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Valina - Ein Container voller Revolutionsversprechen

Text: Gabriel Mayr | 21.09.2014
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foto: © zoe fotografie
Die Linzer Band Valina entsagt den gängigen Regeln des Pop. Stattdessen wollen sie mit ihrer verschachtelten Rockmusik auf die vielen systemimmanenten Ungerechtigkeiten aufmerksam machen.

Wiewohl es der Kritik ungeheuren Spaß bereitet, die Referenzwut, das Schattenspiel und die Inszenierungen der Popmusik zu analysieren und diese zu durchschauen versuchen, so ist es doch wichtig und richtig, dass viele Bands dem Spektakel und der Eitelkeit einfach entsagen. Valina bieten abseits ihrer Musik keine wie auch immer gearteten Exit-Strategien, mit denen Pop sonst die durstigen Mengen in immer kürzeren Zeitspannen abfüllt. Sie verweigern sich konsequent Trends, popkulturellen Schablonen und eitler Imagepflege. Was nach einem Gemeinplatz klingt, ist in der Realität gar nicht so leicht umzusetzen. Da gilt man dann schnell als verhinderter Revolutionär oder Spaßbremse, wenn man nicht bei jedem Blödsinn mitmacht. Dabei wollen Valina seit bald zwanzig Jahren einfach nur gemeinsam gute Platten aufnehmen und gute Konzerte spielen. Sie wollen im Wesentlichen also schlicht eine Band sein.

Zwischen den Stühlen
Valina ist auch eine Band, nur eben eine, die Distanz zu den glitzernden Verlockungen und Fallstricken des Popzirkus hält. Das zeigt die Gruppe, bestehend aus Sänger und Gitarrist Anatol Bogendorfer, Bassist Florian Husbert Huber und Schlagzeuger Anselm Dürrschmid, nicht nur weltanschaulich, sondern auch stilistisch mit ihrem neuen Album »Container « zum wiederholten Male. Valina klingen nach Post-Hardcore, nur bedachter; nach Math Rock, nur ohne Muckertum; nach Chapel Hill-Indie, nur draufgängerischer. Die Gitarren und die komplexen Songstrukturen erinnern entfernt an die frühen und mittleren Biffy Clyro (vor deren Durchbruch mit durchschnittlichem Stadionrock), die kraftvolle Aufbruchsstimmung kennt man von At the Drive- In und in ihrem widerspenstigen Habitus ähneln Valina Bands wie Shellac. Das ergibt Sinn, hat doch Shellac-Frontmann Steve Albini mit »Container « bereits zum dritten Mal die Aufnahmen zu einem Longplayer von Valina in seinem Chicagoer Studio geleitet. Was in sämtlichen Texten über die Band meist dick unterstrichen wird (»Nirvana-Produzent!«), begreift Anatol Bogendorfer im skug-Interview längst als eine so selbstverständliche wie notwendige Symbiose, sieht doch die Band Albini nicht als Mittel zum Kredibilitäts-Upgrading, dessen Name im Booklet gut aussieht, sondern schätzt ihn als Katalysator beim Versuch, im Studio kreativ alles zu geben und die Live- Energie des Trios adäquat einzufangen.
Mit »Container« ist dies Valina und Albini einmal mehr gelungen. Schnell offenbart sich eine stilistische Vielfalt, der ein strukturelles Paradoxon innezuwohnen scheint: Valina kommen eigentlich vom Punk, doch will man ohne äußerste begriffliche Elastizität auskommen, so gehen sie wohl kaum als Punkband durch. Im Popbereich werden sie zwar rezipiert, sind aber insgesamt für ein breiteres Publikum zu sperrig und einzelkämpferisch. Die ungeraden Takte und komplexen Songstrukturen wiederum sind generell im Prog Rock wohlgelittene Gäste, doch dort würde man wohl die zwanzigminütigen Epen, die Glitzermäntel und die Texte über Mittelerde vermissen. »Kein Wunder also, dass wir zwischen die Stühle purzeln«, meint Bogendorfer. Doch ihre Fans schätzen Valina gerade dafür, dass sich die Band schwer einordnen lässt und sich ihre Experimentierfreudigkeit über all die Jahre erhalten konnte. Der genreübergreifende Zugang zeigt sich auch in der wiederholten Zusammenarbeit mit dem Salzburger Jazz-Saxophonisten Werner Zangerle. Wie schon auf der EP »Epode« von 2005 und dem letzten Studioalbum »A Tempo! A Tempo!« von 2008 vertrauen Valina einmal mehr auf dessen Spielwitz und technisches Können, etwa im Instrumentalstück »The Grumbler«. Im Geiste solch aufregender Bands wie den italienischen Jazz-Noise-Avantgardisten Zu wird hier herrlicher Krach gemacht.

Menschliche Abgründe, uneingelöste Versprechen

Wer bei Valina nur auf die Musik hört, dem entgeht allerdings ein bedeutender Teil dessen, was diese Band ausmacht. In seinen oft assoziativ-impressionistischen Texten seziert Bogendorfer gesellschaftliche Strukturen und Handlungsweisen und legt deren Absurdität frei, was ihm auf »Container« besser - weil kohärenter - als je zuvor gelingt. Das Album taucht tief ein in die Abgründe menschlichen Handelns. Valina erzählen von missbrauchten Machtverhältnissen, von Überlegenheitsgefühlen des Menschen gegenüber der Natur und Kulturen, denen er selbst nicht angehört, sowie von fehlgeleiteten Wertesystemen. Was in einigen Songs auf zwischenmenschlicher Ebene passiert, nämlich dass Autoritätsverhältnisse falsch verstanden werden und Straftaten ohne Konsequenzen bleiben (in »Word Against Your Secret« heißt es unter anderem: »A secret sleeps / All the gory details lie aside of him / Can I do it again?«), setzt sich für Valina auch auf einer größeren Ebene fort. Dass das globale Machtgefüge gleichsam einzementiert scheint und die »zivilisierte Welt« ihren Eurozentrismus und Neokolonialismus auch noch mit moralischer Überlegenheit schönzureden versucht, regt die Band maßlos auf: »Es muss etwas Westlich-Europäisches sein, vom Gipfel des Scheißhaufens aus der Menschheit den Weg weisen zu wollen «, so Bogendorfer.
Wortgewandte Gesellschaftskritik übt die Band auch im rockigen »Opium Days«, das eine krude, ja beklemmende Albtraumsequenz beschreibt. »What is in for me? What's worth the nightmare?« fragt der Protagonist des Stückes. Bogendorfers Hoffnung, dass die Idee des »Living the Dream«, die ja eigentlich in den Kokainrückständen der go-getter-Zeiten der 1980er ihren Ursprung hatte, nicht mehr wiederkehren würde, wird regelmäßig enttäuscht. »It's all around. In der Politik, in der Popkultur, in den Träumen der Träumenden: everything goes. Egal wie viele dabei unter gehen«, sagt er nüchtern. Valina hoffen dennoch auf Besserung: »A soul's career in the elevator / Going down for revenge at its educators / Investors laugh at their investigators «, lautet der zentrale Satz in »Opium Days«. Einen Ausweg deuten Valina schließlich selbst an. Das Potenzial des »everything goes«-Selbstverständnisses kann nämlich auch anders kanalisiert werden. Womit wir wieder bei der Komplexität und der Verweigerung wären. Valina funktionieren nicht nach den üblichen Spielregeln des Pop. Statements wie die oben zitierten wirken aus ihrem Munde so glaubwürdig wie selbstverständlich. Sie wollen nicht »sudern«, aber sie wissen auch, dass sich die Fehler im System nicht einfach mit dem nächsten Bier hinunterspülen oder mit Gefälligkeitspop vergessen machen lassen. Wieder hat Bogendorfer die passende Punchline parat. Danach gefragt, ob er »Container « als angriffig bezeichnen würde, sagt er als Schlusssatz einer langen Antwort: »Valina steht am ehesten für eine passive Aggression. Eine Aggression gegen das ewig uneingelöste Revolutionsversprechen von Pop.« Es bleibt zu hoffen, dass Valina diese Aggression noch lange beibehalten. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bands geben sie einem zumindest das Gefühl, dass sich etwas ändern könnte.



Valina: »Container« Trost Records

Text: Gabriel Mayr | 21.09.2014

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