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REAL DEAL! Festival der postspekulativen Kultur

God's Entertainment gegen Kommerzialisierung im WUK.

Text: Hardy Funk | 23.11.2014
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Fotos: Peter Mayr
Theater gegen das Theater - und doch wieder dafür: Mit »Real Deal!« will die Theater- und Performance-Gruppe God's Entertainment  gegen die Kommerzialisierung von Kultur und Theater im Speziellen aufrütteln - an Ort und Stelle im WUK in Wien - an Ort und Stelle im WUK in Wien, am 12./13. 12. 2014 - zusammen mit hochinteressanten Akteuren wie Ann Liv Young.

Die Installationskünstlerin Christina Kubisch, das Performance-Netzwerk geheimagentur, die Choreographin Ann Liv Young, die Rockband Shrack!, die Rapperin und Produzentin Lady Leshurr, DJ The Bug, Komponist und Sänger Jaap Blonk u. v. m. sind jede/r für sich Künstler bzw. Gruppen, die das Auschecken lohnen. Zu erwarten ist ein unerwartbares Durch- und Miteinander von Theater, Musik, Performance und Musik. Das Ganze mit Beteiligung der Zuschauer, denen God's Entertainment mehr als bloßes Zuschauen zutrauen und anmaßen. Im Gespräch mit skug erklären die Mitglieder des Kollektivs, was das Problem an einem immer kommerzielleren Theater ist - und wo postspekulative Kultur anfängt.

skug: »Real Deal!« problematisiert die zunehmende Kommerzialisierung des Theaters bzw. der Kulturpolitik im Allgemeinen. Wie sieht diese Kommerzialisierung denn aus?

Boris Ceko (BC):
Die Kommerzialisierung des Theaters macht aus einem Theater ein Geschäft. Ein Theater also, das großteils gewinnorientiert ist und das den Gewinn im kommerziellen Programm sucht, um die Konsumenten schematisch zu befriedigen. Das Theater Globe Wien in der Marx Halle im dritten Bezirk ist ein gutes Beispiel dafür: Der gesamte Gewinn und die Kosten des Theaters sind mit den Karten- und Privatinvestmenteinnahmen abgedeckt.

Bei vielen anderen Theatern, die noch durch die öffentliche Hand finanziert werden, finden sich auch schon ausreichende Spuren von Kommerzialisierung. Privatinvestments, hohe Eintrittspreise und diverse Vermietungen der Räume sind nur drei Fälle, in denen sich einer Gewinnstrategie unterworfen wird und die zu einer teilweisen Privatisierung führen.

Johannes Maile (JM):
Kunst rechnet sich meistens nicht. Jedenfalls nicht abseits des Mainstreams. Das kann sie auch nicht. Und es ist auch nicht wirklich ihre Aufgabe. Das weiß natürlich auch die Kulturpolitik. Trotzdem haben sich deren Parameter der Bewertung von Kunstproduktionen in Richtung wirtschaftlicher Kriterien verschoben.

Gleichzeitig verinnerlichen die Kulturproduzenten selbst diese Denkmuster. So werden Förderungen in letzter Zeit auffällig oft mit dem Hinweis auf Umwegrentabilität [indirekte Einnahmen für die Stadt, z. B. über Übernachtungen oder Gastronomie, Anm. d. Red.], Attraktivität für Tourismus oder Arbeitsplatzbeschaffung verbunden. Kultur wird also über seine wirtschaftliche Bedeutung gerechtfertigt. Und das ist eine problematische Entwicklung, die auch so keinen Sinn macht.

BC:
»Real Deal!« versucht eben diese Zustände zu problematisieren, um einen Diskurs aufzubauen, in dem diese Arten der Spekulation auf Gewinn transparent werden. In der spekulativen Kultur werden die Zustände erzeugt, die in so einem postspekulativen Format wie Real Deal! hinterfragt werden. Wir suchen eben nicht Konsumenten, sondern Komplizen dieser Zustände.

Bleiben wir trotzdem noch kurz bei der Kommerzialisierung: Wie wirken sich diese Entwicklungen denn auf die Auswahl oder auch die Qualität der Stücke aus?

BC:
Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Die Auswahl der Stücke wird nur aufgrund von kommerziellen Überlegungen getroffen. Das wäre ein Desaster für die Kultur. Wir tun uns gerade selbst schwer bei »Real Deal!« - mit wem arbeiten wir und für welchen Preis. Wobei wir noch versuchen mitzudenken, dass »Real Deal!« nicht denselben Weg gehen soll wie übliche Festivals. Wenn man zum Beispiel dem Zuschauer keine Möglichkeit bietet sich zu beteiligen, beispielsweise bei der Frage, ob man Theaterhäuser kommerzialisieren udn privatisieren soll, und ihn somit weiter als Kunde betrachtet, dann kann man auch nicht von ihm erwarten, sich dazu zu verhalten oder zu äußern.

Maja Degirmendzic (MD):
Theater ist nicht auf dem neusten Stand. Updates verfügbar - bitte installieren.

Was verändert sich denn, wenn das Theater zum Dienstleister wird und plötzlich nur noch Kunden im Publikum sitzen?

Simon Steinhauser (SS):
Wenn jeder Mensch auf der Welt nur noch Kartoffeln essen will, werden irgendwann wohl nur mehr Kartoffeln angebaut werden. Sprich, wenn das Theater zum Dienstleister wird und nur noch »Kunden« im Publikum sitzen sollen, macht das Theater irgendwann gezwungenermaßen nur noch das, was die Kunden sehen wollen. Das stellt natürlich eine Gefahr für die Kritikfähigkeit an unserer Gesellschaft dar.

Im Moment ist es so, dass das Theater vordergründig vom Staat und den Ländern unterstützt wird. Werden die Subventionen abgedreht, bleiben nicht mehr viele Häuser bzw. Stücke übrig. Das Dilemma ist gleichzeitig folgendes: Der Staat als Macht- und Kontrollmechanismus subventioniert Theater und Künstler. Aber nicht alle Künstler oder Häuser gehen konform mit staatlichen Ideologien. Also finanziert der Staat mitunter auch Projekte gegen ihn selbst. Ein selbstreflexiver Staat hält das aber aus. Die Firma Red Bull beispielsweise wird aber sicher keine Projekte unterstützen, die die Gefährlichkeit von Zucker oder Koffein oder Taurin herausstreichen.

MD: Es würde auch bedeuten, dass sich die künstlerische Praxis am Profit orientiert, mit der Absicht die Kunden zu befriedigen. In diesem Fall darf das Publikum nicht als soziales Konstrukt betrachtet werden. Die Vorstellungen würden in Abwesenheit der »diplomierten« Zuschauer stattfinden, dafür aber mit vielen verkauften Sitzplätzen einer Kundschaft. Es entsteht eine Hörigkeit der künstlerischen Arbeit gegenüber wirtschaftlichen Aspekten.

JM: Gegenfrage: Wir werden doch in fast allen Lebensbereichen und Räumen - virtuell, öffentlich, staatlich - vorzugsweise als Kunden bzw. potentielle Konsumenten behandelt. Sollte das Theater als eine Art öffentlicher Möglichkeitsraum da nicht versuchen ein Gegengewicht zu schaffen?

Das scheint es ja doch noch zu geben - im Ankündigungstext schreibt ihr von einer »Fließbandproduktion pop-post-migrantisch-politisch-kritischer Kunst«. Wo liegt denn das Problem, wenn doch Migrationsthemen und politische Kunst immer noch ihren Weg ins Theater finden?

SS: Politisch relevante Themen finden sich zum Großteil auf der Straße und in der Zeitung. Politische Kunst im Theater befindet sich in einer schwarzen Box und eventuell danach in der Zeitung im Kulturteil ganz hinten. Noch nie hat jemand im Theater Politik gemacht. Klar kann man hier und da politische Fragen aufbrechen, allerdings muss man auch wissen, dass das Publikum meist schon auf Performer und Show gepolt ist. Es ist wie mit einem Sommelier einen Wein trinken gehen. Entweder das Theater verwandelt sich wieder in einen Ort der Politik - manchmal werden Universitätshörsäle, Polizeistationen oder sogar Parks ja auch zu Orten der Politik - oder das Theater verbietet politische Kunst in seinen Räumen und sucht sich woanders fruchtbareren und vor allem wahrnehmbareren Boden.

JM:
Und ob in Theatern, die mit dem Begriff Postmigrantik hantieren, wirklich mehr Migranten auf der Bühne und vor allem im Zuschauerraum anwesend sind, ist auch eher zweifelhaft. Außer es geht wieder einmal um ein sozial angehauchtes Laientheaterprojekt mit türkischen Kids. Das ist vielleicht auch einer der Punkte, an denen »Real Deal!« ansetzt: Wie kann ich mit dem Publikum einen fairen Deal abschließen? Es erwartet Unterhaltung und Entertainment, das ist auch okay, aber in welcher Form? Wie wird mit dem Zuschauer umgegangen, was sind die Rahmendbedingungen und inwieweit hat der Zuschauer eigene Gestaltungsmöglichkeiten oder einen Handlungsspielraum?

Was ich da noch sehr auffallend finde: Die meisten Theater führen auf ihren Websites immer das gesamte Team an, also vom Intendanten bis zum Hausmeister. Das soll wohl das Bild eines Kollektivs nach außen stärken und vermitteln. Wenn man die Namen anschaut, sind da aber fast keine ausländischen Namen in leitenden Positionen und genau so gut findest du keine österreichischen oder deutschen, die putzen. Den Dreck wischt der Balkan weg. Ist im WUK übrigens auch nicht anders. Und DAS ist die gesellschaftliche Realität. Und politisch.

real_deal_c_peter_mayr.jpgApropos: Auch das WUK, sagt ihr, ist zunehmend von dieser Kommerzialisierung betroffen. Im WUK haltet ihr nun - zusammen mit anderen Künstlern - mit einem Performance-, Kunst- und Musik-Abend dagegen. Wie sieht denn das Theater aus, das sich God's Entertainment wünscht?

BC:
In unserem Fall geht es um Räume mit einer Infrastruktur, die »Real Deal!« benötigt. Das Theater ist an und für sich bürokratisch besetzt und zu kompliziert - es gibt zu viel Kontrolle, was die künstlerische Arbeit oft bremsen oder behindern kann. Andererseits ist es auch nicht einfach, innerhalb einer vorgegebenen Bühne irgendetwas umzusetzen, was nicht sofort als fiktiv wahrgenommen wird. God's Entertainment versucht deshalb die Grenzen immer wieder zu verwischen, um den Zuschauern keinen Rahmen vorzugeben, denn sie sollen sich selbst darin positionieren. Die Frage dabei ist, ob das Theater als Bühne beziehungsweise als Format nicht veraltet ist.



REAL DEAL! Festival der Postspekulativen Kultur
12.-13.12. WUK, Wien

Text: Hardy Funk | 23.11.2014

Referenzen:

  • Artist: Ann Liv Young, Christina Kubisch, Gods Entertainment, Jaap Blonk, Lady Leshurr, Shrack!

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