Man muss manchmal Dinge aufreißen.

Ist das Noise-Publikum in diesem Sinne rigider als das Mainstream-Publikum?
Das ist manchmal eine elitäre Szene. Sie denken, sie sind etwas Spezielles, weil sie solche Musik machen oder hören, sich die ganze Zeit schwarz kleiden oder nur gewisse Veranstaltungen besuchen. Aber eigentlich sind sie ziemliche Spießer. Sie sind nicht anders als dein Nachbar oder die Leute, die morgens ins Büro gehen. Ich vermisse den Humor in der improvisierten oder experimentellen, aber auch in der Industrial-Musik. Bei Voodoo Rhythm ist der Humor ganz weit oben. Die nehmen sich überhaupt nicht ernst, machen aber seriöse Arbeit.

War es Ihre Entscheidung, Roli Mosimann als Produzenten zu engagieren? Ich finde, sein Background mit Bands wie Swans oder Celtic Frost ist auf der Platte gut herauszuhören.
Ich habe einfach meine Wunschkandidaten aufgeschrieben und ich wollte mir einen Kindheitstraum verwirklichen. Mosimann war früher Schlagzeuger und das hört man sehr gut. Bei ihm kann es nie laut genug sein. Er ist über sechzig und immer noch ein Punk. Du kannst mit ihm jeden Scheiß machen.

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Foto: Marcel Derek Ramsay


Die Spannung zwischen dem Unkontrollierten und Kontrollierten zieht sich durch das ganze Album. Die Stücke sind wie kompositorische Fragmente, die sich zu Songs entwickeln möchten, was Sie aber nicht zulassen.

Sudden Infant repräsentiert die Welt von Kindern. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Leben mal erwachsen geworden bin. Ich habe meine Ängste. Ich sehe viele Dinge möglichst so, wie Kinder sie sehen. In der Musik mache ich das auch: immer wieder Dinge zerstören, die ich vorher aufgebaut habe. Oder nie zulange irgendwo bleiben ... Kinder haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, sie müssen in kurzen Abständen immer wieder etwas anderes tun. Als mein Sohn klein war, habe ich ihm oft beim Spielen zugeschaut. Das war sehr spannend. Wenn man erwachsen wird, verliert man den spielerischen Zugang zu den Dingen wegen der gesellschaftlichen Zwänge, die einem aufgesetzt werden. Das finde ich schade.

Die Themen Vaterschaft und Kindheit haben Ihre ganze Karriere begleitet. Für mich waren sie noch nie so konkret wie jetzt. Stücke wie »Father« sind fast wie ein Schrei. Sehen Sie »Wölfli's Nightmare« als ein autobiographisches Statement?
Es hat eine gewisse Linie. Es gibt Tracks wie »Father« oder »Kiss«, die für mich zusammenhängen. Das hat alles viel mit meinem Leben zu tun, mit meiner Jugend, was mit meinem Vater passiert ist ... Er hat sich erschossen, als ich ein Kind war. Die Zeit mit meiner Mutter, oder, wie bei »Hold Me«, die Sehnsucht danach, geliebt, gehalten zu werden ... Das sind sehr einfache Gefühle, die ich versuche, sehr einfach rüberzubringen. Ich mache keine großartigen Abhandlungen oder poetische Texte darüber, sondern arbeite mit vielen repetitiven Momenten und Wörtern.

Als Inspirationen nennen Sie neben Coil, Nurse With Wound und Suicide auch Jacques Brel, Barry Manilow und Marc Almond. Letztere schaffen mit ihren Stimmen greifbare Welten, liegt darin die Verbindung?
Es geht mir vor allem um Emotionalität. Antony and the Johnsons zum Beispiel; ganz fantastisch, was er macht.

Das hat auch viel mit Humor zu tun. Er hat einen Cabaret-Hintergrund ...
Sehr humorvoll, sehr kindlich manchmal. Diese starke Präsenz fehlt des Öfteren in der Gitarren- oder der improvisierten Musik. Das ist alles oft fast machohaft. Harte Beats und harte Männer. Das kann schon gut sein, man muss aber auch Emotionalität und Verletzlichkeit einfließen lassen. Harte Männer können auch weinen. Ich lasse mich gerne vom Alltag inspirieren: wenn ich einkaufen gehe, beobachte ich die Leute. Manchmal bleibe ich einfach stehen und beobachte, was für eine Körpersprache sie haben. Das Leben bietet wahnsinnig viele Impulse. Sehr schöne Momente, aber auch Momente, die in die Tiefe, in die Psyche gehen. Das geht dann in die Musik rein.

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Das Album nimmt seinen Titel vom Schweizer Art-Brut-Künstler Adolf Wölfi?

Wöfli wurde 1864 geboren. Damals waren die Leute auf dem Land sehr arm. Sie haben ihre Kinder an Bauern gegeben, damit sie dort arbeiten und wenigstens was zu essen bekommen. Diese Kinder wurden oft misshandelt oder sexuell missbraucht. Das traf auch auf Wölfli zu und als junger Mann missbrauchte er ebenfalls Kinder. Er kam ins Gefängnis und später in eine psychiatrische Klinik, wo er sein Leben lang blieb. Dort hat er sozusagen sein ganzes Universum aus sich rausgelassen. Er hat gezeichnet, komponiert, geschrieben. Wie dieser Mensch mit seinen Dämonen und Geistern umgegangen ist, ist sehr faszinierend.

Matthew Barney hat im Zusammenhang mit körperlichen Ritualen in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« gesagt: »Ich empfinde es als Befreiung und existenzielle Erfahrung, Kontrolle abzugeben, und zwar an das Werk, das ich selbst geschaffen habe. Wichtig ist, dass während einer Live-Performance genug Raum für Improvisation und Fehler bleibt. Weil die Gefahr des Scheiterns gegeben sein muss«.
Diese Worte Barneys treffen den Nagel auf den Kopf. Unsere Gesellschaft verlangt von allen Menschen eine starke Kontrolle im Alltag, im Beruf, und auch in Liebesbeziehungen. Es ist wie wenn Kinder im Garten spielen. Und die Mutter kommt rausgerannt: »Du machst dich ganz schmutzig!«. Man muss Kontrolle abgeben, auch bei den eigenen Werten. Fehler sind keine Fehler. Als ich jung war, wollte ich nie tolle Klamotten tragen. Ich habe mich wie ein Großvater angezogen. Ich fand Frankenstein schön. Aber heutzutage leben wir in einer globalisierten Welt, in der Schönheitsideale um den Globus geschickt werden. In der Musik ist es ganz ähnlich. Junge Leute wollen bei Casting Shows mitmachen, sie wollen alle toll singen und tanzen können. Das nimmt viel an eigener Kreativität. Ich glaube, Menschen müssen lernen, dass man Dinge auf andere Arten tun kann und dass etwas, das nicht in das Schönheitsprinzip der Menschen hineinpasst, genauso schön sein kann.

 


Text: Seda Nigbolu | 16.01.2015

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