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Morton Subotnick

»The Wild Bull« - Karlrecords

Text: Heinrich Deisl | 14.10.2014

Da es in skug #96 einen ausführlichen Artikel über den US-amerikanischen Elektronikkomponisten Morton Subotnick gab (siehe Link unten), kann ich mich hier auf diese Platte konzentrieren. Ursprünglich war »The Wild Bull« 1968 auf Nonesuch erschienen, nun hat Karlrecords dieses Werk als feines 180-Gramm-Vinyl wieder zugänglich gemacht. Für mich war »The Wild Bull« eine Initiationserfahrung. Eines Abends war ein guter Freund vorbeigekommen und hatte mir diese Scheibe vorgespielt. Ich fand Nurse With Wound oder Asmus Tietchens klasse, Stockhausen oder Cage waren mir aber noch zu abgedreht. Danach war meine Musikwelt eine andere. Gut zwanzig Jahre nach diesem Abend läuft »The Wild Bull« - nun aus Rezensionsgründen - wieder einmal auf dem Plattenteller. Ineinander kollidierende Aktualisierungen. Wie Subotnicks Debüt »Silver Apples of the Moon« (1967) steht auch der Nachfolger natürlich in der Tradition von Geräuschkunst und elektronischer Komposition. Was seine Arbeiten für nachfolgende Elektronik-/Technogenerationen so richtungsweisend macht, ist die Verwendung des Buchla-Synthesizers. Hier gab es keine Manuale sondern Pulsationen. Die Tastenstruktur in Instrument und damit Komposition endlich über den Haufen geworfen. Inspiriert war »Wild Bull« neben Tanz-Choreografien von einem der ältesten Lyriktexte überhaupt, einer sumerischen Elegie der »Gilgamesch«-Zeit. Über den Umweg dieser Mythengeschichte vibrieren in »The Wild Bull« die US-amerikanischen 1968er: Psychedelic, Vietnam, Synthesizer-Experimente und früher Cyberspace. Eine gewisse Melancholie in den Klangfarben, Texturen noch am ehesten wie unbehandeltes Holz: spröde, organisch. Subotnick verortet psychosonische Befindlichkeiten nun nicht mehr exterritorial (siehe »Silver Apples«), sondern mitten in der ihn umgebenden Atmosphäre. Gedankenexperiment: die Einstellungen von der Do-Lung-Brücke aus »Apocalypse Now« nicht mit Jimi Hendrix, sondern mit »The Wild Bull« unterlegt. Genau die Überaffirmation des Künstlichen - keine Gitarre, kein Gesang - wird auf dieser Platte zu einem Logbuch über das grausam Reale archaischer und damals gegenwärtiger Zeiten. Dieser Präsenz zwischen Überschwang, Chaos und Leere verdankt sich »Wild Bull« als ein Sound-Artefakt, als ein Klangstrom, der die historische Brisanz jener Tage auf den Zuhörer zurückwirft - und ihn eben nicht mit Rock'n'Roll hyperventilieren lässt. Der Soundtrack einer nach wie vor unaufgearbeiteten Zukunft: soziokulturelle Symptome akustisch erfahrbar gemacht. Klar gibt es andere Elektronikplatten aus den (späten) 1960ern und klar hatten da Tape Music und Musique Concrète schon stattgefunden. Es war allerdings Subotnicks große Leistung, diese bis dahin vornehmlich akademisch geprägte Musik nicht mehr akademisch klingen zu lassen. Elektronische Gebrauchsmusik, Techno avant la lettre.


Text: Heinrich Deisl | 14.10.2014

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