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Der Humanist als Alien

Text: Curt Cuisine | 22.10.2014
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Foto:Amos Vogel © thestickingplace.com
Mit der 24. Ausgabe seiner Synema Publikationen ehrt das Österreichische Filmmuseum Amos Vogel, den Gründer und Kurator von Cinema 16, dem einstmals größten amerikanischen Filmclub. Ein paar Anmerkungen zu einem Liebesdienst unter Gleichgesinnten.

Natürlich kann man proforma die Nase rümpfen und sagen: »Also bitte, ein Filmbuch über einen Kurator und Filmliebhaber, was soll denn das?« Das ist, als würde man über einen Konzertveranstalter oder einen Galeristen schreiben. Geht's noch? Aber erstens ist Amos Vogel natürlich nicht irgendein cinema addict und nicht irgendein Kurator, und zweitens liegen die Dinge beim Film eben doch - und das nach wie vor - anders. Die »jüngste und aufregendste Kunstform des 20. Jahrhunderts« (so Amos Vogel) wurde nicht nur lange Zeit unter ihrem Wert geschlagen, sondern musste sich aufgrund ihrer aufwändigen Produktionsbedingungen auch stets prostituieren - gegenüber den Produzenten ebenso wie gegenüber dem Publikum. Stärker als bei jeder anderen Kunstgattung ist beim Kino daher zwischen Mainstream und Minorstreams zu unterscheiden. Auf der einen Seite die Blockbuster und das Wohlfühlkino, das wenig bis gar nichts vom Zuschauer verlangt, sondern vor allem unterhalten will, auf der anderen Seite das Avantgardekino, die Dokumentarfilme, das experimentelle Kino, die Filmkunst en general. Die traurigen, die marginalisierten Kinder des Kinos, um die sich kein Produzent kümmert, die sogar noch um ihr Publikum zu betteln haben.

Wer es aber übernimmt, dieses Publikum zu erbetteln, der wird natürlich zu einer Art Heilsfigur. Voilá: Auftritt von Amos Vogel. Geboren 1912 in Wien, hier aufgewachsen und sozialisiert und ziemlich spät, 1938, gemeinsam mit seinen Eltern vor den Nazis geflohen. In New York studierte er erst, dann gründete er 1947 den legendären Filmclub 16, dessen Mitgliederzahl bald rasant anstieg. Der Filmclub 16 war vermutlich die Blaupause zu jedem Filmclub weltweit. Durch Vogels Engagement wurden in New York erstmals die Spielfilme von Roman Polanski, Nagisa Oshima, Jacques Rivette oder Alain Resnais gezeigt, ebenso Avantgardefilme von Kenneth Anger, Sidney Peterson, Bruce Conner und vielen anderen. Auch pfiff Vogel mitunter auf die Erwartungshaltungen des Publikums und zeigte im selben Programm Dokumentar- und Experimentalfilme nebeneinander. Seine Programmierungsphilosophie beschreibt er in dem Artikel »On Cinema 16« folgendermaßen: »Eclectic, pragmatic, wide-open, not prejudiced in favor of any particular tendency or school, the programming represented a conscious attempt to live up to a personal credo not limited to film: »nothing human is alien to me.«« Schöner lässt sich das kaum zusammenfassen: Offen für alles sein, ohne jede Einschränkung. Ein Motto, das auch für das Leben gelten sollte: Nichts Menschliches ist mir fremd.

Der Filmverliebte als idealer Zuschauer

Amos Vogel als der ideale Zuschauer, als das wunderbarste, beste Publikum überhaupt - vorurteilsfrei und begeisterungsfähig. Aber wer so bewegt in humanistischem Sinne ist, muss auch bewegen. Es wundert nicht, dass Vogel unentwegt produziert hat. In »Be Sand, Not Oil« finden sich etwa Jugendskizzen von Vogels ersten prosaisch-szenischen Versuchen (z. B. »Ich, der Cowboy« oder »Der Knackerclub«), aber auch später, natürlich weitaus seriöser, bleibt Vogel produktiv, nicht nur als Kurator, sondern auch als umtriebiger Autor. In seinen Artikeln kritisiert er das Mainstreamkino, schreibt Ratgeber für beherzte KinogeherInnen (»Das Kinoticket als Waffe«), kritisiert den Protest der Regisseure bei den Filmfestspielen in Cannes 1968 oder verteidigt die Dokumentar- und Experimentalfilmer seiner Zeit. Der gewichtigste Beleg seiner Liebestätigkeit für den Film ist freilich das 1974 erschienene Buch »Film as a subversive art«, bis heute ein Standardwerk der Filmliteratur. Wie radikal Vogel seine vorurteilsfreie Liebe für den Film betreibt, ist auch daran zu sehen, dass er in seine Auswahl subversiver Filme auch Leni Riefenstahls »Triumph des Willens« (als »pro-Nazi Masterpiece«) und »Jud Süß« von Veit Harlan aufnimmt. Das war kein Kokettieren mit dem Skandal, es war eine cineastische Gleichbehandlung getreu dem oben formulierten Motto: »nothing human is alien to me«.

Ein Kenner für Kenner
amosvogelsynema.jpg»Be Sand, Not Oil«, erschienen in den Synema-Publikationen des Filmmuseums, präsentiert Leben und Werk von Amos Vogel, hauptsächlich in Form seiner eigenen Texte, die von den 1940er bis in die 1990er Jahre erschienen sind, aber auch durch ein bislang unveröffentlichtes Interview und einige Essays. Dort wo es um Vogels Jugend in Wien geht oder um den Aufbau des Filmclub 16, sind diese Beiträge auch aus historischer Sicht sehr spannend. (Paul Cronins Spurensuche nach Vogels Jugend in Wien besteht im Übrigen zu großen Teilen aus Originalzitaten Vogels, was aber nur stimmig und umso erhellender ist.) Dort, wo Amos Vogel über Filmthemen schreibt, sei es der Aufstand in Cannes 1968 oder der Erfolg von Indiana Jones, ist es immerhin noch schön nachzulesen, wie sehr sich Vogel in seiner Liebe zum Film, in seiner humanistischen Weltanschauung stets treu blieb. Darüber hinaus ist das Buch aber eben doch vor allem ein Liebesdienst an einen Liebesdiener - und damit in gewisser Weise eine Art Selbstzelebrierung. Das filmkunstbewahrende und -fördernde Filmmuseum ehrt ein Vorbild in eigener Sache. Gut so.


»Be Sand, Not Oil. The Life and Work of Amos Vogel«
Paul Cronin (Hg.)
Filmmuseum Synema Publikationen 24
Wien 2014, 272 Seiten. In englischer Sprache
ISBN 978-3-901644-59-7
EUR 22,00

Text: Curt Cuisine | 22.10.2014

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